{"id":808,"date":"1996-12-01T00:00:14","date_gmt":"1996-11-30T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=808"},"modified":"2022-07-26T14:26:35","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:35","slug":"ein-brief-von-ossi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/12\/ein-brief-von-ossi\/","title":{"rendered":"Ein Brief von Ossi&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Im Zelt von Mamak, 31. Oktober 1996<\/p>\n<p>Freundinnen und Freunde,<\/p>\n<p>die Geschichte ist voll mit ungez\u00e4hlten Wanderungsbewegungen. Aber neben der gr\u00f6\u00dften, immer da gewesenen Bewegung, die unaufhaltsam voranschreitet und sich zur Freiheit, zu sich selbst und zum Morgen erstreckt, neben der Begeisterung und Freiwilligkeit dieser nicht r\u00e4umlichen Bewegung werden die anderen stets orientierungslose Produkte des Leids und des Zwangs bleiben.<\/p>\n<p>Wir sind aufgebrochen. Ohne diesen f\u00fcr Wanderungen so fruchtbaren Boden zu verlassen, schreiten wir voran, das Morgen jetzt zum Heute machend, die Mauern und Sackgassen des Heute im Gestern vergrabend. Wer ist nicht alles bei diesem Aufbruch dabei: Die Frauen, die verstanden haben, da\u00df die Schl\u00e4ge des Ehemanns nicht schicksalsbestimmt sind; die Arbeiterinnen und Arbeiter, die es nicht hinnehmen, in der Enge der Fabrik zu Maschinen geformt zu werden; die Kinder, die es nicht erlauben, sich durch Strammstehen in Reih und Glied vereinheitlichen zu lassen und viele andere mehr.<\/p>\n<p>Es ist Zeit, Etienne de la Boeties &#8222;\u00dcber die freiwillige Knechtschaft&#8220; herauszuschreien. Es ist Zeit, dem Gehorsam, wem gegen\u00fcber und zu welchem Zweck auch immer, den eigenen Willen entgegenzusetzen und ihn zu verwirklichen.<\/p>\n<p>In dieser an keinen Raum gebundenen Karawane sind wir eng verbunden. Uns in den Armen liegend werfen wir den Mauern einen sp\u00f6ttischen Blick zu, schlagen an diesem Punkt des Weges unser Zelt auf und vertiefen unser Gespr\u00e4ch. Wir stellen uns vor, wie wir diejenigen, die sich mit blechernden Verkehrsschildern vor uns aufbauen, behutsam an den Wegesrand schieben oder &#8211; wenn sie wollen &#8211; in die Karawane aufnehmen. Wir reden dar\u00fcber, da\u00df sich andere Karawanen mit uns vereinigen und wir gemeinsam Feste feiern, reden \u00fcber die Oasen, die wir gr\u00fcnden werden.<\/p>\n<p>Die Nacht ist lang, aber es gibt keine vollkommene Dunkelheit. In der schimmernden Dunkelheit des Sternenhimmels erleuchtet das Lagerfeuer, das wir errichtet haben, unsere Gesichter; und mit Staunen und Freude bemerken wir, wie von neuem die Liebe in unseren Augen erstrahlt, unsere Brust erfrischt. In diesen Momenten begreifen wir, wie angesichts unseres Mutes die K\u00e4lte zum Schmelzen verurteilt ist, wir die Decken in unserem Inneren tragen. Unsere Sorge, wir seien wenige, wir verst\u00fcnden uns nicht, die W\u00fcste sei zu gro\u00df, ist sinnlos. Mit dem Selbstbewu\u00dftsein, diejenigen, die uns begegnet sind, zu uns aufgenommen zu haben, und mit unserer Offenherzigkeit k\u00f6nnen wir sie \u00fcberzeugen, und falls uns das nicht gelingt, so k\u00f6nnen wir sie wirkungslos machen.<\/p>\n<p>Was sind schon diese Mauern, die mich umgeben? &#8218;Das sind ein paar Meter Lebensraum, die wir dir zugestehen, so hoch ist dein Wert, nicht einen Schritt kommst du nach drau\u00dfen.&#8216; Unbeholfene Worte und Mittel derer, die damit besch\u00e4ftigt sind, von innen zu verfaulen! So wie Henry David Thoreau und andere sagen: &#8222;In dieser Welt ist das Gef\u00e4ngnis der Ort f\u00fcr die anst\u00e4ndigen Menschen.&#8220; Diese Zellen werden sich noch weiter f\u00fcllen, werden die Last nicht aushalten. Die Menschlichkeit derer, die die Zellen besetzen, werden die Mauern \u00fcberwinden, werden das Verfaulen beschleunigen. Jede Zelle wird zu einem Garten werden und schlie\u00dflich werden sich die Mauern verkleinern. &#8222;Drinnen&#8220; und &#8222;Drau\u00dfen&#8220; werden eins werden, und wir werden gemeinsam mit Stolz und zur Mahnung auf die zur\u00fcckliegende W\u00fcste blicken. Freiheiten werden den Weg schm\u00fccken, und wir werden unsere rastlose Wanderung fortsetzen.<\/p>\n<p>Das sind keine Tr\u00e4umereien. Ihr wi\u00dft es, sonst w\u00e4rt Ihr nicht aufgebrochen. Ich wei\u00df, Ihr habt es schwerer als ich. Die st\u00e4ndigen Bombardements der \u00fcbrigen Welt und die Zweifel, die wir empfinden, ob unsere Schritte ausreichend und unsere Richtung richtig seien, sind erm\u00fcdend und bringen den Menschen oft zum Z\u00f6gern. Erinnert Euch der Wanderungen der Vorigen und der Strecke, die Ihr bisland zur\u00fcckgelegt habt. Erinnert Euch, da\u00df alle Absolutheit voller Verzweiflung ist und sich selbst auffri\u00dft. Gr\u00f6\u00dfere Wanderungen als die bisherigen warten auf uns.<\/p>\n<p>Ich umarme Euch alle ganz fest und habe Euch jeden Tag zu Gast in meiner Zelle. Ich danke allen, die mich mit Briefen und Telegrammen erreicht haben. Denen, deren Adresse ich habe, werde ich auch schreiben. Euch allen mit dem Wunsch nach Kraft und einer bunten Reise,<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zelt von Mamak, 31. Oktober 1996 Freundinnen und Freunde, die Geschichte ist voll mit ungez\u00e4hlten Wanderungsbewegungen. Aber neben der gr\u00f6\u00dften, immer da gewesenen Bewegung, die unaufhaltsam voranschreitet und sich zur Freiheit, zu sich selbst und zum Morgen erstreckt, neben der Begeisterung und Freiwilligkeit dieser nicht r\u00e4umlichen Bewegung werden die anderen stets orientierungslose Produkte des &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/12\/ein-brief-von-ossi\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ein Brief von Ossi... - graswurzelrevolution","description":"Im Zelt von Mamak, 31. Oktober 1996 Freundinnen und Freunde, die Geschichte ist voll mit ungez\u00e4hlten Wanderungsbewegungen. Aber neben der gr\u00f6\u00dften, immer da gewe"},"footnotes":""},"categories":[80,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-808","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-214-dezember-1996","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/808","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=808"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/808\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=808"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=808"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}