{"id":8109,"date":"2007-05-01T00:00:37","date_gmt":"2007-04-30T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8109"},"modified":"2022-07-26T14:24:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:19","slug":"der-kampf-um-rohstoffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/05\/der-kampf-um-rohstoffe\/","title":{"rendered":"Der Kampf um Rohstoffe"},"content":{"rendered":"<p>So wurde z.B. dem Kongo der Besitz strategischer Rohstoffe zum Verh\u00e4ngnis. Schon das Uran in den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki stammte aus dem Kongo und die Diamanten halfen, den Krieg zu finanzieren, wie seitdem alle Kriege um die Kontrolle dieser Rohstoffe: Kobalt etwa, das in Raketen und anderen Waffensystemen verarbeitet wird.<\/p>\n<p>Es war ein wichtiges Motiv, warum im Kalten Krieg westliche Kontrolle \u00fcber das Land sichergestellt werden sollte, was bis zur Ermordung des Pr\u00e4sidenten Lumumba ging, der verd\u00e4chtigt wurde, sich an die Sowjetunion anzun\u00e4hern oder ein &#8222;Sicherheitsrisiko&#8220; darzustellen.<\/p>\n<p>Jahrzehnte kam der Reichtum des Landes nur der Familie des Diktators Mobutu und seinen politischen Freunden zugute. In den Staaten der Peripherie ist auch Korruption an der Tagesordnung, die sicherstellt, dass Zugang zu Arbeitspl\u00e4tzen, Ausbildung und einflussreichen Positionen nur bekommt, wer zahlungskr\u00e4ftig ist. Zahlungskr\u00e4ftig wiederum wird nur, wer Teil einer politischen Machterwerbsgruppe ist, die durch den Willen zu Macht und Reichtum zusammengehalten wird und sich letztlich auf Gewalt st\u00fctzt. Wer nicht Teil eines &#8222;Netzwerks&#8220; wird, bleibt ausgeschlossen von jeder &#8222;Entwicklung&#8220; und ist gar durch direkte Gewalt bedroht.<\/p>\n<p>Bis heute, es ist jetzt etwa Coltan, das in Handys verbaut wird, ist der Kampf um diese Rohstoffe der Hintergrund f\u00fcr die Kriege der Warlords, die ganze Provinzen unter ihre Kontrolle bringen, dort oft ein Schreckensregime errichten, das Kindersoldaten rekrutiert, Vergewaltigung und Terror gegen die unbewaffnete Bev\u00f6lkerung richtet und so Fluchtbewegungen ausl\u00f6st, weil an ein ziviles Leben und eine geordnete Agrarproduktion nicht mehr zu denken ist.<\/p>\n<p>Diese Situationen separatistisch zerfallender Staaten und brutaler, im schlimmsten Fall genozidaler \u00dcbergriffe wiederum bietet Gr\u00fcnde, oft auch Vorw\u00e4nde oder Anl\u00e4sse f\u00fcr die milit\u00e4rischen Invasionen von Nachbarl\u00e4ndern, die ein \u00dcbergreifen der Konflikte f\u00fcrchten, ethnisch definierte Loyalit\u00e4ten zu einer Kriegs-Partei unterhalten oder die Fl\u00fcchtlingsbewegungen als Bedrohung ihrer eigenen Stabilit\u00e4t erfahren.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt werden Interventionen von den dominanten Akteuren des internationalen Systems teils gefordert, von den Bedrohten selbst, von humanit\u00e4ren Institutionen und Lobbygruppen, aus der Hierarchie der hegemonialen Staaten oder der UN, die ebenfalls destabilisierende Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, ein &#8222;Einsickern&#8220; terroristischer Gruppen, ein \u00dcbergreifen des Konflikts auf eine ganze Region &#8211; und den Verlust wertvoller Rohstoffquellen f\u00fcrchten. So n\u00e4hrt der Krieg den Krieg, und siegreiche milit\u00e4rische Macht wird durch Vertr\u00e4ge belohnt, die dauerhaften Einfluss in der Region, Zugriff auf Rohstoffe und Mittel des Wiederaufbaus und der &#8222;Entwicklung&#8220; sichern.<\/p>\n<p>Ein Blick, der nur den momentanen Ausschnitt des Konfliktverlaufs betrachtet und die Kolonialherrschaft als pr\u00e4gende Gewalterfahrung nicht ber\u00fccksichtigt, kann leicht, von den Massenmedien mit Bildern der Despoten Mobutu oder Idi Amin agitiert, annehmen, Afrika habe keine demokratischen Traditionen. Dabei sind sie nur versch\u00fcttet, die VertreterInnen oft verfolgt und umgebracht. Auch der Tribalismus ist nicht selten erst durch die Spalte-und herrsche-Politik der Kolonialm\u00e4chte und sp\u00e4terer Machterwerbsgruppen entstanden. W\u00fcrde man nur das Wirken der Kolonialm\u00e4chte etwa im Kongo betrachten, m\u00fcsste man schlie\u00dfen, &#8222;der Westen&#8220; habe keine demokratische Traditionen, sondern kenne nur Nilpferdlederpeitschen und K\u00f6rperstrafen bis zum Mord.<\/p>\n<h3>Wasser als umk\u00e4mpfter Rohstoff<\/h3>\n<p>Zu den umk\u00e4mpften Rohstoffen geh\u00f6rt inzwischen ein Stoff, von dem die Physik lehrt, dass er gar nicht verschwinden kann oder weniger wird: Wasser.<\/p>\n<p>Aber die Klimaver\u00e4nderungen und industrielle Verschmutzung haben auch hier gravierende Auswirkungen, so dass sauberes Trinkwasser in noch mehr Regionen der Erde knapp werden kann. Bodenversiegelungen und Flussbegradigungen k\u00f6nnen \u00dcberschwemmungen verursachen oder verst\u00e4rken, Meerwasser kann bei \u00dcberschwemmungen S\u00fc\u00dfwasser kontaminieren; D\u00fcrren und Verw\u00fcstungen sind in vielen Teilen der Erde eine direkte Gefahr f\u00fcr die Menschen.<\/p>\n<p>Wenn das Flusswasser zu schmutzig ist oder Fl\u00fcsse austrocknen, wird Grundwasser mit Diesel- oder Elektropumpen aus der Tiefe besorgt. Aber auch diese Vorr\u00e4te k\u00f6nnen knapp werden, verschmutzt werden oder Trockenheit an der Erdoberfl\u00e4che zur Folge haben. Besonders f\u00fcr die Landwirtschaft hat das weitreichende Folgen, denn ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4che weltweit wird bew\u00e4ssert. Wassertransporte, Staudammbauten und andere technische &#8222;L\u00f6sungen&#8220; verschieben in der Regel das Problem nur, verursachen praktisch aber Zwangsumsiedlungen Hunderttausender, die als Opfer des &#8222;Fortschritts&#8220; nicht z\u00e4hlen und woran sich weltweit Widerstand entz\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die marktwirtschaftliche L\u00f6sung, dass alles einen Preis bekommt und Privateigentum wird, ist angesichts der Knappheit des Gutes aus Sicht der Marktstrategen nur konsequent, bedeutet aber, dass Verschwendung und Verdursten nebeneinander bestehen, ganz nach Zahlungskraft. Und die letzten &#8222;freien G\u00fcter&#8220;, Wasser und Luft, werden auch kapitalistischer Verwertung zugef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Im schlimmsten Fall kann das knappe Gut Wasser zum Kriegsgrund werden, etwa wenn ein Fluss gestaut oder umgeleitet wird und D\u00fcrre an seinem Unterlauf die Folge ist (so z.B. der Ilisu-Staudamm im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei, wodurch Syrien und der Irak vom Wohlwollen der t\u00fcrkischen Staudammbesitzer abh\u00e4ngig werden).<\/p>\n<p>Hier wie \u00fcberall gibt es eine dezentrale Alternative: Vermeidung von Verschmutzung, sparsamer Verbrauch, Sammlung von Regenwasser und Erhaltung der Flussl\u00e4ufe und Bew\u00e4sserungstechniken.<\/p>\n<p>Wenn aber in der Wasserpolitik die Tendenzen der letzten Jahre nicht gebrochen werden, so drohen Missernten mit den Folgen Hunger oder dauernde Abh\u00e4ngigkeit von Nahrungsmittelspenden in vielen L\u00e4ndern der &#8222;Dritten Welt&#8220;, gerade den besonders bev\u00f6lkerungsreichen, die auf k\u00fcnstliche Bew\u00e4sserung angewiesen sind.<\/p>\n<h3>&#8222;Nachwachsende Rohstoffe&#8220;?<\/h3>\n<p>Auch hier wird von oben eine optimistische, schnelle L\u00f6sung propagiert, ohne die Nebenfolgen solcher industrieller L\u00f6sungsans\u00e4tze bei gleich bleibenden kapitalistischen Bedingungen auch nur zu bedenken oder als Problem wahrzunehmen.<\/p>\n<p>&#8222;Nachwachsende Rohstoffe&#8220; gelten inzwischen als geeigneter Weg, fossile Brennstoffe zu ersetzen. \u00c4thanol und Biodiesel erscheinen auch den Hauptenergieverbrauchern als akzeptable Form, ihren Hunger nach Erd\u00f6l zu reduzieren. So warnt inzwischen sogar George W. Bush vor der &#8222;Suchtabh\u00e4ngigkeit&#8220; vom Erd\u00f6l. In Mexiko stiegen prompt die Preise f\u00fcr Grundnahrungsmittel, als die USA begannen, Mais zur Herstellung von \u00c4thanol zu verwenden.<\/p>\n<p>In den Staaten Lateinamerikas ist eine Kontroverse entstanden, die auf handfeste Interessengegens\u00e4tze zur\u00fcckgeht: W\u00e4hrend Brasiliens Pr\u00e4sident Lula f\u00fcr sein Land eine gro\u00dfe Zukunft als Lieferant von Biorohstoffen sieht (Zuckerrohr sei ein umweltfreundlicher Energietr\u00e4ger und absorbiere Kohlendioxid) ((1)), warnte Castro davor, drei Milliarden Menschen k\u00f6nnten verhungern, weil die USA deren t\u00e4gliches Brot verfl\u00fcssigen und in ihre Benzintanks f\u00fcllten.<\/p>\n<p>Auch Venezuelas Pr\u00e4sident Ch\u00e1vez, erd\u00f6lexportierend, warnte vor den Biotreibstoffen, w\u00e4hrend Brasilien ein internationales Forum f\u00fcr Biotreibstoffe unterst\u00fctzt, dem au\u00dfer den USA noch China, Indien, S\u00fcdafrika und die EU angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die scheinbare &#8222;L\u00f6sung&#8220;, durch &#8222;nachwachsende Rohstoffe&#8220; den Verbrauch fossiler Energien zu drosseln und weniger Kohlendioxid freizusetzen, l\u00f6st allerdings wiederum eine Bewegung aus, nicht nur landwirtschaftliche Fl\u00e4chen der Nahrungsmittelproduktion zu entziehen, sondern auch weitere Waldfl\u00e4chen zugunsten agrarindustrieller Monokulturen zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>So warnt die Aktion &#8222;Rettet den Regenwald&#8220; nun eindringlich vor den Folgen dieser Strategie. Ein Beispiel: F\u00fcr die Gemeinde Schw\u00e4bisch Hall ist es billiger, ein Blockheizkraftwerk (zweifellos \u00f6kologisch positiv zu bewerten!) zur Produktion von Strom und W\u00e4rme mit Palm\u00f6l aus Malaysia zu betreiben als mit Raps\u00f6l. Aber die Palm\u00f6lplantagen verursachen in Malaysia und anderen L\u00e4ndern gerade die Abholzung des Regenwaldes ((2)), damit die Zerst\u00f6rung der Artenvielfalt, zum Schluss wahrscheinlich eine Erosion der B\u00f6den und hohe Aufwendungen f\u00fcr k\u00fcnstliche D\u00fcngung. Schon jetzt werden massiv Agrarchemikalien eingesetzt, die vor allem in vielen L\u00e4ndern der &#8222;Dritten Welt&#8220; zu Gesundheitssch\u00e4den f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Land f\u00fcr die Plantagen in der &#8222;Dritten Welt&#8220; wird nicht selten sogar durch Brandrodung gewonnen, wodurch nicht nur der Wald, sondern auf Borneo etwa auch die Torfschichten darunter zerst\u00f6rt werden. Und diese Br\u00e4nde belasten die Erdatmosph\u00e4re mit &#8211; CO2! Eine wahrhaft tolle \u00d6konomie!<\/p>\n<p>Das Interesse der Eliten und Regierungen ist auch offensichtlich nicht, die Einkommensquellen der lokalen Bev\u00f6lkerung durch die Mangrovenw\u00e4lder zu sch\u00fctzen, sondern die zahlungskr\u00e4ftige Nachfrage des Weltmarktes auszunutzen. Im Gegensatz zu dem verbreiteten Glauben, der Staat sei Schutz gegen die Irrationalit\u00e4ten des Marktes, zeigt er sich hier als Instrument der instrumentellen und \u00f6konomischen Rationalit\u00e4t dieses Marktes. In vielen L\u00e4ndern vertreibt er gerade Kleinbauern und ihre Familien, deren Land anders besser verwertet werden kann.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung von Resten der Subsistenz\u00f6konomie und einer Produktion f\u00fcr lokale Bed\u00fcrfnisse wird alle anderen Probleme versch\u00e4rfen: Flucht und Migration aus Gebieten, die das \u00dcberleben nicht mehr sichern und drohen, zu Kriegs- oder B\u00fcrgerkriegs\u00f6konomien zu werden; Verarmung, die zu sich versch\u00e4rfenden Konflikten f\u00fchren kann, oft mit &#8222;ethnischen&#8220;, rassistischen oder religi\u00f6s begr\u00fcndeten Fundamentalismen ideologisch abgesichert; internationale Interventionen, um &#8222;Zonen der Unsicherheit&#8220; und Fl\u00fcchtlingsbewegungen zu kontrollieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So wurde z.B. dem Kongo der Besitz strategischer Rohstoffe zum Verh\u00e4ngnis. 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