{"id":8540,"date":"2008-01-01T00:00:30","date_gmt":"2007-12-31T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8540"},"modified":"2022-07-26T13:56:45","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:45","slug":"kulturkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/01\/kulturkampf\/","title":{"rendered":"Kulturkampf"},"content":{"rendered":"<p>Die Kunstschau findet alle zehn Jahre statt. Nach Ende der &#8222;skulptur projekte m\u00fcnster 07&#8220; beriet die st\u00e4dtische Kunstkommission dar\u00fcber, welche Kunstwerke die Stadt von den K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern kaufen soll, um M\u00fcnster weiterhin kulturell zu bereichern.<\/p>\n<p>Neun Skulpturen w\u00e4hlte die Kunstkommission aus, darunter zwei &#8222;politische&#8220; Skulpturen: &#8222;Unsettling the Fragments&#8220; (Ersch\u00fctterung der Fragmente) und &#8222;M\u00fcnster Geschichte von unten\/Paul Wulf&#8220;.<\/p>\n<p>Das Kunstwerk &#8222;Unsettling the Fragments&#8220; der J\u00fcdin Martha Rosler zeigt einen Reichsadler ohne Hakenkreuz.<\/p>\n<p>Es besch\u00e4ftigt sich mit der NS-Vergangenheit M\u00fcnsters. Die auch &#8222;Arkaden-Adler&#8220; genannte Skulptur zeigt das Adleremblem des ehemaligen, unter der Leitung von Ernst Sagebiel 1935 errichteten Lufttransportkommandos der Wehrmacht. Der Reichsadler ist noch heute vor dem Lufttransportkommando der Bundeswehr &#8211; dem Nachfolger des Wehrmacht Luftkommandos &#8211; in M\u00fcnster zu sehen. Das Hakenkreuz, das sich unter dem NS-Adler befand, wurde nach 1945 herausgemei\u00dfelt.<\/p>\n<p>Roslers provokante, antifaschistische Skulptur macht auch darauf aufmerksam, dass das Nobelkaufhaus &#8222;M\u00fcnster-Arkaden&#8220; dem NS-Baustil Albert Speers nahe kommt.<\/p>\n<p>Favorit der Kunstkommission ist die &#8222;Paul Wulf Statue&#8220;, die auch von den Leserinnen und Lesern der <em>M\u00fcnsterschen Zeitung<\/em> zur beliebtesten Skulptur gew\u00e4hlt und im Juli von M\u00fcnsters Obdachlosen mit dem &#8222;Berber-Preis&#8220; geehrt wurde, als menschenfreundlichste Skulptur der Schau.<\/p>\n<p>Die Statue ist ein Abbild des im Nationalsozialismus im Alter von 16 Jahren zwangssterilisierten Paul Wulf. Der Antifaschist wurde am 2. Mai 1921 geboren und wuchs unter proletarischen Verh\u00e4ltnissen auf. Aus finanziellen Gr\u00fcnden schickten die Eltern den jungen Paul 1928 in das Kinderheim des katholischen St. Vincent-Heims in Cloppenburg. Vier Jahre sp\u00e4ter wurde er in die jugendpsychiatrische Anstalt Marsberg verlegt, in der wegen Platzmangel &#8222;gesunde&#8220; und &#8222;kranke&#8220; Kinder zusammen lebten.<\/p>\n<p>Statt einer Besserung der Lebensumst\u00e4nde f\u00fcr ihn kam es jedoch zu einer radikalen Verschlechterung &#8211; er kam im Heim erstmals mit &#8222;rassenhygienischen&#8220; Ma\u00dfnahmen der Nazis in Ber\u00fchrung. Der Leiter der Jugendpsychiatrie stellte Paul die Diagnose &#8222;angeborener Schwachsinn ersten Grades&#8220; &#8211; nur weil er aus armen Verh\u00e4ltnissen stammte und wie wohl jedes Kind immerzu am spielen und toben war. Misshandlungen durch die vom Faschismus ideologisierten Angestellten der Psychiatrie waren Folgen der Diagnose. Paul Wulf wurde als &#8222;lebensunwert&#8220; stigmatisiert. Die Misshandlungen bemerkten auch seine schockierten Eltern und taten alles um Paul aus den F\u00e4ngen der rassistischen Heimleitung zu bekommen.<\/p>\n<p>Der Preis f\u00fcr die Freiheit ihres Sohnes war jedoch hoch: Zwangssterilisation!<\/p>\n<p>Aus Angst um das Leben ihres Sohnes stimmten seine Eltern zu &#8211; am 12. M\u00e4rz 1938 wurde Paul Wulf im Paderborner Landeskrankenhaus zwangssterilisiert. Wie er selbst erz\u00e4hlte, eine brutale Prozedur. Umso schrecklicher, weil w\u00e4hrend der Zwangssterilisierung aus dem &#8222;Volksempf\u00e4nger&#8220; im OP-Saal jubelnde &#8222;Sieg Heil&#8220;-Rufe durch den Saal hallten &#8211; die Nazis waren gerade ins annektierte \u00d6sterreich einmarschiert.<\/p>\n<p>Die Paul Wulf Statue wurde von der Frankfurter K\u00fcnstlerin Silke Wagner und dem M\u00fcnsteraner Umweltzentrum-Archiv-Verein entwickelt.<\/p>\n<p>Sie tr\u00e4gt zurecht den Namen &#8222;M\u00fcnsters Geschichte von unten&#8220; &#8211; die Statue ist eine Art Litfasss\u00e4ule und wurde w\u00e4hrend der Skulptur-Projekte 2007 mit vier verschiedenen Themen plakatiert: Beginnend mit der &#8222;Lebensgeschichte und gesellschaftspolitischen Arbeit von Paul Wulf&#8220; \u00fcber die &#8222;Geschichte der Hausbesetzungen in M\u00fcnster&#8220; und &#8222;Politische Zensur von Texten in Deutschland von 1970 bis heute&#8220; endend mit der Plakatierung &#8222;Anti-Atom-Bewegung in M\u00fcnster&#8220;. Sehr abwechslungsreich. Selbst die internationale Ausgabe der renommierten <em>New York Times<\/em>, die <em>International Herald Tribune<\/em>, hatte die Skulptur auf der Titelseite &#8211; das hat selten ein M\u00fcnsteraner geschafft.<\/p>\n<h3>Skandal!<\/h3>\n<p>Die Absegnung durch den st\u00e4dtischen Kulturausschuss war nur noch Formsache &#8211; denkste!<\/p>\n<p>Sowohl die VertreterInnen der CDU als auch die der FDP verwehrten den beiden provokanten Skulpturen ihre Stimmen. Die Wellen schlugen w\u00e4hrend der \u00f6ffentlichen Sitzung des M\u00fcnsteraner Kulturausschusses am 7. November 2007 hoch: <em>&#8222;Sie spucken auf das Grab von Paul Wulf!&#8220;,<\/em> rief ein junger Mann aus dem Publikum.<\/p>\n<p>Die Fraktion der Gr\u00fcnen beantragten Rederecht f\u00fcr ein Mitglied des nach dem Tod Paul Wulfs 1999 gegr\u00fcndeten &#8222;Freundeskreis Paul Wulf&#8220;, das jedoch mit der absoluten Stimmmehrheit von CDU und FDP verwehrt wurde. Eine Schulklasse, die sich w\u00e4hrend der Skulptur-Projekte mit Paul Wulfs Leben auseinander gesetzt hatte und extra zur Ausschusssitzung kam, war entsetzt vom arroganten Verhalten der CDU\/FDP. Ebenso die vor den Kopf gesto\u00dfene Kunstkommission, in der \u00fcbrigens auch Mitglieder von CDU und FDP sitzen. Der Direktor des Landesmuseums Dr. Hermann Arnold sprach von einem &#8222;fatalen Image-Schaden f\u00fcr die Stadt&#8220;.<\/p>\n<h3>Warum das ganze?<\/h3>\n<p>Politische Gr\u00fcnde machte die CDU nicht geltend. CDU-Vertreter Berthold Socha begr\u00fcndete die Ablehnung des Paul-Wulf-Standbildes mit einer Verletzung der Pers\u00f6nlichkeitsrechte: <em>&#8222;Ich kannte Paul Wulf&#8220;,<\/em> sagte Socha, <em>&#8222;er w\u00fcrde sich im Grabe herumdrehen, wenn er w\u00fcsste, dass er posthum zu einer Litfasss\u00e4ule degradiert und mit Botschaften beklebt w\u00fcrde, die nicht die seinen sind&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>Dr. Bernd Dr\u00fccke vom Freundeskreis Paul-Wulf, hat als Mitglied des Umweltzentrum Archiv Vereins das Projekt &#8222;M\u00fcnsters Geschichte von unten&#8220; sowie die dazugeh\u00f6rende Internetseite www.uwz-archiv.de mitentwickelt und die Plakattexte f\u00fcr die Skulptur geschrieben. Er war ein sehr guter Freund Paul Wulfs. Dr\u00fccke widersprach Socha: <em>&#8222;Wir haben bewusst Themen ausgesucht, die nicht in staatlichen Bibliotheken zu finden sind und mit denen sich auch Paul Wulf besch\u00e4ftigt hat.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Der Soziologe und <em>Graswurzelrevolution<\/em>-Koordinationsredakteur spielt hier auf die politischen T\u00e4tigkeiten Paul Wulfs an, der sich selbst als Anarchist und Kommunist verstand.<\/p>\n<p>Wulf selbst lebte eine Zeit lang in besetzen H\u00e4usern, war in der Anti-Atomtod Bewegung gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, in der Anti-AKW-, in der Anti-Kriegs und der Antifa-Bewegung aktiv. Der am 2. Mai 1921 geborene Antimilitarist setzte sich stark mit dem Nationalsozialismus und Zwangsterilisierungen auseinander und wurde zur Stimme der rund 350.000 durch die Nazis zwangsterilisierten Menschen, die sich f\u00fcr ihre Unfruchtbarmachung meist sch\u00e4mten und in der \u00d6ffentlichkeit nie wahrgenommen wurden.<\/p>\n<p>Die Paul-Wulf-Skulptur in M\u00fcnster w\u00e4re das einzige Denkmal f\u00fcr Zwangsterilisierte in ganz Deutschland.<\/p>\n<p>Der Freundeskreis vermutet hinter der Ablehnung andere Gr\u00fcnde als CDU und FDP zugeben: Paul Wulf geh\u00f6rte nie zur M\u00fcnsteraner Elite, ganz im Gegenteil war er zeit seines Lebens arm. Das Bundesverdienstkreuz f\u00fcr seine gesellschaftlich wertvolle Arbeit nahm der Anarchist nicht zuletzt deshalb an, weil er dadurch eine h\u00f6here Rente erhielt. Paul Wulf war besonders f\u00fcr die CDU unbequem, da er in zahlreichen Ausstellungen CDUler und andere Menschen, die nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg ihre Karriere fortsetzten, als fanatische Nazis w\u00e4hrend des Dritten Reiches entlarvte. Hinter einem der Anschl\u00e4ge auf seine entlarvenden Ausstellungen vermutete Paul Wulf Rechte aus den Reihen der Jungen Union.<\/p>\n<p>Die Paul Wulf-Skulptur wirkt auf heutige Rechte \u00e4hnlich provokativ wie in der Vergangenheit die von Paul Wulf zusammengestellten Ausstellungen. W\u00e4hrend der Skulptur-Projekte 2007 gab es einen braunen Farbbeutelanschlag auf die Skulptur. Zweimal wurde die Brille des aus stabilem Epoxid-Zement bestehenden Standbildes durch gezielte Steinw\u00fcrfe besch\u00e4digt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die T\u00e4ter aus \u00e4hnlichen Zusammenh\u00e4ngen kommen, wie diejenigen, die seinerzeit auf Paul Wulfs Ausstellungen Anschl\u00e4ge ver\u00fcbt haben.<\/p>\n<p>Und auch das Verhalten von CDU- und FDP-Politikern steht in einer reaktion\u00e4ren Tradition. Da wirkten die Worte Hartmut Viehoffs (FDP) w\u00e4hrend der Sitzung des Kulturausschusses schon realsatirisch: <em>&#8222;Wir arbeiten permanent und st\u00e4ndig an der Bew\u00e4ltigung unserer Geschichte&#8220;<\/em>. Wer das glaubt, wird selig.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Ausschusssitzung sollen nach Anwesendenberichten von Seiten der Wulf-Gegner auch die Worte <em>&#8222;Wir wollen nicht dauernd an die Vergangenheit erinnert werden&#8220;<\/em> gefallen sein. Viele &#8222;Argumente&#8220; der CDU und FDP Mehrheit scheinen an den Haaren herbeigezogen: so f\u00fcrchten die Politiker, die Skulptur k\u00f6nnte oft besch\u00e4digt werden. Ein anderes &#8222;Argument&#8220;: die Skulptur k\u00f6nnte beklebt oder besprayt werden &#8211; w\u00e4hrend der Skulptur-Projekte 2007 gab es einen Farbbeutelanschlag auf die Skulptur, der wahrscheinlich auf das Konto von Rechtsextremisten geht. Zweimal wurde die Brille des aus stabilem Epoxid-Zement bestehenden Denkmals durch gezielte Steinw\u00fcrfe besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Die Politiker vergessen, dass jede Statue im \u00f6ffentlichen Raum Ziel eines Anschlags werden kann. Und trotz zahlreicher antimilitaristischer Farbbeutelanschl\u00e4ge ist bisher noch kein CDU-Politiker auf die Idee gekommen, die \u00fcberall in M\u00fcnster stehenden militaristischen &#8222;Heldendenkm\u00e4ler&#8220; aus der wilhelminischen oder NS-Zeit zu entfernen.<\/p>\n<p>Es dr\u00e4ngt sich der Verdacht auf, dass die Ablehnung der beiden antifaschistischen Skulpturen einen ideologischen Hintergrund hat: Was w\u00e4re wenn Paul Wulf liberal-konservativ gewesen w\u00e4re?<\/p>\n<p>Nach zahlreichen LeserInnenbriefen und Kommentaren in lokalen und \u00fcberregionalen Zeitungen ruderten die ParlamentarierInnen der FDP zur\u00fcck und schoben alles auf die M\u00fcnsteraner CDU: <em>&#8222;Wir befinden uns [&#8230;] in einer Koalition, die einvernehmlich abstimmt. Dazu stehen wir&#8220;<\/em>, so die FDP-Fraktionschefin Carola M\u00f6llemann-Appelhoff.<\/p>\n<p>Nach einigem Abwarten mischte sich der Oberb\u00fcrgermeister Dr. Berthold Tillmann (CDU) ein und erkl\u00e4rte die Diskussion f\u00fcr beendet &#8211; Argumente hat er keine und ob das, was in M\u00fcnster l\u00e4uft als Diskussion bezeichnet werden kann, ist zweifelhaft: die B\u00fcrgerInnen sprechen sich in zahlreichen LeserInnenbriefen f\u00fcr den Erhalt der Paul Wulf Statue aus &#8211; die Paul Wulf-Gegnerinnen von CDU und FDP im Kulturausschuss ignorieren dies, wie auch schon das abgelehnte Rederecht w\u00e4hrend der Ausschusssitzung zeigte. Die Bev\u00f6lkerung redet gegen die Wand.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ein Skandal ersten Ranges&#8220;, &#8222;Angst vorm kleinen Mann&#8220;, &#8222;Die sollten sich was sch\u00e4men&#8220;&#8230; (Westf\u00e4lische Nachrichten, 10.11. &amp; 15.11.) <\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Absturz ins Povinzielle&#8220; (Lippische Landes-Zeitung, 17.11.) <\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Biederm\u00e4nner von CDU und FDP blamieren M\u00fcnster nachhaltig&#8220; (impuls, 18.11.) <\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Kunst nervt Stadtrat&#8220; (junge Welt, 19.11.) &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Die Welle der Emp\u00f6rung \u00fcber diese Unversch\u00e4mtheit war gerade erst angelaufen: auch in \u00fcberregionalen Zeitungen wie der <em>FAZ<\/em>, <em>art-Magazin, junge Welt<\/em> und <em>Ruhrnachrichten<\/em> wurde \u00fcber den Skandal berichtet.<\/p>\n<p>Selbst konservative Zeitungen wetterten gegen die &#8222;Arroganz der Macht&#8220; von CDU und FDP. Die FAZ kommentierte: &#8222;Mit der Entscheidung, ob auch den Arbeiten von Silke Wagner und Martha Rosler Bleiberecht gew\u00e4hrt wird, k\u00f6nnte der Rat der Stadt zugleich die Frage beantworten, ob M\u00fcnster nach einem weltoffenen Sommer in einen provinziellen und wom\u00f6glich bis zu den \u201aSkulptur Projekten 2017&#8242; dauernden Winterschlaf f\u00e4llt.&#8220; Im Internet wurde in zahlreichen Foren \u00fcber den Skandal diskutiert.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Lemke von der Kunstkommission lieferte sich einen heftigen Schlagabtausch mit dem Kulturausschuss und f\u00fchlte sich \u00fcbergangen: &#8222;Wenn ein mehrheitlich getroffenes Votum des eingesetzten Fachgremiums f\u00fcr den Verbleib der beiden Skulpturen Rosler\/Wagner in M\u00fcnster keinen Einfluss auf die Entscheidungen in dieser Stadt hat, worin liegt dann der Sinn einer solchen Kommission?&#8220;<\/p>\n<p>Der Strom der LeserInnenbriefe riss nicht ab und auch Paul Wulfs \u00fcber 80-j\u00e4hrige, schwerkranke Schwester Agathe meldete sich in einem emotionalen Brief zu Wort: &#8222;Warum man die Skulptur nicht hier in M\u00fcnster erhalten will, verstehe ich nicht. Die Skulptur macht doch deutlich, was mein Bruder wollte. Mein Bruder ging es um die Verbreitung unbequemer Wahrheiten. Die Verbrechen und Verbrecher der Nazizeit lie\u00dfen ihn nicht los. Dar\u00fcber wollte er berichten. Und dar\u00fcber, wie dieses Gift weiterwirkt. Und er wollte sein Recht auf Wiedergutmachung und Anerkennung. Jahrzehntelang hatten die Leute Zeit, ihm dabei zu helfen. Jetzt wollen sie seine Skulptur loswerden. Sie sagen, um seine Rechte und W\u00fcrde zu sch\u00fctzen. Das ist niedertr\u00e4chtig. Unter solcher Boshaftigkeit hat mein Bruder sein Leben lang gelitten.&#8220;<\/p>\n<h3>Nachspiel<\/h3>\n<p>Die knappe Entscheidung des Kulturausschusses in der Sitzung vom 7.November &#8211; eine Stimme Mehrheit &#8211; sei so schnell nicht revidierbar, t\u00f6nten die Parlamentarier der CDU noch nach der Sitzung. Die Bezirksvertretung Mitte, auf deren Areal die beiden Skulpturen w\u00e4hrend der Kunstausstellung standen, stimmte in einer Sitzung am 14.November f\u00fcr den Erhalt der beiden Skulpturen &#8211; hier haben SPD, UWG und Gr\u00fcne eine Mehrheit. Eine anberaumte &#8222;Aktuelle Stunde&#8220; des Kulturausschusses der Stadt M\u00fcnster fand am 21.November statt, die CDU stellte sich aber weiter stur. Die Diskussion in der Ratssitzung wurde beinahe beleidigend &#8211; wenn auch treffend: &#8222;Nicht ich r\u00fccke Sie in eine rechte Ecke, das tun Sie schon selbst&#8220;, so Tim Rohleder (Gr\u00fcne), ein Bef\u00fcrworter der Skulpturen. BesucherInnen hatten Plakate mit der Aufschrift &#8222;Paul Wulf Skulptur erhalten!&#8220; mitgebracht, doch aller Protest half nicht, die ideologische Mauer der schwarz-gelben Koalition einzurei\u00dfen.<\/p>\n<p>Dennoch scheint der Erhalt sowohl des Arkaden-Adlers als auch der Paul Wulf Skulptur sicher &#8211; die Bezirksvertretung M\u00fcnster-Mitte hat sich gegen den Stadtrat durchgesetzt und sucht nun zusammen mit der K\u00fcnstlerin Silke Wagner und dem Freundeskreis Paul Wulf nach einem geeigneten und zentralen Standort f\u00fcr die Statue. Der Arkaden-Adler soll weiter neben dem Kaufhaus stehen. Nach Angaben von Museumsdirektor Dr. Arnold ist die Finanzierung der beiden Skulpturen durch Spenden gedeckt.<\/p>\n<p>Zurzeit steht die Wulf-Skulptur verpackt in einer st\u00e4dtischen Lagerhalle. In wenigen Monaten soll sie wieder in der Innenstadt zu sehen sein, die Plakatierung mit den schon von den Skulptur Projekten 2007 bekannten Themen soll dann alle zwei Monate wechseln. . Die inhaltliche Verantwortung f\u00fcr die Plakatierungen \u00fcbernehmen Bernd Dr\u00fccke und Silke Wagner, die technische Abwicklung leistet das Landesmuseum.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre soll die Skulptur in der Innenstadt stehen, bevor sie dann dauerhaft vor die antifaschistische Bildungsst\u00e4tte Villa ten Hompel gestellt wird. Dort befindet sich auch der Nachlass Paul Wulfs.<\/p>\n<p>Auch wenn der Skandal um die Skulpturen parteipolitisch ausgenutzt wurde &#8211; die SPD schaltete in allen lokalen Zeitungen eine gro\u00dfe Anzeige &#8222;M\u00fcnster will kritische Kunst&#8220; &#8211; ist der Verbleib der Skulpturen auch f\u00fcr die anarchistische Bewegung ein Erfolg. Nicht nur, dass bald mitten im Zentrum M\u00fcnsters jedeR etwas \u00fcber Geschichte von unten bzw. linke, nicht Mainstream-Themen wie &#8222;Hausbesetzungen&#8220;, &#8222;Zensur&#8220; und &#8222;Anti-Atom&#8220; lesen kann, und das &#8222;auf&#8220; einem Anarchisten. Dass sich selbst konservative Menschen und Medien f\u00fcr den Erhalt der anarchistischen Skulptur aussprachen, ist ein Riesenerfolg. Viele, die vor den Skulptur Projekten noch nie von Paul Wulf geh\u00f6rt hatten, sind begeistert von dem, was er getan hat. Menschen standen weinend vor der Skulptur und lasen Pauls tragische Lebensgeschichte. Die meisten M\u00fcnsteranerInnen scheinen mittlerweile stolz auf ihren heimischen Anarchisten zu sein. Sogar ein Platz soll nach ihm benannt werden. Der Freundeskreis Paul Wulf setzt sich seit M\u00e4rz 2007 daf\u00fcr ein, dass der heutige &#8222;J\u00f6tten-Weg&#8220; in &#8222;Paul-Wulf-Weg&#8220; umbenannt und dort eine Gedenktafel angebracht wird, die einerseits die Geschichte Paul Wulfs und andererseits die des T\u00e4ters J\u00f6tten skizziert. Karl Wilhelm J\u00f6tten war Rassehygieniker und legitimierte w\u00e4hrend des Nationalsozialismus Zwangssterilisationen. Dass die Stra\u00dfe nach einem Rassisten benannt ist, kam erst vor kurzem ans Tageslicht.<\/p>\n<p>Die SPD will, dass ein zentraler Platz nach Paul Wulf benannt wird.<\/p>\n<p>Die Ablehnung der Skulpturen durch CDU und FDP ist auch bei den Mitgliedern dieser Parteien kein Konsens.<\/p>\n<p>Ein durch das Verhalten seiner Parteikollegen im Kulturausschuss besch\u00e4mter CDU-Politiker will sich nun daf\u00fcr einsetzen, dass eine Gedenktafel am Wohnhaus des Antifaschisten angebracht wird und die Bildungsst\u00e4tte Villa ten Hompel Geld bekommt, um Paul Wulfs umfangreichen Nachlass weiter erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am sch\u00f6nsten ist, dass Paul Wulf nun endlich die Anerkennung bekommt, die er verdient, und die ihm zu Lebzeiten von den meisten Menschen verwehrt wurde!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunstschau findet alle zehn Jahre statt. 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