{"id":8337,"date":"2007-10-01T00:00:06","date_gmt":"2007-09-30T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8337"},"modified":"2022-07-26T14:14:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:51","slug":"nato-raus-aus-dem-schwarzen-afghanen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/nato-raus-aus-dem-schwarzen-afghanen\/","title":{"rendered":"NATO raus aus dem schwarzen Afghanen!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Ihr habt gerade eure gesammelten Werke ver\u00f6ffentlicht. Warum soll unsereins jetzt seine alte Comicsammlung verscherbeln und sich stattdessen euern bunten, gro\u00dfformatigen, drei Kilo schweren Prachtband f\u00fcr 39,90 Euro besorgen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Weil&#8217;s ein sch\u00f6nes Buch ist, anst\u00e4ndig gebunden und der Inhalt gute Laune macht.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Weil nur noch Wenige die &#8222;alte Comicsammlung&#8220; haben. Au\u00dferdem sind einige sch\u00f6ne k\u00fcrzere Comics drin, die kaum einer kennt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gerhard, in den 1970er Jahren warst du Hauszeichner der libert\u00e4ren M\u00fcnchner Stadtzeitung <em>Das Blatt<\/em>. Deine in unz\u00e4hligen Szenebl\u00e4ttern nachgedruckten Cartoons haben seitdem eine gro\u00dfe Wirkung auch auf die sozialen Bewegungen. Die Anarcho-Freaks und die knollennasigen Bullen (&#8222;Pop! Stolizei!&#8220;) wurden zu deinen Markenzeichen. Wie fing alles an? Wie hast du dich politisiert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Wenn ich das hier erz\u00e4hle gehen 30 Seiten drauf. Kurz: Politisierung (finsterer Ausdruck) begann mit Bundeswehr und Friedensbewegung. Sp\u00e4ter haben die endlosen Polizeischikanen gegen das <em>Blatt<\/em> kr\u00e4ftig mitgeholfen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Hat es dich gest\u00f6rt, dass viele Alternativmedien deine Comics &#8222;geklaut&#8220; haben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Nein. War ja gut, dass sie sich verbreitet haben und hat mich auch bekannt gemacht.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ziska, wie wurdest du politisch?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Famili\u00e4r bedingt &#8211; hab schon als Kind keinen Friedensmarsch verpasst und mit meinen Eltern H\u00e4user besetzt.<\/p>\n<p>Als Teenager fand ich dann die Ansichten meiner Eltern \u00fcberholt und habe versucht es anders zu machen. Mir ging das ganze Gelaber auf die Nerven, ich wollte radikale Ver\u00e4nderungen. Als Berlinerin war ich z.B. oft dr\u00fcben in der DDR Verwandte besuchen und konnte die Begeisterung f\u00fcr den Kommunismus keineswegs nachvollziehen. F\u00fcr mich kam als Utopie nur die anarchistische Gesellschaft in Frage.<\/p>\n<p>Heute denke ich etwas milder dar\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was hat euch zum Zeichnen inspiriert? Gibt es pers\u00f6nliche &#8222;Vorbilder&#8220;? Oder eine Muse?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Mich hat Gerhard Seyfried inspiriert. Ehrlich. Ich habe als Kind seine Zeichnungen studiert und manche Figuren nachgezeichnet.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hat mich die Schule gelangweilt und ich habe angefangen zu zeichnen.<\/p>\n<p>Und dann gab es noch die Kinderseite der &#8218;Besetzer Post&#8216; mit einer radikalen Disney Parodie, die habe ich sehr geliebt und U-Comics, Pardon, Freak Brothers,&#8230;<\/p>\n<p>Aber die Hauptmotivation war immer schon meine Phantasie. Eine treue Begleiterin, die mir manchmal ganz sch\u00f6n zu schaffen macht.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Zum Zeichnen inspiriert hat die Lust am Zeichnen, auch die Feststellung, dass ich&#8217;s kann, wenn ich mich reinknie.<\/p>\n<p>Vorbilder: Ebenfalls sehr viele, meine wichtigsten: Wilhelm Busch, Carl Barks, Gilbert Shelton.<\/p>\n<p><strong>GWR: Es gibt viele ber\u00fchmte Comiczeichner, aber relativ wenige Comiczeichnerinnen. Wie erkl\u00e4rst du dir das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Das hat sich in den letzen Jahren sehr ver\u00e4ndert. Mittlerweile gibt es einige sehr bekannte Comiczeichnerinnen.<\/p>\n<p>Ich glaube, es liegt an den Themen, die fr\u00fcher die Comics dominiert haben. Angefangen mit Helden- und Abenteuergeschichten (Sigurd und Konsorten), Action-, Krimi-, Gruselgeschichten.<\/p>\n<p>So was interessiert nur wenige Frauen und darum sind sie auch nicht drauf gekommen selber Comics zu machen.<\/p>\n<p>Viele der Comiczeichnerinnen von heute machen emotionalere Geschichten, Biographien, pers\u00f6nliche und sensible Geschichten. Frauengeschichten eben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gibt es f\u00fcr dich &#8222;m\u00e4nnliche&#8220; und &#8222;weibliche&#8220; Comics? Wenn ja, was sind da die Unterschiede?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Leider muss an dieser Stelle zugegeben werden, dass die M\u00e4nner einfach die besseren Zeichner sind.<\/p>\n<p><strong>GWR: Aber die Frauen die besseren Zeichnerinnen &#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;<em>Wo soll das alles enden&#8220;<\/em>, &#8222;<em>Freakadellen und Bulletten&#8220;<\/em>, &#8222;<em>Invasion aus dem Alltag<\/em>&#8222;, 1980, als 15-j\u00e4hriger hab ich diese Seyfried-Comics verschlungen. Als 1989 &#8222;Rest- und Rost-Berlin&#8220; wiedervereinigt wurden, erschien &#8222;<em>Flucht aus Berlin<\/em>&#8222;. Genial!<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>&#8222;Starship Eden&#8220;<\/em> habe ich erst jetzt im Sammelband entdeckt. Das gef\u00e4llt mir gut. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Was sind eure liebsten Comics?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann:<\/strong> Ich finde von Gerhard <em>&#8222;Invasion aus dem Alltag&#8220;<\/em> nach wie vor gro\u00dfartig. Er hat darin das Lebensgef\u00fchl dieser Zeit auf einzigartige Weise auf Papier gebannt.<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt besonders der gr\u00fcne W\u00fcrfel, mit dem die Au\u00dferirdischen zeichnen, so einen h\u00e4tte ich auch gerne.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Von unseren? Eher alle, bzw. immer der Neueste. Starship Eden. Der Fluch der Nippon-Ziege.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ihr arbeitet seit 1990 zusammen. Wie und warum kam es dazu? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Gl\u00fccklicher Zufall. Ein Loch im Raum- Zeit- Kontinuum. Wir haben uns erkannt, der Himmel \u00f6ffnete sich und es wurde Comic.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Ich kam an einer brennenden M\u00fclltonne vorbei, aus der eine Stimme sprach: Gehe hin und arbeite mit Ziska Riemann zusammen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wo seht ihr Vor- und Nachteile eurer Zusammenarbeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann:<\/strong> Wir haben die gleichen Bilder im Kopf und den gleichen Humor. Wir haben jede Menge Spa\u00df.<\/p>\n<p>Der Nachteil ist, dass ich zur Zeit nicht in Berlin wohne und wir \u00fcber Internet und Telefon kommunizieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Seltsame Frage. Nie dr\u00fcber nachgedacht.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ihr tretet als K\u00fcnstlerduo &#8222;Harmonian Anarchists&#8220; auf. Was bedeuten f\u00fcr euch Anarchismus und Anarchie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Harmonian Anarchists hat ja auch noch das Wort Harmonie mit drin.<\/p>\n<p>Die perfekte Mischung. Anarchie hei\u00dft f\u00fcr mich in erster Linie Eigenverantwortung, Autonomie und zugleich Akzeptanz des Chaos. Also, auch allen anderen ihre Freiheit und Chaos zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried:<\/strong> In der Hauptsache Freiheit und Demokratie, nat\u00fcrlich nicht in der pervertierten Form, wie sie Bush und fast alle anderen Politiker begreifen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Eure Comics tragen auch dazu bei, dass Menschen neugierig auf anarchistische Ideen und Utopien werden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Welche Perspektiven seht ihr f\u00fcr das Wachsen der libert\u00e4ren Bewegung hierzulande?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried:<\/strong> Sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr langfristige.<\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Die Regierung ist ja leider ein Spiegel des Volkes.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gerhard, im Jahr 2002 haben deine Wahlplakate f\u00fcr den gr\u00fcnen Politiker Hans Christian Str\u00f6bele dazu beigetragen, dass er ein Bundestagsdirektmandat erringen konnte. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Vor kurzem hat Str\u00f6bele gefordert, dass mehr Bundeswehrsoldaten in die &#8222;Demokratische Republik Kongo&#8220; geschickt werden sollen. Er und die Gr\u00fcnen haben den 2001 begonnenen Krieg gegen die Menschen in Afghanistan mit zu verantworten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Situation der Frauen dort hat sich verschlimmert. &#8222;Die USA haben sich den \u00fcbelsten aller denkbaren Verb\u00fcndeten geholt: die Kriegsf\u00fcrsten der Nordallianz, die f\u00fcr furchtbare Verbrechen verantwortlich sind. Sie morden und vergewaltigen weiter&#8220;, so die afghanische Feministin Malalai Joya. Sie will den Abzug der Besatzungstruppen. M\u00fcsstest du nicht jetzt &#8222;Bundeswehr raus aus dem schwarzen Afghanen!&#8220; fordern? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Tu ich doch. Hiermit und z.B. auch auf den Plakaten, die ich f\u00fcr den Kabarettisten Arnulf Rating mache. Im Gegensatz zu verschiedenen Gr\u00fcnen-Politikern glaube ich nicht an die M\u00e4r vom Friedenseinsatz. Truppen im Ausland sind Truppen im Ausland, basta.<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Gr\u00fcnen haben als Regierungspartei den NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 mit gef\u00fchrt. Dieses &#8222;Milit\u00e4rb\u00fcndnis 90\/Die Olivgr\u00fcnen&#8220; steht f\u00fcr eine Militarisierung der Innen- und Au\u00dfenpolitik, die eine CDU-Regierung nicht besser h\u00e4tte umsetzen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Str\u00f6bele strebt keine Abschaffung aller Armeen an, er bindet stattdessen als vermeintlicher Antimilitarist und parlamentarischer Vorzeigelinker viele Linke und PazifistInnen an die neoliberalen Gr\u00fcnen. Hast du dich mit dem Str\u00f6bele-Plakat vor den staatsfixierten, olivgr\u00fcnen Karren spannen lassen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Ich glaube nicht, dass man Str\u00f6bele solch finstere Absichten unterstellen kann. Er mag in gewissen Dingen etwas naive Ansichten haben, aber er meint es gut.<\/p>\n<p>Vergesst eins nicht: Ich muss auch leben, und das tue ich von Zeichen-Auftr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Es gibt wenig genug Leute, f\u00fcr die ich arbeiten w\u00fcrde. F\u00fcr Bank\u00fcberf\u00e4lle bin ich zu alt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wirst du noch mal f\u00fcr Str\u00f6bele bzw. die Gr\u00fcnen Werbung machen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>F\u00fcr Str\u00f6bele vielleicht, f\u00fcr die Gr\u00fcnen nicht, solange sie milit\u00e4rische Auslandseins\u00e4tze bef\u00fcrworten (gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr milit\u00e4rische Inlandseins\u00e4tze).<\/p>\n<p><strong>GWR: Ziska, w\u00fcrdest du auch Wahlwerbung machen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann: <\/strong>Ich habe f\u00fcr Heidi Kosche ein Wahlplakat gemalt. Sie hat die Wahl gewonnen und ist jetzt Gr\u00fcnen- Abgeordnete in Berlin-Kreuzberg 61. Ich habe das nicht f\u00fcr Geld gemacht, sondern weil ich sie toll finde.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was unterscheidet deine Comics von Seyfrieds ?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann:<\/strong> Weniger Details. Gerhard zeichnet die kleinsten Autos der Welt. Er ist sehr pr\u00e4zise und ein unheimlich guter Techniker. Ich geh da emotionaler ran. Meine Figuren sind daf\u00fcr lebendiger, wilder.<\/p>\n<p>Das macht aber auch die Zusammenarbeit aus.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was plant ihr f\u00fcr die Zukunft? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann:<\/strong> Ich studiere gerade freie Malerei.<\/p>\n<p>Gerhard und ich wollen gerne einen neuen Comicband machen. Aber der muss erst mal finanziert werden. Von irgendwas muss man ja in der Zeit leben.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried: <\/strong>Ich habe vor, meine T\u00e4tigkeit als Milit\u00e4rberater weiter auszubauen.<\/p>\n<p>Das scheint mir mehr Zukunft zu haben als Anarcho-Comics.<\/p>\n<p><strong>GWR: Habt ihr eine Botschaft, die ihr immer schon mal loswerden wolltet? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ziska Riemann:<\/strong> Onward thru the fog!<\/p>\n<p><strong>Gerhard Seyfried:<\/strong> Onward thru the fog!<\/p>\n<p><strong>GWR: Herzlichen Dank.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Ihr habt gerade eure gesammelten Werke ver\u00f6ffentlicht. Warum soll unsereins jetzt seine alte Comicsammlung verscherbeln und sich stattdessen euern bunten, gro\u00dfformatigen, drei Kilo schweren Prachtband f\u00fcr 39,90 Euro besorgen? Ziska Riemann: Weil&#8217;s ein sch\u00f6nes Buch ist, anst\u00e4ndig gebunden und der Inhalt gute Laune macht. 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