{"id":8600,"date":"2008-02-01T00:00:33","date_gmt":"2008-01-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8600"},"modified":"2022-07-26T13:31:20","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:20","slug":"die-protestmarke-bombodrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/02\/die-protestmarke-bombodrom\/","title":{"rendered":"Die Protestmarke Bombodrom"},"content":{"rendered":"<h3>Ziviler Ungehorsam: Jetzt oder &#8230;<\/h3>\n<p>Einer der Kritikpunkte gegen die Besiedelung des Bombodroms war, dass die rechtlichen M\u00f6glichkeiten zur Verhinderung des Bombodroms noch lange nicht ausgesch\u00f6pft seien. Ziviler Ungehorsam sei erst dann gerechtfertigt, wenn die Versuche, den Bombenabwurfplatz auf juristischem und parlamentarisch-politischem Wege zu verhindern, endg\u00fcltig gescheitert seien.<\/p>\n<p>Das Argument stimmt f\u00fcr die B\u00fcrgerinitiative und die Unternehmerinitiative Pro Heide, die sich konkret die Verhinderung des Bombodroms auf ihre Fahnen geschrieben haben. F\u00fcr eine Friedensbewegung, die die Beteiligung der Bundeswehr an Kriegen in aller Welt verhindern bzw. beenden will, ist dagegen der Ernstfall schon l\u00e4ngst eingetreten.<\/p>\n<p>Die rechtlichen M\u00f6glichkeiten sind ausgesch\u00f6pft, Kriege werden gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das geplante Bombodrom als ein Ort zuk\u00fcnftiger Bombenkriegsvorbereitung ist ein legitimer Ort des Widerstands gegen diese Kriegspolitik.<\/p>\n<p>Aber vielleicht geht es den meisten der Beteiligten gar nicht so sehr um die abstrakte Frage der Bedingungen f\u00fcr Zivilen Ungehorsam. Kritik am Zeitpunkt der Aktion wurde aus den Reihen der B\u00fcrgerinitiative eher im Zusammenhang mit den eigenen Ressourcen ausgesprochen: &#8222;Wir sind hier seit 15 Jahren aktiv und m\u00fcssen diesen Kampf vermutlich noch viele Jahre aufrechterhalten, da k\u00f6nnen wir nicht schon jetzt zu Aktionsformen greifen, die die Situation eskalieren und uns viel Kraft kosten. Diese Kraft wird dann gebraucht, wenn es keine anderen M\u00f6glichkeiten des Widerstands mehr gibt.&#8220;<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerinitiative ist in einem Dilemma: Wenn es hier hart auf hart kommt, dann wird es auf die Unterst\u00fctzung aktionserfahrener AktivistInnen aus der Friedensbewegung bzw. antimilitaristischen Bewegung ankommen. Schon jetzt k\u00f6nnen sie durch ihre Anwesenheit bei Protestwanderungen dem Anliegen der B\u00fcrgerinitiative mehr Gewicht verleihen. Aber eine antimilitaristische Bewegung, die schon jetzt das Bombodrom als Aktionsfeld f\u00fcr ihre eigenen Kampagnen entdeckt, kann f\u00fcr die lokale Bewegung zur Belastung werden.<\/p>\n<p>Sie kann freilich auch die Chancen, auf juristischem oder parlamentarisch-politischem Wege zu gewinnen, erh\u00f6hen. Eine Bundesregierung, die sieht, dass sie auf erheblichen Widerstand st\u00f6\u00dft, wird das Projekt eher aufgeben.<\/p>\n<p>Die Aktiven der B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr die FREIe HEIDe entscheiden sich in dieser Situation unterschiedlich, je nachdem, ob sie mehr von der Angst vor Vereinnahmung und \u00dcberforderung oder von der Hoffnung auf ein Wachsen der Bewegung gepr\u00e4gt sind, und sicher auch abh\u00e4ngig davon, wie sehr sie sich selber mit den Zielen der Friedensbewegung identifizieren. Die einen begr\u00fc\u00dfen jede Gruppe und Organisation, die den Kampf gegen das Bombodrom zu ihrer Sache macht, die anderen mahnen und bremsen. Das f\u00fchrt zu doppelten Botschaften: &#8222;Kommt bitte alle und macht bei uns mit, aber bitte nicht jetzt und nicht so.&#8220;<\/p>\n<p>Optimal ist es sicher, wenn sich alle Beteiligten bei Aktionsformen und Zeitpunkten treffen k\u00f6nnen, die den verschiedenen Bed\u00fcrfnissen und Interessen entsprechen. Wo das nicht der Fall ist, sollten meiner Meinung nach Aktionsgruppen, die nicht in der Region verankert sind, deutlich machen: &#8222;Wir kommen nicht, um die B\u00fcrgerinitiative zu unterst\u00fctzen, sondern wir kommen mit einem eigenen politischen Anliegen.&#8220;<\/p>\n<p>Dementsprechend k\u00f6nnen wir auch nicht die vorbehaltlose Unterst\u00fctzung der B\u00fcrgerinitiative erwarten &#8211; wohl aber Akzeptanz.<\/p>\n<h3>Bill Moyer und die vier Rollen in sozialen Bewegungen<\/h3>\n<p>Ein weiteres Argument gegen die Besiedelung im Vorfeld des G8-Gipfels war, dass die B\u00fcrgerinitiative ein breites B\u00fcndnis vor Ort im Widerstand gegen das Bombodrom vereint. Durch eine Verkn\u00fcpfung mit dem G8-Widerstand k\u00f6nnten Teile dieses B\u00fcndnisses abspringen.<\/p>\n<p>Mir scheint dies nicht so sehr ein Argument gegen die Besiedelungsaktion selber, sondern eher ein Argument daf\u00fcr, dass die B\u00fcrgerinitiative nicht mit zu solchen Aktionen aufruft.<\/p>\n<p>Im Grunde gab es damit kein Problem: Bei einer Versammlung der B\u00fcrgerinitiative wurde beschlossen, dass sie nicht aufruft, sich aber auch nicht von der Aktion distanziert und dass BI-Mitglieder sich individuell entschlie\u00dfen k\u00f6nnen, an der Aktion teilzunehmen oder nicht.<\/p>\n<p>Umgekehrt hat das B\u00fcndnis No War &#8211; No G8 diese Entscheidung respektiert und f\u00fcr die Aktion nicht auf die Unterst\u00fctzung durch BI-Strukturen gebaut.<\/p>\n<p>Dennoch sind immer wieder Turbulenzen sichtbar geworden, die sich um diese Frage rankten. Mein Eindruck ist, dass bei manchen im Kopf war, die Verkn\u00fcpfung und Ausweitung der Themen sei irgendwie besser, konsequenter, fortschrittlicher als ein blo\u00dfes Engagement gegen das Bombodrom &#8211; BI-Mitglieder gerieten manchmal in eine Art Verteidigungshaltung, wenn sie erkl\u00e4rten, warum sie nicht mit dabei waren, und beim Aktionsb\u00fcndnis kam manchmal Ungeduld auf mit denen, die &#8222;noch nicht so weit&#8220; sind.<\/p>\n<p>Ich schlage eine andere Perspektive vor. In der derzeitigen Situation ist es m.E. tats\u00e4chlich eine Aufgabe der B\u00fcrgerinitiative, den Protest gegen das Bombodrom langfristig im \u00f6ffentlichen Bewusstsein zu halten und unter den unmittelbar Betroffenen in der Region ein breites Spektrum von Bombodrom-GegnerInnen zu organisieren. W\u00fcrde sich die BI jetzt radikalisieren, eine grunds\u00e4tzlich antimilitaristische und systemkritische Haltung einnehmen und ihren Protest auf andere Themen und Orte ausweiten, dann m\u00fcsste eine andere Gruppe in der Region ihre Funktion \u00fcbernehmen, oder dem Widerstand w\u00fcrde ein wichtiges Element fehlen.<\/p>\n<p>Bill Moyer beschreibt in seinem &#8222;Aktionsplan f\u00fcr Soziale Bewegungen&#8220; vier Rollen, die alle zum Erfolg einer sozialen Bewegung beitragen: B\u00fcrgerInnen, ReformerInnen, RebellInnen und AktivistInnen f\u00fcr Sozialen Wandel.<\/p>\n<p>&#8222;B\u00fcrgerInnen&#8220; sind unmittelbar Betroffene, die sich mit \u00fcberwiegend institutionalisierten Methoden (Wahlen, Petitionen, Unterschriftensammlungen, Gerichtsprozesse) f\u00fcr ihre konkreten und begrenzten Ziele einsetzen. Sie sind nicht unbedingt als Individuen, aber doch funktional als Gruppe &#8222;Ja-SagerInnen&#8220;, die deutlich inmitten der Gesellschaft stehen und ihre Werte und Grundlagen bef\u00fcrworten. Dabei weisen sie penetrant darauf hin, dass aber an dieser einen Stelle in ihrem pers\u00f6nlichen Erfahrungsbereich die anerkannten Werte der Gesellschaft verletzt werden.<\/p>\n<p>Durch ihre pers\u00f6nliche Betroffenheit und durch ihr &#8222;Ein-Punkt-Programm&#8220; sind sie f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Gesellschaft glaubw\u00fcrdig und k\u00f6nnen auch Menschen erreichen, die f\u00fcr Protestbewegungen nicht offen sind.<\/p>\n<p>Genauso haben nach Moyer auch die &#8222;RebellInnen&#8220; ihre wichtige Funktion in jeder sozialen Bewegung. Gemeint sind damit AktivistInnen, die in grunds\u00e4tzlicher Opposition zum System stehen und sich aus \u00dcberzeugung auch in solchen Bereichen engagieren, in denen sie nicht unmittelbar betroffen sind. Sie sind die &#8222;Nein-SagerInnen&#8220;, die aufzeigen, dass das herrschende System grunds\u00e4tzlich nicht den gesellschaftlichen Werten entspricht, die es zu verwirklichen vorgibt.<\/p>\n<p>Sie setzen weniger auf institutionelle Mittel, sondern mehr auf gewaltfreie direkte Aktion und bringen dabei Erfahrungen aus anderen Auseinandersetzungen mit. Unter anderem k\u00f6nnen sie helfen, effektive basisdemokratische Strukturen f\u00fcr eine wachsende Bewegung zu entwickeln. Wird die Rolle der &#8222;B\u00fcrgerInnen&#8220; hier wie auch in vielen anderen Konflikten durch die B\u00fcrgerinitiative \u00fcbernommen, so sind die &#8222;RebellInnen&#8220; hier die Freie Heide Gruppe Neuruppin-Berlin sowie das Aktionsb\u00fcndnis Rosa Heide (fr\u00fcher: &#8222;No War &#8211; No G8&#8220;).<\/p>\n<p>Die Unternehmerinitiative &#8222;Pro Heide&#8220; sowie verschiedene ParlamentarierInnen (allen voran Kirsten Tackmann, MdB) sehe ich in der Rolle, die Moyer &#8222;ReformerInnen&#8220; nennt: Sie machen professionelle Lobby- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit und tragen dazu bei, dass der Druck von der Basis in praktische Politik umgesetzt wird.<\/p>\n<p>Auch diese Rolle ist nicht unumstritten &#8211; man macht sich darin die H\u00e4nde schmutzig.<\/p>\n<p>Als vierte Rolle beschreibt Moyer &#8222;AktivistInnen f\u00fcr sozialen Wandel&#8220;. Ich fand es lange Zeit schwer, diese Rolle von den &#8222;RebellInnen&#8220; zu unterscheiden: Auch ihnen geht es um grunds\u00e4tzliche gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Neue Gedanken dazu brachte mir ein Gespr\u00e4ch mit einer &#8222;gelernten DDR-B\u00fcrgerin&#8220;, die mir ein Dilemma des Bombodrom-Widerstands aus der Perspektive einer marxistischen Analyse beschrieb: Wer die Bundeswehr als Instrument der Herrschaftssicherung will, braucht auch ein Bombodrom. (Zitat Standortkommandant Engel: &#8222;Wer die Bundeswehr will, muss sie auch \u00fcben lassen.&#8220;)<\/p>\n<p>Der Kampf gegen das Bombodrom kann also nicht gewonnen werden, ohne auch die Funktion der Bundeswehr in frage zu stellen. Der Widerspruch &#8222;Bombodrom&#8220; ist deshalb ein antagonistischer Widerspruch, also einer, der innerhalb des bestehenden Systems nicht gel\u00f6st werden kann. In der mir vertrauteren Sprache der gewaltfreien Konfliktbearbeitung w\u00fcrden wir sagen: Es l\u00e4sst sich \u00fcber die Frage des Bombodroms kein gesellschaftlicher Konsens finden, solange die gesellschaftlichen Strukturen so sind, wie sie sind. Um das Bombodrom zu verhindern, m\u00fcssen wir also die Strukturen ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>F\u00fcr manche ist das gleichzusetzen mit bewaffnetem Kampf, weil sich gesellschaftlich privilegierte Gruppen nicht einfach so ohne Kampf eliminieren bzw. ihre Privilegien nehmen lassen. In der Logik gewaltfreier Konfliktbearbeitung ist eine Transformation gesellschaftlicher Strukturen durchaus auch gewaltfrei erreichbar. AktivistInnen f\u00fcr sozialen Wandel haben &#8211; so verstehe ich es &#8211; die Aufgabe, die verschiedenen AkteurInnen in sozialen Bewegungen darin zu ermutigen und zu unterst\u00fctzen, ihre eigenen Angelegenheiten selber in die Hand zu nehmen, sich nichthierarchisch zu organisieren und hierarchischen Strukturen ihre Mitarbeit zu entziehen.<\/p>\n<p>Teilweise ist die Sichelschmiede in dieser Rolle aktiv, zum Beispiel, wenn bei Aktionstrainings Entscheidungsfindung im Konsens ge\u00fcbt und die Bildung eigenst\u00e4ndiger aktionsf\u00e4higer Gruppen angeregt wird.<\/p>\n<p>All diese Aufgaben sind gleicherma\u00dfen wichtig, und niemand ist &#8222;weiter&#8220; oder &#8222;besser&#8220; als die anderen &#8211; und niemandem w\u00e4re geholfen, wenn wir alle nur noch eine Rolle besetzen w\u00fcrden. Im Prozess des gesellschaftlichen Wandels gibt es unterschiedliche Phasen, in denen sich die Kr\u00e4fte gegenseitig st\u00e4rken, wenn sich die verschiedenen Gruppen jeweils positiv aufeinander beziehen.<\/p>\n<h3>Wem geh\u00f6rt die &#8222;Protestmarke Bombodrom&#8220;<\/h3>\n<p>Wenn es um die gegenseitige Akzeptanz der am Widerstand beteiligten Gruppen geht, kommt ein Aspekt erschwerend hinzu: die Namens\u00e4hnlichkeit unterschiedlicher Initiativen.<\/p>\n<p>1992 gr\u00fcndeten sich die &#8222;B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr die FREIe HEIDe&#8220; und ein Verein &#8222;B\u00fcrgerinitiative FREIe HEIDe Kyritz-Wittstock-Ruppin e.V.&#8220;.<\/p>\n<p>Bald darauf entstand die &#8222;FREIe HEIDe Gruppe Neuruppin-Berlin&#8220;, die seit 1995 regelm\u00e4\u00dfig die Sommeraktionstage veranstaltet. Lange Zeit wurden weder die Namens\u00e4hnlichkeit noch die Tatsache, dass diese Gruppe von der B\u00fcrgerinitiative v\u00f6llig unabh\u00e4ngige Arbeits- und Entscheidungsstrukturen hat, problematisiert. Es gab ausreichend Austausch und \u00dcbereinstimmung, um mit einem gemeinsamen Namen zu agieren. Die Aktionen der Gruppe Neuruppin-Berlin tauchten in der Chronik der B\u00fcrgerinitiative FREIe HEIDe auf, in der Presse war schlicht von Aktionen &#8222;der FREIen HEIDe&#8220; die Rede.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren ist die Kommunikation schwieriger geworden, und die Unterschiede treten mehr zu Tage. Als jetzt die &#8222;FREIe HEIDe Gruppe Neuruppin-Berlin&#8220; mit zur Besiedelung des Bombodroms aufrief und dies in der Presse als ein Aufruf der &#8222;B\u00fcrgerinitiative FREIe HEIDe&#8220; wiedergegeben wurde, schlugen die Wogen hoch &#8211; verst\u00e4ndlicherweise, wenn man sich klar macht, dass beide Gruppen in unterschiedlichen Rollen sind, unterschiedliche Aufgaben und dadurch in Bezug auf die Besiedelung unterschiedliche Positionen haben. Die Sache wird nicht einfacher dadurch, dass das Logo und der Namenszug der B\u00fcrgerinitiative (siehe Abb. auf dieser Seite) seit Jahren \u00fcber T-Shirts, Fahnen und Aufkleber allgemein verbreitet werden und zum Symbol nicht f\u00fcr eine bestimmte Gruppe, sondern f\u00fcr eine Bewegung und eine politische Forderung geworden sind.<\/p>\n<p>Ein Ausweg k\u00f6nnte darin bestehen, sich gemeinsam als eine Bewegung &#8222;f\u00fcr die FREIe HEIDe&#8220; zu verstehen und zur Unterscheidung jeweils die Organisationsform (&#8222;B\u00fcrgerinitiative&#8220;, &#8222;Aktionsgruppe&#8220;, &#8222;B\u00fcndnis&#8220;, &#8230;) zu verwenden.<\/p>\n<h3>Die ewige Frage der Gewalt(freiheit)<\/h3>\n<p>Ein zentrales Argument derjenigen, die eine Beteiligung der B\u00fcrgerinitiative FREIe HEIDe an der Besiedelungsaktion ablehnten, war: &#8222;Wir haben uns in 15 Jahren ein Image aufgebaut als eine Bewegung, die gewaltfrei demonstriert.<\/p>\n<p>Wenn nun im Zusammenhang mit der Protestwanderung unfriedliche (oder auch nur: ordnungswidrige) Aktionen stattfinden, dann schadet das dem Ruf der FREIen HEIDe.&#8220;<\/p>\n<p>Dieses Argument l\u00e4sst au\u00dfer acht, dass es auch in der Vergangenheit immer wieder begrenzte Regelverst\u00f6\u00dfe gab, die auf breite Akzeptanz stie\u00dfen (z.B. Lebenslaute-Konzerte oder das wiederholte Aufstellen des Mahnmals f\u00fcr die Kriegstoten vom 1. Mai 1945 auf dem Gel\u00e4nde des Bombodroms). Andererseits kn\u00fcpft dieses Argument eng an die oben beschriebene Rolle der &#8222;B\u00fcrgerInnen&#8220; an, die in breite Kreise der Gesellschaft hinein wirken k\u00f6nnen: Selbst gro\u00dfe Teile der \u00f6rtlichen Polizei stehen dem Anliegen der FREIen HEIDe neutral bis positiv gegen\u00fcber. Eine gewaltsame Eskalation w\u00fcrde viele Unterst\u00fctzerInnen auf Distanz bringen.<\/p>\n<p>Dazu kam die konkrete Bef\u00fcrchtung, dass eine Eskalation im Zusammenhang mit dem G8-Protest die Chancen bei der f\u00fcr Juli 2007 anstehenden Hauptverhandlung am Verwaltungsgerichts verschlechtern k\u00f6nnte. Dabei war die Sorge gar nicht unbedingt, dass die Anti-G8-AktivistInnen selber zur Gewalt greifen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Vielmehr bestand die Sorge, dass die Bundeswehr und ihre Unterst\u00fctzerInnen vor Ort geradezu darauf warten (und es f\u00f6rdern) k\u00f6nnten, dass es zu gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen kommt, um dann in Zukunft mit der B\u00fcrgerinitiative und ihren Protesten h\u00e4rter umgehen zu k\u00f6nnen. Auch bestand die Bef\u00fcrchtung, eine Besiedelung im Vorfeld des G8 k\u00f6nnte eine Steilvorlage werden f\u00fcr eine Gro\u00df\u00fcbung von Bundeswehr und Polizei, mit der sie sich f\u00fcr den G8 warmlaufen und ein Exempel setzen.<\/p>\n<p>Im B\u00fcndnis &#8222;No War &#8211; No G8&#8220; haben wir uns von Anfang mit diesen Bedenken auseinandergesetzt und sie in die Aktionsplanungen einbezogen. So war es kein Zufall, dass all diese Bef\u00fcrchtungen nicht eingetreten sind: Den in den Medien gesch\u00fcrten \u00c4ngsten vor den gewaltt\u00e4tigen G8-GegnerInnen haben wir eine aktive Pressearbeit entgegengesetzt, mit der wir diese Stereotypen aufgebrochen, Feindbilder abgebaut, den Charakter unserer Aktion deutlich gemacht haben.<\/p>\n<p>Auch einige Infoveranstaltungen zum G8 und der monatliche Heidestammtisch im Vorfeld der Aktion haben dazu beigetragen. Eine weitere politische Absicherung der Aktion waren die vielen UnterzeichnerInnen des Aufrufs (vgl. GWR 319), darunter zahlreiche bekannte Friedensorganisationen. Im Informationsgespr\u00e4ch mit der Polizei konnten wir vor allem dadurch f\u00fcr Entspannung sorgen, dass wir die zu erwartenden TeilnehmerInnenzahlen realistisch (und damit niedriger als von der Polizei zun\u00e4chst bef\u00fcrchtet) angegeben haben.<\/p>\n<p>In vielen Vorgespr\u00e4chen, in Infoveranstaltungen am Vorabend der Aktion und \u00fcber Flugbl\u00e4tter haben wir den AktionsteilnehmerInnen vermittelt, wie wir als OrganisatorInnen uns den Charakter der Aktion vorstellen. M\u00f6gliche Eskalationsszenarien haben wir im Vorfeld intensiv durchgesprochen, Deeskalationsstrategien entwickelt und umgesetzt. Alle beteiligten Gruppen haben sich an die Absprachen gehalten und sie kreativ umgesetzt. Der 1. Juni 2007 war ein Beispiel daf\u00fcr, dass sehr unterschiedliche Gruppen, auch mit verschiedenen Haltungen zur Frage der Gewaltfreiheit, im konkreten Fall eine sehr gute Aktion miteinander vorbereiten und durchf\u00fchren k\u00f6nnen, die sowohl den Kriterien der einen f\u00fcr eine gewaltfreie Aktion als auch denen der anderen f\u00fcr eine militante Aktion entspricht.<\/p>\n<p>Allerdings war dieser Prozess manchmal schwei\u00dftreibend, und ich hatte immer wieder gro\u00dfe Zweifel, ob eine Zusammenarbeit wirklich sinnvoll ist.<\/p>\n<p>In dieser Phase der Auseinandersetzung konnten wir uns noch \u00fcber Ziele und Mittel einigen &#8211; aber wie geht es weiter?<\/p>\n<p>Bill Moyer schreibt \u00fcber soziale Bewegungen: &#8222;Das Ziel der Bewegung ist es aufzukl\u00e4ren, immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Bev\u00f6lkerung auf ihre Seite zu bringen und sie zum Handeln zu bewegen, um eine gesellschaftliche Ver\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren. Um dieses Ziel zu erreichen, m\u00fcssen sich die Bewegungen auf grunds\u00e4tzliche menschliche und kulturelle Werte, Symbole, Empfindungen und Traditionen der breiten \u00d6ffentlichkeit beziehen. &#8230; Nur indem die \u00d6ffentlichkeit davon \u00fcberzeugt wird, dass die Bewegung diese gemeinsamen Werte sch\u00fctzt und aufrecht erh\u00e4lt, wohingegen die Regierung sie missachtet, kann die Bev\u00f6lkerung auf die Seite der Opposition gebracht und zum Handeln animiert werden. Das Gegenteil geschieht, wenn Aktionen und Haltungen gesellschaftliche Werte und Empfindungen verletzten, z.B. durch Gewaltt\u00e4tigkeiten oder rebellierendes Macho-Gehabe; beides bewirkt, dass sich die \u00d6ffentlichkeit und auch viele AktivistInnen gegen die Bewegung stellen.&#8220; ((1))<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerinitiative FREIe HEIDe verfolgt zur Zeit eine friedliche Strategie und kann sich damit auf anerkannte gesellschaftliche Werte berufen.<\/p>\n<h3>Was aber, wenn diese Strategie scheitert?<\/h3>\n<p>Die gro\u00dfe Angst vor einer Eskalation &#8222;zum falschen Zeitpunkt&#8220; l\u00e4sst durchscheinen, dass zu einem anderen Zeitpunkt, wenn alle legalen Strategien gescheitert sind, die dann notwendig folgende Eskalation in der Vorstellung der Menschen durchaus auch mit Gewalt verbunden sein kann (antagonistischer Widerspruch, s.o.). Die grunds\u00e4tzliche Ablehnung von Gewalt in jeder Form ist in der B\u00fcrgerinitiative FREIe HEIDe nach meiner Einsch\u00e4tzung nicht weiter verbreitet als im Rest der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Als gewaltfreie Anarchistin habe ich das Anliegen, Aktionen so zu organisieren, dass sie zum Entstehen von Visionen f\u00fcr eine gewaltfreie Eskalation beitragen. Ich m\u00f6chte, dass m\u00f6glichst viele Menschen ihre M\u00f6glichkeiten entdecken, sich auch in einem eskalierten Konflikt klar, entschlossen und gewaltfrei zu verhalten. Ich m\u00f6chte nicht, dass der Konflikt um die FREIe HEIDe oder ein anderer gesellschaftlicher Konflikt gewaltsam eskaliert. Aus den Diskussionen im Vorfeld der Besiedelungsaktion ist in mir der Eindruck entstanden, dass andere beteiligte Gruppen &#8211; die das Wort &#8222;gewaltfrei&#8220; nicht im Aufruf stehen haben wollten &#8211; dazu beitragen m\u00f6chten, dass mehr Menschen f\u00fcr sich M\u00f6glichkeiten eines Handelns in der Logik der Gewalt entdecken und revolution\u00e4re Gewalt akzeptieren.<\/p>\n<p>Ich vermute, dass auch bei \u00e4hnlichen Zielen die verschiedenen Strategien nicht kompatibel sind. Ein aufeinander Zugehen der verschiedenen Spektren kann sich deshalb in meinen Augen nicht darauf beschr\u00e4nken, Aktionen auf der Basis des &#8222;kleinsten gemeinsamen Nenners&#8220; zu machen, sondern wir m\u00fcssten uns ernsthaft mit unseren gegenseitigen gesellschaftspolitischen Strategien auseinandersetzen und schauen, ob wir zusammen kommen &#8211; oder eben auch nicht. <em><\/em><\/p>\n<h3>Pl\u00e4ne f\u00fcr 2008<\/h3>\n<p>Ein letzter Kritikpunkt an der Besiedelungsaktion soll hier noch genannt werden: Eine solche einmalige Aktion im Vorfeld des G8-Gipfels bringe nichts, n\u00f6tig sei ein kontinuierliches Engagement.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war es die Grundidee der Besiedelungsaktion, im Vorfeld des G8-Gipfels eine antimilitaristische Aktion gerade an einem solchen Ort zu machen, an den die beteiligten Gruppen auch sp\u00e4ter wieder kommen k\u00f6nnen, und damit wichtige Kontakte f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Arbeit zu kn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Das &#8222;B\u00fcndnis No War No G8&#8220; hat sich inzwischen umbenannt in &#8222;Aktionsb\u00fcndnis Rosa Heide &#8211; gegen Bombodrom und Militarismus&#8220;. Es bereitet f\u00fcr 2008 weitere Aktionen vor.<\/p>\n<p>VertreterInnen des B\u00fcndnisses waren im Dezember bei den internationalen Protesttagen gegen den Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt Dal Molin in Vicenza (Italien) und haben dort vom Widerstand gegen das Bombodrom berichtet und die internationale Vernetzung vorangetrieben.<\/p>\n<p>Insgesamt sieht es danach aus, dass das Thema &#8222;Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte&#8220; im Jahr 2008 mehr in den Blick der \u00d6ffentlichkeit geraten wird. ((2))<\/p>\n<p>Au\u00dfer am Bombodrom sind Aktionen in Ramstein, B\u00fcchel, in Italien, der Tschechischen Republik und Polen sowie am NATO-Hauptquartier in Br\u00fcssel geplant (siehe Seite 20).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ziviler Ungehorsam: Jetzt oder &#8230; Einer der Kritikpunkte gegen die Besiedelung des Bombodroms war, dass die rechtlichen M\u00f6glichkeiten zur Verhinderung des Bombodroms noch lange nicht ausgesch\u00f6pft seien. 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