{"id":8163,"date":"2007-05-01T00:00:02","date_gmt":"2007-04-30T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8163"},"modified":"2022-07-26T14:24:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:20","slug":"die-atomare-globalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/05\/die-atomare-globalisierung\/","title":{"rendered":"Die atomare Globalisierung"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in Deutschland alle Welt noch \u00fcber den angeblich beschlossenen Atomausstieg im eigenen Land diskutiert, hat sich die Atomindustrie l\u00e4ngst globalisiert. Selbst unter Rot-Gr\u00fcn wurde sie dabei unbehelligt gelassen und konnte ihre Marktposition ausbauen.<\/p>\n<p>Auf einem Weltmarkt mit rund 430 Atomkraftwerken ziehen einige wenige Akteure die F\u00e4den, mitten dabei deutsche Atomkonzerne und -technik.<\/p>\n<p>Nach Tschernobyl wurde es zu einem Allgemeinplatz, dass die Folgen der Atomenergie global zu sp\u00fcren sind. Die radioaktive Wolke zog 1986 rund um den Erdball. Doch diese Erkenntnis hat in der realen Arbeit der Anti-Atom-Bewegten nicht immer den erforderlichen Niederschlag gefunden. Grenz\u00fcberschreitende Zusammenarbeit (ganz zu schweigen von einer globalen Vernetzung des Anti-Atom-Widerstands) ist nicht leicht aufzubauen und scheitert oft schon an Sprachschwierigkeiten und Entfernungsproblemen. Ein Blick auf die Aktivit\u00e4ten der Atomindustrie macht jedoch die Notwendigkeit internationaler Anti-Atom-Kooperationen deutlich.<\/p>\n<p>An vier Beispielen sollen die Globalisierungsbestreben der deutschen und westeurop\u00e4ischen Atomindustrie skizziert werden: Urenco, E.ON, Siemens und die HTR-Technologie stehen exemplarisch f\u00fcr das Streben der Atomlobby nach weltweiten Auftr\u00e4gen.<\/p>\n<h3>Beispiel 1 &#8211; Urenco<\/h3>\n<p>Die Urenco ist ein multinationales Unternehmen, das zu je einem Drittel dem britischen und niederl\u00e4ndischen Staat sowie zu je einem Sechstel E.ON und RWE geh\u00f6rt. Was in Gronau manchmal wie ein typisch mittelst\u00e4ndisches westf\u00e4lisches Unternehmen wirkt, ist in Wirklichkeit ein aggressiv auftretender staatlich-privater Atomkonzern, der seinen Weltmarktanteil an der Urananreicherung drastisch ausbaut. Allein von 2005 auf 2006 stieg der Anteil nach eigenen Angaben von 19% auf 23%. Mit der Erweiterung der Urananreicherungsanlagen (UAA) in Gronau und Almelo (NL) sowie dem Neubau von UAAs in Pierrelatte\/Frankreich und New Mexico k\u00f6nnte Urenco in wenigen Jahren gut 40% des Weltmarktes mit angereichertem Uran beliefern.<\/p>\n<p>Durch die Kooperation mit dem franz\u00f6sischen Staatsunternehmen AREVA und den Einstieg in den US-Markt hat die Urenco strategisch wichtige Partner im G-8-Bereich gewonnen.<\/p>\n<p>Russland sorgt zudem f\u00fcr die Entsorgung des eigenen Uranm\u00fclls, w\u00e4hrend mit aufstrebenden Atomm\u00e4chten wie China, S\u00fcdafrika, S\u00fcdkorea und Brasilien beste Beziehungen gepflegt werden.<\/p>\n<p>Um es klar zu sagen: Urananreicherung macht nur Sinn, wenn man a) an die Zukunft der Atomkraft glaubt und\/oder b) milit\u00e4rische Ambitionen hegt. So wird die Urenco-Zentrifugentechnik f\u00fcr den Bau der pakistanischen Atombombe verantwortlich gemacht, die inzwischen auch in den Iran gelangt ist. Anders ausgedr\u00fcckt: Wer den Atomausstieg will, muss als erstes die Urananreicherungsanlagen stilllegen.<\/p>\n<p>Doch Rot-Gr\u00fcn hat beim &#8222;Ausstiegsgesetz&#8220; die Gronauer UAA nicht mal als Atomanlage definiert und ihr stattdessen einen unbegrenzten Blankoscheck f\u00fcr den Weiterbetrieb und massiven Ausbau ausgestellt. Ein Atomausstieg sieht anders aus.<\/p>\n<h3>Beispiel 2 &#8211; E.ON<\/h3>\n<p>E.ON ist der gr\u00f6\u00dfte deutsche Atomkonzern, der an zahlreichen AKWs beteiligt ist (s. www.sofa-ms.de). Weniger bekannt ist E.ONs Atomengagement im Ausland. \u00dcber die schwedische Sydkraft ist das Unternehmen z. B. an allen schwedischen AKWs beteiligt, also auch am ber\u00fcchtigten AKW Forsmark, in dem es 2006 einen Beinahe-Super-GAU gab. E.ON Energie ist allein in 18 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern aktiv.<\/p>\n<p>Im E.ON-Vorstand sitzen bekannte Atomfanatiker. Walter Hohlefelder war unter der Regierung Kohl von 1986-94 als Abteilungsleiter f\u00fcr &#8222;Reaktorsicherheit und nukleare Entsorgung&#8220; zust\u00e4ndig. Damals verhinderte er ma\u00dfgeblich, dass aus Tschernobyl in Deutschland ernsthafte Konsequenzen gezogen wurden.<\/p>\n<p>Heute f\u00f6rdert er in seinem Zust\u00e4ndigkeitsbereich neue AKW-Projekte. So will E.ON in Rum\u00e4nien (Cernavoda) und der Slowakei (Bohunice) neue AKWs bauen. Auch Gro\u00dfbritannien wird als lukrativer Atommarkt ins Visier genommen.<\/p>\n<p>Hohlefelder ist zudem stellvertretender Aufsichtsratschef der Urenco (s.o.) und damit auch im Anreicherungsgesch\u00e4ft vertreten. Zudem ist Urenco-Chef Engelbrecht ein alter E.ON-Mann und Vorstand Bergmann ist zugleich russischer Honorarkonsul in D\u00fcsseldorf. Das erleichtert das Aushandeln von Uranm\u00fcll-Deals mit der russischen Regierung nat\u00fcrlich enorm.<\/p>\n<p>So hat sich E.ON in den letzten Jahren zu einem der offensivsten europ\u00e4ischen Atomlobbyisten entwickelt.<\/p>\n<h3>Beispiel 3 &#8211; Siemens<\/h3>\n<p>Siemens war in den 1980er und 90er Jahren als einer der Hauptakteure der Atomlobby bekannt. Demonstrationen vor dem Sitz der Reaktorsparte KWU oder der Siemens-Boykott erzeugten viel Aufmerksamkeit. Siemens war schon immer weltweit t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Die Beteiligung an den politisch sehr umstrittenen AKWs Atucha 1 (Argentinien), Angra 2 (Brasilien) sowie Mochovce (Slowakei) sind daf\u00fcr Belege. In den letzten Jahren wurde es ruhiger um die Atomaktivit\u00e4ten des Unternehmens.<\/p>\n<p>Das liegt jedoch nicht daran, dass Siemens nun auf &#8222;go green&#8220; umgeschwenkt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Man hat sich einfach nur anders aufgestellt. Angesichts schwacher Auftragslage in Europa verschmolz Siemens die Reaktorsparte mit der franz\u00f6sischen Framatome. Die Gemeinschaftsfirma, an der Siemens 34% h\u00e4lt, wurde 2006 als AREVA-Tochter in AREVA NP umbenannt. Unter diesem Logo geht Siemens weiter weltweit auf Auftragssuche, stellt aber auch in Lingen weiter Brennelemente her.<\/p>\n<p>Neben dem direkten Zugriff auf den franz\u00f6sischen Markt werden in Schweden Reaktoren &#8222;modernisiert&#8220;, wird in China f\u00fcr Neubauprojekte mitgeboten, w\u00e4hrend man in der T\u00fcrkei scheiterte.<\/p>\n<p>Ganz nebenbei: In Frankreich war das Atomprogramm schon immer sowohl zivil wie milit\u00e4risch. Hier \u00f6ffnete die Kooperation mit AREVA f\u00fcr Siemens neue T\u00fcren.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig versucht AREVA NP den &#8222;neuartigen&#8220; Reaktortyp EPR auf dem europ\u00e4ischen Markt durchzusetzen.<\/p>\n<p>In Finnland begann der Neubau, verz\u00f6gert sich aber wegen schwerer Konstruktionsm\u00e4ngel, in Flamanville in der Normandie soll es noch 2007 losgehen.<\/p>\n<p>Vom fr\u00fcheren Versprechen eines &#8222;inh\u00e4rent sicheren&#8220; AKWs hat man sich aber schon lange verabschiedet.<\/p>\n<p>Weitgehend unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit vollzogen sich die Vorarbeiten an den Reaktoren der so genannten 4. Generation, f\u00fcr den AREVA den ANTARES-Reaktor entwickelte.<\/p>\n<p>Hier ist Siemens \u00fcber AREVA auch am &#8222;Internationalen Generation IV-Forum&#8220; beteiligt, an dem auch S\u00fcdafrika, Brasilien, Kanada, S\u00fcdkorea, die USA, Frankreich, Japan, Gro\u00dfbritannien und die EU mitwirken (s. Beispiel 4).<\/p>\n<p>Letztlich bietet Siemens alten Wein in neuen Schl\u00e4uchen &#8211; und setzt seine globale Atomstrategie ungebrochen fort.<\/p>\n<h3>Beispiel 4 &#8211; Hochtemperaturreaktoren<\/h3>\n<p>In Hamm-Uentrop scheiterte Ende der 1980er Jahre der Versuch, einen Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) zu betreiben. Der THTR erwies sich als gef\u00e4hrlicher Pannenreaktor, der sang- und klanglos beerdigt wurde, so schien es. Doch die beteiligten Wissenschaftler und Konzerne forschten weiter und begaben sich auf die Suche nach neuen Kunden f\u00fcr ihren &#8222;b\u00f6swillig missverstandenen Wunderreaktor&#8220;.<\/p>\n<p>Und siehe da: 15 Jahre nach der Stilllegung des Prototyps feiern die Hochtemperatur-Reaktoren (HTR) als AKWs der &#8222;4. Generation&#8220; in L\u00e4ndern wie S\u00fcdafrika und China ihre Wiederauferstehung. Mit dabei deutsche Firmen wie Uhde aus Dortmund oder EHR aus Essen (s. www.reaktorpleite.de).<\/p>\n<p>\u00dcber EURATOM und das (Kern-)Forschungszentrum J\u00fclich leistet auch die Bundesregierung ihren finanziellen Beitrag.<\/p>\n<p>Selbst die Leitung der diversen Atomprogramme weist deutsche Spuren auf. Der Chef des chinesischen HTR-Programms sammelte seine wissenschaftlichen Grundkenntnisse in Deutschland. Was in Hamm nicht ging, soll nun im fernen China oder S\u00fcdafrika funktionieren &#8211; das ist Globalisierung in Reinform.<\/p>\n<h3>Was tun?<\/h3>\n<p>Die deutschen Atomkonzerne basteln also weltweit weiter an ihren atomaren Albtr\u00e4umen &#8211; von Ausstiegswillen keine Spur. Hiergegen ist Widerstand n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Wenn sich in Heiligendamm AktivistInnen aus der ganzen Welt versammeln, um gegen die Politik der G-8-Staaten zu demonstrieren, sollte auch das Thema Atompolitik nicht unterschlagen werden. Nur durch eine internationale Vernetzung der Initiativen l\u00e4sst sich wirkungsvoll gegen die globalisierte Atomindustrie vorgehen.<\/p>\n<p>Das ist nicht einfach, aber m\u00f6glich. Einige aktuelle Beispiele belegen dies: 2006\/7 gelang es der Umweltorganisation <em>urgewald<\/em> zusammen mit <em>.ausgestrahlt<\/em>, deutsche Banken durch \u00f6ffentlichen Druck von der F\u00f6rderung des bulgarischen Atomprojektes Belene abzubringen. Die BI Umweltschutz Hamm konnte in jahrelanger Kleinarbeit die globalen HTR-Pl\u00e4ne aufdecken, \u00e4hnliches gelang dem WISE-Uranium-Project in Sachen Uran.<\/p>\n<p>Seit 2006 besteht eine enge Kooperation zwischen m\u00fcnsterl\u00e4ndischen, niederl\u00e4ndischen und russischen Anti-Atom-Initiativen, um die Uranm\u00fclltransporte von Gronau\/Almelo nach Russland zu stoppen (vgl. GWR 316). So entstand erstmals ein gemeinsamer Aktionsrahmen \u00fcber viele Tausend Kilometer zwischen Gronau und Irkutsk, der \u00fcber die Transportstrecke auch die Niederlande, D\u00e4nemark, Schweden, Finnland und Estland ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Angelehnt an die erfolgreiche deutsch-franz\u00f6sische Kooperation gegen die CASTOR-Transporte von deutschen AKWs nach La Hague sowie die CASTOR-Transporte von dort nach Gorleben, befindet sich eine grenz\u00fcberschreitende Kooperation gegen die Urantransporte aus dem s\u00fcdfranz\u00f6sischen Pierrelatte nach Gronau im Aufbau, um die Belieferung der UAA Gronau mit Natururan zu unterbinden. Die gro\u00dfe Anti-EPR-Demonstration in Cherbourg 2005 erfuhr europaweite Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Doch es muss noch mehr getan werden, um die Atomindustrie zu stoppen. Wie lassen sich Atomprojekte in China, Indien oder S\u00fcdkorea wirkungsvoll verhindern? Wie kann die EU zu einer K\u00fcndigung des EURATOM-Vertrags gebracht werden, der die F\u00f6rderung der Atomenergie festschreibt? Wie kann die UAA Gronau stillgelegt und die Laufzeitverl\u00e4ngerung der deutschen AKWs verhindert werden? Wie k\u00f6nnen die monopolistischen Atomkonzerne zerschlagen werden? Diese Fragen sollten auf dem Gegengipfel zum G8-Treffen mitdiskutiert werden.<\/p>\n<p>Ein erster Zielpunkt k\u00f6nnte z. B. ein europ\u00e4ischer Anti-Atom-Kongress sein. Ein zweiter Zielpunkt k\u00f6nnte ein internationaler Urantransporte-Aktionstag von Pierrelatte \u00fcber Gronau\/Almelo nach St. Petersburg und nach Sibirien sein. Erste \u00dcberlegungen gibt es dazu bereits.<\/p>\n<p>Denn eins ist klar: Die Atomindustrie wird nicht freiwillig vom Erdboden verschwinden.<\/p>\n<p>Dies kann nur durch massiven Druck von untenerreicht werden. Eingriffsm\u00f6glichkeiten gibt es mit etwas Kreativit\u00e4t viele, damit der Atomindustrie ihre radioaktive Suppe ordentlich versalzen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in Deutschland alle Welt noch \u00fcber den angeblich beschlossenen Atomausstieg im eigenen Land diskutiert, hat sich die Atomindustrie l\u00e4ngst globalisiert. Selbst unter Rot-Gr\u00fcn wurde sie dabei unbehelligt gelassen und konnte ihre Marktposition ausbauen. Auf einem Weltmarkt mit rund 430 Atomkraftwerken ziehen einige wenige Akteure die F\u00e4den, mitten dabei deutsche Atomkonzerne und -technik. 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