{"id":8360,"date":"2007-10-01T00:00:34","date_gmt":"2007-09-30T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8360"},"modified":"2022-07-26T14:14:50","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:50","slug":"anarchistinnen-fur-frauenbefreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/anarchistinnen-fur-frauenbefreiung\/","title":{"rendered":"Anarchistinnen f\u00fcr Frauenbefreiung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein wunderbares Leseerlebnis, in die Diskussionen der anarchosyndikalistischen Frauenb\u00fcnde in den 1920er Jahren einzutauchen. Ein Dank an den Herausgeber Siegbert Wolf, dies mit einer Zusammenstellung von Originalartikeln erm\u00f6glicht zu haben: aus dem von Milly Witkop (1877-1955) gepr\u00e4gten <em>Der Frauen-Bund<\/em>, der offiziellen Zeitung des <em>Syndikalistischen Frauenbunds<\/em>, die zwischen 1921 und 1930 im anarchosyndikalistischen Blatt <em>Der Syndikalist<\/em> als Beilage erschien; aus der in Dresden von Aim\u00e9e K\u00f6ster von 1919 bis 1925 herausgegebenen Monatszeitung <em>Die Schaffende Frau<\/em>; und mit einzelnen Artikeln aus der von 1921 bis 1923 in D\u00fcsseldorf erscheinenden anarchistischen Tageszeitung <em>Die Sch\u00f6pfung<\/em>.<\/p>\n<p>Die Artikel sind thematisch geordnet und geben einen guten \u00dcberblick auf die Diskussionen der Frauenb\u00fcnde. Beeindruckend sind Kampfgeist und Optimismus der libert\u00e4ren Frauen, die sich vor allem darum bem\u00fchten, Hausfrauen, Ehefrauen und M\u00fctter aus anarchosyndikalistischen Familien, in denen in der Regel der Mann in der Industrie arbeitete, zu bilden, zu organisieren und mit ihnen die Diskussionen der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAUD zu beeinflussen. Dabei mussten immense Hindernisse \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Immer wieder wird der Unwille der m\u00e4nnlichen Genossen beklagt, bei Kindererziehung und Hausarbeit mitzuhelfen, um der Frau Zeit f\u00fcr geistige Weiterbildung und die Treffen der Frauenb\u00fcnde zu erm\u00f6glichen. Oft sabotierten die M\u00e4nner aktiv eine Beteiligung und Organisierung ihrer Frauen. Letztlich f\u00fchrte das zum Scheitern der Frauenb\u00fcnde und zur Einstellung ihrer Publikationen, als 1930 lediglich noch vier Prozent aller FAUD-Mitglieder Frauen waren (S. 16). Dabei bezeugen die Texte das ungeheure ethisch-revolution\u00e4re Potential der anarchosyndikalistischen Frauen. Immer wieder wird auf die Erfahrung des Ersten Weltkrieges verwiesen und auf den Willen, nicht weiter un\u00fcberlegt Kinder als Kanonenfutter f\u00fcr die Milit\u00e4rs bereitzustellen. Antimilitaristische Erziehung, Bekenntnisse zur Gewaltlosigkeit, Aufkl\u00e4rung \u00fcber Verh\u00fctungsmethoden und Aktionspropaganda bis hin zum Geb\u00e4rstreik waren unmittelbar miteinander verbunden.<\/p>\n<p>Meine Lieblingsartikel sind die mit den unerwarteten \u00dcberraschungen. Martha Steinitz (1889-1966) schrieb schon 1924 eine begeisternde gewaltfrei-libert\u00e4re Gandhi-Interpretation, in der sie Gandhis Kampf f\u00fcr die Frauenbefreiung mittels seines Widerstands gegen die Kinderheirat, die ausschlie\u00dflich M\u00e4dchen betraf und bereits Mitte der zwanziger Jahre im Vergleich zum 19. Jahrhundert deutlich zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden konnte, hervorhebt (S. 139ff.). Sch\u00f6n finde ich auch, dass Milly Witkop trotz ihrer antiklerikalen Entschlossenheit zu Differenzierung und einem sensiblen Lob f\u00fcr das Urchristentum f\u00e4hig war, &#8222;in der man in der Frau den Menschen suchte&#8220; (S. 61). Unerwartet und beeindruckend ist des Weiteren Auguste Kirchhoffs (1967-1940) Artikel \u00fcber Antisemitismus von 1924, der St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die g\u00e4ngigen Vorurteile gegen Juden zerpfl\u00fcckt. Und lustig zu lesen schlie\u00dflich Aim\u00e9e K\u00f6sters Schilderung eines Eink\u00fcchenhauses mitsamt der Herausbildung einer Hausmutter, die f\u00fcr Nachbarn, das Stockwerk oder das ganze Haus mitkochte &#8211; eine Erscheinung des Kollektivismus, entstanden aus praktischer proletarischer Notwendigkeit, die damals nicht selten war (S. 254ff.).<\/p>\n<p>Manchmal wundere ich mich \u00fcber den Fortschritts- und Technikoptimismus bei K\u00f6ster und Witkop, die geneigt waren, technische L\u00f6sungen anstatt m\u00e4nnlicher Verhaltensver\u00e4nderung zu akzeptieren und von Staubsaugern, Waschmaschinen, Einbauk\u00fcchen oder der US-amerikanischen Hausfrau &#8211; die das alles damals schon hatte &#8211; Frauenbefreiung zu erwarten.<\/p>\n<p>Die f\u00fcnfziger Jahre sollten das widerlegen. Dieser Fortschrittsglaube f\u00fchrte zu problematischen Gesundheitsideologien und abgedruckten Artikeln wie dem von Margaret Sanger, die u.a. Sterilisation f\u00fcr M\u00fctter fordert, deren &#8222;schon geborene Kinder minderwertig sind&#8220; (S. 203). Sprache ist verr\u00e4terisch.<\/p>\n<p>Dabei war Fortschritts- und Industrialismuskritik in der Jugendbewegung und lebensreformerischen Gruppen am Rande der FAUD durchaus bekannt.<\/p>\n<p>Und auch Martha Steinitz setzt in ihrem Gandhi-Artikel einen Kontrapunkt: &#8222;Ein freies Indien, so glaubt er (Gandhi) inbr\u00fcnstig, wird auch die Welt befreien von jenen beiden europ\u00e4ischen Giften: dem Industrialismus und dem Militarismus&#8220; (S. 140). Dazu ist es leider nicht gekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein wunderbares Leseerlebnis, in die Diskussionen der anarchosyndikalistischen Frauenb\u00fcnde in den 1920er Jahren einzutauchen. 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