{"id":8054,"date":"2007-04-01T00:00:34","date_gmt":"2007-03-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8054"},"modified":"2012-07-01T13:37:11","modified_gmt":"2012-07-01T11:37:11","slug":"der-zaun-muss-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/04\/der-zaun-muss-weg\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Zaun muss weg!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Wie fing alles an mit <em>Dritte Wahl<\/em>?<\/strong><\/p>\n<p><em>Gunnar Schr\u00f6der: <\/em>Angefangen hat alles, als ich 15 war. Ich bekam eine Gitarre geschenkt und habe dann mit meinem Bruder und einem Schulfreund zusammen beschlossen, eine Band zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Dann haben wir mit Akustikgitarren gespielt, mein Bruder hat ein bisschen auf den Tisch getrommelt. Nach und nach haben wir uns Instrumente angeschafft und 1988 das erste Mal gespielt &#8211; live &#8211; in der Sch\u00fclerspeisung Evershagen, Rostock. Das war ein mittelschwerer Erfolg. Spielerisch konnte man das noch verbessern, aber die Leute waren schon ganz gut begeistert.<\/p>\n<p>Bis heute haben wir etwa 650 Konzerte gespielt, sind rumgekommen, und es hat sich was getan in der Zeit. Wir werden n\u00e4chstes Jahr 20! Zwanzig Jahre <em>Dritte Wahl<\/em> &#8211; wer h\u00e4tte das gedacht?<\/p>\n<p><strong>Ihr geltet als &#8222;die <em>TOTEN HOSEN<\/em> des Ostens&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kannst du etwas zu den Urspr\u00fcngen der Band sagen, also von welcher Musik ihr beeinflusst wurdet und wie es dazu kam, dass ihr in einer DDR-Stadt wie Rostock eine Punk-Band gegr\u00fcndet habt?<\/strong><\/p>\n<p>Das mit den <em>TOTEN HOSEN<\/em> ist gar nicht so verkehrt. Das war n\u00e4mlich eine der ersten Bands, die ich im West-Radio geh\u00f6rt habe &#8211; es lief &#8222;Reisefieber&#8220;, ein altes Lied von denen. Vorher war ich auf der Metal-Schiene, ein bisschen <em>JUDAS PRIEST<\/em> geh\u00f6rt und <em>ACDC<\/em>, was man zu der Zeit halt so machte, lange Haare gehabt und so. &#8211; Im Osten mussten alle deutschsprachige Musik machen, 60% musste deutsch sein, am liebsten russisch nat\u00fcrlich, der Rest durfte auch englisch sein, das aber war nicht gern gesehen. Deshalb mochte ich deutsche Musik gar nicht so gerne h\u00f6ren. Dann habe ich die <em>TOTEN HOSEN<\/em> geh\u00f6rt und gedacht: Mensch, so kann man das auch machen! Da bin ich von denen schon ein bisschen angefixt worden.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kriegte ich dann auch Kassetten von <em>SLIME<\/em>, <em>TON STEINE SCHERBEN<\/em> und anderen.<\/p>\n<p>Richtig politisch geworden sind wir aber erst nach der Wende. Vorher haben wir uns das gar nicht so richtig getraut, wir waren da ja auch ein bisschen reingeboren. Au\u00dferdem war das sowieso schon eine Kamikaze-Aktion, was wir da gemacht haben. Man brauchte ja eine Spielgenehmigung im Osten, musste vor einer Kommission vorspielen und Texte abgeben, und dann kriegte man eine Auftrittsgenehmigung. So was hatten wir nat\u00fcrlich alles nicht. Das f\u00fchrte dann dazu, dass man gar nicht wusste ob man nach einem Konzert nach Hause f\u00e4hrt oder irgendwo erst mal Fragen beantworten muss. Deshalb waren unsere Texte sehr umschrieben, Alltagsgeschichten, auch schon politisch, aber sehr verpackt. Was anderes haben wir uns damals nicht getraut.<\/p>\n<p><strong>Ich wei\u00df von <em>FREYGANG<\/em>, einer Anarcho-Rockband aus der DDR, die es heute noch gibt, die schon 1980 <em>TON STEINE SCHERBEN<\/em>-Lieder nachgespielt und dann Auftrittverbot bekommen hat. Die mussten daraufhin jedes Konzert unter einem anderen Namen spielen, damit sie \u00fcberhaupt auftreten konnten. ((1))<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das betraf mehrere Bands, z.B. <em>HERBST IN PEKING<\/em> war so eine Band, die wurde verboten, weil die von dem rum\u00e4nischen Diktator Ceausescu Bilder auf der B\u00fchne verbrannt haben. Auch <em>FREYGANG<\/em> kennen wir gut, wir sind heute noch zusammen unterwegs, spielen zusammen, aber die waren viel fr\u00fcher dabei als wir. 1988, als wir das erste Mal spielten, hatten die schon ganz andere Sorgen. Gegen das SED-Regime hatten schon die Kirchenkreise ganz andere Sachen aufgew\u00fchlt als wir kleine Mittelma\u00dfband.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Fortschritt&#8220;, das neue <em>Dritte Wahl<\/em>-Album, hat einen neuen Stil. Die St\u00fccke sind langsamer.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist eine schwierige Platte gewesen, weil unser Bassist Marko &#8222;Busch&#8217;n&#8220; Busch am 17. Januar 2005 nach langer, schwerer Krankheit gestorben ist. Dann haben wir uns alle erst mal wieder sammeln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Deshalb ist die Platte ruhiger geworden, das war zu der Zeit nicht anders m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong> War von Anfang an klar, dass ihr weitermacht? <\/strong><\/p>\n<p>Es war relativ schnell klar, dass wir weitermachen. Das war auch in seinem Sinne. Wir haben das vorher besprochen, er war da sehr offen, als er noch krank war. Er sagte: &#8222;Mensch, Jungs, wenn das mit mir schief geht, dann macht ihr aber weiter.&#8220; Und das machen wir jetzt auch, wenn schon nicht mit ihm, dann aber wenigstens f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p><strong>Schreibst du eure Texte?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, zu 99% sind die von mir, die Musik auch. Eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung, dass mir ab und zu mal was einf\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>Euer Name ist ziemlich aussagekr\u00e4ftig. Wie seid ihr darauf gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist im Suff entstanden. Zuerst haben wir es nur lustig gefunden, aber mit der Zeit kam dann raus, dass das gerade im Osten durchaus ein politischer Name war. Den konnte man sich gut merken, und wir waren dann auch zufrieden. Unsere spielerischen F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten waren damit ganz gut umschrieben, und als Punkrocker im Osten war man nun mal wirklich Dritte Wahl.<\/p>\n<p><strong>Ihr habt m.E. von allen deutschsprachigen Punkbands mit die interessantesten Texte. Wie habt ihr euch politisiert?<\/strong><\/p>\n<p>Damals erst mal angesteckt von den <em>SCHERBEN<\/em>, <em>TOXOPLASMA<\/em>, <em>SLIME<\/em>, <em>HASS<\/em> und was man da so geh\u00f6rt hat. Bei diesen Bands habe ich mir gedacht, wenn du sp\u00e4ter mal so was machen k\u00f6nntest, das w\u00e4re sch\u00f6n. Dann kam die Wende und dann konnte man.<\/p>\n<p><strong>Die meisten linksradikalen Bands hatten Auftrittsverbot in der DDR. Eine Ausnahme war Rio Reiser. 1988 hat der ehemalige Scherben-S\u00e4nger in der Ostberliner Seelenbinderhalle gespielt. &#8222;Keine Macht f\u00fcr Niemand&#8220; durfte er nicht spielen. Bei &#8222;Der Traum ist aus&#8220; haben auch die zahlreich anwesenden FDJler mitgesungen, und besonders laut: &#8222;Dieses Land ist es nicht!&#8220; ((2)) So spiegelte das Konzert die Unzufriedenheit mit dem autorit\u00e4ren DDR-Staat. Es war eine Premiere: Anarchistische Staatskritik, die anschlie\u00dfend &#8211; mit Abstrichen &#8211; vom DDR-Fernsehen gezeigt wurde.<\/strong><\/p>\n<p>Den Song &#8222;Der Traum ist aus&#8220; haben sie damals rausgeschnitten. Ich wei\u00df, dass Rio an zwei Abenden aufgetreten ist, ich hatte f\u00fcr beide Abende keine Karte, konnte ihn also nicht sehen.<\/p>\n<p>Eine Live-\u00dcbertragung der Konzerte w\u00e4re damals undenkbar gewesen. Die haben alles der Zensur unterworfen und wussten nicht, was er macht. Das betraf sogar Bands wie <em>BAP<\/em>, die dann pl\u00f6tzlich nicht mehr spielen durften, weil da irgendwie ein Titel zuviel war oder so.<\/p>\n<p><strong> Es gab 1986\/87\/88\/89 schon eine libert\u00e4re Szene in der DDR, die zum Beispiel Zeitschriften wie <em>mOAning star<\/em> und <em>Umweltbl\u00e4tter<\/em> produziert hat. Auf denen stand &#8222;Nur zur innerkirchlichen Information&#8220;, damit sie praktisch &#8222;halblegal&#8220; unter dem Schutz der Kirche produziert und verbreitet werden konnten. Oder es gab gar keine Verweise auf Urheber, Erscheinungsort und Erscheinungsjahr, wie beim anarchistischen Untergrundblatt <em>Kopfsprung<\/em>. ((3)) <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich wei\u00df nicht, ob du die kennst?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kenne das nur vom Namen her. Es war damals bestimmt kompliziert. Schlie\u00dflich gab es keine Kopierer und gar nichts. Ich wei\u00df nicht, wie die das gemacht haben, vielleicht in irgendwelchen Kirchenkreisen.<\/p>\n<p>Ich muss dazu sagen, Rostock war eine sehr provinzielle Stadt, 200 Kilometer bis Berlin, das war zu Ost-Zeiten eine Weltreise. Bei uns war es nicht so, dass Punks zum \u00fcblichen Stadtbild geh\u00f6rten, und ich glaube auch, dass im nachhinein von vielen Leuten einiges \u00fcbertrieben wird. Wenn ich h\u00f6re, wer damals alles schon Hasch geraucht hat! Ich hab damals noch gedacht, man wird davon abh\u00e4ngig und liegt in der Gosse. Ich glaube, da wird vieles aufgebauscht.<\/p>\n<p>Aber irgendwann trauten sich auch die Bands mal zu uns. Es gab ein kleines Open-Air, als ich 16 war. Die haben zwei Songs gespielt, dann haben die Bullen das Festival gest\u00fcrmt. Da war ich sehr beeindruckt. Es fing damals langsam an. Da waren einfach zu viele, die sich f\u00fcr Punk interessierten, man konnte das nicht mehr so einfach unterbuttern.<\/p>\n<p>Das hatten die vorher mit der Rockmusik auch schon probiert. Die haben die Leute aus der Stra\u00dfenbahn rausgezogen und denen die Haare geschnitten.<\/p>\n<p>Trotzdem haben sie es nicht geschafft. Die Rockmusik oder der Punkrock oder was wei\u00df ich, das bricht sich die Bahn.<\/p>\n<p><strong> &#8222;Ber\u00fchmt&#8220; ist Rostock auch f\u00fcr \u00fcble Sachen, ich meine Rostock-Lichtenhagen, Pogrome, die Naziszene sorgt f\u00fcr Aufsehen. Ihr macht Musik genau f\u00fcr die andere Seite, also Antifa-Musik. Kannst du etwas zu der Fascho-Szene in der DDR, aber auch hier im Westen sagen?<\/strong><\/p>\n<p>In der DDR war das noch gar nicht so getrennt. Ist heute schwer nachvollziehbar, aber alle, die den Staat schei\u00dfe fanden, haben sich getroffen, und da war rechts und links eigentlich kein Thema. Ein paar von den Leuten, die sich sp\u00e4ter als Anf\u00fchrer der rechten Szene darstellten, die kannte ich sogar. Mit denen habe ich fr\u00fcher Bier getrunken. Das kam erst hinterher, dass sich das so aufgespalten hat. Also eine total bescheuerte Entwicklung.<\/p>\n<p>Wenn man aus Rostock kommt, dann wird man nat\u00fcrlich \u00fcberall gefragt, wie es da zugeht.<\/p>\n<p>Ich muss jetzt mal f\u00fcr meine Stadt in die Bresche springen, in der es eigentlich &#8222;normal&#8220; zugeht, auch wenn der &#8222;Normalzustand&#8220; ja schon traurig genug ist, aber es ist nicht so, dass das Bild, das 1992 in Lichtenhagen entstanden ist, heute noch auf die Stadt zutrifft. Das Umland ist krass, weil da zum Teil 45% die NPD w\u00e4hlen. Das ist total schlimm, und das kann man auch nicht dadurch entschuldigen, dass die Leute da ziemlich auf alleinigem Posten stehen und dass da nicht viel entsteht, die Jungen alle weg gehen und die Alten alle da bleiben. Ist eine schwierige Kiste.<\/p>\n<p>Zu Lichtenhagen: Als es damals so abging, waren auch viele linke Leute da. Ich war selber zweimal drau\u00dfen, am ersten Abend noch. Wir haben \u00fcberlegt, was wir machen k\u00f6nnen. Es waren auch viele Leute aus Berlin und so da, die sich die Faschos auch gerne mal vorgekn\u00f6pft h\u00e4tten. Ich bin nicht so der gro\u00dfe Pr\u00fcgler, ich singe lieber. Aber da war echt nichts zu wollen: ein paar Tausend pr\u00fcgelw\u00fctige Idioten, die auch die Bullen verpr\u00fcgelt haben, und ein gro\u00dfer Mob drum herum, der dazu geklatscht hat. Das war eine Pogrom-Nacht, richtig schlimm. Das pr\u00e4gt eine Stadt.<\/p>\n<p>M\u00f6lln, Solingen, Hoyerswerda, das sind auch St\u00e4dte, die man immer mit so etwas in Verbindung bringt, jedenfalls unsere Generation. Aber Rostock ist eigentlich eine linke Bastion in Mecklenburg Vorpommern; Hansa Rostock hat linke Fanclubs.<\/p>\n<p><strong> Wie ist das bei Konzerten? Gibt es da oft \u00c4rger? Kommen da auch mal Nazis vorbei?<\/strong><\/p>\n<p>Mittlerweile ziehen wir ja ganz gut Leute, und die Nazis sind feige. Die kommen nicht, wenn da so viele Leute sind. Fr\u00fcher hatten wir das mal. Da haben die den Club gest\u00fcrmt, in dem wir gespielt haben. Drau\u00dfen vor der T\u00fcr stand mein Bulli, auf dem gro\u00df &#8222;Dritte Wahl&#8220; stand. Die Nazis kamen nicht so richtig rein, wurden auch verpr\u00fcgelt. Ich hatte nat\u00fcrlich auch Angst um mein Auto. An deren Stelle w\u00e4re das das erste gewesen, was ich kaputt gemacht h\u00e4tte. Aber es blieb heil.<\/p>\n<p><strong>Was meinst du, was man machen k\u00f6nnte, um den Rechtsextremismus zu stoppen?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Frage, mit deren Beantwortung man ganze Buchb\u00e4nde f\u00fcllen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich glaube, das Wichtigste w\u00e4re, sich bildungspolitisch Gedanken zu machen, wie man den Kindern schon vermitteln kann, dass Faschismus kein Weg ist. Ich glaube, die Leute, die faschom\u00e4\u00dfig drauf sind, so zwischen 16 und 25, an denen wird man sich die Z\u00e4hne ausbei\u00dfen dabei, denen das beizubringen.<\/p>\n<p>In der DDR haben sie uns immer wieder eingebl\u00e4ut wie schei\u00dfe das &#8222;Dritte Reich&#8220; war. Aber irgendwie ist das oft nach hinten losgegangen, wenn man sich anguckt, was im Osten heute los ist.<\/p>\n<p><strong> In euren Texten habt ihr klare Aussagen. Seid ihr auch selber mal aktiv auf Demos?<\/strong><\/p>\n<p>Wir gehen schon auf Demos, wenn wir das schaffen. Aber meistens sind die am Wochenende, da sitzen wir im Bus. Aber was wir zum Beispiel machen ist Soli-Konzerte geben f\u00fcr Antifa-Gruppen, Geld sammeln. Wir machen auf Samplern mit, jetzt zum Beispiel gegen G8.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem, denk ich, dass wir mit unseren Songs die Jugend &#8222;rekrutieren&#8220;, sag ich jetzt mal bl\u00f6d. Also Kids durch Musik den Weg in eine alternative Richtung aufzeigen und den \u00c4lteren, die schon da sind, das Gef\u00fchl geben, dass nicht alles so sinnlos ist. Dass da in Rostock bzw. jetzt in M\u00fcnster jemand sitzt, der die gleichen Gedanken hat wie man selber und man so ein bisschen das Gef\u00fchl kriegt: &#8222;Mensch, ich bin ja gar nicht so allein mit meiner Meinung hier auf meinem Dorf, wo alle anderen bescheuert sind.&#8220;<\/p>\n<p><strong> Der G8-Gipfel, der Anfang Juni in Heiligendamm an der Ostsee stattfinden soll, wird wahrscheinlich <em>das<\/em> politische Ereignis des Jahres. Es werden bis zu 120.000 linke GegendemonstrantInnen erwartet. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Um Heiligendamm wurde f\u00fcr 15 Millionen Euro ein 2,50 Meter hoher und 13 Kilometer langer Sperrzaun errichtet, inklusive Kameras und Wasserwerfer. So sollen die Regierungschef der sieben m\u00e4chtigsten Industriestaaten und Russlands ungest\u00f6rt von den Protesten ihre imperialistische Politik gegen 6 Milliarden Menschen organisieren k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie siehst du die Perspektiven des Widerstands?<\/strong><\/p>\n<p>Die werden versuchen, so wenig wie m\u00f6glich zuzulassen. Heiligendamm wird eine Insel sein in der Zeit. Die haben auch schon so eine h\u00fcbsche Umgehungsstra\u00dfe gekriegt. Ich habe geh\u00f6rt, dass von staatlicher Seite riesige Gel\u00e4nde angemietet wurden, wo die ein Lager bauen wollen, in dem sie die Festgenommenen oder von der Freiheit Beurlaubten unterbringen k\u00f6nnen. Also, ich glaube, dass man an die G8-Leute nicht rankommen wird.<\/p>\n<p>Die werden uns nicht zu Gesicht bekommen, denke ich.<\/p>\n<p><strong> Spielt ihr auf dem Anti-G8-Gipfel? Macht ihr was zu dem Thema?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist etwas geplant. Die Frage ist nur, ob man da \u00fcberhaupt eine Genehmigung bekommt, da zu spielen an so einem Wochenende. Es gibt einen Riesen-Event, der Gr\u00f6nemeyer will irgendwas machen, wo <em>U2<\/em> spielen und die <em>TOTEN HOSEN<\/em>, und da sollen dann auch noch andere Aktionen stattfinden. Aber wie gesagt, es ist gar nicht sicher, ob man das \u00fcberhaupt darf, an dem Wochenende so dicht dran.<\/p>\n<p><strong>Es sollen 16.000 PolizistInnen und die Bundeswehr eingesetzt werden. Au\u00dferdem kann ich mir vorstellen, dass es eine Repressionswelle geben wird. In Hamburg und M\u00fcnchen gab es wegen G8 erste Razzien.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn ich euch in Rostock oder bei Heiligendamm oder sogar in Heiligendamm live sehen k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<p>In Heiligendamm?!? Ja, das werden wir versuchen, vor dem Kurhaus zu spielen. Der Zaun muss weg!<\/p>\n<p><strong><em>Bad Kleinen<\/em> ist eines eurer bekannteren St\u00fccke. Wie bist du darauf gekommen, das zu schreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Das war kurz nachdem sie den Wolfgang Grams 1993 erschossen haben. Es gab eine Menge Hickhack drum herum &#8211; Akten verschwunden und keiner wusste genau, was jetzt eigentlich passiert war. Das Thema hat mich bewegt, auch weil der auf dem Bahnhof erschossen wurde, auf dem ich immer umsteigen musste. Bad Kleinen ist bei uns um die Ecke. Deshalb habe ich mich dessen angenommen.<\/p>\n<p>Es wurde ein langer Text draus. Wir haben ein Rap-St\u00fcck draus gemacht, weil das sonst gar nicht in ein Liedst\u00fcck zu pressen war. Ist bis heute noch ein Hit. Wir spielen das St\u00fcck jedes Mal, und es war vielleicht auch eines der ersten Rap-St\u00fccke, das im Deutschpunk auftauchte.<\/p>\n<p><strong>Im Zusammenhang mit der ehemaligen <em>RAF<\/em> gibt es im Augenblick eine Medienkampagne. Insbesondere die <em>Bild<\/em>-Zeitung hetzt gegen &#8222;Die schlimmste Terroristin&#8220; Brigitte Mohnhaupt, gegen Christian Klar und diejenigen, die ihnen Hilfe anbieten. &#8222;Klar hat keine Gnade verdient&#8220;, so <em>Bild<\/em>. Nun gibt es Morddrohungen gegen den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhard Baum, weil er sich f\u00fcr eine Begnadigung des seit fast 25 Jahren einsitzenden Klar ausspricht, und gegen den Theaterintendanten Claus Peymann, weil er dem ehemaligen RAF-Mitglied einen Praktikumplatz als B\u00fchnentechniker am Berliner Ensemble angeboten hat. Das erinnert an die Hetze der Springerpresse 1968 gegen die Au\u00dferparlamentarische Opposition (APO). Damals hat <em>Bild<\/em><\/strong> <strong>getitelt: &#8222;Stoppt Dutschke und seine rote Bande jetzt&#8220;. Und der rechte <em>Bild<\/em>-Leser Bachmann hat Rudi Dutschke daraufhin niedergeschossen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie beurteilst du die aktuelle Medienkampagne und \u00fcberhaupt die Geschehnisse gerade?<\/strong><\/p>\n<p>Die Presse freut sich, dass sie mal wieder ein Thema hat, das sie ausschlachten und mit dem sie m\u00f6glichst plakativ umgehen kann. Ich denke, wenn das nicht so von den Medien ausgeschlachtet worden w\u00e4re, w\u00e4ren die beiden jetzt schon frei.<\/p>\n<p>Als aber so ein massiver Druck kam, haben sich die Politiker auch gedacht, den k\u00f6nnen wir nicht frei lassen, und haben ihm jetzt sein Gru\u00dfschreiben an die Rosa Luxemburg-Konferenz vorgeworfen, in dem er so einen Hauch von Kapitalismuskritik formuliert, aber noch nicht mal was Spezielles. Er hat eigentlich nur gesagt, dass nicht alles Gold ist, was hier gl\u00e4nzt. Da haben die sich drauf geworfen. Es ist eine Ablenkung von anderen Sachen, die wichtig w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Letzten Endes ist das Leben von den beiden eh versaut nach 25 Jahren im Knast. Ich finde, man sollte die rauslassen und in Ruhe lassen vor allem. Ich meine, die Mohnhaupt kommt jetzt raus, wird aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht in Frieden gelassen. Sobald die die aufgest\u00f6bert haben, m\u00f6chte ich nicht in ihrer Haut stecken. Christian Klar, der hat noch ein bisschen &#8222;Bedenkzeit&#8220; bis dahin.<\/p>\n<p><strong>Themenwechsel: Was verstehst du unter Anarchie und Anarchismus? H\u00e4ltst du eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft f\u00fcr eine Utopie, die umgesetzt werden k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Theoriekenntnisse dar\u00fcber sind nicht gro\u00df, aber das, was ich mir darunter vorstelle, ist, glaube ich, im Moment nicht realisierbar und auch nicht realistisch. Wenn ich durch die Stra\u00dfen gehe und mir die Leute so angucke, bin ich auch froh, dass ich mit denen keine Anarchie leben muss. Ich glaube, dass es eine sch\u00f6ne Vision ist und man kann auch im kleinen Kreis versuchen, sich anarchistische Strukturen zu erarbeiten, aber je gr\u00f6\u00dfer die Gruppe ist, desto schwieriger wird das, weil wir alle auch Egoisten und ganz verschieden sind. Ist schwer so was in die Wirklichkeit umzusetzen.<\/p>\n<p><strong> Da habe ich einen Einwand. Der US-amerikanische Soziologe Charles Wright Mills hat es 1959 so auf den Punkt gebracht: &#8222;Im Namen des Realismus werden die Menschen total verr\u00fcckt, und genau das, was sie utopisch nennen, ist die Vorbedingung f\u00fcr den Fortbestand der Menschheit. Utopische Ma\u00dfnahmen sind Ma\u00dfnahmen, die uns vor dem Atomtod retten; realistische, gesunde, vern\u00fcnftige, praktische Schritte sind heute die Aktionen der Verr\u00fcckten und der Dummk\u00f6pfe.&#8220;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wie fing alles an mit Dritte Wahl? Gunnar Schr\u00f6der: Angefangen hat alles, als ich 15 war. Ich bekam eine Gitarre geschenkt und habe dann mit meinem Bruder und einem Schulfreund zusammen beschlossen, eine Band zu gr\u00fcnden. Dann haben wir mit Akustikgitarren gespielt, mein Bruder hat ein bisschen auf den Tisch getrommelt. 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