{"id":8103,"date":"2007-05-01T00:00:38","date_gmt":"2007-04-30T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8103"},"modified":"2022-07-26T14:24:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:19","slug":"die-globalisierung-der-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/05\/die-globalisierung-der-gewalt\/","title":{"rendered":"Die Globalisierung der Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>In der Regel aber sind das Staaten, die eine koloniale Vergangenheit mit umstrittenen Grenzen haben. Oder es sind Staaten, deren ganz normale Politik in die Katastrophe gef\u00fchrt hat und die schlie\u00dflich durch soziale Krisen und staatliche Repression gegen &#8222;eigene&#8220; Bev\u00f6lkerungen ihre Legitimation einb\u00fc\u00dfen, sich nicht selten dann neue (etwa religi\u00f6se oder ethnische) Rechtfertigungen besorgen, vielleicht dazu die passende Schutzmacht. Sie bilden Zonen gro\u00dfer Unsicherheit f\u00fcr die Beherrschten, dann aber auch die umgebenden Staaten und schlie\u00dflich das internationale System, so dass fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Anstrengungen zu deren Stabilisierung oder Aufl\u00f6sung in &#8222;neue&#8220; Staatlichkeiten mit verbesserter Legitimationsgrundlage (etwa \u00dcbereinstimmung von Herrschaftsterritorium mit Nation, Religion, Sprache, Ethnie, was immer die &#8222;Identit\u00e4t&#8220; erm\u00f6glichen soll) unternommen werden.<\/p>\n<p>Auf dem Boden der vorherigen Grundordnung unl\u00f6sbar gewordene soziale Konflikte werden in der Regel ethnisiert, und das hei\u00dft tendenziell brutalisiert und militarisiert.<\/p>\n<p>Die neue Legitimation der Herrschaft wird von rigiden Wir-Sie-Abgrenzungen und -Zuschreibungen erwartet, die ausgrenzende und nicht selten rassistische Dimensionen haben.<\/p>\n<p>Die endg\u00fcltige Verfestigung solcher Zuschreibungen gelingt meist nur \u00fcber milit\u00e4rische Konfrontationen, die gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung in eine Entscheidung zwingen, zu welcher Seite, Ethnie, Religion sie sich &#8222;bekennen&#8220;, bei wem sie Schutz suchen und gegen wen sie sich verteidigen.<\/p>\n<p>Krieg wird so schnell zum Bewegungsgesetz der Nationenentstehung und Staatsgr\u00fcndung, oft von gro\u00dfer Brutalit\u00e4t (&#8222;ethnische S\u00e4uberung&#8220;) begleitet, damit die Trennung auch endg\u00fcltig wird und niemand sich der Parteinahme entziehen kann. Fluchtbewegungen und &#8222;Bev\u00f6lkerungstausch&#8220; sind die Folgen.<\/p>\n<h3>Kriegs\u00f6konomie<\/h3>\n<p>Wenn aus sozialer Not solche milit\u00e4rischen Eskalationen entstehen, so m\u00fcnden sie meist in eine regelrechte Kriegs\u00f6konomie, in der Bewaffnete das \u00dcbergewicht \u00fcber ZivilistInnen bekommen und der Krieg ganze Gruppen ern\u00e4hrt. Tendenzen zu solchen Kriegs\u00f6konomien entstehen auch aus lang andauernden bewaffneten Konflikten, an deren Beginn noch eine deutliche soziale und berechtigte Konfliktlage stand. Guerillabewegungen laufen Gefahr, nur noch ihrer Selbstreproduktion zu dienen, in den schlimmsten F\u00e4llen durch mafi\u00f6se Strukturen, die sich \u00fcber Drogenhandel, Zwangsrekrutierung und Korruption erhalten und l\u00e4ngst jeden emanzipatorischen Inhalt verloren haben (die Geschichte des Sendero Luminoso in Peru oder die FARC in Kolumbien sind Beispiele daf\u00fcr).<\/p>\n<p>Bewaffnete M\u00e4nnlichkeit verst\u00e4rkt sexistische Strukturen.<\/p>\n<p>Aber auch gegen unbewaffnete Massenbewegungen, die den Interessen kapitalistischer und staatlicher Eliten entgegentreten, wird h\u00e4ufig mit brutaler Gewalt agiert: Morde, Folter, Todesschwadronen und viele Formen auch legaler Repression bedrohen zivile Widerstandsbewegungen. Diese m\u00fcssen ein Interesse haben, eine milit\u00e4rische Eskalation zu vermeiden, die sie unweigerlich von ihren emanzipatorischen Zielen trennt, militarisiert und oft zudem gegen eine intakte Armee (die einzig noch funktionierende Struktur des Staates, in Wirklichkeit sein Kern), Paramilit\u00e4rs und von au\u00dfen milit\u00e4risch-logistisch verst\u00e4rkte Struktur nur in die Niederlage f\u00fchren kann. Statt dessen kann Solidarisierung gegen die milit\u00e4rischen Methoden sogar zur Ausweitung emanzipatorischer K\u00e4mpfe f\u00fchren und die Absichten von Kriegsherren vereiteln.<\/p>\n<h3>Interventionismus<\/h3>\n<p>Der Anspruch, ganz besonders der USA, keine Zonen der Unsicherheit zuzulassen, in denen sich terroristische oder andere gef\u00e4hrliche Gruppen entwickeln k\u00f6nnen, hat den schon aus dem &#8222;kalten Krieg&#8220; vertrauten Praktiken der Intervention (tats\u00e4chlich: Invasion!), durch Stellvertreter oder verdeckte Operationen, auch durch Kriege einer niedrigen Eskalationsstufe, Auftrieb gegeben und neue Legitimationen hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Auch die europ\u00e4ischen Staaten haben ihre milit\u00e4rischen Planungen und die Ausrichtung ihrer Truppen von &#8222;Landesverteidigung&#8220; zunehmend auf weltweite Intervention umgestellt.<\/p>\n<p>Nicht mehr der Angriff auf das eigene Territorium gilt als Bedrohungsszenario, sondern ein &#8222;Risiko&#8220;, das sehr weit gefasst ist. Dazu geh\u00f6rt die Sicherung von Rohstoffquellen. Es geh\u00f6rt auch dazu, Zonen der &#8222;Instabilit\u00e4t&#8220; zu kontrollieren, eigene Staatsb\u00fcrgerInnen weltweit sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen, Fl\u00fcchtlingsbewegungen abzuweisen usw., kurz:<\/p>\n<p>Was als &#8222;Verteidigung&#8220; begriffen wird, hat sich globalisierend ausgedehnt, so dass der fr\u00fchere Kriegsminister Struck davon sprechen konnte, &#8222;unsere Freiheit&#8220; werde auch &#8222;am Hindukusch verteidigt&#8220;.<\/p>\n<p>In der Logik der &#8222;Risikoanalyse&#8220; ist das nur konsequent.<\/p>\n<p>Das Fatale an den &#8222;Sicherheitsrisiken&#8220; ist ihre enorme Vermehrung durch die Lage der Welt, die so eine wachsende F\u00fclle an Kriegsgr\u00fcnden hervorbringt.<\/p>\n<p>Diese werden als &#8222;gerechte Kriege&#8220; verstanden, denn es droht, der 11. September hat es bewiesen, Terror gegen die Zivilbev\u00f6lkerung der Metropolen.<\/p>\n<p>Und von den Rohstoffquellen abgeschnitten zu werden ist tats\u00e4chlich eine t\u00f6dliche Bedrohung f\u00fcr die bestehende \u00d6konomie der Industriestaaten. So bekommt der Kampf um die knapper werdenden Rohstoffe und die Konkurrenz um aussichtsreiche F\u00f6rdergebiete schnell eine milit\u00e4rische Dimension:<\/p>\n<p>Was n\u00fctzen Vertr\u00e4ge, wenn man deren Einhaltung nicht erzwingen kann?<\/p>\n<p>Es werden dabei nicht mehr die Massenheere Wehrpflichtiger gebraucht (diese sind eher f\u00fcr die Rekrutierung qualifizierten Personals und Verankerung des Milit\u00e4rs in der Gesellschaft erw\u00fcnscht), sondern BerufssoldatInnen, Spezialkr\u00e4fte f\u00fcr besondere Aufgaben, technisierte Gruppen und f\u00fcr Interventionen geeignete Kampftruppen.<\/p>\n<p>Eine Militarisierung der Gesellschaft wird es also weniger in den alten Formen geben &#8211; viele Soldaten, Zwangsdienste -, sondern tendenziell eher \u00fcber Computerspiele, Filme, sportlich-m\u00e4nnliche Diskurse, &#8222;F\u00fchrung&#8220; und &#8222;professionelles&#8220; Handeln.<\/p>\n<p>&#8222;Gerechte Kriege&#8220; werden durch Massenmedien propagiert; milit\u00e4rische Tugenden und K\u00f6rperbilder erleben eine Renaissance.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Regel aber sind das Staaten, die eine koloniale Vergangenheit mit umstrittenen Grenzen haben. Oder es sind Staaten, deren ganz normale Politik in die Katastrophe gef\u00fchrt hat und die schlie\u00dflich durch soziale Krisen und staatliche Repression gegen &#8222;eigene&#8220; Bev\u00f6lkerungen ihre Legitimation einb\u00fc\u00dfen, sich nicht selten dann neue (etwa religi\u00f6se oder ethnische) Rechtfertigungen besorgen, vielleicht &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/05\/die-globalisierung-der-gewalt\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Globalisierung der Gewalt - graswurzelrevolution","description":"In der Regel aber sind das Staaten, die eine koloniale Vergangenheit mit umstrittenen Grenzen haben. Oder es sind Staaten, deren ganz normale Politik in die Kat"},"footnotes":""},"categories":[476,1025],"tags":[],"class_list":["post-8103","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-319-mai-2007","category-die-waffen-nieder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8103","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8103"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8103\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}