{"id":8339,"date":"2007-10-01T00:00:26","date_gmt":"2007-09-30T22:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8339"},"modified":"2022-07-26T14:14:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:51","slug":"ausgewogenes-kraftfutterpaket-fur-lesefreudige-libertare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/ausgewogenes-kraftfutterpaket-fur-lesefreudige-libertare\/","title":{"rendered":"Ausgewogenes Kraftfutterpaket f\u00fcr lesefreudige Libert\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p>In den wilden Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts z\u00e4hlte der Diebstahl von B\u00fcchern zu den angesagtesten Freizeitvergn\u00fcgungen in der Anarchoszene. Geklaut wurde mit Inbrunst und nahezu sportlichem Ehrgeiz. Nat\u00fcrlich nur Literatur aus &#8222;b\u00fcrgerlichen Verlagen&#8220;, und zwar mit dem stolzen Bewusstsein, ein antikapitalistischer Expropriateur zu sein.<\/p>\n<p>Auf der Frankfurter Buchmesse gab es sogar eine Art inoffizielles Ranking um den Platz des meistgeklauten Buches der Saison. Im Jahre 1970 stand auf Platz 1 unangefochten ein schlicht aufgemachter Paperback-W\u00e4lzer mit dem Titel &#8222;Anarchismus. Theorie, Utopie, Kritik&#8220;, herausgegeben von Achim v. Borries und Ingeborg Brandies, verlegt bei Melzer.<\/p>\n<p>Das war zu einer Zeit, als die gesamte lieferbare anarchistische Literatur deutscher Zunge noch bequem in einen Bananenkarton passte, und kurz bevor die ganz gro\u00dfen Verlage wie Rowohlt, Fischer, Suhrkamp oder Ullstein das Thema Anarchismus entdeckten &#8211; und in gro\u00dfem Stil zu vermarkten begannen.<\/p>\n<p>Seinerzeit also ein mutiger verlegerischer Schritt, denn Melzer war erstens kein wirklich gro\u00dfer Verlag, und zweitens handelte es sich bei dem Buch um eine Anthologie. Um eine Sammlung von Originaltexten also, und nicht um eine jener kurzweiligen, gef\u00e4llig geschriebenen Pamphlete, die sich damals gut verkauften. Anthologie &#8211; das erinnert irgendwie an Schulbuchtextesammlung und verstaubt nur allzu oft irgendwo ganz unten im Buchladenregal.<\/p>\n<p>Nicht jedoch dieser Titel. Ich kenne zwar keine Verkaufszahlen, wei\u00df aber, dass dieses Buch damals bei fast allen Anarchas und Anarchos im Regal stand. Stehen musste. Denn f\u00fcr viele von uns waren es die ersten Originaltexte \u00fcberhaupt, die wir von denjenigen Leuten lesen konnten, deren Namen wir st\u00e4ndig im Mund f\u00fchrten. Eine Art politischer Initiation.<\/p>\n<h3>Zeitlose Weisheit, gut sortiert<\/h3>\n<p>Inzwischen aber f\u00fcllt auch die deutschsprachige Anarcholiteratur ganze Bibliotheken. Warum also eine Neuauflage dieses Buches nach 37 Jahren?<\/p>\n<p>Die Antwort ist einfach: weil es eine gute Anthologie ist. Warum? Weil eine kluge Auswahl der Texte getroffen wurde: Weder einseitig noch verwirrend, nicht besch\u00f6nigend und auch nicht tendenzi\u00f6s. Und vor allem nicht ausufernd. 332 Seiten, unterteilt in kleine Leseh\u00e4ppchen, das ist ein Men\u00fc, das einen weder \u00fcberfordert noch \u00fcberf\u00fcttert.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte fast behaupten, dass jemand, der sich als Anarchist f\u00fchlt aber nicht sonderlich an Theorie und Geschichte interessiert ist, in seinem ganzen Leben nichts weiter als dieses Buch zu lesen br\u00e4uchte, um sich einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Ideen der anarchistischen Klassiker zu verschaffen und einen treffenden Eindruck von den libert\u00e4ren Ideenwelten jener Epochen zu gewinnen. Zumal das Buch auf weiteren 90 Seiten mit den klug geschriebenen Kommentaren auch den historischen Kontext jedes abgedruckten Textes samt der Biographie seines Autors gleich mitliefert.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Vorzug dieses Buches ist zudem, dass es sich nicht auf die gro\u00dfen S\u00e4ulenheiligen des Anarchismus beschr\u00e4nkt und auch Autoren wie Gaston Leval, Herbert Read und Paul Goodman ber\u00fccksichtigt, die nie den Status von anarchistischen Ikonen erlangten, deren (damals z. T. sehr moderne) Thesen aber auch heute noch Bestand haben. Andererseits zeigen die Herausgeber auch keine Scheu, einen ber\u00fchmten Literaten wie George Orwell zu integrieren oder einen damals sehr umstrittenen libert\u00e4rten Zeitzeugen wie Augustin Souchy ausf\u00fchrlich zu Wort kommen zu lassen, der seinerzeit von vielen edelradikalen Anarchopuristen schlicht als Reformist gebrandmarkt wurde.<\/p>\n<p>Wie wohltuend, dessen realistische Einsch\u00e4tzungen und sachliche Statements im Abstand von vier Jahrzehnten zu lesen und festzustellen, dass er zwar nicht in Allem, aber eben doch in Vielem, ganz einfach Recht hatte &#8211; und bis heute behalten hat.<\/p>\n<p>Auch die ausf\u00fchrliche W\u00fcrdigung des unorthodoxen Denkers Gustav Landauer oder die ern\u00fcchternde Analyse &#8222;Warum die Revolution fehlschlug&#8220; aus der Feder Volines zeigen, dass es Achim v. Borries und Ingeborg Brandies (inzwischen Weber-Brandies) bei der Textauswahl nicht um anarchistisches Apologetentum ging, sondern um eine Sachlichkeit, die in wohltuender Weise auch die gro\u00dfe Bandbreite anarchistischen Denkens samt ihrer Widerspr\u00fcche reflektiert.<\/p>\n<p>Einzig den Aspekt der &#8222;Kritik&#8220;, den der Titel zu versprechen scheint, wird man in diesem Buch vergeblich suchen. Denn offenbar ist damit nicht die Kritik am Anarchismus gemeint, sondern die Kritik des Anarchismus an der Gesellschaft und ihren jeweiligen Zust\u00e4nden.<\/p>\n<p>Hier m\u00fcsste dann zu anderer Literatur gegriffen werden. Dieses Buch beschr\u00e4nkt sich nun einmal darauf, eine Anthologie zu sein, die die Wertung ihren Leserinnen und Lesern \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n<h3>Konstruktiver Anarchismus<\/h3>\n<p>Dem Herausgeberduo erschien es, wie sie im aktuellen Vorwort betonen, damals wie heute wichtig, &#8222;eine Textsammlung vorzulegen, die (&#8230;) eine differenzierte Urteilsbildung \u00fcber die geschichtliche Entwicklung, die verschiedenen Richtungen und, nicht zuletzt, die von der Polemik meist unterschlagenen konstruktiven Tendenzen des Anarchismus&#8220; erlaubt. Dies ist ihnen zweifellos gelungen &#8211; und besonders angesichts der Tatsache, dass der Anarchismus nach wie vor als destruktives Ideenmonstrum diffamiert wird, ein gro\u00dfer Verdienst dieses sorgf\u00e4ltig edierten Werkes.<\/p>\n<p>Nachdem die von Erwin Oberl\u00e4nder herausgegebene Textsammlung &#8222;Der Anarchismus&#8220; (Band 4 der in der Schweiz verlegten Reihe &#8222;Dokumente der Weltrevolution&#8220;) seit langem vergriffen ist, d\u00fcrfte &#8222;Anarchismus &#8211; Theorie, Kritik, Utopie&#8220; die beste deutschsprachige Anarchismus-Anthologie sein, die es heute gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den wilden Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts z\u00e4hlte der Diebstahl von B\u00fcchern zu den angesagtesten Freizeitvergn\u00fcgungen in der Anarchoszene. Geklaut wurde mit Inbrunst und nahezu sportlichem Ehrgeiz. 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