{"id":8453,"date":"2007-12-01T00:00:42","date_gmt":"2007-11-30T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8453"},"modified":"2022-07-26T14:24:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:16","slug":"ich-habe-keine-gewissheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/12\/ich-habe-keine-gewissheit\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich habe keine Gewissheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Der Tag, an dem man mir Handschellen anlegte, war der Tag meiner Befreiung.&#8220; So beschreibt es der aus Nicaragua stammende US-Offizier Camilo Mejia, der sechs Monate im Irak diente und dann die R\u00fcckkehr an die Front verweigerte, weil er angab, an Folter und Misshandlung beteiligt gewesen zu sein. Er wurde der Fahnenflucht beschuldigt und zu einem Jahr Haft verurteilt.<\/p>\n<p>Der Dokumentarfilm zeigt einen Soldaten, dessen Gewissen ihn zwingt, aufzubegehren und zu protestieren, gro\u00dfe Opfer zu bringen und mutige Entscheidungen zu treffen. Peter Lilienthal hinterfragt die Verantwortung der S\u00f6hne, die als Soldaten in einen Krieg ziehen, und der V\u00e4ter, die ihre S\u00f6hne in einen Krieg ziehen lassen. Ihm ist ein poetisches und bewegendes Portr\u00e4t eines verurteilten Deserteurs und eines wahrheitssuchenden Vaters gelungen, zweier Menschen, die sich gegen die \u00f6ffentliche Meinung gestellt haben. Fernando Suarez del Solar ist der Vater von Jesus, des ersten get\u00f6teten US-Soldaten im 3. Golfkrieg.<\/p>\n<p>Voraussichtlich im Fr\u00fchjahr 2008 kommt der Film in die deutschen Kinos. Eine Preview war w\u00e4hrend des Filmfestivals am 21. Oktober 2007 in M\u00fcnster zu sehen. Im Anschluss an die darauf folgende Podiumsdiskussion mit Peter Lilienthal, Rudi Friedrich (Connection e.V.), Bernd Dr\u00fccke (Graswurzelrevolution), Alexandra Hippchen und Thomas Kr\u00e4mer (Christliche Initiative Romero) sprach GWR-Mitherausgeberin Kerstin Wilhelms mit dem Filmemacher.<\/p>\n<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Warum haben Sie diesen Film gemacht, welches Ziel haben Sie verfolgt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Meistens wei\u00df man etwas \u00fcber dieses Ziel, nachdem man den Film gemacht hat. Vorher hat man konkrete Anhaltspunkte: Man lernt einen Deserteur kennen, man glaubt, dass die Beschreibung seines Lebens und seiner Familienverh\u00e4ltnisse wichtig ist. Es ist auch die Fortsetzung von einem Thema, das einen besch\u00e4ftigt hat, wie die komplexe Situation eines Soldaten, beispielsweise wenn sie wie in Chile oder Nicaragua ihre eigenen Br\u00fcder und Schwestern ermordet haben, wie die Situation insbesondere f\u00fcr Latinos, die sich rekrutieren lassen unter allen m\u00f6glichen Versprechungen, usw.<\/p>\n<p>Dieser ganze Komplex hat mich bewogen, diesen Film zu machen. Aber es gibt auch sehr viele Dinge, die sich fast nicht aussprechen lassen. Die Hilflosigkeit von Menschen, sich mit einem Thema \u00fcberhaupt zu besch\u00e4ftigen, weil ihnen die Koordinaten fehlen, ihnen die Bildung fehlt, sie arm sind, sie essen brauchen usw. Somit ist das Zentrum von diesem Film nur eine Fortsetzung von anderen Filmen, die ich gemacht habe, die immer von Menschen handeln, die ohnm\u00e4chtig waren, weil sie nicht vorbereitet waren auf eine Krise, die nicht vorbereitet waren, um ihre S\u00f6hne oder T\u00f6chter aufzukl\u00e4ren, und die dann, wenn etwas passiert ist, z.B. der Tod eines Sohnes, auch nicht in der Lage sind, daraus etwas Politisches zu machen, weil ihnen daf\u00fcr wiederum die Bildung fehlt oder auch das Geld dazu. Mit diesen Menschen habe ich zusammen gelebt, sie alle kommen in meinen Filmen vor, und alle, die mich und meine Filme kennen, sagen, aha, nichts anderes haben wir erwartet. Insofern ist es nur eine Fortsetzung oder auch eine Fu\u00dfnote zu allen anderen. Das m\u00fcssen immer die anderen entscheiden. Die letzte Antwort auf Ihre Frage ist die, die mir das Publikum gibt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Sie sprachen gerade \u00fcber die Hispano-Bev\u00f6lkerung. Warum werden gerade diese Leute so stark von der Armee rekrutiert?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Die Rekrutierer gehen bestimmt nicht zu den Kindern der Senatoren, zum Mittelstand, zu denen, die die M\u00f6glichkeit haben, ihre Kinder an die Uni zu schicken, weil sie wissen, dass sie da abgewiesen werden. Der Beweis daf\u00fcr ist, dass kein einziger Parlamentsabgeordneter und Senator ein Kind im Krieg hat. Also gehen sie auf die arme Bev\u00f6lkerung zu, die oft keine andere Wahl hat, als diesen Versprechungen zu trauen. Obwohl sie vielleicht schon Anlass h\u00e4tten, es nicht zu tun.<\/p>\n<p>Aber mit dem Gehalt, das man ihnen verspricht, mit der M\u00f6glichkeit zu studieren, letztendlich auch mit dem Vertrauensgewinn, den sie dann haben unter Freunden oder allen m\u00f6glichen Leuten, weil sie jetzt in Uniform erscheinen und als Latinos sagen &#8222;Wir verteidigen jetzt die gro\u00dfe Nation USA&#8220;.<\/p>\n<p>Das spielt psychologisch eine gro\u00dfe Rolle, und es ist f\u00fcr manche Leute wie den Sohn von Fernando au\u00dferordentlich schwer, solcher Verlockung zu widerstehen. Camilo, so sagt sein Vater Carlos Mejia Godoy in einem Moment, der mich immer in Panik versetzt, muss letzten Endes selber entscheiden, ob er der Armee beitritt, er ist erwachsen genug. Und hier ist die Information wichtig, dass Camilo der National Guard beitrat und in ihr acht Jahre lang Mitglied war, nicht der normalen Armee. Dass Bush die National Guard von einem Tag auf den anderen dazu verpflichtet hat, im Irak Dienst zu leisten, das wussten die nicht. Also, man kann Camilo unterstellen, dass er nicht bereit war, in den Krieg zu ziehen, nur f\u00fcr die National Guard, die ja Dienste leistet wie die Polizei und f\u00fcr Katastrophen und Aufst\u00e4nde etc. <em>nach innen<\/em> zust\u00e4ndig ist, das muss gesagt werden und das ist vielleicht auch im Film eine schwache Stelle. Das wurde nicht so genau beschrieben, aber es spricht f\u00fcr Camilo, dass er sich auf einen Auslandseinsatz nicht eingelassen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das sagt er jetzt und das muss man ihm auch glauben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Sie sagen also, diese Art der Rekrutierung ist sozusagen ein Klassenproblem\u2026<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Nicht &#8222;sozusagen&#8220;. Es IST ein Klassenproblem. Der Mittelstand hat das nicht n\u00f6tig, und wenn man wei\u00df, dass es f\u00fcr einen Sohn 25.000 Dollar pro Jahr kostet, ihn an die Uni zu schicken, dann kann man sich vorstellen, dass das schwer ist, schon f\u00fcr eine nicht ganz arme Familie. Und die Hispanos haben 3,4,5 Kinder.<\/p>\n<p>Also, wenn dann einer kommt und rekrutiert und die belagert und jeden Tag sagt: Ihr k\u00f6nnt an die Uni, und wir unterst\u00fctzen euch auch wissenschaftlich, ihr bekommt ein gutes Gehalt, von dem k\u00f6nnt ihr die H\u00e4lfte euren Eltern geben usw., dann ist das doch klar, dass die Jungs das machen.<\/p>\n<p>Sie haben im Film etwas gesehen, das f\u00fcr mich sehr beeindruckend war. Dass der Farbige aus der Bronx in einem Workshop gegen die Rekrutierer sagt, es sei doch egal, wo sie umgebracht w\u00fcrden, von Drogendealern in den Stra\u00dfen der Bronx oder in der Armee. Also, warum versuchen wir&#8217;s nicht einfach mal. Das ist nat\u00fcrlich schrecklich zu h\u00f6ren, aber es beschreibt genau die Situation.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was, denken Sie, hat Camilo dazu bewogen, nicht zu seiner Einheit zur\u00fcckzukehren?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: In erster Linie das, was er dort sah, und das, was er dort tun musste. So etwas wei\u00df man ja nicht vorher. Die Situation, sich pl\u00f6tzlich in einem System zu befinden, in dem man sich nicht auskennt und in dem das Sch\u00fcren der Angst und des Gehorsams das Entscheidende ist, da musste er nach acht Monaten zumindest den Gedanken haben, ich komm nicht zur\u00fcck. Er war nicht so ganz sicher. Er war mit einem Fu\u00df schon im Flugzeug, als er sich sagte, nein, das geht nicht. Es war eine schwere Entscheidung, weil er sich nicht wie die anderen versteckt h\u00e4lt. Er stellt sich, er geht ins Gef\u00e4ngnis, wobei er ja nicht wusste, was ihn dort erwartet.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gab es mal einen Moment in der Geschichte der Milit\u00e4rjustiz, in dem diese Jungs auch mit dem Tod bestraft wurden. Dass das heute nicht mehr so ist, dass aus seiner Strafe etwas weniger als acht Monate wurden und dass er gut behandelt werden w\u00fcrde, das wusste er zu dem Zeitpunkt nicht, genauso wenig wie er wusste, was passieren w\u00fcrde, wenn er zur\u00fcck in den Irak fliegen w\u00fcrde. Er hatte Gl\u00fcck, aber er ist jetzt besch\u00e4digt.<\/p>\n<p><strong>GWR: W\u00fcrden Sie sagen, dass Camilo ein Held ist?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Nein. Das Wort Held passt mir da \u00fcberhaupt nicht. Ich h\u00e4tte auch keinen Film \u00fcber einen Helden gemacht. Er ist ein Zweifler. Einer der versucht, eine moralische Entscheidung zu treffen, die aber auch wieder unsicher ist. Denn diese Entscheidung bedeutet in gewisser Weise auch einen Verrat an seinen Kameraden, die bleiben. Und er geht.<\/p>\n<p>Ein Verrat, der \u00fcbrigens auch typisch ist f\u00fcr Regisseure. Die erleben die Leiden der anderen und sagen dann nach vier Wochen: Ach, es war interessant, mit euch zusammen zu sein, jetzt fahr ich nach Hause. Wir sind auch Deserteure. Auf eine ganz andere Art und Weise, und wir t\u00f6ten auch keine Menschen, aber wir desertieren auch. Warum? Weil wir nicht bei unseren Figuren bleiben, sie nicht unterst\u00fctzen. Dabei haben wir doch eine bessere Bildung und mehr Geld, trotzdem sagen wir: Die letzte Einstellung. Vielen Dank f\u00fcr das, was ihr getan habt. Wir gehen nach Hause.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wissen Sie, wie viele Verweigerer es im Irak-Krieg bisher gab?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Die Versteckten, die sich der Milit\u00e4rjustiz nicht gestellt haben, sind nat\u00fcrlich statistisch nicht erfasst, und nat\u00fcrlich will das Milit\u00e4r auch nicht damit rausr\u00fccken, wie viele es tats\u00e4chlich sind. Es wird spekuliert: 3.000, 4.000, es k\u00f6nnen auch sehr viel mehr sein. Wenn \u00fcberhaupt eine Statistik wichtig ist, dann die, wie viele Menschen diejenigen, die jetzt desertieren, schon get\u00f6tet haben. Auch das ist nur zu ahnen, die Deserteure selbst k\u00f6nnen es auch nicht sagen. Wenn wir uns um was k\u00fcmmern m\u00fcssen, dann um das, was die angerichtet haben.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt ist Camilo, dessen Opfer sogar zum Teil unbekannt sind. Wenn ich ihn frage: Besuchen wir die? Schreiben wir ihnen? Dann sagt er: Ja, aber ich wei\u00df doch gar nicht, wen ich umgebracht habe. Wir waren im Einsatz, wir sind alle schuldig. Das ist ja genau das, was gewollt ist: eine Art Kollektivschuld, mit der der Einzelne entlastet wird. Fast &#8211; vom Milit\u00e4r jedenfalls.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie wird das Thema Kriegsdienstverweigerung in den USA diskutiert. Wird es \u00fcberhaupt diskutiert? Hat der normale amerikanische B\u00fcrger oder B\u00fcrgerin eine Ahnung, dass es Kriegsdienstverweigerer gibt und wie viele? <\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Den normalen B\u00fcrger gibt es nicht. Es gibt Informationsquellen f\u00fcr die Menschen, selbst f\u00fcr die, die im mittleren Westen leben und schlechte Zeitungen haben, die in erster Linie darauf hinweisen, welche Soldaten tot sind. Da gibt es lange Listen. Es gibt aber keine Listen mit Deserteuren. Das hat mit mehreren Dingen zu tun: Zun\u00e4chst w\u00e4re eine \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr die Deserteure nicht gut, das Milit\u00e4r w\u00fcrde die Zahlen und Namen nicht eingestehen. Und dann: Wer soll das ver\u00f6ffentlichen? Es gibt nur die Vermutung, dass es 4.000 sind. Aber das sind Dunkelziffern.<\/p>\n<p><strong>GWR: Noch einmal zu Camilo. Sie sagten, er hat Menschen get\u00f6tet, er hat sich bestimmt nicht benommen wie ein Engel im Irak. Heute ist er Pazifist, er ist Kriegsdienstverweigerer. Er scheint ein sehr widerspr\u00fcchlicher Charakter zu sein. Wie lebt er heute, wie lebt er mit dieser Widerspr\u00fcchlichkeit?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Er studiert, er arbeitet f\u00fcr die Veteranen. Er tritt in Unis und in Schulen auf und bei Demonstrationen. Er hat gerade ein Buch geschrieben, das jetzt ver\u00f6ffentlicht wurde. Ansonsten ist er sehr einsam, zur\u00fcckgezogen. Er m\u00f6chte weiter schreiben, sogar Literatur &#8211; das andere war ja mehr eine Chronik des Geschehens. Er ist in seiner Widerspr\u00fcchlichkeit auch jemand, der nicht wie ein Regisseur oder wie ich sagt, in einem Monat mach ich das, bis ich die Freiheit habe, mich zu entscheiden. Er hat keine Freiheit. Er hat wenig Geld, seine Familiengeschichte ist kompliziert, zerr\u00fcttet. Er ist unschl\u00fcssig \u00fcber das, was er getan hat, das ehrt ihn ja auch nur. Er sagt nicht: Ich bin der Gr\u00f6\u00dfte, ich habe Heldentaten begangen oder ich habe besonders gelitten. Er stellt sich nicht in den Mittelpunkt. Er ist sehr, sehr streng mit sich selbst. Das h\u00f6rt man ja auch in dem Film, wenn er sagt: &#8222;Die Gewalt lebt noch in mir.&#8220; Was das bedeutet, wei\u00df ich nicht. Ich bin kein Psychologe, kein Interviewer. Ich stelle nur dar, was er mir zeigen wollte, frage nicht nach, und es bleibt ein Geheimnis. Ich bin nicht jemand, der Gewissheit schafft.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie lange haben Sie an dem Film insgesamt gearbeitet?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Ich glaube, dass die \u00e4gyptischen Pyramiden schneller gebaut wurden. Der Film hat unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig lange gedauert. Das hatte mit technischen Problemen zu tun, damit, dass wir ihn in zwei Phasen gemacht haben, zwischendurch war die Finanzierung nicht sicher. Also lauter solche Probleme, die eigentlich niemanden interessieren. Auf jeden Fall hat es ewig gedauert.<\/p>\n<p><strong>GWR: Sie haben Camilo auch eine Weile begleitet, ich glaube sogar \u00fcber mehrere Monate, nicht wahr?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Eigentlich waren es mehrere Begegnungen, aber alle recht kurz. Das hatte damit zu tun, dass die Produktion nur einige Fl\u00fcge bezahlen konnte, und au\u00dferdem musste er immer, wenn die Tochter freigegeben wurde, in Miami sein. Das war ein eisernes Gesetz.<\/p>\n<p><strong>GWR: W\u00fcrden Sie sagen, dass Sie in der Zeit eine pers\u00f6nliche Beziehung zu Camilo aufgebaut haben, und wenn ja, wie w\u00fcrden Sie die beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Eine freundschaftliche, bei der jeder dem anderen vertraut. Das bedeutet aber nicht, dass ich irgendetwas empfinden kann, ohne dass er es explizit formuliert. Ich habe keine Gewissheit \u00fcber seinen Charakter. Ich habe \u00fcberhaupt keine Gewissheit.<\/p>\n<p>Dadurch bleibt er auch ein Geheimnis, und das ist auch gut so. Die Tatsache, dass er Dinge getan hat, die ich nie tun musste und nie getan h\u00e4tte, ist nat\u00fcrlich etwas, das einen trennt.<\/p>\n<p>Aber gleichzeitig ist seine Offenheit enorm, und die bewerte ich sehr viel h\u00f6her als bei anderen, denen es leicht f\u00e4llt, offen zu sein.<\/p>\n<p><strong>GWR: Sie sagen &#8222;Dinge, die sie niemals getan h\u00e4tten&#8220;. K\u00f6nnen Sie sich da sicher sein, dass Sie niemals zur Waffe gegriffen h\u00e4tten?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Ja! Weil diese Umst\u00e4nde f\u00fcr mich \u00fcberhaupt nicht gegeben waren und weil ich &#8211; ich muss das \u00fcber mich sagen, weil ich ansonsten nicht sonderlich viel von meinem Charakter halte &#8211; Gewalt sowieso schon sehr fr\u00fch immer ausgewichen bin. Das fiel mir auch leicht, weil ich immer der Gr\u00f6\u00dfte und St\u00e4rkste war in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin. Deshalb kann ich leicht sagen, ich neige nicht zur Gewalt. Die anderen wussten, wenn sie aufm\u00fcpfig werden, kriegen sie eine geklebt und zwar sanft. Ich h\u00e4tte nie jemanden ernsthaft geschlagen und habe es auch noch nie getan. Was w\u00e4re passiert, wenn ich zum Milit\u00e4r gegangen w\u00e4re &#8211; ich kann mich in diese Situation nicht hinein versetzen.<\/p>\n<p><strong>GWR: W\u00fcrden Sie sagen, dass Ihr Film zu einer Entmilitarisierung der Gesellschaft beitragen soll oder kann?<\/strong><\/p>\n<p><em>Peter Lilienthal<\/em>: Entmilitarisierung, das ist &#8211; zu Recht &#8211; die Vorstellung von Friedensforschern und Pazifisten. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass wir eine zivile Organisation haben, die die Menschen sch\u00fctzt und die in bestimmten Momenten auch zur Waffe greift, um diese Menschen zu sch\u00fctzen. Das ist die Organisation der Vereinten Nationen. Die muss bestehen, in welcher Form auch immer. Ob man in diesem oder irgendeinem anderen Land auf Milit\u00e4r verzichten kann, das kann ich nicht als generelles Prinzip beantworten, das ist ja auch l\u00e4cherlich. Wie sollte ich das k\u00f6nnen. Da, denke ich, sollten Leute eine Utopie formulieren, die die Mittel auch erkennen, wie man diese Utopie durchsetzen kann. Ich erkenne sie nicht.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Tag, an dem man mir Handschellen anlegte, war der Tag meiner Befreiung.&#8220; So beschreibt es der aus Nicaragua stammende US-Offizier Camilo Mejia, der sechs Monate im Irak diente und dann die R\u00fcckkehr an die Front verweigerte, weil er angab, an Folter und Misshandlung beteiligt gewesen zu sein. 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