{"id":8230,"date":"2007-06-01T00:00:40","date_gmt":"2007-05-31T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8230"},"modified":"2022-07-26T14:24:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:18","slug":"von-den-indianern-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/06\/von-den-indianern-lernen\/","title":{"rendered":"Von den Indianern lernen"},"content":{"rendered":"<p><em>In Erinnerung an meinen besten Freund, Stanley Diamond, Ethnologe und Poet aus New York, gestorben im M\u00e4rz 1991, ohne den ich das Meiste, &#8222;In Search of the Primitive&#8220;, so nicht verstanden h\u00e4tte.<\/em><\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund einer seit ca. 20 Jahren intensiver gewordenen HistorikerInnen-Debatte in den USA will Thomas Wagner ,,herausarbeiten, dass und wie die Indianer allgemein, die Irokesen und ihre 5, sp\u00e4ter 6 &#8222;Nationen&#8220; die Entwicklung der USA erheblich beeinflusst haben.<\/p>\n<p>Hierbei kommt ihm neben einer F\u00fclle neuerer Forschungen eine alte ethno-historische Einsicht zugute. Dass ungeachtet herrschaftlicher Ungleichgewichte, die ansonsten nie vergessen werden d\u00fcrfen, alle erobernden und eroberten Kollektive von Menschen als &#8222;Sieger&#8220; und &#8222;Besiegte&#8220; erheblich aufeinander eingewirkt haben. Die Richtung des Ein-Flusses weist nie allein von Sieg-Herrschaftsoben nach unten. Die &#8222;Sieger&#8220; schreiben freilich &#8222;die&#8220; Geschichte. In Sachen der Wechselwirkung sind qualitativ verschiedene Etappen zu unterscheiden. Zuerst zwischen den europ\u00e4ischen ImmigrantInnen, meist noch als Untertanen der britischen Krone, und den \u00fcberall pr\u00e4senten St\u00e4mmen der IndianerInnen. Sodann zwischen den USA, nach ihrer Gr\u00fcndung 1787, ihren Land und Leute nehmenden &#8211; sehr euphemistisch ausgedr\u00fcckt &#8211; Grenzverschiebungen westw\u00e4rts einerseits und den dezimierten, den \u00e4u\u00dferlich und innerlich zerschlagenen indianischen St\u00e4mmen des 19. Jahrhunderts andererseits. schlie\u00dflich die Verh\u00e4ltnisse der in die Gegenwart reichenden Zeit, da die USA zur Vormacht der westlichen Welt und des Globus im Verlauf der hei\u00dfen und kalten Kriege des 20. Jahrhunderts insgesamt wurden, die indianischen Bev\u00f6lkerungen wieder zunahmen, allerdings durchgehend in Reservaten umzirkt.<\/p>\n<p>Versuchte man eine allgemeine Einsch\u00e4tzung \u00fcber 4 Jahrhunderte, dann l\u00e4sst sich pauschal festhalten: Eine Vorgeschichte und Geschichte der USA ohne aktiven Part der IndianerInnen kann nicht geschrieben werden. Allerdings l\u00e4sst sich durch keine Darstellung korrigieren, dass und wie sehr IndianerInnen durch eingef\u00fchrte Seuchen, die fr\u00fch ihre Angeh\u00f6rigen dezimierten, durch bald aggressiv, bald freundlicher aufgen\u00f6tigte, individuelles Eigentumsstreben ins Zentrum stellende &#8222;Zivilisierungsversuche&#8220;, die herk\u00f6mmliche Gesellungsformen aufl\u00f6sten, nicht zuletzt durch Kriege, Vertragsbr\u00fcche, Verdr\u00e4ngungen und Ein-Lagerungen in ihrerseits immer erneut vertragsbr\u00fcchig geschm\u00e4lerte Reservate, zu einem bestenfalls randst\u00e4ndigen, meist eher folkloristisch wahrgenommenen Teil der USA wurden.<\/p>\n<p>Wagner k\u00fcmmert all dies. Er will jedoch vor allem herausarbeiten, wie sehr die Irokesen in der Zeit der vorrevolution\u00e4ren englischen Kolonien bis zum Prozess der nordamerikanischen Verfassung Begriff und Praxis des sp\u00e4teren US-amerikanischen F\u00f6deralismus durch ihr lebendes Vorbild mitgeformt haben. Das gelebte friedliche Neben- und Miteinander der Irokesenst\u00e4mme und ihre &#8218;Diplomatie des Konsens&#8216; waren demokratieentscheidend. Angeh\u00e4ufte Besitzt\u00fcmer gab es nicht.<\/p>\n<p>Diplomatie des Konsens hei\u00dft, alle Probleme diskutierend zu l\u00f6sen. Das Palaver mitsamt einer Reihe zeremonieller Verkehrsformen ist der heute allgemein bekannte Ausdruck daf\u00fcr. Dort, wo keine \u00fcbereinstimmende L\u00f6sung m\u00f6glich ist, dort wird entschieden, nicht zu entscheiden. Bis dann die umstrittene Sache, wenn sie strittig und wichtig anh\u00e4lt, erneut debattiert wird.<\/p>\n<p>Wagner hilft mit, eine nicht nur in den USA vorherrschende Wahrnehmung zu korrigieren.<\/p>\n<p>Sie legt die USA in ihren Eigenarten und Vorz\u00fcgen nur (nach-)europ\u00e4isch aus. Damit werden die USA nicht &#8218;getroffen&#8216;.<\/p>\n<p>Dadurch wird vers\u00e4umt, am Exempel der USA aus europ\u00e4ischen Augen Aspekte und Elemente wahrzunehmen, die gerade heute eigenes Lernen stimulieren k\u00f6nnten, da kriegs- und polizeikr\u00e4ftig an der Festung Europa gebaut wird.<\/p>\n<p>Wie m\u00fcsste das Verst\u00e4ndnis von Menschenrechten und Demokratie von der begrifflichen Wurzel an neu gefasst werden, damit sie nicht &#8218;guten Gewissens&#8216;, mit &#8218;Leitwerten&#8216; ges\u00fc\u00dft, neue Kriege, Ausschl\u00fcsse von Menschen, Unterdr\u00fcckungen und Formen des &#8222;Cultural Genocide&#8220; in sich bergen?<\/p>\n<p>Das, was &#8222;Prozess der Zivilisation&#8220; genannt wird, von stehendem Beifall all des weltweit versammelten Westens begleitet, wirkt nach innen und nach au\u00dfen absch\u00fcssig ambivalent.<\/p>\n<p>Wagners informations- und aspektreiches Buch mag allenfalls dort nicht ganz zufrieden zu stellen, wo er zu sehr, wenngleich weithin erfolgreich, darauf konzentriert scheint, nachzuweisen, dass die Irokesen vorrevolution\u00e4r, noch nahezu durchgehend selbstorganisiert, die &#8218;revolution\u00e4re&#8216; Verfassung der USA gerade in ihren am meisten zur Demokratie neigenden Elementen beeinflussten. Dies taten sie nicht durch irgendeine machtvolle Auseinandersetzung. Sie wirkten allein durch das Vorbild, das von den werdenden AmerikanerInnen aus der N\u00e4he eingesehen werden konnte. Das Vorbild aber verk\u00f6rperte in lebendigem Funktionieren Kants Utopie des &#8222;Ewigen Friedens&#8220; in schon verwirklicht vorscheinender Konf\u00f6deration.<\/p>\n<p>Im Schlussteil seiner langgestreckten Studie trifft Wagner eine Feststellung, die ich mit einer Hilfe argumentativ anreichern will: &#8222;Die Geschichte des Irokesenbundes ist ein hervorragendes Beispiel daf\u00fcr, wie das Festhalten an ethnischen Selbstorganisationsformen und Traditionen nicht notwendig das Beharren in einer zum Untergang verurteilten primitiven &#8218;Urspr\u00fcnglichkeit&#8216; bedeutet, sondern politische Entwicklungspotentiale freisetzt, die als eine ganz eigenst\u00e4ndige Antwort auf die f\u00fcr akephale Gemeinschaften besonders bedrohlichen Zumutungen der Moderne gedeutet werden m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Richtig! rufe ich aus. Mehr noch, f\u00fcge ich hinzu, scheint mir angebracht. Versteht man die Neuerkundungen in der Geographie und Geopolitik radikal anderer Gesellschaften, verglichen mit der kapitalistisch-etatistischen Moderne von hier und heute aus im Sinne meines eingangs erw\u00e4hnten Freundes, Stanley Diamond, und vieler ihm \u00e4hnlich Argumentierender, dann ist &#8222;Primitive&#8220; nicht mit &#8222;Urspr\u00fcnglichkeit&#8220;, gar mit &#8222;Nat\u00fcrlichkeit&#8220; zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Nicht Suche und Sucht nach Entlastung menschlicher Schwere, nach Entlastung von Schwierigkeiten, Widerspr\u00fcchen und Konflikten bedeutet &#8222;in search of the primitive&#8220; und &#8211; mit Wagner &#8211; ein fasziniert faszinierender &#8222;R\u00fcckgang&#8220; zur Konf\u00f6deration der Irokesen. Es geht vielmehr darum, f\u00fcr Menschen in ihrer Vielheit und Verschiedenheit politische Gesellungsformen zu finden, die sich unter anderem folgenden Zielen in immer neuen Anl\u00e4ufen ann\u00e4hern:<\/p>\n<p>Menschen als gesellige Wesen zu organisieren, die zugleich die Eigenheit jedes Menschen in seiner Gesellung achten;<\/p>\n<p>Menschen und Menschengruppen in ihren unvermeidlichen Aggressionen und Konflikten so zu organisieren, dass Aggressionen und Konflikte gewaltfrei ausagiert werden k\u00f6nnen (was Freud unter Sublimation verstand);<\/p>\n<p>Menschen und Menschengruppen so zu assoziieren, dass Freiheit positiv im Mittun sich \u00e4u\u00dfert, aber durchgehend die jeweiligen Andersartigkeiten selbstbewusst und gewaltfrei geachtet werden k\u00f6nnen;<\/p>\n<p>Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen dadurch auf allen Ebenen und in allen Formen zu vermeiden, dass die F\u00fclle der Verschiedenartigkeiten unter Menschen geachtet wird, jedoch jede Ansammlung von x-beliebigen Mitteln unterbleibt, die Strukturen lebenslanger und Leben \u00fcbergreifender Ungleichheit auskristallisiert;<\/p>\n<p>Arbeitsteiligkeit unter Menschen, die menschliche Gesellschaften in ihren Kunstfertigkeiten sich mehren l\u00e4sst, nicht aufzuheben, aber keine einseitig und auf l\u00e4ngere Dauer bestehende Teilung der Arbeit zuzulassen, die manche ihren Kopf und selbstbewussten Habitus ausbilden, andere aber, historisch immer die Mehrheit, zu diversen kleink\u00f6pfigen Arbeiten zwingt, die kein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln lassen;<\/p>\n<p>Entscheidungsvorg\u00e4nge und die Verwirklichung der Entscheidungen nicht nur transparent und f\u00fcr alle verstehbar zu organisieren, sondern daf\u00fcr zu sorgen, dass notwendige Institutionen nicht abheben und insgeheim Herrschaftseinrichtungen werden.<\/p>\n<p>Die Frage der Gegenwart und der Zukunft ist die Frage danach, wie in dieser ca. 6 Milliarden Menschen z\u00e4hlenden Welt plural verschiedene Gesellschaften so organisiert werden k\u00f6nnten, dass sie nach innen ihren Mitgliedern gerecht werden, dass sie sich nach au\u00dfen nicht abschotten; dass sie insgesamt einen global irokesischen F\u00f6dus Pacificum bilden, wie Kant friedliches Zusammenexistieren ansonsten getrennter kollektiver Einheiten genannt hat.<\/p>\n<p>In herrschaftlich verharschten Strukturen und Funktionen, deren Symbolen, Versprechungen und Strafen wachsen wir immer schon auf. Darum muss der an Kindern fr\u00fch beobachtbare &#8222;anarchistische Trieb&#8220;, selber zu laufen, selber zu bestimmen, die &#8222;Ekstase des aufrechten Gangs&#8220; (Ernst Bloch) zu erleben, neu und neu erweckt, best\u00e4tigt und best\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Auch darum strengt Anarchismus so an, die menschenrechtliche Basisqualit\u00e4t schlechthin, eine Anstrengung freilich, die froh, weil frei macht.<\/p>\n<p>Sogenannt segment\u00e4re Gesellschaften wie die Irokesen werden durch verwandtschaftliche Bande und ihre Vernetzungen getragen und zusammengehalten. Diese, wie man zu sagen pflegt, genealogischen Strukturen, bei den Irokesen &#8222;matrilinear&#8220;, also m\u00fcttergerichtet, sind &#8222;allen Gesellschaftsangeh\u00f6rigen aus eigenem Erleben im sozialen Nahbereich unmittelbar vertraut&#8220;. &#8222;Aus diesem Grund&#8220; tragen sie in einem erheblichen Ma\u00dfe dazu bei, dass die Angeh\u00f6rigen der Gruppe an den mit ihrer Hilfe eingerichteten Institutionen teilnehmen wollen.<\/p>\n<p>Die Gruppen sind klein an Umfang. Circa 500 Personen umfassen sie. Sie nehmen nur geringf\u00fcgig zu. Sie sind in gegenseitiger Hilfe aufeinander bezogen. Kollektive Rituale sorgen daf\u00fcr, dass gemeinschaftliche Zusammenh\u00e4nge lebendig bleiben.<\/p>\n<p>Ungleichheiten, die einen Spalt erster Verherrschaftlichung bieten, werden beseitigt, indem sie umverteilt werden. &#8222;Es wurde geteilt, was da war, und entweder musste keiner oder (mussten, WDN) alle hungern.&#8220; &#8222;Der Praxis des Teilens wird bei den Irokesen stets der Vorzug gegeben vor dem Prinzip der Besitzanh\u00e4ufung.&#8220;<\/p>\n<p>Jederzeit gegebene Chancen, mitzubestimmen oder bei bleibender Abweichung die Gruppe zu verlassen, gew\u00e4hrleisten, dass keine sozialen Spannungen sich explosiv stauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Frauen und M\u00e4nner \u00fcben zwar verschiedene Verrichtungen aus. Eine strukturelle Ungleichheit der Geltung und Anerkennung beider Geschlechter gibt es jedoch nicht.<\/p>\n<p>Dort, wo es in &#8222;institutionalisierten&#8220;, also auf Dauer gestellten, in wiederkehrender Gewohnheit berechenbarer Anarchie zeitweilig &#8222;F\u00fchrungspositionen&#8220; gibt, sind diese bar aller Mittel eines &#8222;Erzwingungsstabes&#8220;.<\/p>\n<p>Diese Beobachtung gilt insbesondere dort, wo die einzelnen &#8222;Nationen&#8220; der irokesischen F\u00fcnfer-, bzw. Sechserkonf\u00f6deration mit den anderen zusammenwirken. Jetzt z\u00e4hlt das strikte Gleichheitsprinzip. Es wird durch den immer n\u00f6tigen Konsens garantiert. &#8222;Der Irokesenbund verbindet verwandtschaftliche Organisationsformen mit dem f\u00f6deralen Integrationsprinzip auf eine Weise, die politischer F\u00fchrung den herrschaftlichen Modus verwehrt und nur konsensualen Beschl\u00fcssen allgemeinverbindlichen Charakter zugesteht.&#8220;<\/p>\n<p>Das, was Wagner bezogen auf den Irokesenbund schreibt, ist unbeschadet jeweils spezifischer Gestaltungsformen, die auch mit den unterschiedlichen Kontexten korrespondieren, exemplarisch f\u00fcr &#8222;segment\u00e4re Gesellschaften&#8220;. Am originellsten ist es dort, wo der Irokesenbund die herrschaftsfreien Verfahrensweisen von der je einer &#8222;Nation&#8220; internen Organisierungsweise auf die alle 5\/6 Nationen \u00fcbergreifende Organisationsform \u00fcbertr\u00e4gt. &#8222;Innen&#8220; und &#8222;au\u00dfen&#8220; werden einander kongruent. Auf diese Weise kann der Irokesenbund zu einem Muster &#8222;internationaler&#8220; Organisation werden. So wichtig die historische Tatsache herrschaftsfreier &#8222;internationaler&#8220; Organisation der Irokesen ist, so wichtig ist es, ihre Bedingungen und ihre Grenzen wahrzunehmen. Nur dann ist es eventuell m\u00f6glich, das irokesische Muster in andere Kontexte zu \u00fcbertragen, ohne von vornherein die Zerst\u00f6rung des Musters durch nur noch nominell symbolischen Missbrauch bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die erste Bedingung besteht in der Realistik der irokesischen Verfahren. Gerade weil die Irokesen dauernde Herrschaftsneigungen unterstellten, trafen sie Vorkehrungen, um herrschaftlich besetzbare Ungleichheiten, nicht zuletzt die Ungleichheit in Sanktionsmitteln zu verhindern.<\/p>\n<p>Der Versuch, Herrschaftsneigungen zuvorzukommen, hatte als zweite Bedingung zur Voraussetzung eine auf soziale Selbstsubsistenz angelegte, nicht auf Wachstum ausgerichtete \u00d6konomie. Formen der Produktion waren vonn\u00f6ten, die mit verschiedenen Akzenten in der Arbeitsteilung der Geschlechter keine soziale\/geschlechtliche Teilung in den Produktionsverh\u00e4ltnissen erlaubten.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische &#8218;Statik&#8216; wiederum, so die dritte Bedingung, wurde durch die geringe Bev\u00f6lkerungszahl erlaubt und best\u00e4tigt. Weder eine \u00d6konomie noch eine \u00e4hnlich gerichtete Politik gro\u00dfer, expandierender Stufenleiter waren erforderlich.<\/p>\n<p>Damit ist auch die vierte, vielleicht wichtigste Bedingung verbunden, dass die individualistisch privatisierten Interessen keine Rolle spielten.<\/p>\n<p>So von Eigentum\/Besitz sinnvoll die Rede sein kann, dem treibenden Kern aller kapitalistischen Vergesellschaftung, dann nur im Sinne der allen zug\u00e4nglichen Allmende und der dauernden Umverteilung individuell erworbener G\u00fcter.<\/p>\n<p>Damit h\u00e4ngt als f\u00fcnfte Bedingung zusammen, dass das Selbstbewusstsein, der Irokesinnen und Irokesen von Kindesbeinen an ein Selbstbewusstsein war, das sich weitgehend mit dem Gemeinschaftsbewusstsein deckte. Es ging im gemeinschaftlichen, aufeinander bezogenen Handeln, nicht zuletzt den Zeremonien auf.<\/p>\n<p>Zurecht haben sich Indianergesellschaften gegen nordamerikanische, herrschaftsbegr\u00fcndete Sanktionen wie den Vollzug der Todesstrafe gewehrt (der moderne Staat entstand mit zuerst dadurch, dass sich zentralisierende Herren die h\u00f6chsten Bestrafungsformen aneigneten). Sie wurde ihnen in Auseinandersetzungen und bei angeblichen Vergehen von Indianern an Nordamerikanern aufgeherrscht. Ob indes eine \u00e4u\u00dferste Strafe wie die des &#8222;sozialen Todes&#8220;, zu der indianische, etwa irokesische &#8218;Nationen&#8216; verurteilten, unserer, jedenfalls meiner Vorstellung der Herrschaftsfreiheit entspr\u00e4chen, kann f\u00fcglich in Frage gestellt werden.<\/p>\n<p>Gleiches von Sklaven, die zum Teil von Indianern gehalten wurden oder von zeremonialen Feind-Opfern, noch bevor angenommen werden kann, dass die nordamerikanischen Eindringlinge Aggressionen und Gewalt steigerten.<\/p>\n<p>Was h\u00e4tte sich, wenn Macht, Herrschaft und Profit nicht in enger Liaison den exklusiven Takt geschlagen h\u00e4tten, von anderen lernen lassen.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde sich heute, zu sp\u00e4ter &#8222;Entwicklungsstunde&#8220; noch lernen lassen, da die Kapital- und Nation-Building auf ihre Bildner zur\u00fcckschl\u00e4gt, auch wenn sie sich aktuell noch selbst auskonkurrieren. N\u00e4hme man Nachhilfe bei den &#8222;historischen&#8220; IndianerInnen und ihren vielfach gebeutelten heutigen VertreterInnen, man begriffe, dass Menschenrechte als die Bedingungen menschenangemessenen Lebens nicht individualistisch herausgepickt und zugeschrieben werden k\u00f6nnen. Menschenrechte sind nur Ausdruck der gesamten materiellen und immateriellen Kultur einer Gesellschaft insgesamt;<\/p>\n<p>dass Menschenrechte nicht wie passive Seismographen bei Gefahren einzelner Rechte von Individuen behandelt werden d\u00fcrfen, sondern durchgehend aktiv von allen einzelnen mitbestimmt werden m\u00fcssen;<\/p>\n<p>dass es darum verfehlt ist, individuelle Menschenrechte kollektiven entgegen zu stellen. W\u00e4hrend kapitalistische Vergesellschaftung darin besteht &#8211; und die staatliche weithin dementsprechend -, Menschen zu vereinzeln, soziale Bindungen aufzul\u00f6sen, um sie verr\u00fcckt mit einem prim\u00e4ren Interesse treiben und regulieren zu k\u00f6nnen, besteht indianisch Vergesellschaftung darin, die einzelne Person zur Person in, mit und durch die Gesellschaft werden zu lassen. Kurzum: Individuelle und kollektive Bedingungen und M\u00f6glichkeiten korrespondieren wechselweise miteinander. W\u00e4hrend die kollektiven Bedingungen, formuliert man sie als kollektive Menschenrechte konstitutiv, im Sinne der M\u00f6glichkeit kollektiver Autonomie ausgerichtet an herrschaftsfreien Zielen sind, sind die individuellen als notwendiges Korrektiv sorgsam zu achten. Damit nie und nimmer gelten k\u00f6nne: &#8222;du bist nichts, dein Volk ist alles&#8220;, im &#8218;ewig&#8216; schreckenden Nazijargon gesprochen;<\/p>\n<p>dass freilich die unausgesprochen &#8222;westlich&#8220; selbstverst\u00e4ndliche Verbindung Nationalstaat und Menschenrechte die Menschenrechte mehrfach zerst\u00f6rt: Zum einen werden die &#8222;eigenen&#8220; &#8222;Staatsb\u00fcrger&#8220; (typisch deutsche Bezeichnung)\/ citizens von vornherein anderen Menschen gegen\u00fcber privilegiert. In der BRD gelten viele Grundrechte nur f\u00fcr die Bundesdeutschen als anerkannte &#8222;STAATSb\u00fcrger&#8220;; zum zweiten: Die Bevorzugung der &#8222;national-staatlich&#8220; Angeh\u00f6rigen wirkt nicht nur inklusiv, sie schlie\u00dft vielmehr andere aus.<\/p>\n<p>Das gilt bis zum Extrem der Displaced Persons. Sie geh\u00f6ren keinem Nationalstaat an, haben keinen Ort, darum sind sie &#8222;displaced&#8220;. Sie werden wie die Spreu im Wind zwischen den Staaten verweht oder im Mittelmeer und anderw\u00e4rts ers\u00e4uft.<\/p>\n<p>Demokratie, die nicht in Assoziationen lebt, kann nicht einmal das n\u00f6tige Minimum b\u00fcrgerlichen Verst\u00e4ndnisses und b\u00fcrgerlicher Teilnahme realisieren. Sie bleibt abstrakt.<\/p>\n<p>So wirklichkeitsfern die geringen Gr\u00f6\u00dfenordnungen z.B. der irokesischen Nationen heute wirken, sie besa\u00dfen allenfalls d\u00f6rflichen Umfang, so wirklichkeitsfern sind die &#8222;repr\u00e4sentativen Demokratien&#8220; infolge der Riesenaufgaben sowohl in repr\u00e4sentativer wie demokratischer Hinsicht. Sie repr\u00e4sentieren allenfalls die strukturelle und funktionelle Unf\u00e4higkeit zur Demokratie.<\/p>\n<p>Man beachte allein die sozialen Raumerstreckungen, die Bev\u00f6lkerungszahlen, die n\u00f6tigen Mittel, Distanzen und Quantit\u00e4ten zu &#8220;bew\u00e4ltigen&#8216;, den nicht abnehmenden Sandhaufen t\u00e4glich erforderlicher Entscheidungen, die Notwendigkeit, Zeiten abzuk\u00fcrzen, die Hektik der Beschleunigung also, die aller Kunst demokratisch n\u00f6tiger Langsamkeit widerspricht und vieles andere mehr -; dann bleibt nur der demokratisch informierte Schluss: So geht es nicht.<\/p>\n<p>Der demokratische Anspruch wird zur repressiven, heute mehr und mehr pr\u00e4ventiv gekehrten Pr\u00e4tention und Kontrolle. Also lohnte es sich, mitten in un\u00fcbersichtlich komplexen Quantit\u00e4ten sich aufgabensandig mischender, anhaltend nachwachsender Berge auf dem indianischen Weg anzufangen. Von seinen Bedingungen informiert gilt es, daran zu arbeiten, funktionst\u00fcchtige Demokratien zu bauen.<\/p>\n<p>Zwangsvereinheitlichungen w\u00e4ren nur dann zu vermeiden, wenn konsensuale Diskussions- und Entscheidungsformen best\u00fcnden. Sie m\u00fcssten jeder\/jedem Abweichender\/em eine Chance lassen, nicht mitzutun. Das aber setzte Bedingungen voraus, wie sie &#8211; von Wagner beschrieben &#8211; bei den Irokesen gegeben waren.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu nationalstaatlichen Anspr\u00fcchen und Zwangsvereinigungen mehr oder minder sublimer Art mit entsprechenden Gewaltkosten nach innen und nach au\u00dfen stehen heute mehr denn je friedliche innere und \u00e4u\u00dfere Konf\u00f6derationen auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Welcher unverantwortliche Herrschaftsunsinn wird allein schon damit betrieben, dass Gesellschaftsb\u00fcndel wie Nigeria mit circa 60 kulturell verschiedenen Gruppierungen diverser Gr\u00f6\u00dfenordnung darauf ausgerichtet und dahingehend behandelt werden, wie &#8222;Nationalstaaten&#8220; zu fungieren. Einsichtig sollte geworden sein, dass die meisten heute als &#8222;realistisch&#8220; und wirksam geltenden politischen Orientierungs- und Organisationsmuster aller humanen, in bester europ\u00e4ischer Aufkl\u00e4rung herrschaftskritischer Vernunft widersprechen. Will man aber daran gehen, andere Organisationsweisen zu finden, zu erfinden und zu planen, dann, so zeigt sich, ist ein R\u00fcckgriff auf indianische Erfahrungen \u00fcberaus fruchtbar.<\/p>\n<p>Diese lassen sich nicht wie ein abstraktes Muster unmittelbar anwenden. Sie k\u00f6nnten jedoch erfahrungsges\u00e4ttigt orientieren.<\/p>\n<p>Sie verm\u00f6gen dazu stimulieren, heutigen Zerst\u00f6rungen unerh\u00f6rten Umfangs mit konkreter organisierender Phantasie zu begegnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Erinnerung an meinen besten Freund, Stanley Diamond, Ethnologe und Poet aus New York, gestorben im M\u00e4rz 1991, ohne den ich das Meiste, &#8222;In Search of the Primitive&#8220;, so nicht verstanden h\u00e4tte. 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