{"id":8089,"date":"2007-05-01T00:00:18","date_gmt":"2007-04-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8089"},"modified":"2022-07-26T14:24:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:20","slug":"die-gewalt-der-globalisierung-und-die-globalisierung-der-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/05\/die-gewalt-der-globalisierung-und-die-globalisierung-der-gewalt\/","title":{"rendered":"Die Gewalt der Globalisierung und die Globalisierung der Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Der gerade diskutierte zweite Teil des UN-Klimaberichts geht davon aus, dass die von Menschen verursachten Ver\u00e4nderungen des Weltklimas durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe und vermehrte Freisetzung von Treibhausgasen wie Kohlendioxid und Methan die Lebensgrundlagen von Milliarden Menschen angreifen, dass vor allem die \u00c4rmsten und ohnehin Bedrohten gef\u00e4hrdet sind. Das weitere Ansteigen des Meeresspiegels werde Inseln und ganze Landstriche \u00fcberfluten, die h\u00e4ufiger auftretenden extremen Wetterlagen, D\u00fcrren und Hochwasser bedrohten auch L\u00e4nder, die bislang nicht als akut gef\u00e4hrdet galten. Tierarten und Pflanzensorten seien vom Aussterben bedroht. Und dies geschehe schneller als bisher erwartet.<\/p>\n<p>Das Abschmelzen der Gletscher vieler Gebirge, der auftauende Permafrost in der Tundra und das abschmelzende Eis in Gr\u00f6nland und an den Polen waren deutliche Zeichen.<\/p>\n<p>Tendenzen hin zu unregelm\u00e4\u00dfigen Vegetationsperioden, ver\u00e4nderten Vorkommen von Tieren und Pflanzen, etwa von Fischen in der Nordsee oder das Ausbleiben des Vogelzuges bei Zugv\u00f6geln sind zu beobachten.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Konflikte gab es um die &#8222;Zusammenfassung f\u00fcr politische Entscheidungstr\u00e4ger&#8220;, denn die Vertreter der L\u00e4nder mit dem meisten CO2-Aussto\u00df, aufstrebende Energieverbraucher und notorische FortschrittsoptimistInnen versuchten, die \u00f6ffentlich aufgenommenen Ergebnisse und Empfehlungen abzuschw\u00e4chen. Man m\u00fcsse schlie\u00dflich sehen, dass die Erw\u00e4rmung auch Heizkosten spare, h\u00e4ufigere und bessere Ernten in manchen Teilen der Welt erm\u00f6gliche, dass die Erw\u00e4rmung der Atmosph\u00e4re erdgeschichtlich gerade neue Arten hervorgebracht habe&#8230;<\/p>\n<h3>\u00dcberraschungen: Die Krise als Chance?<\/h3>\n<p>Es \u00fcberrascht, dass auf eine 1500 Seiten starke Studie schnell politische Antworten ver\u00f6ffentlicht wurden. Die Maschine, die Krisen gar nicht mehr anders denn als &#8222;Chance&#8220; wahrnehmen kann, produziert sofort neue &#8222;Hoffnungstr\u00e4ger&#8220;, und sei es der G 8-Gipfel, der sich in Heiligendamm mit dem Thema Klima befassen werde.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend ist, dass auch gut informierte BeobachterInnen, die erkennen, dass die Haupt-Leidtragenden des Klimawandels arme Bev\u00f6lkerungen in Bangladesh oder Burundi sind, deren Beitrag zur Klimaver\u00e4nderung kaum messbar und deren CO2-Aussto\u00df minimal ist, angesichts der &#8222;apokalyptischen Szenarien&#8220; &#8211; in politischen Optimismus verfallen:<\/p>\n<p>&#8222;Das Klimathema hat tats\u00e4chlich das Potential, die Welt zu verbessern. Nicht weil hier jemand moralisch argumentiert. Sondern weil ohne Gerechtigkeit gar nichts mehr geht.&#8220;<strong> <\/strong>((1))<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Es ist die vorschnelle Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm kommen, die Menschheit werde sich zusammenschlie\u00dfen gegen den scheinbar gemeinsamen Feind, hier kein Angriff von fernen Sternen, aber doch auch aus der H\u00f6he. Es wird so getan, als sei die Forderung der Vernunft (wessen Vernunft?) schon deren unvermeidliche Realisierung &#8211; w\u00e4hrend in Wirklichkeit das Gegenteil institutionalisiert ist: Da gibt es ganz andere Rationalit\u00e4ten, die zuerst leugnen, dann in Selbstschutz investieren und am Ende die sozialdarwinistische Parole &#8222;Survival of the fittest&#8220; herausschreien. Wir haben es hier mit jenem scheinbaren &#8222;Realismus&#8220; zu tun, der stets nur eine Form der Ausblendung von Wirklichkeiten ist:<\/p>\n<p>&#8222;Zum Realismus geh\u00f6rt neben den Investitionen in Deiche und Solaranlagen aber auch ein Begriff, der bislang den Gutmenschen vorbehalten war: Gerechtigkeit. Nur eine faire Behandlung der Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder wird das Schlimmste f\u00fcr alle verhindern. Sie brauchen Geld, saubere Technik, faire Handelsbeziehungen und Hilfe bei der Forschung und sie werden sie bekommen.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Das mag sogar sein, aber ein solcher Deal zwischen Eliten w\u00e4re noch lange nicht Gerechtigkeit. Noch ganz in der Sprache der Babyboomer des schon vor Jahren zusammengebrochenen &#8222;neuen Marktes&#8220; kann man sich &#8222;Gerechtigkeit&#8220; nur als Thema der verachteten &#8222;Gutmenschen&#8220; vorstellen, womit wahrscheinlich alle getroffen werden sollen, die keinem der zahlreichen Realismus-Angebote anh\u00e4ngen, Realismen, die allesamt in die Katastrophe f\u00fchren. Schauen wir sie uns an:<\/p>\n<h3>Leerlaufende b\u00fcrokratische Routine, vorgegebene L\u00f6sungen<\/h3>\n<p>Es gibt keine Gefahren mehr, nur noch Risiken: Alles eine Frage der Versicherungsmathematik.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnen \u00fcberhaupt Probleme nur so begriffen und definiert werden, dass die vorab gefundenen, immer schon vorhandenen &#8222;L\u00f6sungen&#8220; abgerufen werden. Knappheit, sagt der \u00d6konom, muss sich nat\u00fcrlich im Preis ausdr\u00fccken. Politik? Macht daraus ein Thema f\u00fcr symbolisches Handeln. Oder ein Wahlkampfthema. Betont ihre Verantwortung, zeigt F\u00fchrungskraft. Ein typisches Beispiel solcher &#8222;\u00f6kologischer Kommunikation&#8220;, eines politischen Marketings ist etwa die Kampagne f\u00fcr &#8222;Energiesparlampen&#8220;: In Australien &#8211; einem bekannten Vorreiter des Klimaschutzes &#8211; gibt es gar das Verbot traditioneller Gl\u00fchbirnen zugunsten der Energiesparlampen.<\/p>\n<p>Dass diese zum Teil bedenkliche elektromagnetischer Felder erzeugen, \u00fcber deren Wirkungen wenig \u00f6ffentlicher Streit gef\u00fchrt wird; dass sie vor allem aber Quecksilber enthalten, das \u00fcber den Hausm\u00fcll (bisher landen die Sparlampen zu 90% im Hausm\u00fcll)3 die Umwelt belastet, wird dabei gerne \u00fcbersehen. Haupts\u00e4chlich werden Billigprodukte gekauft: Diese halten nicht lange, m\u00fcssen also \u00f6fters durch neue Lampen ersetzt werden, verschmutzen durch Quecksilber wie den erh\u00f6hten Material- und Energieverbrauch bei der Produktion die Umwelt &#8211; verschaffen aber zun\u00e4chst der &#8222;politischen F\u00fchrung&#8220; das Alibi, etwas &#8222;Nachhaltiges&#8220; unternommen zu haben.<\/p>\n<p>Es ist haupts\u00e4chlich deren &#8222;Umwelt&#8220;, die so gesch\u00fctzt wird.<\/p>\n<h3>Technische &#8222;L\u00f6sungen&#8220;<\/h3>\n<p>Wenn \u00fcberhaupt, dann werden Probleme als technische Aufgaben wahrgenommen, die durch neue Produkte, innovative Strategien bearbeitet werden sollen.<\/p>\n<p>Dass es keine Technik gibt, die nicht Niederschlag sozialer Verh\u00e4ltnisse und Ausdruck politisch-sozialer Strategien ist, bleibt dem technokratischen Bewusstsein verborgen. Also bringt das Brainstorming auch zum Klimawandel eine F\u00fclle alter und neuer Technik auf die Tagesordnung: Gentechnisch angepasste Pflanzen, die mit weniger Wasser auskommen oder h\u00f6here Ertr\u00e4ge bieten sollen, sind ein Beispiel. Wasserentsalzungsanlagen, h\u00f6here D\u00e4mme, das Abdecken von Gletschern mit Folien gegen die Sommersonne, neue Formen der Energiegewinnung (denn auch viele der technischen Alternativen verbrauchen viel Energie), sparsamere Elektroger\u00e4te&#8230; &#8211; die Liste ist unendlich, und vieles davon wird tats\u00e4chlich gebaut werden. Es gibt dabei strategisch wichtige Technologien, die in ihrer sozialen Bedeutung durch die K\u00e4mpfe der letzten Jahrzehnte markiert wurden.<\/p>\n<p>Die Krise bietet auch hier die Chance auf einen Durchbruch. Dazu z\u00e4hlen &#8222;von oben&#8220; betrachtet vor allem die Gentechnik und die Atomenergie. Jede neue Gro\u00df-Technologie braucht zu ihrer Durchsetzung das Versprechen, ein gravierendes gesellschaftliches Problem zu l\u00f6sen oder sp\u00fcrbare Verbesserungen zu bewirken.<\/p>\n<h3>Renaissance der Atomenergie?<\/h3>\n<p>Der Kampf um die Rohstoffe ist l\u00e4ngst entbrannt. Au\u00dfenpolitik wird zunehmend Energiepolitik. Was zun\u00e4chst als Sicherung knapper Energiequellen erscheint, kann bald schon Abh\u00e4ngigkeit und Erpressbarkeit signalisieren. Lange galt den Regierungen der Ausbau der Atomenergie als gute Aussicht, Strom zu erzeugen und mit (angeblich) billiger elektrischer Energie weiteres Wachstum sicher zu stellen.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegung spielt derzeit mehr im Hintergrund eine Rolle; nun ist der CO2-Aussto\u00df zum gro\u00dfen Propagandathema f\u00fcr Atomenergie geworden.<\/p>\n<p>Allerdings ist die &#8222;friedliche&#8220; Nutzung der Atomenergie nur ein Abfallprodukt der milit\u00e4rischen, zu Beginn nur eine &#8222;friedliche&#8220; Legitimation gewesen.<\/p>\n<p>Der milit\u00e4rische Charakter dieser Form der Energiegewinnung wird immer wieder deutlich: Es ist ein enormer Sicherheits- und Kontrollaufwand notwendig, Sicherheitsvorkehrungen, die alle Klima- und sozialen Ver\u00e4nderungen \u00fcberdauern m\u00fcssten, wenn sie nicht katastrophale Folgen haben sollten. AKWs sind potentielle Anschlagsziele tats\u00e4chlich terroristischer Kriege.<\/p>\n<p>Und: <em>Proliferation<\/em>, das ist schon wieder ein Kriegsgrund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gerade diskutierte zweite Teil des UN-Klimaberichts geht davon aus, dass die von Menschen verursachten Ver\u00e4nderungen des Weltklimas durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe und vermehrte Freisetzung von Treibhausgasen wie Kohlendioxid und Methan die Lebensgrundlagen von Milliarden Menschen angreifen, dass vor allem die \u00c4rmsten und ohnehin Bedrohten gef\u00e4hrdet sind. 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