{"id":8456,"date":"2007-12-01T00:00:55","date_gmt":"2007-11-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8456"},"modified":"2022-07-26T14:14:49","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:49","slug":"schonbohm-teeren-und-federn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/12\/schonbohm-teeren-und-federn\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6nbohm: Teeren und federn"},"content":{"rendered":"<p>Der Analytiker ist selber Innenminister, im Land Brandenburg. Er hei\u00dft J\u00f6rg Sch\u00f6nbohm. Ein strammer Deutschnationaler, Erfinder des Begriffes &#8222;Deutsche Leitkultur&#8220;, begeisterter Unterzeichner von Ausweisungsbescheiden gegen in seinem Land lebende Fl\u00fcchtlinge wie z.B. im Fr\u00fchling dieses Jahres gegen Frau Awa Marie Ndemu und ihre vier Kinder, dem Rat selbst seiner Parteifreunde zum Trotz. Der Mann ist auch schon medienpolitisch hervorgetreten: mit dem Vorschlag, den Berliner Rundfunksender &#8222;Radio Multikulti&#8220; umzubenennen in &#8222;Radio Schwarz-Rot-Gold&#8220;. Er hatte bislang nur eine Sorge: Dass zu viele &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; in Deutschland lebten. Nun sorgt er sich um Zensur. Ist hier ein Saulus zum Paulus geworden?<\/p>\n<p>Man muss gleich antworten: Nein; leider nein. Sch\u00f6nbohm ist noch immer derselbe ultrakonservative Haudrauf, als den wir ihn kennen.<\/p>\n<p>Es lohnt sich dennoch, sich mit seiner &#8222;Verteidigung der Meinungsfreiheit&#8220; auseinanderzusetzen: Denn in grotesker Verzerrung werden hier Wesensmerkmale konservativen Denkens sichtbar. Die zensierende Instanz, gegen die der Generalleutnant a.D. zu Felde zieht, benennt er klar: &#8222;Politische Korrektheit&#8220;. Ihre Agenten: die &#8222;68er-Gutmenschengeneration&#8220;. Der Gedankengang ist klar und langweilig: Diese Gutmensch-Zensoren machen jeden fertig, der auch nur ein falsches Wort sagt, z.B. eines, das &#8222;auch schon vom NS-Chefideologen Alfred Rosenberg verwendet wurde&#8220;. Das m\u00fcssen ganz sch\u00f6n viele sein: &#8222;Bisch\u00f6fe, Literaten, Moderatoren, Intellektuelle, Abgeordnete werden verh\u00f6hnt und verspottet, sie werden l\u00e4cherlich gemacht.&#8220;<\/p>\n<p>Man denkt spontan: Sch\u00f6n w\u00e4r&#8217;s! Genau so s\u00e4he n\u00e4mlich eine funktionierende Meinungsfreiheit aus: Dass Autorit\u00e4tspersonen nach Herzenslust \u00f6ffentlich vom Sockel gezogen (und z.B. schwulenfeindliche Bisch\u00f6fe ungestraft &#8222;Hassprediger&#8220; genannt) werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach Ansicht des brandenburgischen Innenministers bedroht genau das die Meinungsfreiheit. Obwohl die so angeblich verh\u00f6hnten und verspotteten Alpha-Tiere allesamt kraft ihres Berufes einen &#8211; gelinde gesagt &#8211; privilegierten Zugang zu den Medien haben, werden sie nach Wahrnehmung Sch\u00f6nbohms &#8222;mundtot&#8220; gemacht. &#8222;Die Massenmedien, auch die \u00f6ffentlich-rechtlichen Institutionen&#8220; befinden sich n\u00e4mlich unter der Knute des 68er-Gutmenschentums. &#8211; Wie muss man eigentlich ticken, um unsere bis zur Unappetitlichkeit patriotische, opportunistische, zwischen Neoliberalismus und konservativem Populismus schwankende Medienlandschaft als &#8222;links&#8220; wahrzunehmen?<\/p>\n<p>Jedenfalls muss man einen festen, einwandsimmunen Panzer um den Kopf haben. In Sch\u00f6nbohms Fall ist es schwer, seine Haltung nicht pathologisch, n\u00e4mlich als paranoid zu bezeichnen. Den bereits zitierten Begriffen der Bedrohlichkeit und des &#8222;mundtot&#8220; Machens folgen noch krassere Angstphantasien: Die Opfer der Gutmenschen werden &#8222;\u00f6ffentlich geteert und gefedert&#8220;, es wird so mancher &#8222;Skalp gefordert&#8220;, die 68er wollen alle Andersdenkenden &#8222;zur Strecke bringen&#8220;, es geht ihnen darum, &#8222;\u00f6ffentlich hinzurichten&#8220;. Der letztere Ausdruck ist &#8211; als &#8222;\u00d6ffentliche Hinrichtung&#8220; substantiviert &#8211; von der Redaktion des &#8222;Rheinischen Merkur&#8220; richtigerweise zur \u00dcberschrift dieses denkw\u00fcrdigen Textzeugnisses gemacht worden.<\/p>\n<p>Der Mann braucht professionelle Hilfe!<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen, eigene Aggressionen auf andere zu projizieren und dort als Feindseligkeit zu bek\u00e4mpfen, ist in Fachkreisen wohlbekannt. Dass ein Ministeramt hier als erfolgversprechende Therapie gelten k\u00f6nnte, ist freilich zweifelhaft.<\/p>\n<p>Wie gesagt: In der monstr\u00f6sen Verzerrung wird hier ein Charakteristikum des Konservatismus kenntlich, der zu Realit\u00e4tsverleugnung, vor allem durch Umkehrung von T\u00e4ter-Opfer-Relationen, tendiert. Manchmal gebiert dieses Charakteristikum unfreiwillige Komik. Schreibt Sch\u00f6nbohm im Zusammenhang mit seiner Erw\u00e4hnung Alfred Rosenbergs (bei dem man zwischen &#8222;Rassenseele&#8220;, &#8222;Nigger-\u201aKunst&#8216; am Kurf\u00fcrstendamm&#8220; und &#8222;j\u00fcdischem Schmarotzertum&#8220; wirklich nur wenige W\u00f6rter findet, bei denen man nicht kotzen m\u00f6chte) gegen die linken \u201aZensoren&#8216;: &#8222;Die Sprache, auch die deutsche, ist politisch nun einmal neutral.&#8220; Gro\u00dfer Tusch; Abmarsch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Analytiker ist selber Innenminister, im Land Brandenburg. 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