{"id":8349,"date":"2007-10-01T00:00:14","date_gmt":"2007-09-30T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8349"},"modified":"2022-07-26T14:14:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:51","slug":"check-in-scheck-out","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/check-in-scheck-out\/","title":{"rendered":"Check in, Scheck out"},"content":{"rendered":"<p>Ralf Burnicki hat eine Sprache. Soviel steht einmal fest. Man ist nicht gerade umlagert von kreativen, eigensinnigen Geistern, die die Poesie in den Dienst der politischen Kritik stellen und dabei auf radikales Wortgerassel, sozialreale Schminke oder die \u00fcblichen Brocken Soziologenchinesisch verzichten m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Ein Flugblatt ist kein Gedicht, eine Parole kein Couplet ((1)), und allzu oft ruiniert die ewige Angst, nicht- oder gar <em>missverstanden<\/em> zu werden, hoffnungsvolle Ans\u00e4tze. An den Gedanken, dass es gerade das Unscharfe sein k\u00f6nnte, das Zweideutige, Beunruhigende und Verwirrende, das dem literarischen Text Kraft und Sinn verleiht, weil es die Lesenden in ihre kreativen Rechte einsetzt, gew\u00f6hnen sich die k\u00e4mpferisch-dichtenden Genossinnen und Genossen hierzulande nur schwer.<\/p>\n<p>Aber Ralf Burnicki hat eine Sprache. Eine Sprache, die lustvoll und gro\u00dfz\u00fcgig austeilt und von stilistischen Sparsamkeiten nichts wissen will. Sie scheut sich weder, vors\u00e4tzlich sch\u00f6n zu werden und der Ruhe der Seele nachzusp\u00fcren, noch, das grell pl\u00e4rrende Stakkato der Stadt einzufangen. Auf Unrecht und Unmenschlichkeiten zeigt sie ohnehin.<\/p>\n<p>In dem nun bei Edition AV erschienenen B\u00e4ndchen &#8222;Zahnwei\u00df. Kaufhaus-Poetry&#8220; versucht Burnicki, dem ungebremsten Terror des Konsums mit k\u00fcnstlerischen Mitteln zu Leibe zu r\u00fccken. Der ber\u00fcchtigte Werbeslogan der Mediamarkt-Kette: <em>&#8222;Kaufen, marsch marsch!&#8220;<\/em> ist ihm dabei nicht blo\u00df verr\u00e4terisch. Er ist Programm.<\/p>\n<p>In insgesamt vier l\u00e4ngeren Prosagedichten verwandeln sich unter seiner Feder vor Regalen dr\u00e4ngelnde Konsumentinnen und Konsumenten in uniformierte Befehlempf\u00e4ngerinnen- und Empf\u00e4nger der Werbeindustrie. Der Supermarkt wird zum Aufmarschgebiet, oder besser noch: zum Exerzierplatz der sch\u00f6nen, neuen Welt der sch\u00f6nen guten Waren. Ein schlichter Mate-Tee wird wie von Zauberhand zum <em>&#8222;Meta-Tee&#8220;<\/em>: <em>&#8222;Ein Teesortiment verk\u00f6rpert nicht Tee, sondern die Idee des Guten und Sch\u00f6nen, ist Meta-Tee <\/em>[&#8230;]<em>&#8222;<\/em> (&#8222;Absahnen&#8220;, S. 33).<\/p>\n<p>Preisschilder sind Wegweiser zur Front &#8211; man darf sich nicht verlaufen! &#8211; und jede menschliche Regung unterwirft sich den Erfordernissen des m\u00f6rderischen Handel(n)s. Ein kurzes Verharren ist beinahe schon wehrkraftzersetzend: <em>&#8222;Hier und dort ein Exemplar unverhoffter Begegnung, und tats\u00e4chlich: Verlangsamung, innehalten, stillstehen, bisweilen ein diskreter Tausch von Z\u00e4rtlichkeiten unter der Hand<\/em> [&#8230;]. <em>Ein heikler Fall, kleiner Planungsfehler im durchstartenden Kundenstrom. Doch der Alltag ist schon auf dem Posten, der den Umstehenden sagt: Hier gibt es nichts zu kaufen, bitte weitergehen&#8220;<\/em> (&#8222;Kaukraft&#8220;, S. 10).<\/p>\n<p>Das nicht-k\u00e4ufliche Leben wird gegen eine Invasion klappernder Etikettiermaschienen verteidigt. Autoren wie Giorgio Agamben oder John Holloway haben das auch schon getan. Nur mit ein bisschen anderen Worten&#8230;<\/p>\n<p>In Burnickis Texten jagt ein Substantiv das n\u00e4chste: <em>&#8222;Minipreis<\/em> [&#8230;] <em>Gl\u00fcckswerbung<\/em> [&#8230;] <em>Haushalts- bis Parf\u00fcmabteil<\/em> [&#8230;.] <em>Desinfektionsspray, Dschungel<\/em> [&#8230;] <em>Toilettenduft<\/em> [&#8230;] <em>Lottostand&#8220;<\/em> (&#8222;Zahnwei\u00df&#8220;, S. 19). Man kommt kaum zu Atem.<\/p>\n<p>Das &#8222;Trommelfeuer&#8220; aus Slogans, Waren, Preisen und Versprechungen geht beim Lesen der Texte noch einmal nieder und liefert den \u00e4sthetischen Bauplan f\u00fcr Burnickis &#8222;Kaufhaus-Poetry&#8220;.<\/p>\n<p>Manchmal geht das allerdings auf Kosten der Substanz. Dann reihen sich zu viele Metaphern aneinander, hetzen zu viele schwergewichtige Vokabeln durch die Zeilen, und man vermisst jene unger\u00fchrte Klarheit, mit der Burnicki etwa den Erfolg des dauerhaften Gl\u00fccksversprechens durch Konsum lakonisch zusammenfasst: <em>&#8222;Schmerzlosigkeiten sprechen sich schnell herum&#8220;<\/em> (&#8222;Zahnwei\u00df&#8220;, S. 19).<\/p>\n<p>Dass ihm die kritische Treffsicherheit nicht abgeht, sondern h\u00f6chstens im Feuer seiner opulenten Sprachgewalt hier und da abhanden kommt, beweist ein knapper Text unter einem der den Band durchziehenden Kaufhaus-Abbildungen, der Erich Fried mancherlei zu danken hat: <em>&#8222;Der Realmarkt warb\/an seinen Einkaufswagen f\u00fcr eine\/Ausbildung bei der Bundeswehr.\/Beim Einkaufen schoben KundInnen\/ein Foto mit einem bewaffneten\/deutschen Soldaten in Tarnuniform\/vor sich her.\/Das Gesch\u00e4ft lief gut&#8220;<\/em> (S. 24).<\/p>\n<p>Burnickis k\u00fcnstlerische Risikobereitschaft ist herzerfrischend, und seine Liebe zur Sprache ansteckend. Die Wucht seiner Texte ist an ihren besten Stellen nahezu atemberaubend, ihr kritischer Hintergrund dagegen k\u00fchl und reflektiert. Er poltert nicht, er doziert nicht, er schreibt &#8211; ohne Netz und doppelten Boden. Und selbst, wenn er in der einen Zeile hin f\u00e4llt, steht er in der n\u00e4chsten wieder auf. Es macht Freude, von jemandem zu lesen, der nun seit Jahren schon derart hartn\u00e4ckig auf seine k\u00fcnstlerische Eigenst\u00e4ndigkeit pocht und weder literarischen noch politischen Moden hinterherl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Es nutzt nichts, \u00fcber das Fehlen einer politisch engagierten Literatur in Deutschland zu jammern. Es muss jemanden geben, der sie schreibt. Ralf Burnicki schreibt sie, ein ums andere Mal.<\/p>\n<p>Was fehlt, sind Menschen, die sie lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ralf Burnicki hat eine Sprache. Soviel steht einmal fest. 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