{"id":8369,"date":"2007-10-01T00:00:49","date_gmt":"2007-09-30T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8369"},"modified":"2012-07-14T13:22:43","modified_gmt":"2012-07-14T11:22:43","slug":"kampferische-fragmente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/kampferische-fragmente\/","title":{"rendered":"K\u00e4mpferische Fragmente"},"content":{"rendered":"<p>Erst redet Judith Butler sechs Seiten lang \u00fcber Staat (state) und den Zustand (state), in dem man \u00fcber den Staat unter globalisierten Bedingungen reden kann.<\/p>\n<p>Dann fragt Gayatri Spivak in etwas mehr als einer Zeile: &#8222;Wollten wir nicht Hannah Arendt lesen?&#8220; Dann wieder Butler, diesmal f\u00fcr die n\u00e4chsten neunzehneinhalb Seiten. \u00dcber Hannah Arendt. Keine editorische Notiz, kein Vorwort, nicht einmal eine Fu\u00dfnote weist die LeserInnen darauf hin, zu welchem Anlass dieses Gespr\u00e4ch zwischen den beiden Theoretikerinnen stattgefunden hat. Oder auch nur wann und wo.<\/p>\n<p>Als dann ab Seite 48 Gayatri Spivak endlich mal ausf\u00fchrlicher zu Wort kommt, sind es nur noch drei\u00dfig Seiten bis zum Schluss und man kann schon sicher sein, hier ist eine Chance vertan worden.<\/p>\n<p>Spivak ist seit ihrem Aufsatz &#8222;Can the subaltern speak?&#8220; (1988) auf dem globalen und globalisierungskritischen Theorie-Parkett ein Star. Sie geh\u00f6rt neben Edward Said und Homi K. Bhabha zu den wichtigsten AutorInnen der Postcolonial Studies. Die von ihr mit konstituierte Postkoloniale Kritik setzt sich seit Jahren mit dem Eurozentrismus in den Wissenschaften und K\u00fcnsten, aber auch mit den immer noch wirksamen, allt\u00e4glichen Folgen der europ\u00e4ischen Kolonialherrschaft auseinander. Anders als bei der noch bekannteren Philosophin Judith Butler, ist kaum einer ihrer Texte ins Deutsche \u00fcbersetzt. Erst in K\u00fcrze erscheint ihr zentraler Aufsatz \u00fcber die M\u00f6glichkeiten Marginalisierter, eine eigene Sprechposition oder gar Sprache zu finden, fast zwei Jahrzehnte nach seiner Erstver\u00f6ffentlichung, auch in deutscher Sprache (Verlag Turia + Kant, Wien 2007). Ein Grund mehr, aus dem das vorliegende Gespr\u00e4ch mit einer kurzen Einf\u00fchrung in ihr Denken h\u00e4tte eingeleitet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt weil, wie Gespr\u00e4che das eben so an sich haben, auch diese Unterhaltung alles M\u00f6gliche anschneidet und kaum etwas ausf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nur kursorisch ist hier etwas \u00fcber Gayatris Konzept des &#8222;Kritischen Regionalismus&#8220; zu erfahren. Es geht dabei um ein nicht-nationales Modell politischen Handelns. Der Fehler alter sozialer Bewegungen soll dabei vermieden werden, die durch ihre Verteidigung zivilgesellschaftlicher Errungenschaften an der heutigen &#8222;Neudefinition des Staates beteiligt&#8220; sind. Dieses Problem ist kein abstraktes, sondern stellte sich z.B. in der Bewegung der MigrantInnen, die 2006 die USA f\u00fcr die Legalisierung und die Rechte der Illegalisierten k\u00e4mpfte. Diese Bewegung durchzieht als Beispiel das gesamte Buch.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Proteste wurde die US-amerikanische Nationalhymne auf Spanisch gesungen. &#8222;Who sings the Nation-State? Language, Politics, Belonging&#8220; hei\u00dft deshalb auch die englischsprachige Fassung des Gespr\u00e4chs, ein Titel, dessen sch\u00f6ne erste H\u00e4lfte die deutsche Ausgabe unterschl\u00e4gt &#8211; aber immerhin erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Das Singen der Nationalhymne war eine Aneignung &#8222;von unten&#8220; und doch ein performativer Widerspruch, wie Butler es nennt, in dem das Getane dem Inhalt der Handlung widerspricht: Denn eine Nationalhymne, bringt Butler auf den Punkt, ist immer auch &#8222;eine Hymne an die Nation&#8220;. Und gerade die Nation ist es ja, die ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Weil hier aber autoritatives Sprechen untergraben, also von eigentlich nicht befugten Personen in einer nicht erlaubten Sprache gesungen wird, zeigt sich Butler angetan: Dieser performative Widerspruch m\u00fcsse eben nicht in eine Sackgasse f\u00fchren, sondern k\u00f6nne weiterhin &#8222;Formen des Aufstands&#8220; hervorbringen.<\/p>\n<p>Aber wollten wir nicht Hannah Arendt lesen? Obwohl Butler kaum ein gutes Haar an der Theorie der j\u00fcdischen Philosophin l\u00e4sst und sich Hannah Arendt auch nicht &#8222;singend vorstellen&#8220; m\u00f6chte, eines h\u00e4lt sie ihr doch zu Gute: Sie sei eine der ersten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts gewesen, die &#8222;Argumente f\u00fcr das performative Sprechen&#8220; geliefert habe.<\/p>\n<p>Indem sie in &#8222;Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft&#8220; (1951) zwischen den Schreibpositionen wechsele, mal &#8222;wir&#8220;, mal &#8222;man&#8220;, selten &#8222;ich&#8220; sagt, wechsele sie auch die Perspektiven und mache dadurch darauf aufmerksam, dass durch Sprechen andere M\u00f6glichkeiten f\u00fcr politisches und gesellschaftliches Leben (ein-)gesetzt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Denn auch hier geht es, da Arendt sich mit der Frage der Staatenlosigkeit besch\u00e4ftigt, um Ausschlussmechanismen des modernen Nationalstaates und die Frage, was dagegen getan werden kann.<\/p>\n<p>Dass ein solches Handeln gegen Ausgrenzungen ein kollektives sein m\u00fcsse, dieser Gedanke finde sich ebenfalls bereits bei Arendt.<\/p>\n<p>Die Transformation von &#8222;ich&#8220; zu &#8222;wir&#8220;, so Butler, reiche zwar f\u00fcr Wirksamkeit l\u00e4ngst nicht aus, sei aber eine ihrer &#8222;notwendigen Minimalbedingungen&#8220;.<\/p>\n<p>Die Frage, wie sich &#8222;als ein &#8218;wir&#8216; handeln&#8220; (Butler) l\u00e4sst, ohne damit wieder andere au\u00dfen vor zu lassen, durchzieht Butlers gesamtes Werk ebenso wie die nach dem Gelingen von Sprechakten: Unter welchen Bedingungen sind sprachliche Setzungen erfolgreich und wann m\u00fcssen sie scheitern?<\/p>\n<p>Dass die singenden MigrantInnen mit ihrem Protest Erfolg haben und irgendwann eingeb\u00fcrgert werden, ist ebenso wenig auszuschlie\u00dfen wie dass sie dann Republikaner w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Mit Hannah Arendt aber ist das nicht zu theoretisieren. Denn in ihrem, von der griechischen Polis hergeleiteten Begriff des \u00d6ffentlichen, sind Illegale nicht vorgesehen. Butler bem\u00e4ngelt dann auch, dass Arendt die der Polis zu Grunde liegende \u00d6konomie nicht kritisiert, jene der Ent-Politisierten, Sklaven, Frauen, Fremden, die das \u00f6ffentlich-politische Leben erst erm\u00f6glicht haben.<\/p>\n<p>Von Spivak erfahren wir noch, dass &#8222;regionale Schraffuren&#8220;, also die spezifische Art und Weise, wie bestimmte Regionen von globalen Entwicklungen betroffen sind, immer wieder Chancen beinhalten, der US-europ\u00e4ischen Weltordnung zu widerstehen. Kritisch ist dieser &#8222;Kritische Regionalismus&#8220; aber nicht nur als regionale Sichtweise, sondern kritisch ist er auch gegen sich selbst: Emanzipatorische Wege garantiert er nicht.<\/p>\n<p>Weil das alles fragmentarischer bleibt, als n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, muss das Buch als herausgeberisches \u00c4rgernis betrachtet werden. Aufschlussreiche Fragmente theoretisch-aktivistischer K\u00e4mpfe liefert es selbstverst\u00e4ndlich alle mal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst redet Judith Butler sechs Seiten lang \u00fcber Staat (state) und den Zustand (state), in dem man \u00fcber den Staat unter globalisierten Bedingungen reden kann. Dann fragt Gayatri Spivak in etwas mehr als einer Zeile: &#8222;Wollten wir nicht Hannah Arendt lesen?&#8220; Dann wieder Butler, diesmal f\u00fcr die n\u00e4chsten neunzehneinhalb Seiten. \u00dcber Hannah Arendt. 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