{"id":8093,"date":"2007-05-01T00:00:10","date_gmt":"2007-04-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8093"},"modified":"2022-07-26T14:14:53","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:53","slug":"projekt-eilhardshof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/05\/projekt-eilhardshof\/","title":{"rendered":"Projekt &#8222;Eilhardshof&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Und das damit auch nach einer libert\u00e4ren Antwort auf ein gesellschaftliches Problem sucht, das Millionen betrifft und in den kommenden Jahrzehnten enorme gesellschaftliche Brisanz erlangen d\u00fcrfte: das Leben im Alter. Weit davon entfernt, ein &#8222;Seniorenprojekt&#8220; zu sein, packen die mehr als 30 InitiatorInnen im Alter zwischen 1 Woche und 60 Jahren ihr Lebensprojekt mit Elan und frischen Ideen an.<\/p>\n<p>Einer Studie des renommierten BAT-Freizeitforschungsinstituts zufolge bezeichnen zw\u00f6lf Prozent der Menschen in diesem Land als ihren &#8222;Zukunftstraum&#8220; eine Wohngemeinschaft in einem Haus, &#8222;in dem mehrere Generationen eine eigene Wohnung haben und jederzeit in Gemeinschaftsr\u00e4umen zusammenkommen k\u00f6nnen, aber nicht m\u00fcssen&#8220;.<\/p>\n<p>Diesem Traum steht eine eher triste Realit\u00e4t gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Unbezahlbare Mieten, soziale Vereinsamung, Abstieg in die Armut &#8211; so sieht f\u00fcr immer mehr Menschen die Realit\u00e4t aus, von der Zukunft ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>In W\u00fcrde alt zu werden wird zunehmend zu einem Luxusgut, das sich immer weniger leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Wirtschaftlichkeit&#8220; wird zum Ma\u00df aller Dinge, der Mensch zum blo\u00dfen &#8222;Humankapital&#8220;.<\/p>\n<p>Sein Leben hat sich an seinem Arbeitsplatz auszurichten &#8211; sofern er denn einen hat. In einer Gesellschaft, in der Vereinzelung und soziale K\u00e4lte Schritt f\u00fcr Schritt in unseren Alltag vordringen, verlieren insbesondere \u00e4ltere Menschen ihren &#8222;Wert&#8220;, werden ruhiggestellt und abgeschoben.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden wir alle von dieser Problematik betroffen sein; wer das Pech hat, krank zu werden, den kann es in jedem Augenblick treffen. All dies stellt ein enormes gesellschaftliches Potenzial dar, das nach einer emanzipatorischen und antikapitalistischen Alternative geradezu verlangt.<\/p>\n<p>Allerdings waren libert\u00e4r inspirierte Wohn- und Lebensprojekte bisher \u00fcberwiegend eine Dom\u00e4ne j\u00fcngerer Jahrg\u00e4nge, und besetzte H\u00e4user oder Landkommunen d\u00fcrften in dieser Hinsicht wohl eher nicht als attraktive Alternativen wahrgenommen worden sein. Insofern betritt das Projekt Eilhardshof in gewissem Sinne tats\u00e4chlich &#8222;Neuland&#8220; &#8211; es bringt das Thema &#8222;Alter&#8220; in den libert\u00e4ren Diskurs ein und bietet zugleich eine praktische Antwort.<\/p>\n<p>Es verwundert nicht, dass eine der Wurzeln zu diesem Projekt in die WESPE (Werk Selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen) hineinreicht, dem Neustadter Ableger des &#8222;Projekt A&#8220;, von dem am Ort einige Unternehmen und Strukturen auch die heftigsten Krisen \u00fcberlebt haben. Auch hier war der Anspruch, libert\u00e4re Essentials in den Alltag zu integrieren und am praktischen Beispiel vorzuleben.<\/p>\n<p>Und so finden sich denn auch beim Projekt &#8222;Eilhardshof&#8220; \u00e4ltere WESPE-Veteranen ebenso wie Libert\u00e4re der j\u00fcngeren Generation und Menschen, die sich f\u00fcr &#8222;Politik&#8220; bisher \u00fcberhaupt nicht interessiert haben.<\/p>\n<h3>Eine ideale Immobilie<\/h3>\n<p>\u00dcber zwei Jahre hat die Suche nach einer geeigneten Immobilie gedauert und die Gruppe vor gro\u00dfe Herausforderungen gestellt. Schlie\u00dflich konnte im Februar ein notarielles Kaufangebot f\u00fcr den &#8222;Eilhardshof&#8220; ausgehandelt werden, ein am Stadtrand gelegenes Ensemble aus f\u00fcnf Geb\u00e4uden, das f\u00fcr das Vorhaben geradezu ideale Voraussetzungen bietet. Der &#8222;Eilhardshof&#8220; mit seinem gro\u00dfen Park ist \u00fcber drei Jahrhunderte gewachsen und lag w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte in einem Dornr\u00f6schenschlaf. Ehemalige Wirtschaftsgeb\u00e4ude, eine M\u00fchle, Stallungen und das Herrenhaus wurden lange Zeit als Fabrikantenvilla genutzt. In einer stufenweisen Sanierung sollen alle Fl\u00fcgel umgebaut und nach den W\u00fcnschen der Bewohnerinnen und Bewohner in Wohnungen, Appartements, Klein-WGs und Gemeinschaftsr\u00e4ume aufgegliedert werden.<\/p>\n<p>Hierbei spielen \u00f6kologische Aspekte ebenso eine Rolle wie behindertengerechter Ausbau und Belange des Denkmalschutzes. Ein entsprechendes Raumkonzept soll den Umzug innerhalb des ann\u00e4hernd 1.700 m2 gro\u00dfen Wohnbereichs erleichtern, falls sich der Platzbedarf alters- oder generationsbedingt ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich sollen geeignete R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr kulturelle Veranstaltungen, soziale Begegnungen, politische Initiativen sowie Kleingewerbe, Bibliothek, Tagungsr\u00e4ume, Werkst\u00e4tten und Hobbybereiche entstehen.<\/p>\n<p>Der Eilhardshof ist eben nicht als abgeschottetes Seniorenheim konzipiert, sondern als lebendiger Ort, an dem sich Menschen jeden Alters begegnen &#8211; nicht nur diejenigen, die dort wohnen. Zur sozialen Attraktivit\u00e4t des Projektes d\u00fcrfte auch das libert\u00e4re Dokumentationszentrum &#8222;Das AnArchiv&#8220; beitragen, das im Jahre 2005 nach fast 35 Jahren Existenz seine umfangreiche Bibliothek schlie\u00dfen musste (vgl. &#8222;Projekt A \/ Plan B&#8220;, in: GWR 304 \/ Dez. 05) und nun im Eilhardshof seinen endg\u00fcltigen Standort finden soll.<\/p>\n<h3>Ein soziales Projekt<\/h3>\n<p>Das Projekt Eilhardshof ist Mitglied im Freiburger &#8222;Mietsh\u00e4usersyndikat&#8220; und teilt die sozialen und ethischen Grunds\u00e4tze dieses Netzwerks, in dem sich mittlerweile an die 30 existierende Wohnprojekte in ganz Deutschland organisiert haben; ebensoviele befinden sich in Gr\u00fcndung. Das Credo des &#8222;Syndikats&#8220; besteht &#8211; kurz gesagt &#8211; in der Schaffung von bezahlbaren Wohnraum in Selbstorganisation f\u00fcr Menschen mit wenig Geld. Die betreffende Immobilie wird dabei Gemeinschaftseigentum einer GmbH, an der das Syndikat 49 und die in einem Verein organisierte Mieterschaft 51 Prozent Anteile halten.<\/p>\n<p>So bleibt garantiert, dass die BewohnerInnen ihre Belange frei und autonom regeln k\u00f6nnen &#8211; die Sperrminorit\u00e4t des Syndikats dient einzig der Festschreibung der sozialen Ziele und der solidarischen Kapitalr\u00fcckf\u00fchrung.<\/p>\n<p>So wird beispielsweise gew\u00e4hrleistet, dass die Immobilie &#8211; auch bei Wertsteigerung &#8211; immer in Gemeinbesitz bleibt und dadurch dem Immobilienmarkt dauerhaft entzogen wird; nach der Refinanzierung des Objekts flie\u00dfen die Mieteinnahmen in eine Solidarkasse, aus der u.a. neue Projekte gef\u00f6rdert werden. Die clevere Idee einer Kombination von GmbH und Verein sowie der Grundsatz, alle Projekte ausschlie\u00dflich auf Mietverh\u00e4ltnissen aufzubauen, macht den pers\u00f6nlichen Ein- und Ausstieg relativ unproblematisch und tr\u00e4gt dadurch offenbar zu der erstaunlichen Stabilit\u00e4t bei, die solche Projekte seit mehr als 15 Jahren beweisen.<\/p>\n<h3>Eine solidarische Finanzierung<\/h3>\n<p>Auch das Finanzierungskonzept des Freiburger Modells ist auf dem Solidargedanken aufgebaut &#8211; denn Menschen, die solche Ideen vorantreiben, geh\u00f6ren naturgem\u00e4\u00df eher nicht zu den Reichen der Gesellschaft. Die Differenz zwischen Eigenkapital und der Investitionsh\u00f6he muss deshalb auch hier durch Kredite finanziert werden &#8211; allerdings mit einem bedeutenden Unterschied: &#8222;Solidarprojekte&#8220; finanzieren sich durch hunderte von kleinen &#8222;Direktkrediten&#8220;, die von Menschen gew\u00e4hrt werden, die diese Idee gut und unterst\u00fctzenswert finden: Eine Form von echtem &#8222;ethischem Investment&#8220; also, denn das Darlehen dient einem guten sozialen Zweck und bringt zugleich mehr Zinsen als ein Sparbuch. (Und wer das Projekt besonders f\u00f6rdern m\u00f6chte, darf nat\u00fcrlich auch auf seine Zinsen verzichten.) Ab 500 Euro aufw\u00e4rts gew\u00e4hren Einzelpersonen der entsprechenden GmbH ein direktes und zweckgebundenes Darlehen, dessen Laufzeit, K\u00fcndigungsfrist und Verzinsung in einem Kreditvertrag geregelt werden.<\/p>\n<p>Die regul\u00e4re R\u00fcckzahlung erfolgt aus den Mieteinnahmen, in kurzfristigen F\u00e4llen &#8211; etwa wenn der Darlehensgeber in eine Notsituation ger\u00e4t &#8211; durch Umschuldung.<\/p>\n<p>Die Idee der Direktkredite ist einfach und hat sich seit fast 20 Jahren bei unz\u00e4hligen Projekten als derart solide bew\u00e4hrt, dass inzwischen auch &#8222;ganz normale&#8220; Banken oder Sparkassen als Finanzierungspartner auftreten &#8211; in der Vergangenheit war dies eher eine Dom\u00e4ne der auf Alternativprojekte spezialisierten GLS-Bank.<\/p>\n<p>Jedes Projekt wird von seiner Hausbank und den mittlerweile zu routinierten Fachleuten avancierten BeraterInnen des Mietsh\u00e4usersyndikats professionell begleitet. Und tats\u00e4chlich ist noch kein einziges der Syndikats-Projekte jemals an finanziellen Problemen gescheitert.<\/p>\n<p>In den 30 inzwischen existierenden Projekten, die mit einer Investitionssumme von 28 Millionen Euro aufgebaut wurden, leben inzwischen mehr als 850 Menschen. Wenn das kein Zeichen daf\u00fcr ist, wieviel Gro\u00dfes bewegt werden kann, wenn sich viele kleine solidarische Schritte zu einer starken Vision zusammenf\u00fcgen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und das damit auch nach einer libert\u00e4ren Antwort auf ein gesellschaftliches Problem sucht, das Millionen betrifft und in den kommenden Jahrzehnten enorme gesellschaftliche Brisanz erlangen d\u00fcrfte: das Leben im Alter. 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