{"id":8060,"date":"2007-04-01T00:00:24","date_gmt":"2007-03-31T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8060"},"modified":"2022-07-26T14:14:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:54","slug":"postanarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/04\/postanarchismus\/","title":{"rendered":"Postanarchismus"},"content":{"rendered":"<p>Die Angst, mit der Vorsilbe &#8222;Post-&#8220; alle Errungenschaften des sich daran Anschlie\u00dfenden f\u00fcr endg\u00fcltig vor\u00fcber und die damit verbundenen Anspr\u00fcche f\u00fcr \u00fcberholt zu erkl\u00e4ren, hatte auch schon die Debatte um die Postmoderne gepr\u00e4gt. Allerdings verweist das Pr\u00e4fix, \u00e4hnlich wie bei postmoderner Philosophie oder postkolonialer Kritik, keinesfalls auf ein f\u00fcr alle mal Vergangenes. Es geht um Revisionen, Erneuerungen, um Br\u00fcche, aber auch um Kontinuit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Die Debatte um den Postanarchismus hat im deutschsprachigen Raum kaum begonnen. ((1))<\/p>\n<p>Dabei sind die Menschen- und Weltbilder, die in den klassischen Texten des Anarchismus vertreten werden, oft nicht mehr anschlussf\u00e4hig an heutige Theorie und Praxis. Herrschaft organisiert sich im postfordistischen Kapitalismus anders als in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, als ein gro\u00dfer Teil dieser Texte geschrieben wurde, und auch anders als zu Zeiten der Spanischen Revolution (1936), als der Anarchismus sich erstmals in einer modernen Industriegesellschaft als Massenph\u00e4nomen kurzzeitig durchsetzen konnte. Nach einem Wiederaufleben libert\u00e4rer Ans\u00e4tze um 1968 (&#8222;Neoanarchismus&#8220;), das bereits eine Abkehr von der Konzentration auf Klassenk\u00e4mpfe war, lag die anarchistische Theorieentwicklungen lange Zeit brach (von Ausnahmen abgesehen).<\/p>\n<p>In Reaktion auf die gesellschaftlichen und politischen Ver\u00e4nderungen des Postfordismus, oder der neoliberalen \u00c4ra, haben einige TheoretikerInnen versucht, anarchistische Ideen an poststrukturalistische, postkoloniale, postoperaistische und (post)feministische Diskurse anzuschlie\u00dfen. Die Infragestellungen des Subjekts der Aufkl\u00e4rung und kollektiver Identit\u00e4ten halten die postanarchistischen DenkerInnen jedoch nicht davon ab, sich nach wie vor um radikale politische Praxis zu bem\u00fchen.<\/p>\n<h3>Warum Revisionen?<\/h3>\n<p>Warum sollten \u00fcberhaupt Revisionen am Anarchismus vorgenommen werden? Daf\u00fcr l\u00e4sst sich auf zwei Ebenen argumentieren: Erstens gibt es neue Erkenntnisse, die Theorie hat sich weiter entwickelt aber auch die Praxis sozialer Bewegungen macht bestimmte, fr\u00fchere Gewissheiten fragw\u00fcrdig. Und zwar die, die sich an Grunds\u00e4tzen und Werten der Moderne orientieren.<\/p>\n<p>Zweitens haben sich die Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert, Herrschaft ist anders organisiert und strukturiert als noch vor 150 Jahren und deshalb muss sich auch die Herrschaftslosigkeit (Anarchie) auf andere Arten und Weisen gestalten. Postanarchistische Ans\u00e4tze versuchen nun, auf beiden Ebenen traditionelle Anarchismen zu reflektieren und zu kritisieren, ohne sie vollends zu verwerfen.<\/p>\n<h3>Anarchismus und moderne Grunds\u00e4tze<\/h3>\n<p>Auf der ersten Ebene nennt nun J\u00fcrgen M\u00fcmken (2005: 16ff.) vor allem drei wichtige Erg\u00e4nzungen\/Revisionen, die am Anarchismus und dessen Bindung an die Moderne vollzogen werden m\u00fcssten: Erstens m\u00fcsse die Trennung von Staat und Gesellschaft, die jedem liberalen Politikkonzept (und insofern auch dem radikalisiertem Liberalismus der Anarchie) zu Grunde liegt, verabschiedet werden:<\/p>\n<p>Denn der Staat ist kein homogener, repressiver Klotz, der der als heterogen und frei vorgestellten Gesellschaft gegen\u00fcber st\u00fcnde. Vielmehr ist der Staat ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis, also gibt es auch kein &#8222;unschuldiges&#8220; Gegen\u00fcber. Zweitens sei die an Jean-Jacques Rousseau angelehnte Vorstellung von der &#8222;guten Natur&#8220; des Menschen oder der von Pjotr Kropotkin behaupteten angeborenen &#8222;gegenseitigen Hilfe&#8220; aufzugeben.<\/p>\n<p>Denn solche ontologisch wertenden &#8211; auf ein vermeintliches &#8222;Sein&#8220; bezogenen und dies beurteilenden &#8211; Aussagen fu\u00dfen auf nichts, sie sind nichts als unbeweisbare Annahmen. Und sie drehen letztlich nur die negativen Bilder von Thomas Hobbes (&#8222;Der Mensch ist des Menschen Wolf&#8220;) oder Charles Darwin (&#8222;Survival of the fittest&#8220;) um, ohne aber die dichotomischen (d. h. zweigeteilte, letztlich schwarz-wei\u00df malende) Struktur dieser Behauptung in Frage zu stellen. Drittens m\u00fcsse der Glaube an Fortschritt und Technik aufgegeben werden, der auch und gerade die Schriften von Michail Bakunin und Kropotkin gepr\u00e4gt hat. Beide binden ihre Gesellschaftsmodelle strikt an Fortschrittsglauben und &#8222;Naturgesetze&#8220;. Damit klammern sie nicht nur die innere Verschr\u00e4nktheit von Macht und Wissen aus, die Michel Foucault beschrieben hat. Sie vernachl\u00e4ssigen auch die politisch ausschlie\u00dfenden Konsequenzen des Fortschrittsglaubens, der z.B. indigene Lebensweisen abwertet, wie auch dessen \u00f6kologische Folgen.<\/p>\n<p>Viertens, lie\u00dfe sich M\u00fcmken erg\u00e4nzen, muss das Subjektverst\u00e4ndnis des Anarchismus in Frage gestellt werden.<\/p>\n<p>Von Michel Foucault \u00fcber Judith Butler bis Giorgio Agamben sind sich als &#8222;postmodern&#8220; klassifizierte TheoretikerInnen einig:<\/p>\n<p>Das Subjekt ist nicht einfach aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit zu befreien und dann in der Lage, anderen auch zur Befreiung zu verhelfen (wie es die Aufkl\u00e4rung vorsah). Es ist stattdessen immer schon auch ein Unterwerfendes und ein Unterworfenes. <em>Auf individueller Ebene<\/em> ist das moderne ein unterworfenes Subjekt durch die &#8222;heterosexuelle Matrix&#8220;, die Judith Butler beschrieben hat. In einem Satz bedeutet dies, dass der Zusammenhang von k\u00f6rperlichem Geschlecht, sozialem Geschlecht und sexuellem Begehren zwangsweise hergestellt ist.<\/p>\n<p>Noch einfacher formuliert: Mit einem Frauenk\u00f6rper den Haushalt zu machen und M\u00e4nner zu lieben beruht auf struktureller Gewalt. Diese Struktur aufrecht zu erhalten ist wiederum eine permanente (Selbst)Unterwerfung.<\/p>\n<p><em>Auf kollektiver Ebene<\/em> ist das Subjekt unterworfen und unterwerfend, weil es sich nur \u00fcber Ausschl\u00fcsse formieren kann.<\/p>\n<p>Selbst die reflektierteste und strategischste Identit\u00e4tspolitik kommt nicht ohne dieses Dilemma aus, andere ausschlie\u00dfen zu m\u00fcssen. Und zu Zeiten der Aufkl\u00e4rung war Identit\u00e4tspolitik ja nicht einmal als solche, partikulare Politik benannt, sondern trat universalistisch auf: Das kollektive Subjekt der Aufkl\u00e4rung tat\/tut so, als w\u00e4re es &#8222;die Menschheit&#8220;, war\/ist aber m\u00e4nnlich, christlich, wei\u00df (und schlie\u00dft folglich Frauen, Juden, Schwarze etc. aus).<\/p>\n<p>Die allgemeinen Rechte, die mit seiner Vorstellung verbunden und an sie gekn\u00fcpft sind, basierten immer schon auf dem Ausschluss der Anderen. Sie stellten jeweils ein Au\u00dfen dar und gegen sie konnte bzw. musste sich abgegrenzt werden.<\/p>\n<p>Das hat auch der klassische Anarchismus nicht reflektiert. Wo der Anarchismus sich an der Aufkl\u00e4rung orientiert und auf ihr Subjekt setzt, muss er also &#8211; gemessen an seinem eigenen Anspruch einer herrschaftsfreien Welt! &#8211; erneuert, revidiert, \u00fcberarbeitet werden.<\/p>\n<h3>Anarchismus und postmoderne Verh\u00e4ltnisse<\/h3>\n<p>Auf der zweiten Ebene entsteht die Notwendigkeit, den Anarchismus zu \u00fcberdenken, aus den ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Bedingungen: Aus verlorenen K\u00e4mpfen und ver\u00e4nderten Produktions- und Reproduktionsregimen. Geht es um das <em>individuelle Subjekt<\/em> und dessen Handlungsf\u00e4higkeit, muss beispielsweise zur Kenntnis genommen werden, dass zentrale Begriffe und Konzepte, die fr\u00fcher als befreiend galten und f\u00fcr emanzipatorisch gehalten wurden, unter postfordistischen Bedingungen in Herrschaftstechnologien eingespannt sind: Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, Autonomie sind z. T. zu wesentlichen Mechanismen gegenw\u00e4rtiger Arbeitsregime geworden.<\/p>\n<p>Der neoliberale Kapitalismus braucht nicht mehr den\/die gehorsame\/n MassenarbeiterIn des fordistischen Zeitalters, sondern selbstst\u00e4ndige Subjekte mit all ihrer Kreativit\u00e4t und flache Hierarchien.<\/p>\n<p>Geht es um das <em>kollektive Subjekt<\/em> als Tr\u00e4ger gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung &#8211; einst &#8222;revolution\u00e4res Subjekt&#8220; genannt -, m\u00fcssen ebenfalls fr\u00fchere Ans\u00e4tze reflektiert werden: Torsten Bewernitz (2005: 70ff.) z.B. h\u00e4lt nicht nur die von dogmatischen MarxistInnen favorisierte Vorstellung f\u00fcr problematisch, dass die Revolution von jenen gemacht w\u00fcrde, die am meisten leiden.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Verelendungstheorie&#8220; vernachl\u00e4ssige die Mechanismen des Einverst\u00e4ndnis, der Einbindung und des Mitmachens. Aber auch die von vielen AnarchistInnen geteilte Vorstellung, die Leute mit dem &#8222;richtigen Bewusstsein&#8220; k\u00f6nnten einen revolution\u00e4ren Prozess in Gang setzen, beurteilt er skeptisch. Denn diese Idee tendiert zu Avantgardekonzepten und setzt wieder auf Bildung\/Aufkl\u00e4rung, ohne deren Eingebundenheit in Machtverh\u00e4ltnisse zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Hinzuzuf\u00fcgen ist, dass auch der Ansatz des &#8222;richtigen Bewusstseins&#8220; selbst heikel ist: Wer entscheidet dar\u00fcber, wann jemand reif zur Revolution ist?<\/p>\n<p>Und haben Frauen das &#8222;richtige Bewusstsein&#8220; nicht mehr, wenn sie sich als Frauen (und nicht als Anarchistinnen) organisieren, weil sie als Frauen unterdr\u00fcckt werden?<\/p>\n<p>Der Vorwurf, damit zu spalten und der Bewegung zu schaden, ist von Anarchisten nicht nur einmal gemacht worden und auch kein Relikt der Vergangenheit. Hier zeigt sich auch, dass es bei postanarchistischer Kritik nicht um rein Akademisches geht, sondern durchaus um aktuelle Probleme sozialer Bewegungen.<\/p>\n<h3>Was will also der Postanarchimus?<\/h3>\n<p><em>Den<\/em> Postanarchismus gibt es ebenso wenig wie <em>den<\/em> Anarchismus. Auch hier gibt es eher individualistische, die imagin\u00e4re Linie Stirner &#8211; Nietzsche &#8211; Foucault verfolgende Ans\u00e4tze, und eher kollektivistische, der ausgedachten Verbindung Bakunin &#8211; Landauer &#8211; Butler nachgehende.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich m\u00fcssten aber auch eher Kn\u00e4uel und Netze entworfen werden als neue Geradlinigkeiten.<\/p>\n<p>Denn die oben erw\u00e4hnten &#8222;Post-ismen&#8220; bieten jeder f\u00fcr sich genommen bereits eine Vielzahl an theoretischen wie praktischen M\u00f6glichkeiten der Verkn\u00fcpfung. Um aber zwei Folgerungen kurz anzudeuten: Bewernitz z.B. gibt die Vorstellung anarchosyndikalistischer Organisierung keineswegs auf.<\/p>\n<p>Diese m\u00fcsse allerdings nicht nur entlang von Klassen geschehen, sondern rassistische und sexistische Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse mit reflektieren. Richard J. F. Day hingegen pl\u00e4diert daf\u00fcr, relays im Sinne von Gilles Deleuze und Michel Foucault zu bilden: Das bedeutet, auf informelle Verkn\u00fcpfungen von Basisbewegungen zu setzen, ohne sich auf staatliche Politiken einzulassen. Wir haben es zwar mit einer hegemonialen Situation zu tun, sagt Day, gegen die wir ank\u00e4mpfen m\u00fcssen, aber wir treten nicht in einen Kampf <em>um<\/em> Hegemonie, sondern <em>gegen<\/em> sie.<\/p>\n<p>Da sich die Hegemonie des neoliberalen Kapitalismus immer auch gegen Kollektivit\u00e4t richtet &#8211; so etwas wie &#8222;Gesellschaft&#8220; gebe es nicht, hatte Margaret Thatcher behauptet -, w\u00e4re zu diskutieren, ob nicht doch wieder darauf gesetzt werden m\u00fcsste. Gegen die staatlich forcierte Politik der Privatisierungen lie\u00dfe sich so durchaus mit Foucaults &#8222;In Verteidigung der Gesellschaft&#8220; agieren.<\/p>\n<p>Aber das ist nur eine der spannenden Fragen, die sich aus einer &#8211; hier nur \u00e4u\u00dferst kurz und keinesfalls ersch\u00f6pfend angerissenen &#8211; postanarchistischen Kritik ergeben k\u00f6nnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Angst, mit der Vorsilbe &#8222;Post-&#8220; alle Errungenschaften des sich daran Anschlie\u00dfenden f\u00fcr endg\u00fcltig vor\u00fcber und die damit verbundenen Anspr\u00fcche f\u00fcr \u00fcberholt zu erkl\u00e4ren, hatte auch schon die Debatte um die Postmoderne gepr\u00e4gt. Allerdings verweist das Pr\u00e4fix, \u00e4hnlich wie bei postmoderner Philosophie oder postkolonialer Kritik, keinesfalls auf ein f\u00fcr alle mal Vergangenes. 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