{"id":844,"date":"1997-01-01T00:00:11","date_gmt":"1996-12-31T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=844"},"modified":"2022-07-26T14:26:35","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:35","slug":"wider-den-kampf-der-kulturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/01\/wider-den-kampf-der-kulturen\/","title":{"rendered":"Wider den &#8222;Kampf der Kulturen&#8220;!"},"content":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit wird \u00fcber die Thesen vom &#8222;Kulturknall&#8220; und dem &#8222;Kampf der Kulturen&#8220; in den USA hei\u00df gestritten. Samuel P. Huntington ist nicht nur Professor f\u00fcr Politikwissenschaft, sondern auch Berater des US- Au\u00dfenministeriums. 1993 provozierte er in seiner Hauszeitschrift &#8222;Foreign Affairs&#8220; einen vieldiskutierten Wechsel der US-amerikanischen Wahrnehmung von Weltpolitik. Das jetzt als &#8222;Kampf der Kulturen&#8220; \u00fcbersetzte Buch wurde schon im Vorfeld seines Erscheinens hierzulande kontrovers rezipiert. Im &#8222;Spiegel&#8220; wurde sein Szenario eines kommenden Krieges zwischen den USA und China l\u00e4cherlich gemacht. ((1))<\/p>\n<p>\u00dcber Huntingtons konservative, zum Teil rassistische Thesen kann viel gesagt werden, l\u00e4cherlich sind sie meines Erachtens nicht. Wenn wir analysieren, wie Bestandteile der herrschenden &#8222;Think Tanks&#8220; die Welt interpretieren, kann fundierte libert\u00e4re Kritik erst zu wirklichen Alternativen und Konsequenzen finden &#8211; ein Interesse, das dem Spiegel selbstverst\u00e4ndlich abgeht.<\/p>\n<h3>Huntingtons &#8222;Kulturknall&#8220;-Theorie<\/h3>\n<p>Huntington r\u00e4umt zun\u00e4chst einmal mit Mythen \u00fcber die Situation nach dem historischen Ende des Kalten Krieges auf, die auch die Politik der westlichen Regierungen zeitweise bestimmt zu haben schienen. Die weltweite Durchsetzung des Kapitalismus ist zwar real, doch die Reaktionen auf diese \u00f6konmoische Tendenz seien nicht erwartet worden: dem Kapitalismus folgen nicht S\u00e4kularisierung und Laizismus, Demokratisierung und allgemeine Respektierung der Menschenrechte, sowie friedlicher Handel und Verwestlichung unter milit\u00e4rischer Kontrolle der USA auf dem Fu\u00dfe. Weit gefehlt: die kapitalistische Modernisierung f\u00fchre vielmehr zur Losl\u00f6sung l\u00e4ndlicher Bev\u00f6lkerung von traditionellen, regionalen oder Verwandtschaftsidentit\u00e4ten, zu vielfachen Wanderungsbewegungen, Verst\u00e4dterungen, zu rein technischer Modernisierung, zu unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungszuw\u00e4chsen &#8211; und insbesondere daraus folgend zu einer weltweiten Suche nach neuen Identit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4tssuche von verunsicherten, verst\u00e4dterten MigrantInnen endet nach Huntington in einer weltweiten Renaissance der etablierten Weltreligionen. Nur sie seien in der Lage, den Modernisierungsverunsicherten neue Identit\u00e4ten zu bieten. W\u00e4hrend die historische Phase nach dem Zweiten Weltkrieg durch die weltpolitische Bipolarit\u00e4t zwischen den Superm\u00e4chten USA und Sowjetunion gekennzeichnet war, so ist nach dem Kalten Krieg nach Huntington von einer multipolaren Welt dominanter &#8222;Kulturen&#8220;auszugehen, die sich ungef\u00e4hr mit der Reichweite der gro\u00dfen Religionen deckt, in zweiter Hinsicht spielen noch die Geschichte und Sprachgrenzen eine Rolle. Die zuk\u00fcnftig weltpolitisch relevanten Kulturen sind nach Huntington der christliche Westen (gekennzeichnet durch S\u00e4kularismus, Pluralismus, Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit), die chinesisch-konfuzianische Kultur (&#8222;sinisch&#8220;), die islamische, die japanische, die hinduistische, die russisch-orthodoxe, die hispanisch-katholisch- lateinamerikanische und die s\u00fcdafrikanische Kultur.<\/p>\n<p>Huntington meint nun, da\u00df sich die weltpolitisch relevanten Konflikte tendenziell nicht mehr innerhalb dieser Kulturen abspielen, sondern zwischen ihnen, d.h. an den R\u00e4ndern der sich jeweils auf sich selbst, d.h. auf ihre jeweilige Identit\u00e4t zur\u00fcckziehenden Kulturkreise. Die nichtwestlichen Regierungen und Kulturkreise sch\u00fctteln nach Huntington \u00fcbernommene westliche Dominanzen ab: die weltweite Welle der &#8222;Demokratisierungen&#8220; nach 1989 in Afrika und Lateinamerika ist abgeebbt und zur\u00fcckgenommen worden; die staatssozialistische Ideologie wird abgesto\u00dfen und durch nationalistische, religi\u00f6se und kulturalistische \u00c4quivalente ersetzt (z.B. formuliert China gegen\u00fcber Taiwan und Hongkong\/Macao nicht mehr kommunistische, sondern nationalistische, konfuzianische, aber auch antidemokratische Wertvorstellungen). Die jeweiligen Kulturen homogenisieren sich und finden ihre Identit\u00e4t, grenzen sich dadurch aber gleichzeitig von den anderen Kulturen ab und definieren sich antagonistisch zu ihnen. Die Kriege der Zukunft nennt Huntington &#8222;Bruchlinienkriege&#8220;, weil sie an den \u00dcberg\u00e4ngen der gro\u00dfen Kulturen entstehen. Der jugoslawische Sezessionskrieg sei bereits so ein Bruchlinienkrieg gewesen: vermischte Kulturen des westlich-christlich-katholischen Kulturkreises (Slowenien, Kroatien), des orthodoxen Kulturkreises (Serbien) und des islamischen Kulturkreises (Bosnien, Albanien) seien durch &#8222;ethnische S\u00e4uberungen&#8220; kulturalistisch getrennt worden. Auch die Kriege an der S\u00fcdgrenze Ru\u00dflands (Armenien\/Aserbeidschan, Tschetschenien, Tadschikistan, und schon vorher Afghanistan) seien Bruchlinienkriege zwischen dem russisch-christlich-orthodoxen und dem islamischen Kulturkreis.<\/p>\n<p>Nationalstaaten sind nach Huntington immer noch Hauptakteure politischen Handelns, doch sie gruppieren sich neu, und zwar in konzentrischen Kreisen um den Mittelpunkt ihrer Kultur. Diesen Mittelpunkt bilden nach Huntington sogenannte &#8222;Kernstaaten&#8220;, oftmals ist das ein einziger Staat wie China, Japan oder Indien, manchmal sind es zwei wie die USA und die EU (mit den dortigen &#8222;Kernstaaten&#8220; Frankreich und BRD). Interessanterweise kann solch ein Kernstaat auch fehlen, wie im islamischen Kulturkreis, wo Saudi-Arabien, Irak, der Iran, \u00c4gypten, aber auch Pakistan oder Indonesien (das bev\u00f6lkerungsreichste islamische Land) um diesen Status konkurrieren.<\/p>\n<p>Bruchlinienkriege entwickeln nach Huntington eine ganz bestimmte Dynamik: scheinbar harmlos am Rande der Kulturkreise beginnend betrifft die Forderung nach Solidarit\u00e4t mit den Opfern mehr und mehr den ganzen Kulturkreis (so unterst\u00fctzte der islamische Kulturkreis z.B. immer mehr Bosnien, als sich dort ein islamischer Staat herauszukristallisieren schien) und kann sich im schlimmsten Falle zum Konflikt zwischen den sekund\u00e4r und terti\u00e4r als Schutzm\u00e4chten auftretenden &#8222;Kernstaaten&#8220; ausweiten (das orthodoxe Ru\u00dfland galt z.B. als Schutzmacht Serbiens im Konflikt mit der BRD bzw. den USA als kulturelle Schutzm\u00e4chte Kroatiens). In Bruchlinienkriegen gewinnen religi\u00f6s-fundamentalistische Str\u00f6mungen die Oberhand \u00fcber laizistisch- gem\u00e4\u00dfigte Gruppen und wirken eskalierend. Interessanterweise nennt Huntington zwei Bedingungen f\u00fcr die Eind\u00e4mmung von Bruchlinienkriegen: einmal die Kriegsm\u00fcdigkeit der direkt beteiligten Bev\u00f6lkerungen und dadurch die zeitweilige Mobilisierungsabschw\u00e4chung fundamentalistischer Str\u00f6mungen, zum zweiten die darauf abgestimmte F\u00e4higkeit von Kernstaaten und konzentrisch um die Bruchlinien liegenden Staaten zu differenzierten Vertragsfestlegungen (wie Dayton). Doch einmal entfachte Bruchlinien bleiben nach Huntington nie endende Gefahrenquellen, quasi wie bei tektonischen Erdbebenbruchlinien k\u00f6nnen Kriege immer wieder von neuem entlang der kulturellen Bruchlinien wiederaufflammen.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die Verschiebung von Bruchlinien ist nach Huntington die zuk\u00fcnftige Orientierung von sogenannten &#8222;zerrissenen Staaten&#8220; wie etwa der T\u00fcrkei, die zwischen zwei Kulturkreisen hin- und herschwankt: einerseits ist sie Mitglied der NATO, b\u00fcndnispolitisch westorientiert und noch laizistisch aufgrund des auf Atat\u00fcrk zur\u00fcckgehenden kemalistisch-nationalistischen Milit\u00e4rs, andererseits wird sie aus Sicht der islamischen Bev\u00f6lkerung von der christlich-s\u00e4kularistischen EU verschm\u00e4ht und innenpolitisch zunehmend von islamistischen Str\u00f6mungen und antiwestlichen Positionen bestimmt.<\/p>\n<p>Noch dominiert der Westen nach Huntington die Welt und demonstrierte dies im Golfkrieg, was die Bev\u00f6lkerung islamistischer Kultur als Dem\u00fctigung empfand. Doch insbesondere zwei Kulturkreise gewinnen durch ihre Identit\u00e4tsfindung an Macht, um den Westen und insbesondere die USA herauszufordern und zur\u00fcckzudr\u00e4ngen: China hat seit den 80er Jahren konstant hohe \u00f6konomische Wachstumsraten und einen riesigen Markt, auf den sich viele AuslandschinesInnen in ostasiatischen Staaten und die stark gewordenen &#8222;Tigersprung&#8220;-Staaten Korea, Taiwan, Singapur strategisch konzentrieren. Die islamistische Kultur ist zwar \u00f6konomisch nicht so prosperierend, hat aber nach Huntington den anderen Vorteil eines im Vergleich zu anderen Kulturen riesigen Bev\u00f6lkerungswachstums, welches einen gro\u00dfen Prozentsatz von 15-25j\u00e4hrigen Jugendlichen hervorbringe, die empf\u00e4nglich f\u00fcr antiwestlichen Islamismus sind. Um westliche Dominanz zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, k\u00f6nnten nun der chinesische und der islamische Kulturkreis, so Huntington, bei zuk\u00fcnftigen Bruchlinienkriegen Koalitionen bilden, vor allem \u00fcber die bereits aktuell durch Waffen- und Kernwaffenaustausch genutzte Schiene China-Pakistan-Iran. Vor diesem Hintergrund wirkt das Horrorszenario eines zuk\u00fcnftigen Krieges zwischen China und den USA, entstanden aus einem Bruchlinienkrieg, keineswegs mehr so l\u00e4cherlich, wie der &#8222;Spiegel&#8220; meinte. ((2))<\/p>\n<h3>Rassistischer Kulturalismus<\/h3>\n<p>Huntingtons Theorie ist ein Modell, allerdings durch einige verbl\u00fcffende empirische Untersuchungen und Tabellen angereichert. Es lassen sich zwar immer wieder Gegenbeispiele zu seinen Beschreibungen finden &#8211; etwa widerspricht die Unterst\u00fctzung Bosniens durch die USA der Bruchlinientheorie, was Huntington meines Erachtens nicht plausibel erkl\u00e4rt. Dennoch tr\u00e4gt sein Ansatz meines Erachtens an vielen Stellen zu einer logischen Erkl\u00e4rung der Konfliktverschiebungen seit Ende des Kalten Krieges bei.<\/p>\n<p>Problematischer als die Hinterfragung des Modells scheinen mir seine Implikationen und Voraussetzungen. Huntington pl\u00e4diert f\u00fcr die radikale Aufr\u00fcstung des Westens, weil er glaubt, da\u00df sich die Kernstaaten der andere Kulturkreise an keinerlei R\u00fcstungskontrollvereinbarungen halten werden. Insbesondere entpuppt er sich dar\u00fcber hinaus als Migrationsgegner und Abschiebepolitiker. Analog zu den anderen Kulturkreisen m\u00fcsse auch der Westen wieder zu einer homogenen Identit\u00e4t finden. Unbegrenzte Immigration hispanischsprachiger MexikanerInnen in den S\u00fcden der USA oder arabischer IslamistInnen nach Europa w\u00fcrden kulturzersetzend wirken, weil sie sich nicht assimilieren wollten, sondern der Spaltpilz in den Kernstaaten der anderen Kultur seien.<\/p>\n<p>Der Kulturbegriff Huntingtons ist also festgezurrt und hermetisch: gerade durch Migration finde kein kultureller Austausch, sondern kulturelle Zersetzung statt. Damit ist Huntingtons Modell nichts anderes als der Endpunkt der historischen Wandlung des Rassismus in einen Kulturalismus. Die Kulturen sind es nun, die festgeschriebene, unver\u00e4nderbare und undurchl\u00e4ssige Eigenschaften besitzen, die sich also nicht mischen, ver\u00e4ndern oder sch\u00f6pferisch verschmelzen k\u00f6nnen. Alle Kulturen au\u00dferhalb des Westens beschreibt Huntington als monolithische Bl\u00f6cke, unf\u00e4hig zu Pluralismus, Individualismus, Demokratie:<\/p>\n<p>&#8222;Die gro\u00dfen politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts hei\u00dfen Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus, Korporatismus, Marxismus, Kommunismus, Sozialdemokratie, Konservatismus, Nationalismus, Faschismus, christliche Demokratie. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie sind Produkte der westlichen Kultur. Keine andere Kultur hat eine signifikante politische Ideologie erzeugt.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Mit dieser arroganten Wahrnehmung anderer Kulturen als monolithisch geht insbesondere das Feindbild Islam einher. In dieser Hinsicht kommt sein Modell FeindbildproduzentInnen in der BRD wie etwa Peter Scholl-Latour sehr nahe. Nach Huntington ist der Islam statistisch bisher an den meisten Bruchlinienkriegen beteiligt. Auf der Suche nach Gr\u00fcnden schreibt er: &#8222;Der Koran und andere Formulierungen muslimischer Glaubenss\u00e4tze enthalten nur wenige Gewaltverbote, und die Vorstellung der Gewaltfreiheit ist muslimischer Lehre und Praxis fremd.&#8220; ((4)) Als sei hier ein qualitativer Unterschied zum Christentum zu erkennen und die Vorstellung der Gewaltfreiheit etwa in der herrschenden westlichen Kultur tief verankert!<\/p>\n<h3>Libert\u00e4r-gewaltfreie Schlu\u00dffolgerungen<\/h3>\n<p>Die Schlu\u00dffolgerungen, die Huntington aus seinen Thesen entwickelt und an die US-Administration weiterleitet, liegen auf der Hand: Der westliche Universalismus nach au\u00dfen soll zur\u00fcckgenommen werden, weil er von den anderen Kulturen als kultureller Imperialismus wahrgenommen wird. Die Kulturkreise seien eben unterschiedlich, so Huntington, das m\u00fcsse der Westen akzeptieren. Gleichzeitig m\u00fcsse der Westen seine eigene Identit\u00e4t erneuern, wenn er nicht im Kampf der Kulturen als Zivilisation untergehen wolle. Daher m\u00fcsse er im Innern homogen sein und seine universalistischen Prinzipien innerhalb der eigenen Kultur radikal durchsetzen, d.h. keine kulturelle Zersetzung im Innern dulden, keine Multikultur, keine Migration ohne Assimilation. Das ist meines Erachtens die rassistische Konsequenz des Kampfes der Kulturen, wohlgemerkt: vorgeschlagen nicht von einem Rechtsextremen, sondern aus der konservativen &#8222;Mitte&#8220; der Gesellschaft in den USA.<\/p>\n<p>Libert\u00e4re, AnarchistInnen und Gewaltfreie k\u00f6nnten demgegen\u00fcber das Modell vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe stellen: der libert\u00e4re Kulturbegriff ist ein flie\u00dfender. Nicht festgef\u00fcgte Kultur entwickelt sich danach best\u00e4ndig durch Begegnung, Mischung, Kontakte neu. Das ist der anarchistische Kulturbegriff, den Rudolf Rocker in Abgrenzung zum Nationalismus entwickelt hat. ((5)) Identit\u00e4tspolitik, der R\u00fcckzug auf einen angeblich &#8222;kulturellen&#8220; &#8211; zu Rudolf Rockers Zeiten noch nationalen &#8211; Kern verhindert ein solches libert\u00e4res Verst\u00e4ndnis von Kultur. Doch das wu\u00dften Libert\u00e4re auch schon vor Huntington. Und da\u00df daraus die Bef\u00fcrwortung von Kulturaustausch &#8211; ohne Zwang zur Assimilation &#8211; und die GegnerInnenschaft zur staatlichen Abschiebe- und Abschottungspolitik im Westen folgt, kann kaum \u00fcberraschen und ist auch nicht neu.<\/p>\n<p>Wenn sich der westliche Universalismus nach au\u00dfen hin allerdings nach Huntington auf sich selbst zur\u00fcckzieht, also weltweit relativiert wird, k\u00f6nnte der anarchistische Universalismus transnational eine neue Chance erhalten. Voraussetzung daf\u00fcr w\u00e4re allerdings ein Anarchismus, der in nichtwestlichen Gesellschaften nicht immer wieder als Bestandteil westlicher Kultur identifiziert und dadurch a priori abgelehnt wird. Wenn man\/frau zum Beispiel Murray Bookchins neues Buch \u00fcber die &#8222;Agonie der Stadt&#8220; ((6)) liest, dann bleibt der Anarchismus auch in seinen zeitgen\u00f6ssischsten Formen der euroamerikanischen Kulturgeschichte verhaftet. Nichts, rein gar nichts nimmt Bookchin aus anderen Kulturen produktiv auf. Und hier, finde ich, mu\u00df sich der Anarchismus gravierend wandeln, will er nicht zum Trittbrettfahrer des westlichen Kulturalismus werden. Es geht darum, in der Kulturgeschichte anderer Regionen der Erde nichtorthodoxe, nonkonformistische, dissidente Seitenstr\u00f6mungen aufzusuchen, sie bekannt zu machen und mit den produktiven Traditionen des westlichen Anarchismus, die ja nicht verleugnet werden m\u00fcssen, zu kombinieren. Dazu mu\u00df der s\u00e4kulare, in gro\u00dfen Teilen atheistische Anarchismus zumindest ein Gesp\u00fcr f\u00fcr religi\u00f6s-libert\u00e4re Begr\u00fcndungen in anderen L\u00e4ndern entwickeln, ganz nach dem Vorbild Bakunins, der als atheistischer Anarchist meinte, die religi\u00f6sen Gef\u00fchle der russischen Bauern\/B\u00e4uerinnen k\u00f6nnten nicht von heute auf morgen ver\u00e4ndert werden, auf sie m\u00fcsse R\u00fccksicht genommen, in ihrer Sprache m\u00fcsse gesprochen werden (was Tolstoi dann auch machte). Wenn es dem Anarchismus etwa gel\u00e4nge, die vorhandenen islamischen Begr\u00fcndungen von Gewaltfreiheit im Westen bewu\u00dft zu machen, welche etwa die Massenbewegungen Abdul Ghaffar Khans in Pakistan oder Mahmud Tahas im Sudan als Gegenstr\u00f6mungen zur islamischen Orthodoxie wie auch zum &#8222;Fundamentalismus&#8220; pr\u00e4gten, w\u00e4re ein libert\u00e4rer Schritt getan, um Huntingtons Kampf der Kulturen zu durchkreuzen. ((7))<\/p>\n<p>Wenn die verunsicherte, landfl\u00fcchtige Bev\u00f6lkerung unter Aufgabe ihrer traditionellen Gewohnheiten und Bindungen im Zeitalter der Modernisierung in den St\u00e4dten der &#8222;Dritten Welt&#8220; nach psychischem und emotionalem Halt sucht, k\u00f6nnte die Unterst\u00fctzung solcher religi\u00f6s-libert\u00e4rer Nebenstr\u00f6mungen durch europ\u00e4isch-amerikanische AnarchistInnen eine kulturelle Verbindung herstellen, die sowohl westliche Dominanz als auch die Renaissance religi\u00f6ser Orthodoxien hinter sich l\u00e4\u00dft. Uns AnarchistInnen mu\u00df dabei immer klar sein: die Menschen m\u00fcssen die befreiende Message auch verstehen, deshalb m\u00fcssen libert\u00e4re Inhalte manchmal in religi\u00f6ser Sprache transportiert werden, nur dann haben sie eine Chance, popul\u00e4r und massenwirksam zu werden. Ein Vorbild ist f\u00fcr mich gerade in dieser Hinsicht Gandhi: er nahm westlichen Individualismus und Gewaltfreiheit in Europa auf, sprach die einfachen Bauern\/B\u00e4uerinnen in Indien aber in religi\u00f6ser Sprache an, interpretierte die gewaltt\u00e4tigen hinduistischen Schriften mit dem Ideal der Gewaltlosigkeit neu, bem\u00fchte sich auch um einen Ausgleich mit dem Islam, und kam so zu einer produktiven kulturellen Verbindung zwischen europ\u00e4ischen Einfl\u00fcssen und indischer Tradition, die als Antikolonialismus massenwirksam werden konnte ohne zu &#8222;Fundamentalismus&#8220; und kulturellem Bruch auszuarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit wird \u00fcber die Thesen vom &#8222;Kulturknall&#8220; und dem &#8222;Kampf der Kulturen&#8220; in den USA hei\u00df gestritten. Samuel P. 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