{"id":8342,"date":"2007-10-01T00:00:38","date_gmt":"2007-09-30T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8342"},"modified":"2022-07-26T14:14:50","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:50","slug":"der-grose-stowasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/der-grose-stowasser\/","title":{"rendered":"Der Gro\u00dfe Stowasser"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Lebendige Anarchie ist kein neues Regelwerk, sondern eine Idee, das Leben freier zu gestalten. Leben aber ist nicht etwa nur Essen, Schlafen, Wohnen, Arbeit oder soziale Organisation. Leben ist allumfassend, bunt, vielf\u00e4ltig, kreativ&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>In den letzten 100 Jahren wurden Millionen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in Deutschland, in \u00d6sterreich und in der Schweiz mit dem &#8222;Kleinen Stowasser&#8220; gequ\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das ist nun vorbei! Denn jetzt gibt es den &#8222;Gro\u00dfen Stowasser&#8220;. Und in diesem 512 Seiten dicken, schwarz-roten W\u00e4lzer findet sich im Gegensatz zum verhassten, in vielen Farben erh\u00e4ltlichen &#8222;Kleinen Stowasser&#8220; keine einzige Lateinvokabel.<\/p>\n<p>Und kein Mensch, der den &#8222;Gro\u00dfen Stowasser&#8220; aufschl\u00e4gt, h\u00f6rt nach wenigen Seiten auf zu lesen. <em>Dieser<\/em> Stowasser ist so fesselnd, dass unsereins die Stunden, in denen er Latein b\u00fcffeln musste, getrost vergessen kann.<\/p>\n<h3>Dieses Buch ist der Hammer!<\/h3>\n<p>Anarchie pur! Oder, so hie\u00df das 1995 erschienene 400 Seiten dicke Buch von Horst Stowasser: &#8222;Freiheit pur&#8220;.<\/p>\n<p>Aus &#8222;Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft&#8220; wurde &#8222;Anarchie! Idee &#8211; Geschichte &#8211; Perspektiven&#8220;.<\/p>\n<p>Einen gro\u00dfen Teil hat der Kommunikator aus seinem l\u00e4ngst vergriffenen opus magnum \u00fcbernommen. Er hat sein Werk behutsam \u00fcberarbeitet, aktualisiert und um weitere Kapitel und einen sch\u00f6nen Bildteil erg\u00e4nzt. Herausgekommen ist ein neues Buch, das auch f\u00fcr Menschen interessant ist, die schon &#8222;Freiheit pur&#8220; eingeatmet haben.<\/p>\n<p>Im deutschsprachigen Raum gibt es wohl kaum einen anarchistischen Autor, der es so versteht Menschen mitzurei\u00dfen.<\/p>\n<p>Von Stowassers Schreibe mitgerissen wurde in den achtziger Jahren auch der Autor dieser Rezension. Das leicht verst\u00e4ndliche &#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220;-B\u00e4ndchen aus dem Karin Kramer Verlag &#8211; in gewisser Weise ein fr\u00fcher, noch unausgereifter Vorg\u00e4nger von &#8222;Anarchie!&#8220; &#8211; und Stowassers mittlerweile in der 14. Auflage vorliegender Bestseller &#8222;Leben ohne Chef und Staat. Tr\u00e4ume und Wirklichkeit der Anarchisten&#8220; hatten und haben immer wieder ihre Wirkung, die zum Selbstverst\u00e4ndnis &#8211; &#8222;Ich bin Anarchist!&#8220; &#8211; beitragen kann.<\/p>\n<p>Die <em>Graswurzelrevolution<\/em> bejubelte im Oktober 1995 das Erscheinen des neuen Stowasserbandes: &#8222;&#8218;Freiheit pur&#8216; ist eine gro\u00dfartige Darstellung des Anarchismus und sein Verfasser der gro\u00dfe gegenw\u00e4rtige Popularisierer der anarchistischen Idee, quasi ein deutschsprachiger George Woodcock.&#8220;<\/p>\n<p>Daran hat sich nichts ge\u00e4ndert. Stowasser war allerdings ein Jahrzehnt lang in der &#8222;Versenkung&#8220; verschwunden, genervt von den Szenequerelen um das von ihm mitinitiierte Projekt A.<\/p>\n<p>Im Dezember 1995 erschien dann ein Interview mit ihm in der <em>Graswurzelrevolution<\/em> Nr. 304. Es folgten neue Stowasser-Artikel in der GWR und Ende 2006 im Verlag Edition AV in Lich seine 180 Seiten umfassende Reportage \u00fcber das libert\u00e4re Barcelona und seine anarchistischen Gewerkschaften 70 Jahre nach der Spanischen Revolution: &#8222;Anti-Aging f\u00fcr die Anarchie&#8220;.<\/p>\n<h3>Und nun? Stowasser ist wieder da!<\/h3>\n<p>&#8222;Das Leben selbst w\u00fcrde zu einem Kunstwerk: Kunst, Alltag, Freude, Protest, Genu\u00df, Provokation, Spontaneit\u00e4t, Kreation und Kommunikation &#8211; all das ginge eine kaum noch entwirrbare Verbindung ein, die in der Lage w\u00e4re, Grenzen zu sprengen. Die Natur kennt all das: Kooperation und Konkurrenz, Tausch, Diebstahl und Geschenk, Verdr\u00e4ngungskampf und gegenseitige Hilfe, Hierarchie, Solidarit\u00e4t und Freir\u00e4ume. Die Natur regelt sich selbst, und zwar mit gro\u00dfem Erfolg&#8220;, so hei\u00dft es in &#8222;Anarchie!&#8220;<\/p>\n<p>Die erste Auflage (2.500 St\u00fcck) erschien im M\u00e4rz 2007 und ist schon vergriffen. Die zweite erscheint im Oktober 2007 zur Frankfurter Buchmesse.<\/p>\n<p>Das ist gut f\u00fcr die libert\u00e4re Bewegung, f\u00fcr alle, die am Ziel Anarchie festhalten und sich eine Verbreitung freiheitlich-sozialistischer Ideen w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>&#8222;Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft.<\/p>\n<p>Sie will etwas ganz Neues schaffen: ein Leben, in dem die Freiheit der Menschen obenan steht und nicht die Wirtschaft oder die Arbeit an sich. Das Dasein soll auch Spa\u00df machen. Alles, was getan und ge\u00e4ndert werden muss, sollen die Menschen &#8211; und zwar alle Menschen! &#8211; selbst organisieren. Das, was sie f\u00fcr ein anst\u00e4ndiges Leben brauchen, wissen sie selbst am besten und k\u00f6nnen es auch sehr gut selbst entscheiden. Nicht der Herr, nicht die Wissenschaft oder die Wirtschaft d\u00fcrfen ihnen ihr Leben vorschreiben. Sie selbst sollen es bestimmen&#8220;, so der Schriftsteller.<\/p>\n<p>Stowasser ist kein Kopfrocker, er schreibt mit schwarz-roter Zaubertinte, er schreibt so lebendig wie er spricht. Und er spricht wie ihm der Schnabel gewachsen ist, einfach, f\u00fcr jeden verst\u00e4ndlich, ohne soziologenchinesische Angeber-Vokabeln. Das alles ohne dabei allzu platt oder langweilig r\u00fcber zu kommen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das ein Grund, warum sein neues Manifest im Juni zum Sachbuch des Monats gew\u00e4hlt wurde. Von einer Jury, die &#8211; wohlgemerkt &#8211; nicht im Verdacht steht anarchistisch zu sein:<\/p>\n<p>Prof. Dr. Rainer Blasius, FAZ, Dr. Eike Gebhardt, Fritz G\u00f6ttler, S\u00fcddeutsche Zeitung, Dr. Wolfgang Hagen, DeutschlandRadio Kultur, Daniel Haufler, TAZ, Dr. Otto Kallscheuer, Dr. Matthias Kamann, Die Welt, Petra Kammann, Guido Kalberer, Tages Anzeiger, Dr. Volker Ullrich, DIE ZEIT, Dr. Andreas Wang, NDR Kultur, Dr. Uwe Justus Wenzel, Neue Z\u00fcrcher Zeitung, und, und, und&#8230;<\/p>\n<p>Und die Begr\u00fcndung dieser Eliteschreiber ist erstaunlich:<\/p>\n<p>&#8222;Es sind die Fragen, die das Buch so wertvoll machen, es ist das Einfach-Mal-Dr\u00fcber-Nachdenken: Mit welchem Recht erheben sich Menschen \u00fcber andere, um ihnen zu befehlen? Mit welchem Recht denken Menschen an den schnellen Euro von heute und verh\u00f6hnen das Leben von morgen? Mit welchem Recht zerst\u00f6ren Menschen die Erde? Der Anarchist schl\u00e4gt vor: die Hierarchien werden abgeschafft, die Menschen versuchen, in kleinen Gruppen, vernetzt, nach ihrer Fasson, miteinander zu leben, nicht fremdbestimmt, sondern nach dem Prinzip der freien Vereinbarung. (&#8230;) Schafft das auch der Mensch? Horst Stowasser kann es nicht beweisen &#8211; aber er macht Lust auf den Gedanken, dass wir noch nicht alle M\u00f6glichkeiten der Freiheit ausgesch\u00f6pft haben.<\/p>\n<p>Die &#8218;anarchistischen Essentials&#8216; sind schlie\u00dflich nicht in einer Studierstube entstanden, sondern entspringen dem realen Leben &#8211; und das seit Tausenden von Jahren. Vor allem aber bleibt das Experiment. Vermutlich werden wir erst dann wissen, ob der Mensch in Freiheit leben will und kann, wenn man ihn l\u00e4sst.&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sollte mensch nicht alles, was Stowasser sagt und schreibt, gut und richtig finden. Selbstverst\u00e4ndlich finden sich auch in &#8222;Anarchie!&#8220; Oberfl\u00e4chliches, Plattit\u00fcden, bisweilen \u00e4rgerlicher Quark.<\/p>\n<h3>Und Fehler!<\/h3>\n<p>So ist auf Seite 297 folgendes zu lesen:<\/p>\n<p>&#8222;Die Graswurzel-Revolution, Deutschlands gr\u00f6\u00dfte Anarcho-Zeitung, erscheint seit 1971 und wird auch au\u00dferhalb libert\u00e4rer Kreise viel gelesen.&#8220;<\/p>\n<p>Horst, keine l\u00e4sst sich gerne \u00e4lter machen als sie ist. Und die <em>Graswurzelrevolution<\/em> erscheint erst seit Sommer 1972.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Neben dem soeben im Verlag Graswurzelrevolution nach 37 Jahren neu aufgelegten Sammelband &#8222;Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie&#8220; (siehe Rezension in dieser GWR) ist &#8222;Anarchie! Idee &#8211; Geschichte &#8211; Perspektiven&#8220; das wohl herausragendste anarchistische Buch des Jahres.<\/p>\n<p>Ein schwarz-roter Ziegelstein als Beitrag zum Aufbau einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Lebendige Anarchie ist kein neues Regelwerk, sondern eine Idee, das Leben freier zu gestalten. Leben aber ist nicht etwa nur Essen, Schlafen, Wohnen, Arbeit oder soziale Organisation. 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