{"id":8182,"date":"2007-06-01T00:00:58","date_gmt":"2007-05-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8182"},"modified":"2022-07-26T14:14:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:52","slug":"der-schwarze-block","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/06\/der-schwarze-block\/","title":{"rendered":"Der &#8222;Schwarze Block&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wenig sp\u00e4ter sitze ich mit meinem Sohn beim Fr\u00fchst\u00fcck in einem Gartenlokal. Er hatte gerade per Handy die neuesten Nachrichten von seinem Kumpel Kai aus Heiligendamm bekommen. Kai ist zwanzig, macht beim AnArchiv mit und sitzt gerade am Sicherheitszaun fest: Sitzblockade und nichts zu essen\u2026 Am Tag zuvor, so berichtet Kai v\u00f6llig konsterniert, stand er gerade in bester Proteststimmung mitten im bunten Gewimmel eines unglaublich riesigen, phantasievollen und gewaltfreien Demonstrationszuges, als sich urpl\u00f6tzlich, schwuppdiwupp, eine Kohorte von mehreren hundert schwarzgewandeten Kampfkadern an der Spitze aufbaute, einige Parolen von sich gab, und in perfekt einge\u00fcbter Routine begann, das Pflaster aufzubrechen.<\/p>\n<p>Ein Sto\u00dftrupp des &#8222;Schwarzen Blocks&#8220; in einer man\u00f6verreifen Vorf\u00fchrung! Eine erste Salve von Steinen schoss durch die Luft, und reflexartig begann der Gegenangriff der ebenfalls vermummten Polizeisto\u00dftrupps.<\/p>\n<p>Nach kurzem und heftigem Schlagabtausch traten die K\u00e4mpfer des Schwarzen Blocks in bestaunenswert disziplinierter Form den taktischen R\u00fcckzug an und mischten sich unter die Demonstrantinnen und Demonstranten &#8211; nicht wenige, nachdem sie geschwind ihr Outfit gewechselt hatten und nunmehr als nette, bunte Demonstranten wieder auftauchten: Noch bevor den DemonstrantInnen so recht klar wurde wie ihnen geschah, war die Kacke auch schon am dampfen\u2026<\/p>\n<p>Erregt unterhalten wir uns \u00fcber die Sinnhaftigkeit solcher Aktionen. Automatisch schie\u00dft mir das Bild der selbsternannten Kampfschwadrone vom &#8222;Fliegenden Suizidkommando&#8220; aus Monty Pythons &#8222;Leben des Brian&#8220; ins Hirn. Mein Sohn findet es unm\u00f6glich, andere so zu instrumentalisieren und will wissen, was das mit Anarchie zu tun habe. Der Mittf\u00fcnfziger am Nebentisch faltet seine &#8222;Bild&#8220; zusammen und mischt sich ins Gespr\u00e4ch: Er k\u00f6nne das alles nicht mehr begreifen und denke mittlerweile ans Auswandern in ein Land, in dem nicht alles so bescheuert sei.<\/p>\n<p>Am Nachmittag ruft Genosse Dr\u00fccke an und schildert mir seine frischen Eindr\u00fccke aus Heiligendamm. Er best\u00e4rkt meine Assoziation vom &#8222;Fliegenden Suizidkommando&#8220; noch &#8211; durch eine ganz andere Spielart von &#8222;Schwarzem Block&#8220;:<\/p>\n<p>Auch die Polizei, so Bernd, schicke jetzt schwarz vermummte Sto\u00dftrupps r\u00fccksichtslos in die Reihen friedlicher DemonstrantInnen, wo die ebenfalls oft blutjungen Polizisten mit voller Brutalit\u00e4t drauflos pr\u00fcgelten, Leute herausgriffen, Gegengewalt provozierten. Was l\u00e4uft da eigentlich ab, frage ich mich. Eine Art kampfsportliches Kr\u00e4ftemessen nach milit\u00e4rischen Ritualen? Ein Schaukampf zwischen linksradikalen und staatlichen Avantgardek\u00e4mpfern um die Lufthoheit im TV-Nachrichtenmarkt\u2026?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich noch dar\u00fcber sinniere, ruft der S\u00fcdwestfunk an und will ein Interview. Der Moderator w\u00fcrde gerne wissen, ob die Autonomen Anarchisten seien, und ob man sich unter Anarchie das vorzustellen habe, was der Schwarze Block gerade vorf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Interessante Frage.<\/p>\n<h3>Vom Zorn&#8230;<\/h3>\n<p>Nun bilde ich mir ja nicht ein, ein Interpretationsmonopol in Sachen Anarchie zu besitzen und schon gar nicht, was die Autonomen betrifft, mit denen ich nie was am Hut hatte. Trotzdem stelle ich mich den Fragen und beantworte sie so gut ich eben kann.* Aber erst nach dem Gespr\u00e4ch kommt die Reflexion \u00fcber das, was gestern an der Supermarktkasse begann und heute bei SWR 2 endete, so richtig in Gang.<\/p>\n<p>Was ist der Schwarze Block? Eine Organisation? Ein Fun-Event f\u00fcr w\u00fctende Protest-Kids, die den ultimativen Kick suchen? Eine linke Wehrsportgruppe? Nein &#8211; vor allem ist er ein Mythos, der wie eine Wanderstafette von einer Generation zur n\u00e4chsten weitergegeben wird. Ein Selbstl\u00e4ufer, der viel zu medienwirksam ist, als dass er in einer Mediengesellschaft jemals sterben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Der Begriff tauchte vor \u00fcber 20 Jahren im Umfeld von Startbahn West und Hafenstra\u00dfe auf, verdichtete sich in Kreuzberg zu einer kalendarisch fixierbaren Dauerveranstaltung und ist inzwischen ein internationales Ph\u00e4nomen. Gespeist wurde er zun\u00e4chst vom (\u00fcberaus berechtigten) Zorn sowie dem (\u00fcberaus frustrierenden) Gef\u00fchl der Ohnmacht einer Protest- und Widerstandsbewegung gegen\u00fcber der Brutalit\u00e4t der Staatsmacht.<\/p>\n<p>Getragen wurde der Schwarze Block seinerzeit von einer Melange aus militanten Anarchos und Autonomen, und viele fanden diese Form, sich zu wehren, legitim. Auch ich. Und deshalb war ich gelegentlich auch genau dort zu finden. Bis mir die Beschr\u00e4nktheit des Ganzen aufging. Und zwar nicht erst, nachdem sich jener uns\u00e4gliche Kampfheldenkult breit zu machen begann und in Frankfurt der erste Polizist erschossen wurde.<\/p>\n<p>Das war zwar ein erschreckender Anlass, die militaristische Degenerierung des Ganzen zu erkennen und ein guter Grund, sich von solcher Art Gewalt abzuwenden. Aber die tieferen Gr\u00fcnde sind weitaus schlimmer:<\/p>\n<p>Eine politische Bewegung, die sich auf das milit\u00e4rische Niveau ihrer Gegner begibt, kann nicht anarchistisch sein. Eine politische Kultur, deren Selbstzweck sich in militantem Protest ersch\u00f6pft, muss gesellschaftlich steril bleiben.<\/p>\n<p>Eine Szene, die sich in ihrer eigenen Beschr\u00e4nktheit abkapselt, verbl\u00f6det irgendwann in der Liturgie ihrer militanten Rituale. All das wird auf Dauer einfach nur langweilig. Und genau dort d\u00fcmpelte dann auch diese Szene um den Schwarzen Block &#8211; als \u00fcberwiegend deutsches Ph\u00e4nomen &#8211; schlie\u00dflich vor sich hin: als jederzeit kurzfristig mobilisierbares Reserveheer im linksautonomen Ghetto.<\/p>\n<p>Bis 1999 mit der &#8222;Battle of Seattle&#8220; das Ph\u00e4nomen des Schwarzen Block in einer Art Urknall pl\u00f6tzlich zu einem internationalen Begriff wurde. Die Medien waren entz\u00fcckt und hatten fortan eine griffige optische Markenikone &#8211; samt passendem Outfit, Szenesprache und Stra\u00dfenchoreographie. Hinter dem gef\u00e4lligen Medienspektakel steckte indes ein neuer Kopf mit neuen Ideen: John Zerzan, der mit seiner Handvoll Junganarchos aus Portland, Oregon, in Seattle das zelebrierte, was er in seinen \u00fcberaus klugen Essays eines neuen Anarcho-Primitivism entwickelte: Eine ethisch wohl begr\u00fcndete, technologie- und globalisierungsfeindliche Gesellschaftskritik, deren St\u00e4rke in der Analyse archaischer Agrargesellschaften liegt und deren Schw\u00e4che in der v\u00f6llig fehlenden Perspektive eines gangbaren Weges zu einer libert\u00e4ren Gesellschaft. Seine Botschaft reduziert sich auf den militanten Frontalangriff: zerschlagen ja, aufbauen nein!<\/p>\n<p>Konsequenterweise ist er ein offener Bewunderer des als &#8222;Unabomber&#8220; bekannt gewordenen Mathematikprofessors Theodore Kaczynski. Zerzans Thesen erinnern frappant an die brillante Verteidigungsrede \u00c9mile Henrys, der vor seiner Guillotinierung 1894 in ergreifenden Worten seinen Hass auf die Gesellschaft zu schildern verstand. Und damit jene Bombe rechtfertigen wollte, die er in ein vollbesetztes Pariser Caf\u00e9 geschleudert hatte.<\/p>\n<h3>&#8230;und von der Freiheit<\/h3>\n<p>Ich vermute, dass auch jene gegen den Gipfel demonstrierenden Menschen, die sich in einem Rostocker Caf\u00e9 panisch vor den Glassplittern des Schaufensters zu sch\u00fctzen versuchten, welches sich der Schwarze Block zum Angriffsziel erkoren hatte, noch nie etwas von \u00c9mile Henry geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Genau so, wie die meisten jener jungen Antifas, Autonomen und Anarchopunks wohl kaum je etwas von John Zerzan geh\u00f6rt haben d\u00fcrften, die &#8211; voll von verst\u00e4ndlicher Wut gegen dieses wahrhaft verbrecherische System &#8211; in Heiligendamm den milit\u00e4rischen Rammbock spielen. Und welchem jungen Autonomen ist wohl heute noch die eher bieder-theoretische Zeitschrift &#8222;Autonomie&#8220; bekannt, mit der weiland alles begann\u2026?<\/p>\n<p>Nein, der Schwarze Block ist weder eine Organisation, noch eine Bewegung noch eine Idee. Er ist ein medienstarkes Ph\u00e4nomen mit einem Mythos, der von Generation zu Generation tradiert wird und ganz besonders immer wieder junge Menschen anspricht. Menschen, die in ihm ein Ventil f\u00fcr ihre Wut finden und in der Medienpr\u00e4senz eine Art Troph\u00e4e. Insofern ist er zu einer Tradition geworden, die es zu pflegen gilt, wobei immer wieder mal gerne auch mit anarchistischen Symbolen kokettiert wird. Eine Tradition, schwach an Inhalten und stark in ihren Formen, die vom internationalen Traditionspflegeverband &#8222;Schwarzer Block&#8220; von Match zu Match wie ein Wanderpokal weitergereicht wird.<\/p>\n<p>&#8222;Am Anfang war der Zorn\u2026&#8220; Es ist kein Zufall, dass mein letztes Buch** mit genau diesen Worten beginnt; ich habe sehr lange dar\u00fcber nachgedacht.<\/p>\n<p>In der Tat scheint mir die Schicksalsfrage des Anarchismus mehr denn je daran gekoppelt, ob es ihm gelingen wird, destruktiven Zorn in kreative Kraft, blinde Wut in subversive Energie, geistreiche Kritik in positive Utopie zu verwandeln. Man mag Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Gr\u00fcnde aufbringen, die die Menschen im Schwarzen Block bewegen. Einer libert\u00e4ren Gesellschaft bringt uns all das, was er auf den Stra\u00dfen veranstaltet, aber wohl keinen Schritt n\u00e4her. &#8222;In Seattle, G\u00f6teborg, Genua und Rostock&#8220;, schreibt Andrian Kreye in der S\u00fcddeutschen Zeitung, &#8222;z\u00e4hlte die Praxis des Stra\u00dfenkampfes und nicht die Denkschulen des Anarchismus.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenig sp\u00e4ter sitze ich mit meinem Sohn beim Fr\u00fchst\u00fcck in einem Gartenlokal. Er hatte gerade per Handy die neuesten Nachrichten von seinem Kumpel Kai aus Heiligendamm bekommen. 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