{"id":8066,"date":"2007-04-01T00:00:41","date_gmt":"2007-03-31T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8066"},"modified":"2022-07-26T14:24:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:20","slug":"gruse-von-der-feuerrose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/04\/gruse-von-der-feuerrose\/","title":{"rendered":"Gr\u00fc\u00dfe von der Feuerrose"},"content":{"rendered":"<p>Horst Stowasser meldet sich zur\u00fcck. Jawohl, <em>der<\/em> Horst Stowasser, der <em>&#8222;Horst vom Projekt A&#8220;<\/em>, der Autor von <em>Leben ohne Chef und Staat<\/em>, jenes libert\u00e4ren Bestsellers, den so manche Genossin und so mancher Genosse bis heute liebevoll zerlesen im Herzen &#8211; oder im Regal &#8211; aufbewahrt, m\u00f6glicherweise die agilste Feder der anarchistischen Buchkultur der achtziger Jahre. Horst Stowasser eben.<\/p>\n<p>Er hat sich aufgemacht, der Horst, mit Freundin und zwei Kindern, um p\u00fcnktlich zum 70. Jahrestag der Spanischen Revolution in Barcelona nachzuschauen, wie es bestellt sei um die Sache des Anarchosyndikalismus in der vorgeblichen <em>&#8222;Hauptstadt der Anarchie&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>Das, was er dort erlebt, gesehen und geh\u00f6rt hat, pr\u00e4sentiert er in Form einer schwungvollen Reportage. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, findet man sich auch schon auf dessen letzten Seiten wieder, so leicht ist es zu lesen. Besonders, wenn Stowasser seine Sprache von der Leine l\u00e4sst und einfach nur erz\u00e4hlt, gewinnt sein Text an Klasse: Von dem uns\u00e4glichen Hickhack zwischen den anarchosyndikalistischen Gewerkschaften CGT und CNT (<em>aut\u00e9ntica<\/em> [\u201aautentisch&#8216;] und <em>desfederada<\/em> [\u201aausgeschlossen&#8216;]), von seiner Freude \u00fcber politische Erfolge, seinem Schrecken \u00fcber Borniertheit und Realit\u00e4tsverlust, vom Wiedersehen mit alten, l\u00e4ngst verloren geglaubten Freunden aus Zeiten gemeinsamer politischer Abenteuer, oder von jenen linken <em>Tabernas<\/em>, Buchl\u00e4den und Fahrradkurierdiensten, die in Barcelona noch immer nach libert\u00e4ren Prinzipien arbeiten und mitunter erstaunlich erfolgreich sind.<\/p>\n<p>Dann ist sein Stil sympathisch, witzig, pr\u00e4gnant, packend und von jener wohltuend selbstironischen Distanz, die Stowasser, f\u00fcr den die Fahrt nach Barcelona so etwas wie eine Reise in die eigene Vergangenheit war, f\u00fcr die Dauer der Lekt\u00fcre zu einem angenehmen Reisegef\u00e4hrten macht. Leider h\u00e4lt sein Buch diese Klasse nicht \u00fcberall.<\/p>\n<p>Das liegt nicht etwa daran, dass Stowasser in jene Falle getappt w\u00e4re, in die so viele andere linke Barcelona-Reisende treten.<\/p>\n<p>Deutsche Anarcho-Touristen k\u00f6nnen schlimmer sein als Neckermann. Voll des rebellischen Mythos von der gro\u00dfen Stadt am Meer, der &#8222;Feuerrose&#8220; Barcelona &#8211; ein Mythos, der \u00fcbrigens von den Strategen des katalanischen Stadtmarketings l\u00e4ngst in klingende M\u00fcnze verwandelt wird -, besuchen sie eine Phantomstadt. Unsichtbare Milizen spuken die Ramblas hinunter, jedes verwaschene Graffitti an einer Hauswand im <em>Barrio Chino<\/em> verhei\u00dft die Revolution, und niemandem f\u00e4llt mehr auf, dass Barcelona mittlerweile ein Alptraum von Stadt geworden ist; eine grausige Studie der sozialen Verw\u00fcstungen, die der Neoliberalismus anrichtet. Lieber steht man sich vor der <em>Casa de la Muntanya<\/em> die Beine in den Bauch und macht, wof\u00fcr man eigentlich nicht gekommen war: Urlaub von der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Nichts liegt Stowasser ferner, als solcherart mit den Geistern der Vergangenheit zu heulen und zu st\u00f6hnen. Ihm geht es um eine kritische Bestandsaufnahme, um die M\u00f6glichkeit, die anarchosyndikalistische Idee vom Staub zu befreien, um ein <em>&#8222;Anti-Aging&#8220;<\/em>. In seiner Reportage wird, bei aller Sympathie und wohltuender Parteilichkeit, nichts gesch\u00f6nt und klein geredet. Besonders, was die spanische CNT und deren Weigerung betrifft, sich den Gegebenheiten einer sich ver\u00e4ndernden Welt zu stellen, ist sein Urteil bitter. Man kommt, und das ist eine unbedingte St\u00e4rke, beim Lesen dem Leben der politischen Szene Barcelonas \u00e4u\u00dferst nahe.<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit liegt darin, dass Stowassers gelungene Reise-Reportage gerade einmal ein Viertel (!) seines Buches ausmacht &#8211; trotz des verhei\u00dfungsvollen Titels. Es beginnt mit einer Einf\u00fchrung in Idee und Geschichte des Anarchosyndikalismus und einem notgedrungen knappen Abriss der Geschichte des Spanischen B\u00fcrgerkriegs (1936-1939). Man liest Altbekanntes &#8211; nicht nur dem Inhalt nach. Beide Kapitel entstammen, zaghaft aktualisiert, Stowassers Klassiker <em>Freiheit pur <\/em>(Frankfurt\/M. 1995), und der Autor &#8211; ehrlich, wie er ist &#8211; gibt das auch gerne zu (S. 186).<\/p>\n<p>Nun ist zwar nichts dagegen einzuwenden, Texte aus \u00e4lteren Werken zu verwenden, wenn man der Ansicht ist, sie heute nicht besser schreiben zu k\u00f6nnen. F\u00fcr Stowassers Darstellung des Anarchosyndikalismus als des bis dahin ernsthaftesten Versuchs, das utopische Denken des Anarchismus in die politische Praxis zu \u00fcberf\u00fchren, mag es auch hingehen. Wenn er aber vom Spanischen B\u00fcrgerkrieg handelt, bleibt er weit hinter der aktuellen spanischen Forschung zur\u00fcck, und alte Mythen kehren wieder: Nein, nicht die <em>&#8222;ganze Gesellschaft&#8220;<\/em> war w\u00e4hrend der revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen bis 1937 <em>&#8222;anarchistisch organisiert&#8220;<\/em> (S. 29).<\/p>\n<p>Es gab ebenso gut kommunistische, revolution\u00e4r-sozialistische und vor allem b\u00fcrgerlich-parlamentarische Strukturen, die ungebrochen fortbestanden. Nein, Spanien ist nicht <em>&#8222;in gewisser Weise<\/em> [&#8230;]<em>&#8222;<\/em> bis heute ein <em>&#8222;anarchistisches Reservat&#8220;<\/em> (ebenda) geblieben. Als der heutige Regierungspr\u00e4sident Jos\u00e9 Luis Rodr\u00edguez Zapatero im Jahr 2000 sein Amt als Chef der Sozialistischen Partei Spaniens (PSOE) antrat und sein Programm vorstellte, kannte er nicht einmal mehr den Unterschied zwischen <em>&#8222;libertario&#8220;<\/em> [\u201alibert\u00e4r&#8216;] und <em>?liberal&#8220;<\/em> [\u201aliberal&#8216;]. Er ist nur ein besonders exponiertes Beispiel f\u00fcr diesen spanischen Ged\u00e4chtnisschwund.<\/p>\n<p>Am 18. Juli 1936 putschten keineswegs <em>&#8222;faschistisch orientierte Gener\u00e4le&#8220;<\/em> (S. 30) &#8211; es gab in der <em>Junta de Defensa Nacional<\/em> nicht einen einzigen organisierten Faschisten, daf\u00fcr aber (mit dem liberalen General Cabanellas) einen exponierten Freimaurer &#8211; &#8211; und ob tats\u00e4chlich die <em>&#8222;Mehrheit der CNT&#8220;<\/em> hinter <em>&#8222;dem anarchistischen Ziel&#8220;<\/em> (S. 33) stand, wird in Spanien zur Zeit mit Sch\u00e4rfe diskutiert.<\/p>\n<p>Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um beckmessersche Erbsenz\u00e4hlerei, ein l\u00e4stiges Aufrechnen von Kleinigkeiten, sondern um die Tatsache, dass, wer heute eine Geschichte des Spanischen B\u00fcrgerkriegs erz\u00e4hlen will, nicht mehr mit Texten von vor \u00fcber 10 Jahren herumhantieren kann, selbst wenn er versucht, sie auf den neusten Stand zu bringen. Stowasser h\u00e4tte das bedenken sollen.<\/p>\n<p>An anderer Stelle spielt ihm die eigene Gr\u00fcndlichkeit einen Streich.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich war Stowasser nach Barcelona gekommen, um Interviews zu f\u00fchren mit einer Reihe anarchosyndikalistischer Aktivisten f\u00fcr eine Artikelserie in Deutschland. Diese Interviews gibt er wieder, vollst\u00e4ndig und im Wortlaut, obwohl er sie (zum Teil) bereits zur Basis seiner Reportage gemacht hat.<\/p>\n<p>Das unkommentierte Nebeneinander von Positionen libert\u00e4rer Genossen (es sind ausschlie\u00dflich M\u00e4nner), die in freier Wildbahn kein Wort mehr miteinander wechseln, und Stowassers beharrlich-kritisches Nachfragen haben ohne Zweifel ihren dokumentarischen Reiz. Die Wiederholungen aber erm\u00fcden, und manches h\u00e4tte wirklich nicht gedruckt werden m\u00fcssen. Zum Beispiel das Interview mit dem anarchistischen Zeitzeugen Abel Paz (den Bakunin erhalten m\u00f6ge) (S. 85-93). Der hat &#8211; wer wollte es ihm verdenken &#8211; sichtlich keine Lust mehr, sich im Klein-Klein des politischen Tagesgesch\u00e4fts aufzureiben. Er brummelt griesgr\u00e4mig Allerweltsweisheiten ins Mikrophon und geht auf keine Frage Stowassers wirklich ein. Abel Paz hat Faszinierendes \u00fcber Spanien und die libert\u00e4re Bewegung zu erz\u00e4hlen. Horst Stowasser hat er es nicht erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Mit seinem abschlie\u00dfenden <em>&#8222;Konstruktiv-polemischen Essay mit Blick nach vorne&#8220;<\/em> vereitelt Stowasser dann vermutlich selber alle Chancen, Leserinnen und Leser zu finden jenseits des libert\u00e4ren Spektrums &#8211; Chancen, die seine Reportage, f\u00fcr sich genommen, spielend h\u00e4tte nutzen k\u00f6nnen. Zum dritten Mal (!) weidet er die Ergebnisse seiner Interviews aus, diesmal in Form eines umfangreichen politischen Diskussionspapiers. Barcelona ist weit weg. Es geht um anarchosyndikalistische Organisationsstrukturen, ob die <em>Freie ArbeiterInnen Union<\/em> (FAU) in der <em>Internationalen Arbeiter-Assoziation<\/em> (IAA) bleiben solle oder nicht, um das merkw\u00fcrdige Schicksal des <em>homo anarchicus<\/em>, dessen politischen Altersstarrsinn usw. usf. Nichts von alledem ist interessant f\u00fcr Menschen jenseits der linken Szene. Und Weniges hatte Stowasser nicht schon vorher, rascher, knapper und reizvoller, in seiner Reportage angesprochen. Ausgerechnet er, der sich Verdienste erworben hat wie kaum ein anderer, wenn es darum ging, den Anarchismus einem uninformierten, aber interessierten Publikum verst\u00e4ndlich zu machen, hebt zwar tapfer den Kopf \u00fcber den Tellerrand. Aus der libert\u00e4ren Kleink\u00fcche aber kommt er nicht hinaus.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Anti-Aging f\u00fcr die Anarchie?&#8220;<\/em> ist ein insgesamt interessantes, faktenreiches, \u00fcppig bebildertes und erfrischend kritisches Buch, das man trotz seiner Schw\u00e4chen reinen Gewissens zur Lekt\u00fcre empfehlen kann. Ein umfangreicher Adressteil macht es auch als politisches Reisehandbuch n\u00fctzlich, Wort- und Sachregister sowie ein gr\u00fcndliches Abk\u00fcrzungsverzeichnis garantieren leichte Benutzbarkeit. Es h\u00e4tte aber gut <em>noch<\/em> besser werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Man wird abwarten m\u00fcssen, was die Zukunft bringt f\u00fcr einen Autor, \u00fcber dessen R\u00fcckkehr in die Arena der Schreibenden man sich nur freuen kann.<\/p>\n<p>Wir verdanken ihm, endlich einmal wieder, etwas Aktuelles \u00fcber Spanien, das nicht den zugigen Fluren und Korridoren der etablierten Fachhistorie entstammt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Horst Stowasser meldet sich zur\u00fcck. 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