{"id":8034,"date":"2007-04-01T00:00:07","date_gmt":"2007-03-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8034"},"modified":"2022-07-26T14:24:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:20","slug":"sie-brechen-mir-das-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/04\/sie-brechen-mir-das-herz\/","title":{"rendered":"&#8222;Sie brechen mir das Herz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>So oder so \u00e4hnlich muss es sich f\u00fcr die Jugendlichen, die im Haus der Jugend in Kopenhagen gelebt haben, angef\u00fchlt haben, als mitten in der Nacht zum 1. M\u00e4rz ihr Ungdomshuset ger\u00e4umt wurde.<\/p>\n<h3>Hintergr\u00fcnde<\/h3>\n<p>Das Ungdomshuset (Haus der Jugend) ist als Folket Hus (Volkshaus) Ende des 19. Jahrhunderts errichtet worden und diente als Zentrum der Kopenhagener ArbeiterInnenbeweg-ung. Angeblich soll hier 1910 der Sozialistische Frauenkongress der Zweiten Internationale mit Rosa Luxemburg und Clara Zet-kin den 8. M\u00e4rz als den Internationalen Frauentag festgelegt haben. Seit 1981 ist das Haus besetzt und wurde bislang als Autonomes Jugendzentrum von der Stadt geduldet. 2001 kaufte die d\u00e4nische Sekte &#8222;Faderhuset&#8220; das Geb\u00e4ude. Von ihrem Vorhaben, das Ungdomshuset abzurei\u00dfen, nahmen sie auch nach einem Angebot, das Haus f\u00fcr umgerechnet 2 Millionen Euro wieder zu kaufen, nicht Abstand.<\/p>\n<p>Am 01.03.2007 um sieben Uhr morgens kam dann das R\u00e4umkommando mit speziell ausgebildeten d\u00e4nischen Anti-Terror-Einheiten.<\/p>\n<h3>Die R\u00e4umung<\/h3>\n<p>Berichten zufolge, wie man so sch\u00f6n sagt, soll es mehrere Stunden gedauert haben, bis die Polizei die Lage im Ungdomshuset unter Kontrolle hatte.<\/p>\n<p>Immer wieder wird betont, wie brutal die Polizei vorgegangen sei, aber auch, wie schnell sich der Widerstand organisiert hat.<\/p>\n<p>Schon wenige Minuten nach Bekannt werden der R\u00e4umungsaktion versammelten sich Unterst\u00fctzerInnen in der gesamten Innenstadt, um Barrikaden zu errichten. Diese Barrikaden wurden von gepanzerten Polizeiwagen durchfahren, und zun\u00e4chst schien es, als h\u00e4tten sie mit dieser Taktik Erfolg. Doch durch dezentrale Aktionen gelang es den AktivistInnen, Hindernisse in der ganzen Stadt aufzustellen und damit den Verkehr lahm zu legen. Immer wieder zerst\u00f6rten die R\u00e4umfahrzeuge der Polizei die Stra\u00dfensperren.<\/p>\n<p>Bei einer solchen Aktion wurde ein Demonstrant schwer verletzt. Seine Beine seien von dem Wagen offenbar \u00fcberrollt worden, hei\u00dft es. Der Verletzte wurde festgenommen und abtransportiert. Was danach mit ihm geschah, ist unklar.<\/p>\n<h3>Reclaim the Streets<\/h3>\n<p>Schon bald wurde das R\u00e4umen der Barrikaden zu einer Sisyphosarbeit. Jedes Mal, wenn eine Barrikade ger\u00e4umt war, wurde eine neue errichtet, M\u00fclltonnen und Autos angez\u00fcndet. Die Polizei antwortete mit Tr\u00e4nengas. Sie erteilte Platzverweise, l\u00f6ste Demonstrationen auf, ohne den Demonstrierenden die Chance zu geben, tats\u00e4chlich zu gehen. PolizistInnen und DemonstrantInnen bewarfen sich gegenseitig mit Steinen, Mollis versus Tr\u00e4nengas. Die R\u00e4umung des Ung-domshuset endete in einer Stra\u00dfenschlacht, in Kopenhagen herrschte Ausnahmezustand. Bilanz bis jetzt: mehr als 600 Eingeknastete und 20 Verletzte.<\/p>\n<p>Doch nicht jede Aktion war gewaltt\u00e4tig. Selbst die Tagesschau berichtete \u00fcber gewaltfreie Demos und die Aktionen des zivilen Ungehorsams, wie zum Beispiel die Besetzung der Parteizentrale der Kopenhagener SozialdemokratInnen. Am 2. M\u00e4rz versammelten sich AktivistInnen dort, um der regierenden Partei den Protest ins eigene Heim zu kehren, wo er hingeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokratie trage die Verantwortung f\u00fcr die R\u00e4umung des Jugendzentrums, so AktivistInnen. Und ganz sozialdemokratisch, wie SozialdemokratInnen halt sind, hie\u00dfen sie die BesetzerInnen &#8222;willkommen&#8220;, diskutierten, hatten Verst\u00e4ndnis, lie\u00dfen die Polizei nicht aufmarschieren, aber man k\u00f6nne doch nichts machen&#8230; Und wenn die Herren und Damen Autonomen kein anderes Geb\u00e4ude akzeptierten, als jenes, dass sie seit 26 Jahren bewohnten, dann seien sie eben auch selber schuld.<\/p>\n<p>Weitere Aktionen in Form einer Fahrraddemo, die wiederum ein Verkehrschaos verursachte, und mehrere friedliche Demos, an denen bis zu 2.000 Menschen teilnahmen, konnten den Abriss des Jugendzentrums aber nicht mehr verhindern.<\/p>\n<p>Am 5. M\u00e4rz wurde das Ungdomshuset von vermummten ArbeiterInnen abgerissen.<\/p>\n<p>Aus Angst vor Vergeltungsma\u00dfnahmen gaben sie sich und die Namen der Firmen, f\u00fcr die sie arbeiteten, nicht preis.<\/p>\n<p>Viele Jugendliche waren beim Abriss anwesend. Sie weinten, schauten weg, konnten es nicht mit ansehen. &#8222;Sie brechen mir das Herz&#8220;, sagte eine junge Frau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So oder so \u00e4hnlich muss es sich f\u00fcr die Jugendlichen, die im Haus der Jugend in Kopenhagen gelebt haben, angef\u00fchlt haben, als mitten in der Nacht zum 1. M\u00e4rz ihr Ungdomshuset ger\u00e4umt wurde. Hintergr\u00fcnde Das Ungdomshuset (Haus der Jugend) ist als Folket Hus (Volkshaus) Ende des 19. 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