{"id":8574,"date":"2008-02-01T00:00:14","date_gmt":"2008-01-31T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8574"},"modified":"2022-07-26T14:14:49","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:49","slug":"talking-about-your-generation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/02\/talking-about-your-generation\/","title":{"rendered":"Talking about your Generation"},"content":{"rendered":"<p>Was als allgemeine Auslegung der Ereignisse um 1968 einigerma\u00dfen plausibel erscheint, muss im Hinblick auf die Situationen und Prozesse in der Bundesrepublik Deutschland doch eingeschr\u00e4nkt, wenn nicht sogar vollends umgekehrt werden. Denn was die westdeutsche Protestbewegung zu aller erst von vergleichbaren und zeitgleichen Bewegungen in aller Welt unterschied, war die Abgrenzung ihrer Akteurinnen und Akteure von der Geschichte der eigenen Eltern und deren Verstrickungen in das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Im Anschluss an Norbert Elias ist die 68er-Bewegung in der BRD deshalb als &#8222;Generationenkonflikt&#8220; gedeutet worden. ((2))<\/p>\n<h3>&#8222;Nationaler Narzissmus-Komplex&#8220; &#8211; Umschreibungen der Geschichte<\/h3>\n<p>Obwohl es f\u00fcr einige Zeit als Konsens der neueren bundesrepublikanischen Geschichte betrachtet werden kann, dass &#8222;68&#8220; und die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte irgendwie zusammenh\u00e4ngen, bleibt eine genauere Schilderung dieses Zusammenhanges selbst bei renommierten Chronisten der Bewegung aus. So finden sich beispielsweise weder bei Wolfgang Kraushaar ((3)) noch bei Oskar Negt ((4)) eigene Kapitel zum antifaschistischen Impuls der Bewegung, weder im Hinblick auf die Motivationen ihrer Entstehung noch auf die Wirkungen bzw. Effekte ihres Aufkommens.<\/p>\n<p>Stattdessen wird inzwischen, wie beispielsweise in Gerd Koenens Abrechnungsschinken &#8222;Das rote Jahrzehnt&#8220;, die Geschichte umgeschrieben.<\/p>\n<p>Dabei wird so getan, als w\u00e4re die Bundesrepublik der 1960er Jahre ein zivilgesellschaftlich demokratisches Paradies und die Alt-Nazis nur ein paar nicht ernst zu nehmende Spie\u00dfer gewesen. Der &#8222;Wesenskern des deutschen &#8217;68&#8220; erscheint dann als nichts anderes als das Produkt eines &#8222;nationalen Narzi\u00dfmus-Komplexes&#8220;. ((5))<\/p>\n<p>Gewisserma\u00dfen eine Fortschreibung von Elias&#8216; These, an deren Anfang die Ersch\u00fctterung des deutschen &#8222;Wir-Gef\u00fchls&#8220; steht &#8211; bei Koenen allerdings l\u00f6st sich noch der Konflikt der Generationen auf, und \u00fcbrig bleibt nur noch eine Generation mit Psychoknacks.<\/p>\n<p>Was die bundesdeutschen 1960er Jahre betrifft, gab die Realit\u00e4t hingegen sicherlich einige Anl\u00e4sse f\u00fcr antifaschistische Motivationen: Nicht zuletzt die erst in den letzten Monaten wieder gef\u00fchrte Debatte um nationalsozialistische Amtstr\u00e4ger, die in den Gr\u00fcndungsjahren staatstragender Institutionen wie dem Bundesnachrichtendienst, dem Verfassungsschutz und dem Bundeskriminalamt f\u00fchrende R\u00e4nge wie niedere Posten bekleidet haben, zeugen davon.<\/p>\n<h3>Nazi-Mief, Nazi-Posten, &#8222;Nazi-Juden&#8220; und &#8222;Nazi-Serben&#8220; &#8211; Abgrenzungen vom Nationalsozialismus<\/h3>\n<p>Die zentrale Dimension, die die nationalsozialistische Vergangenheit f\u00fcr die westdeutsche Studierenden- und Protestbewegungen einnahm, \u00e4u\u00dferte sich auf verschiedenen Ebenen: Viele der AktivistInnen waren in Milieus aufgewachsen, in denen nationalsozialistische Ideologien und Einstellungen sich auch in den 1950er und 1960er Jahren nach wie vor gro\u00dfer Lebendigkeit erfreuten.<\/p>\n<p>Hans-J\u00fcrgen Krahl beispielsweise schildert diesen 1950er Jahre-Mief in seinen &#8222;Angaben zur Person&#8220;. ((6)) Das Schweigen der Eltern und Gro\u00dfeltern \u00fcber die nationalsozialistischen Verbrechen war von vielen am eigenen Leib erfahren worden.<\/p>\n<p>Zum zweiten \u00e4u\u00dferte sich die Wichtigkeit der NS-Vergangenheit schon fr\u00fch in den expliziten Forderungen und impliziten Bezugnahmen der Bewegung, die sich vor allem gegen f\u00fchrende Repr\u00e4sentanten der bundesrepublikanischen Politik richteten. Schon anl\u00e4sslich des zwanzigsten Jahrestages des Attentates auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 hatten Studierende die Absetzung des Staatssekret\u00e4rs im Entwicklungshilfe-Ministerium, Friedrich Karl Vialon, wegen dessen NS-Vergangenheit gefordert. ((7))<\/p>\n<p>In Aachen veranstalteten namhafte deutsche K\u00fcnstler, darunter Wolf Vostell, Bazon Brock und Joseph Beuys, eine umstrittene alternative Gedenkfeier zum 20. Juli (von der sich allerdings sowohl der AStA der RWTH Aachen als auch Nachfahren der Widerst\u00e4ndlerInnen vom 20. Juli distanzierten). ((8))<\/p>\n<p>Das ist nur ein Beispiel daf\u00fcr, dass es nicht nur die ausdr\u00fcckliche Auseinandersetzung mit den Alt-Nazis in Politik, Justiz und Verwaltung war, die die Bedeutung der NS-Geschichte widerspiegelt. Auch symbolische Bezugnahmen wie jene innerhalb der politisch inspirierten, k\u00fcnstlerischen Produktionen dieser Jahre sind Ausdruck davon.<\/p>\n<p>Drittens sind viele der politischen Angriffsziele und der Kulminationspunkte der Bewegungen von 1968ff. gar nicht zu begreifen, werden sie nicht vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und als gewisserma\u00dfen reflektierter Reflex auf diese interpretiert.<\/p>\n<p>Das gilt auch und gerade f\u00fcr die besonders paradoxen Ausformungen des Protests: Widerspr\u00fcchlich ist in dieser Hinsicht erstens die Haltung gegen\u00fcber den USA. Zwar hatte die US-Armee die Deutschen vom Nationalsozialismus befreit und h\u00e4tte von der Studierendenbewegung insofern als Verb\u00fcndete betrachtet werden k\u00f6nnen. Stattdessen aber wurden die USA schnell zum Gegner Nr.1, die sogar mit der Politik des NS-Regimes in einem Atemzug genannt wurden (eine Demoparole lautete &#8222;USA, SA, SS&#8220;).<\/p>\n<p>Widerspr\u00fcchlich ist zweitens die Haltung gegen\u00fcber J\u00fcdinnen und Juden.<\/p>\n<p>Statt als Opfer des Nationalsozialismus wurden J\u00fcdinnen und Juden bald allgemein mit der Politik Israels (gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinenserInnen) identifiziert und in dessen Folge sogar Ziel antiimperialistisch begr\u00fcndeter, militanter Anschlagsversuche. ((9))<\/p>\n<p>Dem wiederum widerspricht die &#8211; sogar von Theodor W. Adorno in einem Interview geteilte &#8211; Selbstbeschreibung der Studierenden als verfolgte &#8222;Juden von heute&#8220;, die schlie\u00dflich in der von RAF-Mitgliedern bem\u00fchten Gleichsetzung des Hochsicherheitsgef\u00e4ngnisses von Stammheim mit den NS-Konzentrationslagern gipfelte. ((10))<\/p>\n<p>Und viertens weist nicht zuletzt die politische Instrumentalisierung der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte, die von der Rot-Gr\u00fcnen Bundesregierung als selbst ernannte &#8222;68er an der Macht&#8220; betrieben wurde, auf deren Zentralit\u00e4t f\u00fcr die westdeutsche Protestbewegung hin.<\/p>\n<p>So wurde eine der wichtigsten au\u00dfenpolitischen Entscheidungen der 1990er Jahre, der Angriff der NATO auf die Bundesrepublik Jugoslawien 1999, vom damaligen Au\u00dfenminister Joseph Fischer ausdr\u00fccklich mit den Lehren begr\u00fcndet, die seine Generation aus Auschwitz gezogen habe.<\/p>\n<h3>Aufstrebende Junge gegen arrivierte Alte &#8211; Generationenkonflikt als sozialer Konflikt<\/h3>\n<p>Norbert Elias konzipierte den Generationenkonflikt ausdr\u00fccklich nicht als Konflikt zwischen verschiedenen einzelnen Eltern und ihren Kindern. Stattdessen betonte er, der Generationenkonflikt sei ein &#8222;sozialer Konflikt&#8220;. ((11))<\/p>\n<p>Wenn auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte formuliert, weist er damit bereits \u00fcber das konkrete Beispiel hinaus. Denn diese Art von Konflikten existiert in jeder Gesellschaft (in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung): \u00dcberall k\u00e4mpfen aufstrebende J\u00fcngere gegen bereits aufgestiegene \u00c4ltere um gesellschaftliche Positionen und den Zugang zu ihnen.<\/p>\n<p>Neben der Abgrenzung von den Nazi-Eltern scheint hier also eine zweite Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Aufkommen der Bewegung auf: die Kluft zwischen dem Versprechen von gesellschaftlichem Aufstieg auf der einen und der Realit\u00e4t von Bildungsexpansion und Wirtschaftskrise auf der anderen Seite, die einem glatten Hineinrutschen in die vermeintlich vorgesehenen Positionen deutlich im Wege standen.<\/p>\n<p>Deshalb, grob zusammengefasst, wurden \u00fcberhaupt erst und ausgerechnet die Studierenden zu Tr\u00e4gerInnen des Protests.<\/p>\n<h3>Tschomb\u00e9, Transformation und Tomatenwurf &#8211; Internationale Dimension und politische Inhalte<\/h3>\n<p>Auch als sozialer Konflikt reicht der Generationenkonflikt aber bei weitem nicht aus, um die Motive und Motivationen der 68er-Bewegungen hinreichend zu erl\u00e4utern. Und zwar vor allem aus zwei Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Zum einen kann es <em>die internationale Dimension<\/em>, die trotz bzw. neben der Eingebundenheit in die nationale Geschichte auch f\u00fcr die westdeutsche Bewegung zentral war, nicht angemessen beschreiben.<\/p>\n<p>Wichtige Inhalte wie die Ablehnung des Vietnam-Krieges oder die positive Identifizierung mit der pal\u00e4stinensischen Befreiungsbewegung wurden zwar, wie oben erw\u00e4hnt, in einem spezifisch deutschen Erkl\u00e4rungskontext gedeutet bzw. &#8222;geframed&#8220;.<\/p>\n<p>Sie sind aber dennoch ohne die allgemeine antiimperialistische Ausrichtung und die Bezugnahme auf die antikolonialistischen Befreiungsbewegungen in der so genannten Dritten Welt nicht denkbar.<\/p>\n<p>Dementsprechend bezeichnete auch Rudi Dutschke die Proteste gegen den kongolesischen Ministerpr\u00e4sident Moise Tschomb\u00e9 im Dezember 1964 als &#8222;Beginn unserer Kulturrevolution&#8220;. ((12))<\/p>\n<p>Tschomb\u00e9 galt als einer der Verantwortlichen f\u00fcr die Ermordung seines Vorg\u00e4ngers und antikolonialen Hoffnungstr\u00e4gers Patrice Lumumba.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man nun versuchen, auch die internationalen Bewegungen um 1968 im Rahmen von Generationenkonflikten zu erkl\u00e4ren, m\u00fcsste man schlie\u00dflich vollends scheitern.<\/p>\n<p>Zwar gab es auch in anderen L\u00e4ndern, wie in Frankreich hinsichtlich des Algerienkrieges, Abgrenzungen von den Taten der \u00e4lteren Generation. ((13))<\/p>\n<p>Bewegungen wie die in Jugoslawien oder in Mexiko, wo explizit an die Errungenschaften der Eltern- bzw. Gro\u00dfelterngeneration (im Kampf der Partisaninnen und Partisanen bzw. in der Revolution) angekn\u00fcpft und deren vollst\u00e4ndige Durchsetzung gefordert wurde, geraten mit dem Generationenkonflikt-Paradigma allerdings v\u00f6llig aus dem Blick.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Bewegungen um 1968 im internationalen Ma\u00dfstab keinesfalls derma\u00dfen von Studierenden gepr\u00e4gt waren, wie das in Westdeutschland der Fall gewesen ist. ((14))<\/p>\n<p>Der Generationenkonflikt spielt sich aber haupts\u00e4chlich in aufstiegsorientierten, also b\u00fcrgerlichen Milieus ab und ist f\u00fcr andere gesellschaftliche Bereiche, insbesondere Arbeitermilieus, wesentlich weniger relevant.<\/p>\n<p>Zweitens k\u00f6nnen auch <em>die politischen Inhalte<\/em> der Bewegung vor dem Hintergrund dieses Paradigmas kaum angemessen verstanden werden. Antikoloniale Befreiung, r\u00e4tesozialistische Modelle, Neomarxismus, Neoanarchismus oder Feminismus werden dann zu austauschbaren &#8222;Ideologien&#8220;, die sich die Bewegungen mehr oder weniger zuf\u00e4llig angeeignet haben.<\/p>\n<p>Stattdessen m\u00fcssen sie aber als wesentliche Mobilisierungsfaktoren betrachtet werden.<\/p>\n<p>Es war also weniger das abstrakte &#8222;Problem des Sinnhungers&#8220; ((15)) einer Generation, das Elias fokussiert, als vielmehr die konkrete Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen, die die Bewegungen mit hervorgebracht haben: kein Wiederaufleben der Idee von R\u00e4tedemokratie ohne die Analyse einer reaktion\u00e4ren &#8222;Transformation der Demokratie&#8220; (Agnoli\/Br\u00fcckner) w\u00e4hrend der gro\u00dfen Koalition, kein feministischer Tomatenwurf gegen den SDS-Vorstand ohne die Kritik an den patriarchalen Strukturen auch innerhalb der Bewegung, etc.<\/p>\n<p>Dass emanzipatorische Kritik an herrschenden Verh\u00e4ltnissen Protestbewegungen hervorbringen und tragen kann, wird aber mit dem Fokus auf allgemeine Sinnsuche, die das Generationenparadigma vorschl\u00e4gt, \u00fcbersehen bzw. geleugnet.<\/p>\n<p>Um aber die Fragen, die, wie Wallerstein schreibt, um 1968 im Hinblick auf die Zukunft aufgeworfen wurden, auf emanzipatorische Weise zu beantworten, muss auch die Vergangenheit, in deren Abgrenzung sie gestellt wurden, immer wieder rekonstruiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was als allgemeine Auslegung der Ereignisse um 1968 einigerma\u00dfen plausibel erscheint, muss im Hinblick auf die Situationen und Prozesse in der Bundesrepublik Deutschland doch eingeschr\u00e4nkt, wenn nicht sogar vollends umgekehrt werden. 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