{"id":8253,"date":"2007-09-01T00:00:53","date_gmt":"2007-08-31T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8253"},"modified":"2022-07-26T14:14:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:52","slug":"vom-nutzen-der-regeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/09\/vom-nutzen-der-regeln\/","title":{"rendered":"Vom Nutzen der Regeln"},"content":{"rendered":"<p>Neulich fuhr ich vom Einkaufen mit dem Fahrrad nach Hause. Auf einer Stra\u00dfe, deren Name &#8222;Friedrich-Engels-Allee&#8220; noch immer keiner S\u00e4uberung zum Opfer gefallen ist, stand eine Ampel auf rot, und ich rollte vorsichtig rechts an der Autoschlange vorbei in Richtung der genannten Lichtzeichenanlage. Da ert\u00f6nte pl\u00f6tzlich dicht hinter mir eine Stimme: &#8222;Verkehrsregeln gelten auch f\u00fcr Radfahrer!&#8220; Ehe ich diesen Satz richtig in mich aufgenommen hatte, stand ich schon zwanzig Meter weiter an der Ampel; und als ich mich durchgerungen hatte zu fragen, an welche Verkehrsregel die Stimme wohl gedacht haben mochte, gab gr\u00fcnes Licht die Fahrt frei.<\/p>\n<p>Gerade noch konnte ich die Urheberin des Merkspruches ausmachen. Durchs offene Fenster des Beifahrersitzes sah mich beim \u00dcberholen eine vielleicht sechzigj\u00e4hrige Dame mit strengem Blick an, die silbernen Haare aufw\u00e4ndig frisiert, die Jacke wahrscheinlich aus Cashmere &#8211; eine w\u00fcrdevolle Repr\u00e4sentantin unserer Oberschicht. Vom m\u00e4nnlichen Fahrer des Vehikels erkannte ich nicht viel, hatte aber das sichere Gef\u00fchl, es m\u00fcsse sich um den Ehemann handeln. Das Fahrzeug war ein silberfarbener allradgetriebener &#8222;SUV&#8220; der Firma BMW.<\/p>\n<p>&#8222;Verkehrsregeln gelten auch f\u00fcr Radfahrer!&#8220; Dieser Satz lie\u00df mich nicht mehr los. Was wollte die Autorin mir damit sagen? Dass ich ihn \u00fcberhaupt h\u00f6ren konnte, bewies, dass er ganz spontan, quasi als Reflex auf mein Vorbeirollen, ge\u00e4u\u00dfert worden war. (Oder deutete das heruntergekurbelte Fenster und die zeitliche Platzierung der \u00c4u\u00dferung auf eine geplante Aktion, und mein Herannahen war bereits lange im R\u00fcckspiegel beobachtet worden?) Ich versuchte, mich der Analyse des Satzes durch die Frage nach der konkret gemeinten Verkehrsregel zu n\u00e4hern. Rechtsfahrgebot, Beachten von Ampeln, Vorfahrtsregeln &#8230; all das hatte ich nicht missachtet. Schlie\u00dflich landete ich beim Paragraph 1 der Stra\u00dfenverkehrsordnung: &#8222;Die Teilnahme am Stra\u00dfenverkehr erfordert st\u00e4ndige Vorsicht und gegenseitige R\u00fccksicht.&#8220; Und: &#8222;Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer gesch\u00e4digt, gef\u00e4hrdet oder mehr, als nach den Umst\u00e4nden unvermeidbar, behindert oder bel\u00e4stigt wird.&#8220;<\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze geh\u00f6ren (abgesehen von der Gender-Frage) sprachlich wie moralisch zweifellos zum Besten, was in deutschen Gesetzen und Verordnungen \u00fcberhaupt zu lesen ist. Nun hatte ich nach meiner Einsch\u00e4tzung in der inkriminierten Situation sowohl Vor- wie R\u00fccksicht walten lassen und niemanden gesch\u00e4digt, behindert, bel\u00e4stigt oder gef\u00e4hrdet. Hingegen hatte die beschwerdef\u00fchrende Dame in einem SUV gesessen. Dieser Fahrzeugtyp hat zwei Eigenarten: Erstens verbraucht er ein Vielfaches der Treibstoffmenge, die andere Fahrzeuge zur Verrichtung desselben Zweckes (hier: Bef\u00f6rderung zweier Personen von einem Ort zu einem anderen Ort) ben\u00f6tigen. Er verunreinigt also \u00fcberdurchschnittlich stark die Luft. Dies f\u00fchrt kurzfristig zu einer Beeintr\u00e4chtigung des Wohlbefindens in der N\u00e4he befindlicher Personen, und tr\u00e4gt langfristig zu den mit Schadstoffaussto\u00df verbundenen globalen Problemen bei (Klimawandel etc.). Zweitens ist im Falle eines Unfalles durch die hohe Massentr\u00e4gheit eines solchen Vehikels die Gefahr f\u00fcr andere Unfall-Beteiligte h\u00f6her als bei normalen Autos; durch die hohe Front eines SUV erh\u00f6ht sich insbesondere das Verletzungs- und Todesrisiko von Kindern. Man kann also mit den Worten der Stra\u00dfenverkehrsordnung zusammenfassen, dass die klagef\u00fchrende Dame und ihr Ehemann\/Chauffeur es durch das schiere Verwenden dieses Fahrzeugtyps an Vorsicht und R\u00fccksichtnahme fehlen lie\u00dfen, und dass sie andere Verkehrsteilnehmer sch\u00e4digten, gef\u00e4hrdeten und, mehr, als nach den Umst\u00e4nden unvermeidbar, behinderten und bel\u00e4stigten.<\/p>\n<p>Diese Einsicht lenkt nun das ganze Problem des Sprechakts unserer Dame auf das W\u00f6rtchen &#8222;auch&#8220;. Wenn schon die fundamentalste aller Verkehrsregeln f\u00fcr sie selbst <em>nicht<\/em> galt: In welches Kollektiv sollten die Radfahrer, f\u00fcr die die Verkehrsregeln &#8222;auch&#8220; gelten, dann eingemeindet werden? Nun; alles am Auftritt der Dame war distinguierend: Das Fahrzeug, welches, obwohl in der Grundstruktur einem Auto \u00e4hnelnd, doch eher ein rollendes Verbrechen darstellte; das blauwei\u00dfe Rautenlogo auf der Motorhaube, das wir nur zu gut von den \u00dcberholspuren aller Autobahnen kennen, wo es meist zwischen den vier aufgeblendeten Scheinwerfern der Lichthupe in unserem R\u00fcckspiegel erscheint, wenn wir wagen, mit der zul\u00e4ssigen H\u00f6chstgeschwindigkeit einen Lastwagen zu \u00fcberholen; die vornehme Aufmachung der Dame; ihre Selbstgerechtigkeit. Hier wurde Klassenstolz zur Schau gestellt, und ein kleiner symbolischer Klassenkampf von oben ausgetragen: Einen BMW \u00fcberholt man nicht, schon gar nicht von rechts, schon gar nicht mit einem Fahrrad!<\/p>\n<p>Aber das Spannende an der geschilderten kleinen Szene ist, dass sich noch diese protzige Arroganz, mit ebenjenem W\u00f6rtchen &#8222;auch&#8220;, in eine egalit\u00e4re Verkleidung h\u00fcllt. Selbst in dieser Situation, wo der Habitus, etwas Besseres zu sein, derart zum Himmel schreit, muss der Schmerz, den das Prinzip &#8222;<em>smaller can be faster<\/em>&#8220; an jener Ampel bei den Boliden-Insassen verursacht, in Wendungen der Gleichheit gekleidet werden. Beweist dies nicht, dass Gleichheit als ethisches Prinzip anthropologisch sehr tief verankert sein muss? Lohnt es sich dann nicht, mit der Gleichheit Ernst zu machen, den feinen Leuten ihre Allrad-Monster wegzunehmen, und den Blasierten \u00fcberhaupt ein wenig Luft abzulassen? K\u00f6nnen wir nicht den \u00a7 1 der Stra\u00dfenverkehrsordnung nehmen und als komplett hinreichendes Regelwerk f\u00fcr unsere Gesellschaft verwenden, nur noch erg\u00e4nzt um die Ermunterung, nach individuellem und kollektivem Gl\u00fcck zu streben? &#8222;Die Teilnahme an der Gesellschaft erfordert st\u00e4ndige Vorsicht und gegenseitige R\u00fccksicht. Wer an der Gesellschaft teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass niemand sonst gesch\u00e4digt, gef\u00e4hrdet oder mehr, als nach den Umst\u00e4nden unvermeidbar, behindert oder bel\u00e4stigt wird.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4re das nicht Anarchie? &#8211; Vielen Dank f\u00fcr diese Einsicht, zornige vornehme Dame!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich fuhr ich vom Einkaufen mit dem Fahrrad nach Hause. Auf einer Stra\u00dfe, deren Name &#8222;Friedrich-Engels-Allee&#8220; noch immer keiner S\u00e4uberung zum Opfer gefallen ist, stand eine Ampel auf rot, und ich rollte vorsichtig rechts an der Autoschlange vorbei in Richtung der genannten Lichtzeichenanlage. 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