{"id":8222,"date":"2007-06-01T00:00:49","date_gmt":"2007-05-31T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8222"},"modified":"2022-07-26T13:56:46","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:46","slug":"ein-starkes-buch-das-wutend-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/06\/ein-starkes-buch-das-wutend-macht\/","title":{"rendered":"Ein starkes Buch, das w\u00fctend macht"},"content":{"rendered":"<p>Ein Ende der Besch\u00e4ftigung mit den nationalsozialistischen, deutschen Menschheitsverbrechen steht schon deshalb nicht auf der Tagesordnung, weil es in vieler Hinsicht mit dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes gar keine Z\u00e4sur gab.<\/p>\n<p>Die Eliten blieben weithin in ihren bequemen Chefsesseln (oder besetzten alsbald neue), mochte auch noch so viel Blut an ihren Fingern kleben.<\/p>\n<p>Noch schlimmer aber ist, dass die Verbrechen selbst teilweise ohne Atempause weitergingen.<\/p>\n<p>Dies war vor allem im Bereich der Psychiatrie der Fall.<\/p>\n<p>Das hier zu besprechende Buch zeigt diesen Sachverhalt anhand von zwei individuellen &#8222;F\u00e4llen&#8220; auf. Paul Wulf (1921-1999) und Paul Brune (geb. 1935) kommen in dem Band selbst zu Wort, und flankierend wird ihr Leben, ihr Leiden und ihr K\u00e4mpfen von FreundInnen und von HistorikerInnen dargestellt und analysiert.<\/p>\n<p>Durch diese Herangehensweise ist eine sehr dichte, teilweise unheimlich beklemmende Beschreibung der biologistischen und \u00f6konomistischen Menschenverachtung entstanden, die im &#8222;tausendj\u00e4hrigen Reich&#8220; in entgrenzten (und zugleich be\u00e4ngstigend rationalisierten) Exzessen explodierte, die Jahrzehnte danach (und davor) aber ebenso pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist zu lernen, wie auch der totale Zugriff auf eine Person nicht total ist, sondern Chancen auf ein Entkommen bestehen bleiben. Menschlichkeit kann sich auch dort noch zeigen, wo das Menschsein am radikalsten negiert und verweigert wurde.<\/p>\n<p>Paul Wulf wurde 1938, nachdem er bereits zehn Jahre in verschiedenen Heimen aufgewachsen war, von einem &#8222;Erbgesundheitsgericht&#8220; f\u00fcr &#8222;schwachsinnig&#8220; erkl\u00e4rt und daraufhin zwangssterilisiert.<\/p>\n<p>Dieses Schicksal teilten hunderttausende von Deutschen im &#8222;Dritten Reich&#8220;, aber Wulf geh\u00f6rt zu den ganz wenigen, die sp\u00e4ter Scham und fortdauernde Stigmatisierung \u00fcberwanden, auf ihr Schicksal aufmerksam machten und eine Entsch\u00e4digung forderten.<\/p>\n<p>Er entwickelte sich auch zu einem lebenslangen politischen Agitator, der vor allem mit selbst hergestellten Ausstellungstafeln zur nationalsozialistischen Ideologie im Allgemeinen und zur Vernichtungspolitik im Besonderen hervortrat. Diese Tafeln werden im besprochenen Band relativ ausf\u00fchrlich dokumentiert; doch leiden die Reproduktionen unter der starken Verkleinerung.<\/p>\n<p>Ferner werden auch einige lyrische und prosaische Texte aus der Feder Wulfs dokumentiert.<\/p>\n<p>Man muss das starke Pathos dieser Schriftzeugnisse nicht lieben, um die Leistung zu bewundern, mit der Wulf sich aus der Stigmatisierung als &#8222;Schwachsinniger&#8220; gegen heftigste Widerst\u00e4nde staatlicher Arroganz herausgearbeitet hat.<\/p>\n<p>Wulf musste 30 Jahre gegen die deutsche B\u00fcrokratie k\u00e4mpfen, bis ihm 1979 eine &#8222;Erwerbsunf\u00e4higkeitsrente&#8220; gew\u00e4hrt wurde. 1991 verlieh man ihm f\u00fcr sein Engagement das Bundesverdienstkreuz, das er bei der Entgegennahme als &#8222;Karnevalsorden&#8220; w\u00fcrdigte (131).<\/p>\n<p>Paul Brunes Heimkarriere begann 1936, als er erst ein Jahr alt war. Seine Schilderungen von den Folterungen, denen die Kinder im &#8222;St.-Johannes-Stift&#8220; im sauerl\u00e4ndischen Marsberg bei den &#8222;Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vincenz von Paul&#8220; ausgesetzt waren, sind schwer zu ertragen. (In derselben Anstalt hatte auch Wulf gelitten.)<\/p>\n<p>Die systematische Verhinderung von k\u00f6rperlicher Bewegung und von sprachlicher Kommunikation zwischen den Insassen war hier der Alltag, so dass bei vielen Kindern Sprachverm\u00f6gen und Beinmuskulatur verk\u00fcmmerten. Das Kapitalverbrechen des &#8222;Schw\u00e4tzens&#8220; wurde mit schweren k\u00f6rperlichen Misshandlungen durch die barmherzigen Schwestern geahndet, wobei die anderen Kinder durch Denunziation sowie durch Festhalten des Delinquenten assistieren mussten. Andere Aspekte des Strafsystems umfassten den Entzug des Essens, den Zwang, Erbrochenes erneut zu verzehren, kalte B\u00e4der, oder wochenlanges n\u00e4chtliches Tragen einer Zwangsjacke, wenn ein Junge beim Onanieren erwischt worden war.<\/p>\n<p>Der &#8222;Schulunterricht&#8220; bestand fast ausschlie\u00dflich aus Gebeten, weil Wissen nach Ansicht der Schwestern sch\u00e4dlich f\u00fcr die Insassen sei.<\/p>\n<p>An diesem &#8222;p\u00e4dagogischen&#8220; System ging der politische Systemwechsel von 1945 spurlos vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Die beschriebenen Missst\u00e4nde wurden noch Anfang der 70er Jahre im &#8222;St.-Johannes-Stift&#8220; vorgefunden. Brune hat diese konkrete H\u00f6lle von 1943 bis 1950 durchgemacht.<\/p>\n<p>Es erstaunt (\u00e4hnlich wie bei Paul Wulf) nicht nur, dass er es schaffte, sich autodidaktisch ein betr\u00e4chtliches Ma\u00df an Bildung zuzulegen, sondern erst recht, dass er es nach der sadistischen Erziehung zu &#8222;entmenschten Kreaturen&#8220; (63), die nicht imstande waren, das Wort &#8222;wir&#8220; zu denken (94, 96f), zu einer vorbildlichen ethischen Haltung brachte. Die erm\u00f6glicht es ihm sogar noch, seine Peinigerinnen ihrerseits als Opfer zu sehen, wenn er erw\u00e4gt, dass sie die betr\u00e4chtlichen staatlichen Geldmittel, die f\u00fcr ihre T\u00e4tigkeit flossen, wohl nie gesehen haben.<\/p>\n<p>&#8222;H\u00e4tten die Nonnen&#8220;, schreibt Brune, &#8222;wenigstens ein Taschengeld bekommen, h\u00e4tten sie sich vielleicht ein wenig anders zu den Kindern verhalten, zumal sie total \u00fcberfordert waren&#8220; (85).<\/p>\n<p>Stattdessen wurden sie geistig zuger\u00fcstet durch Moraltheologen wie Joseph Mayer, der bereits 1926 geradezu besessen war von der Idee der Zwangssterilisierung &#8222;minderwertiger&#8220; Menschen und im biblischen Mose den &#8222;\u00e4ltesten Rassehygieniker&#8220; feierte (78-84) &#8211; sicherlich selbst eher ein Fall f\u00fcr den Psychiater als viele seiner Opfer. Aber noch heute kann man im &#8222;Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon&#8220; (BBKL) \u00fcber Mayer lesen, die &#8222;Schw\u00e4che und Unverantwortlichkeit&#8220; seiner ansonsten &#8222;ungeheuer materialreichen wissenschaftlichen Arbeit&#8220; liege allein darin, dass er den Begriff &#8222;geisteskrank&#8220; nicht definiert habe. Mayer: &#8222;Die schlechte Erbmasse ist dem unfruchtbar machenden Messer auszuliefern.&#8220; So etwas gilt dem BBKL im Jahre 2004 als &#8222;wissenschaftlich&#8220;. Brune kommentiert hingegen unerbittlich subjektiv: &#8222;F\u00fcr uns Kinder hatte dieses dreckige Gesudel verh\u00e4ngnisvolle Folgen&#8220; (83). Und diese subjektive Perspektive, die Zeitzeugenschaft der beiden exemplarischen Opfer Wulf und Brune, stellt den gr\u00f6\u00dften Vorzug des besprochenen Bandes dar &#8211; und macht ihn zugleich schwer verdaulich f\u00fcr Zartbesaitete.<\/p>\n<p>Das trifft auch auf die Biographie der beiden zu, nachdem sie dem Anstaltssystem entronnen waren.<\/p>\n<p>Das Netz von Ausweglosigkeiten, das in ihrer Kindheit gesponnen worden war, wirkt noch bei der Lekt\u00fcre be\u00e4ngstigend: Insassen, denen Schulbildung verweigert wurde, wird sp\u00e4ter aufgrund fehlender Schulbildung &#8222;Debilit\u00e4t&#8220; diagnostiziert (31). Wer f\u00fcr sein Recht k\u00e4mpft, wird als &#8222;Querulant&#8220; pathologisiert (30f, 73). Gerechte Emp\u00f6rung wird von psychiatrischen Gutachtern als somatisches Problem denunziert (&#8222;vasomotorische Erregbarkeit&#8220;, 32). Antr\u00e4ge auf Rehabilitierung werden in der jungen Bundesrepublik von B\u00fcrokraten beschieden, die einige Jahre zuvor als fanatische Nazis an den Psychiatrieverbrechen des &#8222;Dritten Reichs&#8220; ma\u00dfgeblich beteiligt waren &#8211; es ist wie im Horrorfilm, aber es handelt sich um historische Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Im nationalsozialistischen Deutschland wurden PsychiatriepatientInnen nicht nur systematisch ermordet oder zuweilen von sadistischem Anstaltspersonal zu Tode gequ\u00e4lt &#8211; gegen Kriegsende (und dar\u00fcber hinaus) kam es auch in gr\u00f6\u00dferem Umfang zu einem &#8222;Hungersterben&#8220;. Die Versorgung der Kranken wurde n\u00e4mlich auf der Grundlage &#8222;rassenhygienischer und r\u00fcstungs\u00f6konomischer Kosten-Nutzen-Rechnungen&#8220; (42) kalkuliert.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns einfach nicht in selbstgerechter Emp\u00f6rung \u00fcber diese vergangenen Jahrzehnte zur\u00fccklehnen, solange wir es zulassen, dass z.B. aus unseren Steuergeldern am Kieler Institut f\u00fcr Weltwirtschaft eine Studie finanziert wird, welche die Allokation von AIDS-Hilfsmitteln an den Wohlstand der Betroffenen koppelt, mit der unverhohlenen Begr\u00fcndung, dass Menschen, die reicher seien, einen h\u00f6heren &#8222;Lebenswert&#8220; h\u00e4tten. ((1)) Vom logischen Zielpunkt solchen Denkens handelt der besprochene Band.<\/p>\n<p>Dieses Denken selbst ist in der Gegenwart leider sehr lebendig. Das f\u00fcgt der Wut, die die Lekt\u00fcre des Buches hinterl\u00e4sst, eine h\u00f6chst aktuelle Dimension hinzu. Nichts spricht dagegen, dem Beispiel Paul Brunes und Paul Wulfs zu folgen und diese Wut in politisches Engagement zu verwandeln, bevor die Technokraten der Selektion ihre n\u00e4chste Chance erhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ende der Besch\u00e4ftigung mit den nationalsozialistischen, deutschen Menschheitsverbrechen steht schon deshalb nicht auf der Tagesordnung, weil es in vieler Hinsicht mit dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes gar keine Z\u00e4sur gab. Die Eliten blieben weithin in ihren bequemen Chefsesseln (oder besetzten alsbald neue), mochte auch noch so viel Blut an ihren Fingern kleben. 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