{"id":8205,"date":"2007-06-01T00:00:40","date_gmt":"2007-05-31T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8205"},"modified":"2022-07-26T13:31:21","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:21","slug":"gegen-jeden-krieg-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/06\/gegen-jeden-krieg-3\/","title":{"rendered":"Gegen jeden Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Nach beinahe einem Jahr Vorbereitungszeit war es am Pfingstmontag endlich soweit: Als erste Bombodrom-BesiedlerInnen reisten die Lebenslaute in Schweinrich an.<\/p>\n<p>Am Mittwoch kamen in Katerbow die Fahrradkarawanen und in Zechlinerh\u00fctte die Eurom\u00e4rsche an; und auch die Camps in Schweinrich und Luhme f\u00fcllten sich zusehends. In Zempow sammelten sich die Clowns, und in der Sichelschmiede in Rossow liefen die Telefone hei\u00df. Trotz aller tapferen Versuche, das Geschehen zu koordinieren, blieb es doch bis zum Schluss spannend, welche Gruppe wann wo mit wie vielen Personen auftauchen und ihren ganz besonderen Teil zum Geschehen beitragen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber wir konnten es gelassen angehen: Ein gro\u00dfer Teil der Ziele des Aktionstags war schon erreicht, bevor die 700 SiedlerInnen auch nur einen Fu\u00df auf das Bombodrom-Gel\u00e4nde gesetzt hatten. Durch die internationale Mobilisierung zu den G8-Protesten war das Bombodrom als Ort der Kriegsvorbereitung ins Blickfeld der antimilitaristischen Gruppen aus aller Welt ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Und vor Ort hatte das Milit\u00e4rische Sperrgebiet in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung einen guten Teil seiner &#8222;Unantastbarkeit&#8220; verloren. Grund daf\u00fcr war ein von der Bundeswehr ausgesprochenes absolutes Betretungsverbot f\u00fcr das strittige Gel\u00e4nde. J\u00e4gerInnen, WaldarbeiterInnen, F\u00f6rsterInnen, ImkerInnen &#8211; alle ZivilistInnen, die sonst in dem Gebiet arbeiten, durften vom 24. Mai &#8211; 2. Juni &#8222;aus milit\u00e4rischen Gr\u00fcnden&#8220; nicht hinein.<\/p>\n<p>Wir bekamen diese Information zugespielt und machten eine Pressemitteilung daraus. Erstaunte PressevertreterInnen fragten daraufhin nach, ob das Betreten des Bombodroms denn nicht immer verboten sei, schon wegen der Blindg\u00e4nger. Artikel mit Schlagzeilen wie &#8222;Bombodrom gesperrt&#8220; machten der erstaunten \u00d6ffentlichkeit klar, dass gro\u00dfe Bereiche regelm\u00e4\u00dfig betreten werden.<\/p>\n<p>Die Bundeswehr musste zugeben, dass nur Teile des Gel\u00e4ndes tats\u00e4chlich gef\u00e4hrlich sind.<\/p>\n<h3>Bundeswehr r\u00e4umt Bombodrom<\/h3>\n<p>Am 29.5. konnten wir der Presse mitteilen, dass die Bundeswehr einen gro\u00dfen Teil ihrer Einrichtungen auf dem Bombodrom-Gel\u00e4nde abgebaut hatte: Inspektionen hatten ergeben, dass die Zielpyramide, Radarreflektoren und andere Einrichtungen entfernt worden waren. Der Standortkommandant best\u00e4tigte unsere Meldung und zeigte sich der Presse gegen\u00fcber erstaunt, dass wir so genau Bescheid wissen.<\/p>\n<p>&#8222;G-Dur statt G8 &#8211; polyphon gegen&#8217;s Bombodrom&#8220;, unter diesem Motto spielten die Lebenslaute am Donnertsag, den 31.5. abends in der Rheinsberger Kirche. Unter den knapp hundert Zuh\u00f6rerInnen befanden sich einige EuromarschiererInnen aus dem franz\u00f6sischsprachigen Raum. So ernteten die Lebenslaute an diesem Tag Applaus nicht nur f\u00fcr ihre Musik, sondern auch f\u00fcr die spontane \u00dcbersetzung aller Ansagen ins franz\u00f6sische. Im Anschluss an das Konzert fanden in den verschiedenen Camps Infoabende zu der geplanten Aktion statt.<\/p>\n<p>Bezugsgruppen trafen sich, neue Bezugsgruppen bildeten sich, Karten wurden studiert und Vorbereitungen getroffen.<\/p>\n<p>Am 1. Juni morgens fanden in Luhme und Schweinrich Aktionstrainings und letzte praktische Vorbereitungen statt.<\/p>\n<p>Eine kurze \u00dcberschlagsrechnung ergab: wir sind jetzt allein in den Camps 410 Leute!<\/p>\n<p>Ab 12 Uhr reisten an den Kundgebungsorten weitere TeilnehmerInnen an. Zu Beginn der Kundgebungen, um 14 Uhr, sah es trotzdem noch nach recht geringer Beteiligung aus: ca. 25 Personen in Lutterow, etwa 200 in Schweinrich. Die Beteiligten Gruppen hatten eben ihre eigenen Rhythmen. In Lutterow gab es eine Andacht und anschlie\u00dfend eine Pressekonferenz der Initiative &#8222;Ferien vom Krieg&#8220;, die einen Friedensappell von 15.000 Kindern aus Kriegsgebieten an die Erwachsenen vorstellte. Ein Gru\u00dfwort von Tobias Pfl\u00fcger wurde an beiden Kundgebungsorten verlesen; darin wies er auf die Bedeutung des Bombodroms zur Vorbereitung zuk\u00fcnftiger Angriffskriege hin.<\/p>\n<p>Warum die Farbe pink an diesem Tag eine so gro\u00dfe Rolle spielt, erl\u00e4uterte ein Redebeitrag von antipariarchalen Gruppen: &#8222;Die Bilder, die wir in der Regel von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit haben, dienen als Grundlage des Milit\u00e4rischen, &#8218;der Held, der K\u00e4mpfer, der t\u00f6tet, der Besch\u00fctzer&#8230;&#8216; auf der einen Seite, &#8218;das Opfer, die zu Besch\u00fctzende, die Friedfertige, die Sorgende&#8216; auf der anderen Seite. Die Aufwertung der als m\u00e4nnlich geltenden Eigenschaften und die Abwertung alles weiblichen &#8211; wie zum Beispiel auch der rosa Farbe &#8211; sind wichtige Grundlagen. Auf diesen Grundlagen basiert milit\u00e4rische Disziplin und Kriegslogik. Diese Grundlagen legen die Idee des &#8218;Anderen&#8216; nahe, schaffen Polarit\u00e4ten und Abwertungen. &#8230; Wenn wir Kriege wirklich verhindern wollen, dann m\u00fcssen wir die Logiken, die Strukturen, die Kriegen ja erst den Boden bereiten, mit einbeziehen.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des letzten Redebeitrags kam in Schweinrich pl\u00f6tzlich Unruhe auf: \u00dcber 100 Clowns marschierten in Reih und Glied aus dem Dorf heraus zum Kundgebungsort an der Mahns\u00e4ule. So war es dann ein gro\u00dfer und ausgesprochen bunter Zug, der sich gegen 14 Uhr 30 auf den Weg in Richtung ehemaliger Pink Point machte.<\/p>\n<h3>Die Demo, die nie ankam &#8211; und doch ihr Ziel erreichte<\/h3>\n<p>Am ehemaligen Pink Point hatte die Bundeswehr f\u00fcr die Abschlusskundgebung ein kleines Areal freigegeben und mit Flatterband abgesperrt. Dort erwartete Oberstleutnant Engel mit seinen Feldj\u00e4gern den Demonstrationszug. Auf dem &#8222;Generalsweg&#8220;, der vom Pink Point in Richtung Zielgebiet f\u00fchrt, hatten sie sich postiert. Bewaffnet waren sie mit Handzetteln, auf denen zu lesen stand: &#8222;Sie halten sich trotz der eindeutigen Kennzeichnung als &#8218;Milit\u00e4rischer Sicherheitsbereich&#8216; unberechtigt auf milit\u00e4rischem Gel\u00e4nde auf. Dar\u00fcber hinaus begeben Sie sich und ihre Mitmenschen in eine erhebliche, unkalkulierbare &#8218;Gefahr f\u00fcr Leib und Leben&#8216;, da gro\u00dfe Bereiche dieses Gel\u00e4ndes stark munitionsbelastet sind. Ich fordere Sie daher auf, dieses Gel\u00e4nde sofort auf dem Wege zu verlassen, wie sie ihn (sic!) betreten bzw. befahren haben! Mai\/Juni 2007, Der Kommandant&#8220;.<\/p>\n<p>Diese so liebevoll vorbereiteten Zettel bekamen allerdings die wenigsten von uns zu Gesicht, denn der Demonstrationszug aus Schweinrich bog auf halber Strecke rechts ab und bewegte sich ungehindert zu einem ehemaligen sowjetischen Kommandoturm, den wir uns als das Ziel unserer Besiedelungsaktion ausgesucht hatten. Binnen einer halben Stunde erstrahlte der alte Turm in frischem rosa, und mehrere rosa Pyramidenzelte waren aufgebaut. Transparente zeugten von dem breiten Spektrum an Gruppen, die an der Besiedelung beteiligt waren.<\/p>\n<p>Eine filmreife Szene ergab sich, als auf einem Weg ein Milit\u00e4rjeep herankam, wohl um die Lage zu peilen. Sofort setzten sich die Clowns in Bewegung und marschierten z\u00fcgigen Schrittes auf das Fahrzeug zu. Der Fahrer legte den R\u00fcckw\u00e4rtsgang ein und entschwand, die Clowns verfolgten das Fahrzeug noch eine Weile und kehrten erst nach geraumer Zeit von ihrem Ausflug zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In Lutterow waren mittlerweile noch die Fahrradkarawanen eingetroffen, und auch dieser Demonstrationszug hatte sich in Bewegung gesetzt.<\/p>\n<p>Mit etwas Versp\u00e4tung kamen noch die Eurom\u00e4rsche hinzu, und so waren es ca. 160 Leute, die sich aus dieser Richtung zum alten Pink Point bewegten. Dort legten sie eine kurze Rast ein und zogen dann ebenfalls weiter zum Besiedelungsgel\u00e4nde. Hier war inzwischen ein neuer &#8222;Pink Point&#8220; oder vielleicht eher ein &#8222;Pink Village&#8220; entstanden. Der Zugang war und blieb frei, und nachdem irgendwie das Schloss der Schranke aufgegangen war, konnten sogar die belgische Vok\u00fc &#8222;Kokerellen&#8220; und andere Fahrzeuge auf den Platz fahren.<\/p>\n<p>Etwa 600 Leute waren es, die auf dem H\u00f6hepunkt der Aktion dort zusammen kamen. (An einem anderen Ort gab es eine weitere Besiedelung, es hie\u00df dort seien etwa 100 Leute.)<\/p>\n<p>Die J\u00fcngsten waren Kinder, die mit ihren Eltern kamen, gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass sie angesichts der entspannten Lage entgegen der vorherigen Absprachen bei der Aktion mit dabei sein durften. Die \u00c4lteste war sicherlich Inge Ammon aus der M\u00fcnchener Gruppe &#8222;\u00d6ffentliche Aufforderung&#8220;, die schon bei der Seniorenblockade in Mutlangen 1986 dabei war. Am weitesten gereist waren die TeilnehmerInnen aus Russland, Polen, Italien, Belgien, den Niederlanden und Frankreich. Die lokale B\u00fcrgerinitiative hatte sich entschieden, nicht mit zum Aktionstag aufzurufen, und so blieben denn auch die lokalen Massen aus &#8211; aber einige Mitglieder der B\u00fcrgerinitiative aus den umliegenden Ortschaften waren dann doch mit dabei. Bezugsgruppen von X-tausendmal quer waren genauso da wie autonome Gruppen, der schwarze Stern war diesmal auf rosa statt auf rot zu sehen, die Pace-Fahne wehte neben der Fahne der queers.<\/p>\n<p>Dazwischen war \u00fcberall auf rosa Pyramidenh\u00fcten und rosa Luftballons das Motto der Aktion zu sehen: &#8222;Jedes Ziel ist ein Zuhause!&#8220;<\/p>\n<p>Die Lebenslaute gaben wie geplant ihr Konzert, u.a. mit Werken von Bach und Haydn. Anschlie\u00dfend wurde zum Volkstanz aufgespielt, und am sp\u00e4teren Abend gab zur Freude der einen und zum Leidwesen der anderen Techno-Musik aus einem spontan aufgebauten Soundsystem.<\/p>\n<p>Als das nach Mitternacht (und nach heftigen Diskussionen) abgeschaltet war, klang der Abend mit Didgeridoo- und Trommelkl\u00e4ngen aus. Am ehemaligen Pink Point fand derweil eine durchgehende angemeldete Mahnwache statt, durch die auch Nachz\u00fcglerInnen immer noch zu der Aktion dazu finden konnten.<\/p>\n<p>Wir hatten uns f\u00fcr die Besiedelung ein Gel\u00e4nde ausgesucht, das nicht mit Blindg\u00e4ngern belastet ist (jedenfalls nicht mehr als jeder andere Ort in Brandenburg). Dennoch waren wir \u00fcberrascht, dass auch Oberstleutnant Engel (das ist der mit der &#8222;Gefahr f\u00fcr Leib und Leben&#8220;) \u00f6ffentlich erkl\u00e4rte, von diesem Gel\u00e4nde gehe keine Gefahr aus und er m\u00fcsse deshalb nicht die Polizei um Amtshilfe bitten, um uns dort weg zu holen. So packte die Polizei im Laufe des Nachmittags ihre Sachen und verschwand von der Bildfl\u00e4che. Auch die Bundeswehr beobachtete h\u00f6chstens aus der Ferne und versteckt. So blieben wir auf dem Platz unter uns. Erst als wir morgens abgebaut hatten und in Richtung Rostock aufbrachen, kamen die Feldj\u00e4ger wieder n\u00e4her und nahmen sich den Platz zur\u00fcck. Vor\u00fcbergehend &#8211; denn: &#8222;Heute ist nicht alle Tage &#8211; wir kommen wieder, keine Frage!&#8220;<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Es ist gelungen, mit der Besiedelung des Bombodroms einen eindrucksvollen inhaltlichen und aktionistischen Auftakt f\u00fcr die globalisierungskritischen Tage zu setzen. Die Aktion hat alle unsere Erwartungen \u00fcbertroffen und macht Lust auf mehr. Die Vernetzung unterschiedlichster regionaler und \u00fcberregionaler Protestspektren ist sowohl in der Vorbereitungsphase als auch durch die Begegnungen im &#8222;Pink Village&#8220; vorangekommen.<\/p>\n<p>Das Bombodrom ist durch die erfolgreiche Besiedlungsaktion noch interessanter geworden als Kristallisationspunkt f\u00fcr die Friedens- und antimilitaristische Bewegung. Letztendlich geht es darum die Kriege zu verhindern und M\u00e4nnlichkeit zu entmilitarisieren. Mit der Verhinderung des Bombodroms w\u00e4re ein kleiner Teilsieg auf dem Weg dahin geschafft. &#8222;Wir sind \u00fcberall!&#8220; Damit m\u00fcssen sp\u00e4testens ab sofort auch all diejenigen rechnen, die das Bombodrom f\u00fcr ihre Kriegsvorbereitungen als \u00dcbungsplatz durchsetzen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach beinahe einem Jahr Vorbereitungszeit war es am Pfingstmontag endlich soweit: Als erste Bombodrom-BesiedlerInnen reisten die Lebenslaute in Schweinrich an. 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