{"id":8325,"date":"2007-10-01T00:00:10","date_gmt":"2007-09-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8325"},"modified":"2022-07-26T14:14:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:51","slug":"die-mutter-der-archive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/die-mutter-der-archive\/","title":{"rendered":"Die &#8222;Mutter der Archive&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wo ein Anarchist ist, ist auch ein Buch&#8220; &#8211; so lautete der Titel einer Diskussionsrunde auf der Jubil\u00e4umsveranstaltung zum 50. Geburtstag des CIRA.<\/p>\n<p>Am Tisch versammelt: libert\u00e4re VerlegerInnen aus einem halben Dutzend L\u00e4ndern. Sie beklagen sich dar\u00fcber, dass &#8222;die Leute (angeblich) nicht mehr lesen&#8220; und er\u00f6rtern engagiert die Frage, wo denn das lesende Subjekt abgeblieben sei. Wobei es offenbar nichts ausmacht, \u00fcbergangslos vom Franz\u00f6sischen ins Spanische oder Italienische zu wechseln &#8211; und auch schon mal ins Deutsche.<\/p>\n<p>Ein aufschlussreicher Erfahrungsaustausch, wie er selten stattfindet. Und der am Ende nicht nur die unterschiedlichen Situationen in verschiedenen L\u00e4ndern reflektierte, sondern auch den konstruktiven Blick nach vorne suchte, indem er die ver\u00e4nderten Lese- und Rezeptionsgewohnheiten der Internet-Generation nicht als Bedrohung des gedruckten Buches verteufelte, sondern als Herausforderung und Chance f\u00fcr neue Kommunikationsmedien und -wege.<\/p>\n<p>Menschen jeden Alters waren der Einladung des CIRA in das alte Landhaus gefolgt und feierten in dem gro\u00dfen parkartigen Garten. Sie reisten vor allem aus den Mittelmeerl\u00e4ndern an, aber auch aus Polen, Brasilien, Deutschland\u2026 Und nat\u00fcrlich hatten viele nur den kurzen Weg aus Lausanne und Umgebung zur\u00fcckzulegen, denn das CIRA ist, trotz seines respektablen Alters, nicht von Alterssklerose befallen, sondern ein lebendiger Teil der lebendigen libert\u00e4ren Szene der Stadt.<\/p>\n<h3>50 Jahre Motivation<\/h3>\n<p>In einem bewegenden Filminterview schildert die 2004 im Alter von 88 Jahren verstorbene Marie-Christine Mikhailo ihren Lebensweg von der politisch desinteressierten Diplomatengattin hin zur bekennenden Anarchistin. ((*)) Da war sie immerhin schon 41 und alleinerziehende Mutter von vier Kindern. 1957 entsteht aus den bei ihr notgelagerten Papieren einer zerschlagenen Anarchistengruppe das CIRA: Bibliothek, Archiv, Treffpunkt &#8211; und immer mehr auch ein Fokus libert\u00e4rer Inspiration und Motivation.<\/p>\n<p>Das CIRA w\u00e4chst, wird international und inspiriert die Gr\u00fcndung oder das Revival \u00e4hnlicher Zentren &#8211; \u00fcberall auf der Welt. Marie-Christine war eine charmante Frau von warmer Herzlichkeit. Ihrem dezenten L\u00e4cheln konnte kaum jemand widerstehen. Als ich 1972 sie und das CIRA kennenlernte, legte sie vor meiner Abreise sanft ihre Hand auf meinen Arm und fragte mich, ob es nicht eine gute Idee sei, in Deutschland etwas \u00c4hnliches aufzubauen. Wie konnte ich ihr als blutjunger Anarchist da widersprechen! Und so entstand auch das AnArchiv letztlich aus einer Motivation \u00e0 la Lausanne.<\/p>\n<h3>Vom Solit\u00e4r zur F\u00f6deration<\/h3>\n<p>Schon lange steht das CIRA nicht mehr als einsamer Solit\u00e4r in der anarchistischen Landschaft, und vorbei sind die Zeiten, als das Wohl und Wehe des Zentrums von der Kraft und dem Engagement Marie-Christines abhing. Seit langer Zeit schon hat ihre Tochter Marianne Enckell, die auch publizistisch sehr rege ist, Schritt f\u00fcr Schritt eine Art Nachfolge angetreten &#8211; und sicher w\u00e4re ohne ihren &#8222;guten Geist&#8220; das CIRA nicht das, was es heute ist -, aber selbstverst\u00e4ndlich wird die Einrichtung kollektiv getragen und basisdemokratisch gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Zu den gr\u00f6\u00dften Verdiensten des CIRA geh\u00f6rt &#8211; neben zahlreichen Treffen, Publikationen und Kolloquien &#8211; mit Sicherheit das Engagement bei der Gr\u00fcndung der FICEDL. Hinter dieser zungenbrechenden Abk\u00fcrzung verbirgt sich die F\u00e9d\u00e9ration Internationale des Centres d&#8217;\u00c9tudes et de Documentation Libertaires, eine F\u00f6deration libert\u00e4rer Archive, die 1978 ins Leben gerufen wurde, um Austausch, Zusammenarbeit, Forschung und Vernetzung im Sinne gegenseitiger Hilfe zu f\u00f6rdern. Heute umfasst die FICEDL ein gutes Dutzend Mitgliedszentren und steht in reger Verbindung mit zahlreichen anderen. Was Deutschland betrifft, ist die Situation nach der Schlie\u00dfung des AnArchivs ((**)) allerdings trist. Aus diesem Grunde richtete die FICEDL, die das Treffen in Lausanne zu einer kleinen Vollversammlung nutzte, einen Appell an die libert\u00e4ren Bibliotheken und Archive Deutschlands, zu ihr Verbindung aufzunehmen und sich gegebenenfalls der F\u00f6deration anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<h3>Anarchistische Gro\u00dffamilie<\/h3>\n<p>Selbstredend wurde auf dem Treffen nicht nur gearbeitet, sondern auch anst\u00e4ndig gefeiert. F\u00fcr eine erstklassige K\u00fcche sorgte das Kollektiv vom Espace Autog\u00e9r\u00e9, einem selbstverwalteten (ehemals besetzten) Haus in der City; hier fand auch das \u00f6ffentliche Jubil\u00e4umskonzert mit anschlie\u00dfender &#8222;Disco-Spaghetti-Night&#8220; statt.<\/p>\n<p>Dieser entzogen sich die meisten \u00e4lteren Semester jedoch mit Diskretion, um an etwas ruhigeren Orten zu plaudern, zu diskutieren und politische Pl\u00e4ne zu schmieden. Und manche, die sich seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatten, bekamen auch feuchte Augen und \u00fcberlie\u00dfen sich einfach ihren Erinnerungen.<\/p>\n<p>Denn vielleicht war dieses Treffen &#8211; in seiner &#8222;gef\u00fchlten&#8220; Qualit\u00e4t &#8211; mehr als alles andere auch ein lebendiger Beweis daf\u00fcr, dass es so etwas wie eine internationale &#8222;anarchistische Gro\u00dffamilie&#8220; tats\u00e4chlich gibt. Mit all ihrer Herzlichkeit und W\u00e4rme, ihren Freundschaften und Emotionen jenseits aller politischen Differenzen.<\/p>\n<p>Mit Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl &#8211; und mit einem verdammt langen Ged\u00e4chtnis. Wie sonst w\u00e4ren S\u00e4tze dieser Art erkl\u00e4rbar:<\/p>\n<p>&#8222;He, hombre, kennst Du mich nicht mehr? Wir waren doch 1976 zusammen in Z\u00fcrich, auf dem Kongress zum 100. Todestag Bakunins\u2026!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wo ein Anarchist ist, ist auch ein Buch&#8220; &#8211; so lautete der Titel einer Diskussionsrunde auf der Jubil\u00e4umsveranstaltung zum 50. Geburtstag des CIRA. Am Tisch versammelt: libert\u00e4re VerlegerInnen aus einem halben Dutzend L\u00e4ndern. 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