{"id":8407,"date":"2007-11-01T00:00:52","date_gmt":"2007-10-31T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8407"},"modified":"2022-07-26T13:56:46","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:46","slug":"diesen-kampf-zu-fuhren-war-eine-politische-notwendigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/11\/diesen-kampf-zu-fuhren-war-eine-politische-notwendigkeit\/","title":{"rendered":"&#8222;Diesen Kampf zu f\u00fchren, war eine politische Notwendigkeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Nach drei Jahren ist es endlich vorbei, und du unterrichtest jetzt. Was hast du in den Klassen gesagt ? Was haben sie dich gefragt ? Und wie ist das gelaufen ?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Micha: <\/strong>Ich habe selbst die Vorg\u00e4nge der letzten vier Jahre nicht von mir aus zum Thema gemacht. Aber nat\u00fcrlich hatten viele Sch\u00fclerInnen schon davon geh\u00f6rt, dass der aus der Presse ber\u00fcchtigte Berufsverbotslehrer an ihre Schule kommt. Mit denen habe ich dann sehr offen dar\u00fcber gesprochen, ihnen aber gleichzeitig gesagt, dass sie sich, wenn sie ausf\u00fchrlicher dar\u00fcber reden wollen, mit ihrem Gemeinschaftskundelehrer zusammen setzen sollten &#8211; letzten Endes bin ich nat\u00fcrlich &#8218;Partei&#8216; in dieser Geschichte.<\/p>\n<p>Vor allem aber sind das Auseinandersetzungen, die 11- bis 16j\u00e4hrigen Jugendlichen oft noch sehr fern und fremd sind. Insofern war das Thema im Unterricht dann gar nicht so pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sch\u00fclerInnen sind an einem Lehrer oder einer Lehrerin erst mal ganz andere Dinge wichtig: ob sie sich ernstgenommen f\u00fchlen, ob er ihnen gegen\u00fcber authentisch und ehrlich ist und ob er selbst sich f\u00fcr die Inhalte, die er vermittelt, begeistern kann.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stand ich zu Beginn ungeheuer unter Druck. Ich bin mit einem Ruf an die Schule gekommen, der mir nur die M\u00f6glichkeit lie\u00df, durch die Qualit\u00e4t meines Unterrichts zu \u00fcberzeugen. Und das, nachdem ich f\u00fcnf Jahre nichts mehr mit Unterricht zu tun hatte. Ich hatte kein Material, kannte weder Lehrpl\u00e4ne noch Schulb\u00fccher und musste mich ja auch erst wieder an die Rolle gew\u00f6hnen, die man als Lehrer nun mal zu spielen hat. Das war tats\u00e4chlich sehr schwer und ich werde noch eine Weile mit dieser Situation zu k\u00e4mpfen haben. Ich habe ja erst zwei Tage vor &#8218;Dienstantritt&#8216; den Bescheid vom Kultusministerium erhalten, dass ich 35 Kilometer entfernt als Lehrer anfangen soll. Bislang habe ich aber von Sch\u00fclerInnen und Eltern nur positive R\u00fcckmeldungen bekommen und das macht nat\u00fcrlich Mut.<\/p>\n<p><strong>Du hast drei Jahre gek\u00e4mpft, warum glaubtest du an einen Erfolg ?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe ehrlich gesagt gar nicht so sehr an meinen Erfolg geglaubt, zumindest nicht in dem Sinn, dass ich davon ausgegangen w\u00e4re, in absehbarer Zeit als Lehrer arbeiten zu k\u00f6nnen. Es gibt Situationen, in die wird man einfach hineingestellt und wenn man ein politisch denkender und handelnder Mensch ist, kann man sich ihnen nicht entziehen. In der Anh\u00f6rung vor dem Regierungspr\u00e4sidium wurde z.B. von mir verlangt, ich solle mich ganz generell und allgemein \u00f6ffentlich von &#8222;Militanz&#8220; distanzieren und von dem &#8222;au\u00dferparlamentarischen Kampf gegen die herrschenden Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse&#8220;.<\/p>\n<p>Wie h\u00e4tte ich das tun k\u00f6nnen? Das w\u00e4re mir nicht nur als Verh\u00f6hnung der vielen Menschen erschienen, die unter dem Nationalsozialismus &#8211; und nicht nur dort &#8211; Widerstand geleistet haben. Au\u00dferdem h\u00e4tte ich mich dann damit abgefunden, mir f\u00fcr die restliche Zeit meiner beruflichen T\u00e4tigkeit freiwillig einen Maulkorb umzubinden. Insofern habe ich nie dar\u00fcber nachgedacht, anders zu entscheiden, diese Alternative hat sich mir eigentlich nie gestellt.<\/p>\n<p>Diesen Kampf zu f\u00fchren, war eine politische Notwendigkeit. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich und meine berufliche Zukunft h\u00e4tte ich das nicht getan. Es gibt auch andere mehr oder weniger sch\u00f6ne Arten, sich durch den Verkauf seiner Arbeitskraft ausbeuten zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Du bist jetzt im Dienst derer die Dich so bek\u00e4mpft haben, wieso wolltest du da unbedingt hin?<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte den Beruf aus\u00fcben, den ich gelernt habe, f\u00fcr den ich geeignet bin und den ich gern mache. Dass der Staat auf diesen Beruf faktisch ein Monopol hat, darf doch kein Grund sein, dass kritisch denkende Menschen freiwillig und pr\u00e4ventiv auf die Aus\u00fcbung dieses Berufs verzichten. Es ging mir nicht darum, Staatsdiener zu werden, sondern als Lehrer zu arbeiten. Und von der Utopie einer freieren Gesellschaft, in der Leben und Lernen auf ganz andere Weise verkn\u00fcpft werden, muss mensch sich deshalb auch keineswegs verabschieden.<\/p>\n<p><strong>Wie hat das Berufsverbot auf dich als Aktivist gewirkt, bist du vorsichtiger geworden, haben sich andere Schwerpunkte aufgetan ?<\/strong><\/p>\n<p>Vorsichtiger bin ich nicht geworden, dazu bin ich einerseits ein viel zu bockiger und widerst\u00e4ndischer Typ und andererseits: &#8222;Ist der Ruf erst ruiniert&#8230;&#8220; &#8211; was hatte ich denn noch zu verlieren, nachdem ich ohnehin in der Presse der gesamten BRD als exemplarischer Staatsfeind gehandelt wurde?<\/p>\n<p>Andere Schwerpunkte haben sich aus dem Kampf gegen das Berufsverbot aber schon ergeben, beispielsweise in der B\u00fcndnisarbeit mit Gewerkschaften, die vorher nicht unbedingt mein Ding war. Auch die Antirepressionsarbeit im Rahmen der Roten Hilfe ist noch mehr als bislang in den Vordergrund ger\u00fcckt.<\/p>\n<p><strong>Wie verortest du deinen Fall innerhalb der allgemeinen Repressionswelle ?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss mensch die Wiederbelebung dieses Repressionsinstrumentes aus der Zeit des Kalten Krieges vor dem Hintergrund des galoppierenden Grundrechtsabbaus sehen, der sich in den b\u00fcrgerlichen Demokratien des Westens insbesondere seit den Zeiten des &#8222;Antiterrorkrieges&#8220; vollzieht.<\/p>\n<p>Das hat in gewisser Weise etwas von einem staatlichen Amoklauf &#8211; anders als zu der Hochzeit der Berufsverbote gibt es ja heute kein sich sozialistisch nennendes Staatensystem mehr, das mit der BRD und ihren Verb\u00fcndeten konkurriert, es gibt keine starke au\u00dferparlamentarische Linke mehr, von der sich der Staat auch nur subjektiv bedroht f\u00fchlen k\u00f6nnte. Aber das ist sicher auch eine neue Qualit\u00e4t staatlicher Repression, dass sie immer h\u00e4ufiger pr\u00e4ventiv ansetzt, bevor sich widerst\u00e4ndige Bewegungen \u00fcberhaupt entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Es besteht bei Lehramtsstudierenden eine gro\u00dfe Angst, sp\u00e4ter nicht arbeiten zu d\u00fcrfen oder erst gar nicht zum Refrendariat zugelassen zu werden, was sie in ihrem politischen Aktivismus einschr\u00e4nkt. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ist dies vielleicht das prim\u00e4re Ziel von Berufsverboten ?<\/strong><\/p>\n<p>Berufsverbote haben schon immer nicht in erster Linie auf diejenigen gezielt, die letztendlich von ihnen betroffen waren &#8211; die sah der Staat ohnehin als &#8222;hoffnungslose F\u00e4lle&#8220; an. Vor allem sollten und sollen ja diejenigen abgeschreckt werden, die eventuell erst noch wirklich politisch aktiv werden k\u00f6nnten. Die von dir angesprochene st\u00e4ndig pr\u00e4sente Angst von Lehramtsstudis zeigt ja, wie unglaublich wirksam so eine Abschreckungspolitik ist.<\/p>\n<p>Immerhin war das letzte klassische Berufsverbotsverfahren vor meinem &#8222;Fall&#8220; fast zwanzig Jahre her und dennoch ist die ber\u00fchmte Schere im Kopf wirksam geblieben.<\/p>\n<p><strong>Es gab eine Solibewegung rund um deinen Fall. Hat dir das auch pers\u00f6nlich geholfen, denn real darunter leiden musstest ja nur?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war die Solibewegung immens wichtig. Sie hat mir selbst auch immer wieder vor Augen gef\u00fchrt, dass ich eben nicht allein bin und auch anderen Mut gemacht habe. Ohne die gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit und die vielf\u00e4ltigen Proteste w\u00e4re die Auseinandersetzung aber auch gar nicht zu f\u00fchren gewesen. Auch Gerichte handeln ja nicht im politisch luftleeren Raum.<\/p>\n<p>Der Prozess war letzten Endes nur politisch zu gewinnen.<\/p>\n<p><strong>Die L\u00e4nder Baden-W\u00fcrttemberg und Hessen halten Antifaschistische wie Antikriegsarbeit und Lehrer werden f\u00fcr einen Widerspruch, kannst du dem folgen ?<\/strong><\/p>\n<p>Na ja, folgen kann ich dem nat\u00fcrlich nicht, aber ich bin auch nicht verwundert. Ein Land, in dem ein Herr Oettinger trotz seiner geschichtsrevisionistischen \u00c4u\u00dferungen und seinen Rechtsau\u00dfen-Kontakten zum Studienzentrum Weikersheim als respektabler Ministerpr\u00e4sident gilt, handelt durchaus in einer \u00fcberzeugenden Logik, wenn es AntifaschistInnen verfolgt. Es ist insofern sicher kein Zufall, dass hier auch die absurde Jagd von Polizei und Justiz auf durchgestrichene Hakenkreuze und andere Antifa-Symbole ihren Anfang nahm.<\/p>\n<p>Ich bin nicht naiv. Wer sich in diesem Land konsequent gegen Faschismus und Krieg engagiert, ist staatlicherseits nicht unbedingt wohlgelitten. Das kann aber kein Grund sein, sich davon abbringen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Wenn du das alles schon gewusst h\u00e4ttest was w\u00fcrdest du machen ? Politisch aktiv sein und nicht Lehramt studieren ? Lehramt studieren und dich politisch zur\u00fcckhalten ? Wieder beides und alles noch mal durchmachen ? Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Politisch gesehen w\u00fcrde ich nicht anders handeln als ich gehandelt habe. Und pers\u00f6nlich ist das nat\u00fcrlich eine hypothetische Frage. Ich habe mir die Situation damals nicht ausgesucht. Und ich m\u00fcsste l\u00fcgen, wenn ich behaupten wollte, dass diese Jahre spurlos an mir vorbeigegangen sind. Aber es gibt keine Situation &#8211; weder vor dem Berufsverbotsverfahren noch w\u00e4hrenddessen &#8211; in der ich h\u00e4tte anders handeln wollen. Meine politischen \u00dcberzeugungen zu verleugnen, um negative Konsequenzen zu vermeiden, war und ist f\u00fcr mich keine Option. Mir selbst im Spiegel mit gutem Gewissen ins Gesicht sehen zu k\u00f6nnen ist mir allemal wichtiger.<\/p>\n<p><strong>Betroffen warst du, gemeint aber alle politisch Kritischen. Politische Arbeit wird so kriminalisiert. Wie kann man sich dagegen wehren?<\/strong><\/p>\n<p>In erster Linie geht es darum, B\u00fcndnispartnerInnen zu suchen und \u00d6ffentlichkeit zu schaffen. Gerade weil der Staat die radikale Linke gern an den Rand dr\u00e4ngen w\u00fcrde, d\u00fcrfen wir uns nicht in Szenenischen einrichten. H\u00e4ttest Du mir vor vier Jahren erz\u00e4hlt, dass in meinem Fall Gewerkschaften, gewaltfreie AnarchistInnen, KommunistInnen, Autonome, Menschenrechtsgruppen und die Rote Hilfe gemeinsam Aufrufe unterzeichnen und zu Demonstrationen aufrufen, ich h\u00e4tte Dir nicht geglaubt. Und trotzdem ist genau das passiert.<\/p>\n<p>Die Linke hat sich f\u00fcr meinen Geschmack zu sehr daran gew\u00f6hnt, zu unterliegen. Es ist wichtig, sich bez\u00fcglich der heutigen gesellschaftlichen Situation nicht in die Tasche zu l\u00fcgen, aber selbst im Kampf gegen Repression ist es m\u00f6glich, in die Offensive zu kommen.<\/p>\n<p><strong>Das Berufsverbot gegen dich war nicht erfolgreich. Denkst du es wird trotzdem oder gerade deshalb weitere Berufsverbote geben?<\/strong><\/p>\n<p>Es war sicher ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Berufsverbote. Aber die Gesetze, die solche absurden Verfahren erst erm\u00f6glichen, existieren immer noch, samt Beweislastumkehr und Gesinnungsprognosen.<\/p>\n<p>Und die vielen Hundert Betroffenen der Berufsverbote aus den 1970er und 1980er Jahren sind weder rehabilitiert noch entsch\u00e4digt. Es ist wichtig, die BRD dazu zu zwingen, das damit verbundene Unrecht einzugestehen und aufzuarbeiten.<\/p>\n<p>Ohne diese Aufarbeitung bleibt das Berufsverbot als jederzeit einsetzbare Waffe gegen die Linke pr\u00e4sent.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Nach drei Jahren ist es endlich vorbei, und du unterrichtest jetzt. Was hast du in den Klassen gesagt ? Was haben sie dich gefragt ? Und wie ist das gelaufen ? Micha: Ich habe selbst die Vorg\u00e4nge der letzten vier Jahre nicht von mir aus zum Thema gemacht. 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