{"id":8310,"date":"2007-10-01T00:00:15","date_gmt":"2007-09-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8310"},"modified":"2022-07-26T14:14:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:51","slug":"jetzt-wirds-ernst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/jetzt-wirds-ernst\/","title":{"rendered":"Jetzt wird&#8217;s ernst!"},"content":{"rendered":"<p>Die demografische Entwicklung und die Anpassung des gesamten Lebens an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes lassen riesige soziale Probleme entstehen, die unser aller Zukunft bestimmen werden. Zunehmende Vereinsamung und unw\u00fcrdiges Leben im Alter bilden hierbei einen Aspekt jener komplexen sozialen Misere, die nach einer libert\u00e4ren Alternative geradezu verlangt.<\/p>\n<p>Wo aber ein gro\u00dfer Bedarf ist, ist auch das gro\u00dfe Business nicht weit. Und so &#8222;regelt&#8220; sich in unserer am Kapital ausgerichteten Gesellschaft auch dieses &#8222;Problem&#8220; folgerichtig: \u00fcber den Markt. Generations\u00fcbergreifende Projekte erleben daher seit Neuestem einen regelrechten Boom &#8211; und das d\u00fcrfte angesichts der prognostizierten Entwicklungen unserer Sozialstrukturen erst der Anfang sein\u2026 Investmentgesellschaften springen auf diesen Zug ebenso auf wie clevere Baul\u00f6wen oder die gro\u00dfen Sozialkonzerne. Und manchmal sucht unter diesem Label auch nur eine Gruppe gut betuchter Doppelverdiener nach einigen preiswerten Leihomas f\u00fcr die Kinder oder dem r\u00fcstigen Opa f\u00fcr die Gartenarbeit. Womit nicht gesagt sein soll, dass alle kommerziell aufgezogenen Generationenprojekte f\u00fcr den einzelnen Betroffenen schlecht sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nur: Sie sind eben in erster Linie kommerziell. Und damit kommen sie nur f\u00fcr Menschen in Frage, die entsprechend gut betucht sind &#8211; ganz abgesehen von der Frage, ob man sich wirkliche Gemeinschaftlichkeit, Respekt, Solidarit\u00e4t und gegenseitige Hilfe irgendwo als Dienstleistung &#8222;einkaufen&#8220; kann.<\/p>\n<p>Eine libert\u00e4re Vision von generations\u00fcbergreifendem Wohnen muss anders gestrickt sein als die Konfektionsware der Marktstrategen.<\/p>\n<h3>Neuland: be(i)treten erlaubt!<\/h3>\n<p>Im Umfeld von Neuland reifte Schritt f\u00fcr Schritt eine Vision heran, die mehr sein sollte, als nur eine Notl\u00f6sung innerhalb der neoliberalen Allt\u00e4glichkeit &#8211; nicht ohne Grund verpasste ihr ein pfiffiger Neustadter Genosse den Insider-Spitznamen &#8222;Projekt A \/ Plan B&#8220;\u2026 Die Eckdaten lassen sich rasch aufz\u00e4hlen: Zusammenleben aller Generationen in Solidarit\u00e4t und Gegenseitiger Hilfe; soviel Kollektivit\u00e4t wie m\u00f6glich und soviel Individualit\u00e4t wie gew\u00fcnscht; Immobilienbesitz in Gemeineigentum und Bezahlbarkeit auch f\u00fcr sozial schwache Menschen.<\/p>\n<p>Vor allem aber ging es von Anfang an nicht nur ums Wohnen: soziale Initiativen, kulturelle Veranstaltungen, nachbarschaftliche Offenheit und auch politisches Engagement &#8211; all das ist Teil des Konzepts und soll dazu beitragen, dass das Projekt aktiver Teil seiner sozialen Umgebung bleibt.<\/p>\n<p>Zur sozialen Virulenz des Projektes d\u00fcrfte auch das libert\u00e4re Dokumentationszentrum &#8222;Das AnArchiv&#8220; beitragen, das im Jahre 2005 nach fast 35 Jahren Existenz seine umfangreiche Bibliothek schlie\u00dfen musste ((**)) und im Projekt seinen endg\u00fcltigen Standort finden soll.<\/p>\n<p>Vor zweieinhalb Jahren wurde diese Idee geboren, wenig sp\u00e4ter der Verein gegr\u00fcndet, das Konzept entwickelt und nach einer geeigneten Immobilie gesucht.<\/p>\n<h3>Konzept Mietsh\u00e4usersyndikat<\/h3>\n<p>Vor allem aber fand Neuland in dieser Zeit im Freiburger Mietsh\u00e4usersyndikat einen Partner f\u00fcr seine Idee, der nicht nur politisch auf der gleichen Welle schwingt, sondern mit seiner Idee der &#8222;Direktkredite&#8220; auch ein solides Finanzierungskonzept fix und fertig in der Tasche hatte.<\/p>\n<p>Die Idee der Direktkredite, die in der GWR 319 vom Mai 2007 ausf\u00fchrlich vorgestellt wurde, ist bestechend einfach und \u00e4hnelt im Prinzip jenen &#8222;Mikrokrediten&#8220;, f\u00fcr die der Bangladeshi Muhammad Junus den letztj\u00e4hrigen Friedensnobelpreis erhalten hat: je mehr solidarische Kleinkredite, desto mehr Stabilit\u00e4t und desto weniger Abh\u00e4ngigkeit von Banken. Von der Finanzwelt anfangs bel\u00e4chelt und als utopisch abgetan, haben sich solche Strukturen hervorragend bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Das Freiburger Direktkredit-System bewies sich in 20 Jahren bei unz\u00e4hligen Projekten als derart solide, dass inzwischen nicht mehr nur die GLS-Bank, sondern auch &#8222;ganz normale&#8220; Banken oder Sparkassen als Finanzierungspartner auftreten &#8211; denn tats\u00e4chlich ist noch kein einziges Syndikats-Projekt jemals an finanziellen Problemen gescheitert.<\/p>\n<h3>Lieber 1000 Freunde im R\u00fccken als eine Bank im Nacken<\/h3>\n<p>Auf diese Weise finanzieren &#8222;Solidarprojekte&#8220; die Differenz zwischen Eigenkapital und Finanzbedarf durch hunderte von kleinen Direktkrediten, die von Menschen gew\u00e4hrt werden, die diese Idee unterst\u00fctzenswert finden: Eine Form von echtem &#8222;ethischem Investment&#8220; also, denn das Darlehen dient einem guten Zweck und bringt mit 3% zugleich mehr Zinsen als ein Sparbuch. (Wer das Projekt besonders f\u00f6rdern m\u00f6chte, darf nat\u00fcrlich auch teilweise oder ganz auf Zinsen verzichten.)<\/p>\n<p>Ab 500 Euro aufw\u00e4rts gew\u00e4hren Einzelpersonen der entsprechenden GmbH ein direktes und zweckgebundenes Darlehen; Laufzeit, K\u00fcndigungsfrist, Verzinsung und Absicherung werden in einem Kreditvertrag geregelt.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckzahlung erfolgt aus den Mieteinnahmen, in kurzfristigen F\u00e4llen &#8211; etwa wenn der Darlehensgeber in eine Notsituation ger\u00e4t &#8211; durch Umschuldung. Ist das Objekt abbezahlt, flie\u00dfen die Mieten in eine Solidarkasse zur F\u00f6rderung neuer Projekte.<\/p>\n<h3>Der aktuelle Stand<\/h3>\n<p>Als schlie\u00dflich mit dem &#8222;Eilhardshof&#8220; ein f\u00fcr das Vorhaben geradezu ideales Objekt gefunden wurde (<a href=\"\/319\/eilhardshof.shtml\">siehe GWR 319<\/a>), war das Interesse enorm und der Andrang entsprechend gro\u00df. Inzwischen hat sich ein zweites Neuland-Projekt konstituiert &#8211; nicht nur wegen Platzmangels, sondern auch aufgrund unterschiedlicher W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse &#8211; und wir alle hoffen, dass es noch viel mehr werden.<\/p>\n<p>Die zwischenzeitlich gegr\u00fcndete Eilhardshof GmbH ist sich mit dem Besitzerehepaar, das der Projektidee sehr positiv gegen\u00fcber steht, im Prinzip handelseinig. Kopfzerbrechen bereitete hingegen die genaue Kalkulation der Um- und Ausbaukosten sowie eine realistische Einsch\u00e4tzung der m\u00f6glichen Eigenleistungen. Gl\u00fccklicherweise hat das Projekt nicht nur einen engagierten und im Denkmalschutz \u00e4u\u00dferst versierten libert\u00e4ren Architekten aus der Region zu begeistern vermocht, sondern auch Kaufleute, Projektmanager und einen leibhaftigen Steuerberater, so dass nunmehr belastbare Zahlen in einem stimmigen Konzept auf dem Tisch liegen &#8211; seit vergangener Woche auch bei den Banken. Die erste hat bereits positives Interesse signalisiert.<\/p>\n<h3>Die konkreten Zahlen<\/h3>\n<p>Der Kaufpreis von 480.000 Euro f\u00fcr die f\u00fcnf H\u00e4user samt Park ist der geringste Brocken; die Gesamtkosten werden sich am Ende auf ann\u00e4hernd 2,5 Millionen belaufen. 440.000 Euro Zusch\u00fcsse sind aus einem Landesprogramm f\u00fcr barrierefreies Bauen zugesagt, durch Eigenleistungen und solidarische Bauhilfe von au\u00dfen k\u00f6nnen 230.000 Euro eingespart werden. Aufgrund dieser Zahlen braucht das Projekt als Minimum 400.000, als Optimum 600.000 Euro Direktkredite &#8211; davon sind etwa 240.000 bereits zusammengekommen. Dies erg\u00e4be eine solide Finanzierung mit einem Bankenanteil von 56 bzw. 48 Prozent.<\/p>\n<h3>Die konkrete Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Wir danken allen Graswurzelrevolution-LeserInnen, die uns bereits mit Direktkrediten unterst\u00fctzt haben und rufen alle anderen zur Mithilfe bei der Verwirklichung des Projekts auf. Denn jeder Mensch, der sich in dieser Idee wiederfinden kann, kann auch etwas f\u00fcr ihre Verwirklichung tun. Als konkretes Haus in Neustadt, aber auch als Modell, Pionierprojekt und Ermutigung f\u00fcr Menschen an jedem anderen Ort. Dabei geht es nicht nur um Geld. Denn sobald die Finanzierung steht, braucht es auch flei\u00dfige H\u00e4nde, um aus dem Eilhardshof das zu machen, was er werden soll. HandwerkerInnen sind daher so gefragt wie BeraterInnen, HelferInnen und KreditgeberInnen. Wer also Lust, Zeit und entsprechende Kenntnisse hat, ist ebenso herzlich eingeladen, uns mit Hand und Verstand zu helfen wie all&#8216; jene, die es richtig finden, in diesem Projekt einen Geldbetrag anzulegen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Wer das Geld gibt, bestimmt nat\u00fcrlich auch H\u00f6he, Laufzeit, Tilgung und Verzinsung des Direktkredites (innerhalb gewisser Grenzen) selbst &#8211; und selbstverst\u00e4ndlich werden angebotene Direktkredite erst dann abgerufen, wenn die Gesamtfinanzierung steht und von der Bank abgesegnet ist.<\/p>\n<p>Als realistische Optimisten hoffen wir, n\u00e4chstes Jahr um diese Zeit unsere ersten G\u00e4ste im Eilhardshof begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen und mit all jenen, die uns mit Rat und Tat, Ideen und Zuspruch, Geld und Arbeit geholfen haben, auf das gute Gelingen dieses Experiments anzusto\u00dfen. Mit einem gro\u00dfen Schoppen Pf\u00e4lzer Wein &#8211; oder auch mit Kr\u00e4utertee.<\/p>\n<p>Ganz nach Geschmack\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die demografische Entwicklung und die Anpassung des gesamten Lebens an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes lassen riesige soziale Probleme entstehen, die unser aller Zukunft bestimmen werden. Zunehmende Vereinsamung und unw\u00fcrdiges Leben im Alter bilden hierbei einen Aspekt jener komplexen sozialen Misere, die nach einer libert\u00e4ren Alternative geradezu verlangt. 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