{"id":8366,"date":"2007-10-01T00:00:30","date_gmt":"2007-09-30T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8366"},"modified":"2022-07-26T14:14:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:51","slug":"lernen-und-bildung-ohne-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/lernen-und-bildung-ohne-schule\/","title":{"rendered":"Lernen und Bildung ohne Schule"},"content":{"rendered":"<p>Der Philosoph Bertrand Stern hat in seinem neuen Buch drei\u00dfig Jahre Diskussion und Auseinandersetzung f\u00fcr ein Lernen ohne Schule geb\u00fcndelt. Damit geh\u00f6rt er bis heute zu den wenigen, die sich im Anschluss an Ivan Illichs Idee von der Entschulung der Gesellschaft in Deutschland f\u00fcr dieses, wie Stern es nennt, &#8222;Grundrecht&#8220;, einsetzen. Seit drei\u00dfig Jahren begleitet und ber\u00e4t er Schulverweigerer, spricht vor LehrerInnen, Eltern und mutigen Menschen, die Lernen und Bildung ohne Schule denken und die aus dem Zwangskorsett Schule ausbrechen wollen.<\/p>\n<p>Stern wendet sich gegen eine Institution, die als &#8222;Heilige Kuh&#8220; (Ivan Illich) unserer Zivilisation seit ihrem ersten Auftreten vor etwa 5000 Jahren in den fr\u00fchen Hochkulturen zu den unantastbaren Einrichtungen &#8222;moderner&#8220; Gesellschaften geworden ist. Eine grunds\u00e4tzliche Kritik daran kommt heute einer s\u00e4kularen Blasphemie gleich. Es gibt wohl kein Thema, bei dem sich sonst uneinige Menschen so einig sind wie bei der Institution Schule. Schule hat im Laufe der menschlichen Geschichte zu einer &#8222;sakralen Allianz&#8220; \u00fcber alle politischen, sozialen, \u00f6konomischen und religi\u00f6sen Grenzen hinweg gef\u00fchrt und alle Untiefen menschlicher Geschichte in den letzten Jahrtausenden \u00fcberstanden. Andererseits entspricht Sterns Titel, &#8222;Schlu\u00df mit Schule!&#8220;, vermutlich einem Gef\u00fchl, das sehr viele Menschen ohnm\u00e4chtig und hilflos erlebt haben.<\/p>\n<p>Gegen dieses Bollwerk der kulturellen Evolution wendet sich der Publizist mit seinem Pl\u00e4doyer. Jedoch: Ist dies nicht ein Kampf gegen Windm\u00fchlen?<\/p>\n<p>Wie kommt jemand dazu, gegen ein Ph\u00e4nomen Stellung zu beziehen, das Diktatoren und demokratisch gew\u00e4hlte Pr\u00e4sidenten eint und wir in faschistischen ebenso legitimiert sehen wie in demokratischen Staaten? Ist es Irrsinn oder Weisheit, Provokation oder Vernunft?<\/p>\n<p>Wer Stern gelesen hat, der merkt schnell, was seine Motivation und Hintergr\u00fcnde sind. Stern geh\u00f6rt zu jenen Menschen, die wir aus der Renaissance als Humanisten kennen. Bei ihm verbindet sich die Liebe zum Menschen mit einem nahezu grenzenlosen Optimismus und dem Schwert der kritischen Vernunft. Er ist Realist und Humanist und in einem kosmopolitischen Denken verwurzelt. Er ist transkulturell, baut Br\u00fccken und trennt, was getrennt werden muss.<\/p>\n<p>Stern hat etwas von Max Stirners &#8222;Einzigem&#8220;, jenem autonomen Wesen, das in einer seltsamen Mischung aus Egoismus und Solidarit\u00e4t f\u00fcr eine bessere Welt steht.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist ein Buch \u00fcber den Mythos Schule entstanden, das mehr ist als eine schlichte Abrechnung mit der Schule im Allgemeinen oder mit den eigenen schlechten Erfahrungen mit Lehrern. Es ist kein p\u00e4dagogisches Buch, in dem mit erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen und Weisheiten das System Schule hinterfragt wird. Es ist in der Sprache und Logik durch einen libert\u00e4ren Humanismus gepr\u00e4gt, der die Freiheit des Menschen als Ma\u00dfstab seiner Existenz hat.<\/p>\n<p>Von hieraus argumentiert Stern gegen verschultes Lernen und verschulte Bildung.<\/p>\n<p>&#8222;Das Menschenrecht, sich frei zu bilden&#8220; ist nicht nur sein plakativer Untertitel, sondern auch sein Programm. Stern steht mit seiner Argumentation in der Tradition des naturrechtsphilosophischen Diskurses, ohne diesen allerdings zu w\u00fcrdigen oder einzubeziehen. Er diskutiert das Thema Schule antip\u00e4dagogisch. Genau dies macht das Buch so gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Schule und P\u00e4dagogik. Es ist nicht der p\u00e4dagogische Blick der Legitimation, sondern der zivilisationskritische. Er verl\u00e4sst den p\u00e4dagogischen und bildungspolitischen Kontext und argumentiert aus der Perspektive des kritischen Humanisten. Damit wird Stern f\u00fcr die P\u00e4dagogik schwer greifbar &#8211; \u00e4hnlich den Antip\u00e4dagogen aus den 1970er Jahren &#8211; und zwingt die Lesende auf eine andere, nicht-p\u00e4dagogische Diskursebene.<\/p>\n<p>Was diese 222 Seiten auszeichnet, ist der andere Blick auf eine kulturelle Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Man f\u00fchlt sich erinnert an die Studie von Walther Borgius aus dem Jahre 1930, &#8222;Die Schule &#8211; Ein Frevel an der Jugend&#8220;, die in \u00e4hnlicher Weise das Tabu-Thema Schule angeht. Das Unbehagen an der Institution Schule, das wir trotz aller Gewohnheit immer wieder neu sp\u00fcren, erf\u00e4hrt in diesem Buch eine Best\u00e4tigung, die \u00fcberzeugt und die es lohnt, verfolgt zu werden.<\/p>\n<p>Das Buch erwartet Disziplin und Konzentration vom Leser. Es ist keines, das man als Urlaubslekt\u00fcre am Strand lesen sollte. Es ist eines, das man vor dem Schlafengehen genie\u00dfen und verarbeiten kann &#8211; wenn man die Mu\u00dfe hat, sich auf anregende Gedanken einzulassen. Stern schreibt nicht einfach. Der Band ist stellenweise aphoristisch, eklektisch und tr\u00e4gt essayistische Z\u00fcge. Er ist nicht analytisch im Sinne einer sozialwissenschaftlichen Systematik. Eine pr\u00e4gnante Zusammenfassung findet sich im &#8222;Exkurs 4: Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Schulverweigerung&#8220; (S. 193-196), in dem er zehn &#8222;gute&#8220; und zehn &#8222;schlechte&#8220; Gr\u00fcnde f\u00fcr Schulverweigerung nennt.<\/p>\n<p>Stern liegt es fern, didaktische, infrastrukturelle oder politische Vorschl\u00e4ge f\u00fcr ein Lernen ohne Schule zu unterbreiten. Ihm liegt fern, Ratschl\u00e4ge f\u00fcr Eltern oder Sch\u00fcler zu geben. Sein Buch ist keine Anweisung f\u00fcr den &#8222;Ausstieg&#8220; aus der Schule.<\/p>\n<p>Er hinterfragt klug, stellt den jungen Menschen als Subjekt an den Ausgangspunkt seiner \u00dcberlegungen und widerspricht dem Bild vom Sch\u00fcler als Objekt von Schule und Lehrer, der &#8222;f\u00fcr das Leben&#8220; in der Schule lernen soll. Das Kind als Sch\u00fcler zu definieren ist Ausdruck eines fehlgeleiteten zivilisatorischen Prozesses. Schule ist f\u00fcr Stern eine Form der Kr\u00e4nkung junger Menschen, die ihre Souver\u00e4nit\u00e4t verlieren und aus denen in der Schule Objekte werden.<\/p>\n<p>Dies erinnert an Frederic Vester, der 1975 in seinem Klassiker &#8222;Denken, Lernen, Vergessen&#8220; aus neurobiologischer schrieb: Sobald das Kind in die Schule kommt, beginnt ein grauenhafter geistiger Verarmungsprozess&#8220; (29. Aufl. 2002, S. 133).<\/p>\n<p>Schule ist f\u00fcr Stern ein menschenrechtliches Problem.<\/p>\n<p>In diesem Sinne steht er in der Tradition der B\u00fcrgerrechtsbewegung. Die Verweigerung der Schulpflicht und der Einsatz f\u00fcr das Grundrecht auf freie Bildung sind seine politischen Botschaften an diejenigen, die mehr als nur eine &#8222;bessere&#8220; Schule haben wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Philosoph Bertrand Stern hat in seinem neuen Buch drei\u00dfig Jahre Diskussion und Auseinandersetzung f\u00fcr ein Lernen ohne Schule geb\u00fcndelt. Damit geh\u00f6rt er bis heute zu den wenigen, die sich im Anschluss an Ivan Illichs Idee von der Entschulung der Gesellschaft in Deutschland f\u00fcr dieses, wie Stern es nennt, &#8222;Grundrecht&#8220;, einsetzen. 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