{"id":8364,"date":"2007-10-01T00:00:51","date_gmt":"2007-09-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8364"},"modified":"2012-07-14T13:19:16","modified_gmt":"2012-07-14T11:19:16","slug":"kalteis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/kalteis\/","title":{"rendered":"Kalteis"},"content":{"rendered":"<p><em>Kalteis<\/em> ist ein verst\u00f6rendes Dokument menschlicher, pr\u00e4ziser: m\u00e4nnlicher Bestialit\u00e4t. Die wiederum auf einem wahren Fall beruhende Geschichte des Massen&#8220;lust&#8220;m\u00f6rders Kalteis aus den 1930er Jahren und die in ihr erz\u00e4hlten Geschichten seiner Opfer sind eher ein Sozialroman als ein Krimi. Der Roman hat mich, seiner Grausamkeit wegen, an ein IndianerInnenmassaker erinnert, bei dem ein ganzes Dorf samt Frauen und Kindern niedergemacht wurde und die &#8222;siegreich&#8220; paradierenden Kavalleristen der US-Army teilweise die herausgeschnittene Scham ihrer vergewaltigten und massakrierten Opfer als Troph\u00e4en an den H\u00fcten getragen haben sollen.<\/p>\n<p>Bei Kalteis hingegen handelt es sich um einen Einzelt\u00e4ter, einen psychopathischen Einzelg\u00e4nger, der im Raum M\u00fcnchen seiner kranken Geilheit freien Lauf l\u00e4sst und sich bedenkenlos schnappt, die er kriegen kann.<\/p>\n<p>Die r\u00fccksichtslose Dreistigkeit des Mordkopulierers schockiert.<\/p>\n<p>Mitten in der anscheinend friedlichen Gesellschaft mit ihrer allzu normalen Naziallt\u00e4glichkeit, die hie und da durchhuscht wie ein Gespenst aus einem Alb, etwa bei der Erw\u00e4hnung Dachaus hinter der vorgehaltenen Hand, ist da einer au\u00dfer Kontrolle der total(it\u00e4ren) Kontrollw\u00fctigen.<\/p>\n<p>Dass gleichzeitig ein m\u00f6rderischer Psychopath aus der &#8222;Hauptstadt der Bewegung&#8220; der umjubelte &#8222;F\u00fchrer&#8220; der sogenannten Nation ist, dringt offenbar kaum in den Alltag der kleinen Leute durch.<\/p>\n<p>Naive M\u00e4del vom Lande, die in der gro\u00dfen Stadt ihr Gl\u00fcck suchen, Arbeiterinnen, ein zuf\u00e4llig auf dem Heimweg angefallenes Kind, bodenst\u00e4ndige und wehrhafte Bayerinnen, der Lustschl\u00e4chter greift sich, was er braucht (an einer Stelle sagt er: &#8222;Ich brauch was.&#8220;<\/p>\n<p>Gerade am Widerstand der Opfer geilt er sich auf. Der wird notfalls mit dem Revolver gebrochen und dann in und \u00fcber den armen Kadaver ejakuliert.<\/p>\n<p>Sch\u00fcsse sind in der Zeit ja fast normal und man \u00fcberh\u00f6rt sie besser. Blutverschmiert radelt der T\u00e4ter nach Hause und wird wieder nicht gesehen.<\/p>\n<p>Die Frauenleichen werden von ihm aufw\u00e4ndig beiseite geschafft, teils zerlegt. Das kann er: das Sau stechen hat er gelernt. Das hat er immer gern gemacht.<\/p>\n<p>Von Beginn an ist klar, der Roman folgt der blutigen Spur des M\u00f6rders und erz\u00e4hlt feinsinnig die Geschichten der Opfer, von denen man vergeblich hofft, dass sie keine Opfer werden.<\/p>\n<p>Und Kalteis erz\u00e4hlt seine Version der Geschichte im Verh\u00f6r.<\/p>\n<p>Beherzte Frauen bringen den Kerl nach einer Vergewaltigung zur Strecke &#8211; nicht wissend wen sie vor sich haben. In der Vernehmung schiebt der T\u00e4ter immer wieder seine Vaterschaft, seine angeblich intakte Familie vor, die er l\u00e4ngst zerst\u00f6rt hat, weil er keine Verantwortung daf\u00fcr haben will, nicht mal finanzielle. Es scheint ihm einfacher sich &#8222;was&#8220; zu holen: abspritzen, abmurksen und fertig. &#8222;&#8230; ein aufrechter Deutscher&#8220; sei er (ebenso wie sp\u00e4ter all die &#8222;anst\u00e4ndigen&#8220; und &#8222;aufrechten Deutschen&#8220; die nach &#8222;der Niederlage&#8220; von &#8222;nichts gewusst haben&#8220; und eben daher f\u00fcr nichts Verantwortung \u00fcbernehmen wollten). Alles sei ein tragischer Fehltritt unter Alkohol, winselt er. Doch hinter der Maske des biederen zweiunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Bahners steckt ein als perverses Monster erscheinender Mann, der ohne gro\u00dfe Gewissensbisse rauschhaft zuschl\u00e4gt. Frauen sind f\u00fcr ihn kaum mehr als zu schlachtende Schweine.<\/p>\n<p>Die Frage wie diese Psyche sich so entwickeln konnte, bleibt nahezu unbeantwortet und w\u00fchlt daher weiter &#8211; wie so manches aus dieser Zeit.<\/p>\n<p>Jack the Ripper nimmt sich gegen den Stadt- und Landkiller Kalteis aus wie der freundliche, mackenhafte Onkel von nebenan. Denn nicht das neblige, d\u00fcstere London ist die Kulisse des grausamen St\u00fccks, sondern die bierbeh\u00e4bige, wei\u00dfblauhimmelige und naturgr\u00fcne Landschaft Bayerns, in der solche Exzesse unm\u00f6glich scheinen. &#8222;Kalteis&#8220; wirkt verst\u00f6rend.<\/p>\n<p>Die anscheinend folkloristische Idylle der Biergartenmetropole und ihrer Umgebung h\u00e4ngt auf den letzten Seiten des Romans wie ein zerfetztes Tourismusplakat von der Wand, auf dem noch St\u00fccke von Menschen zu sehen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kalteis ist ein verst\u00f6rendes Dokument menschlicher, pr\u00e4ziser: m\u00e4nnlicher Bestialit\u00e4t. Die wiederum auf einem wahren Fall beruhende Geschichte des Massen&#8220;lust&#8220;m\u00f6rders Kalteis aus den 1930er Jahren und die in ihr erz\u00e4hlten Geschichten seiner Opfer sind eher ein Sozialroman als ein Krimi. 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