{"id":8602,"date":"2008-02-01T00:00:56","date_gmt":"2008-01-31T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8602"},"modified":"2022-07-26T14:24:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:16","slug":"der-anarchismus-ist-die-verzerrteste-und-verleumdetste-von-allen-politischen-ideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/02\/der-anarchismus-ist-die-verzerrteste-und-verleumdetste-von-allen-politischen-ideen\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Anarchismus ist die verzerrteste und verleumdetste von allen politischen Ideen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Graswurzelrevolution<\/em> (GWR): Es ist eher Wissen vorhanden, wenn es um die Geschichte des Anarchismus in den USA und deren ProtagonistInnen geht. Mich w\u00fcrde deshalb besonders die gegenw\u00e4rtige Situation interessieren. Welche Bedeutung haben anarchistische Bewegungen in der radikalen Linken der Vereinigten Staaten heute?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Anarchismus als politisches System ist seit dem Scheitern der radikalen Linken der 60er Jahre zur dominanten politischen Str\u00f6mung in der radikalen Linken angewachsen. Das zeigt sich vor allem in der Schaffung von Basisorganisationen in den Communities linksradikaler AktivistInnen, die mehr und mehr direktdemokratische Strukturen annehmen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass es keine maoistischen, trotzkistischen, marxistisch-leninistischen Gruppen und den ganzen Rest g\u00e4be, es hei\u00dft aber, dass die Aktivit\u00e4ten der radikalen Linken &#8211; so weit meine Erfahrungen &#8211; einen generellen und sukzessiven Wandel von autorit\u00e4ren hin zu antiautorit\u00e4ren Strukturen vollzogen haben.<\/p>\n<p>Trotz der zunehmenden Dominanz von direktdemokratischen Organisationsstrukturen in der radikalen Linken sind aber viele bekannte Anti-Kriegs-B\u00fcndnisse, die Demonstrationen planen und organisieren, immer noch marxistisch-leninistisch dominiert. Das muss erw\u00e4hnt werden, weil eine der wichtigsten radikalen Aufgaben hier in den Vereinigten Staaten der Aufbau einer Anti-Kriegs-Bewegung ist, und leider sind viele AktivistInnen der radikalen Linken, die Anti-Kriegs-Aktivit\u00e4ten organisieren, entweder immer noch selbst ziemlich autorit\u00e4r oder sie stecken in autorit\u00e4ren Organisationen fest.<\/p>\n<p><strong>GWR: Seit 2001 hat sich vieles ver\u00e4ndert: Die Bush-Administration hat den &#8222;War on Terror&#8220; ausgerufen, Angriffskriege gef\u00fchrt und staatliche Repression und \u00dcberwachung ausgeweitet. Lass uns zuerst beim Thema Krieg bleiben. Wie aktiv sind AnarchistInnen, trotz der Dominanz marxistischer Gruppen, in der US-amerikanischen Antikriegsbewegung?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> AnarchistInnen sind in allen Bereichen der Anti-Kriegs-Bewegung aktiv. In kleinen sowie in gro\u00dfen Demonstrationen findet sich beinahe immer eine anarchistische Fraktion in der einen oder anderen Form. Bei den meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, l\u00e4sst sich aber eine seit Jahren anhaltende Stimmung beobachten, dass die Leute keine Lust mehr haben, auf Demonstrationen zu gehen, die von den immer gleichen marxistischen Gruppen in den gro\u00dfen St\u00e4dten organisiert werden. Sie w\u00fcrden lieber mehr direkte Aktionen gegen den Krieg machen, wie dies in den 60ern der Fall war.<\/p>\n<p>Alle AnarchistInnen hier in den USA sind gegen den Krieg und tun verschiedene Dinge, um ihm ein Ende zu bereiten. Meine pers\u00f6nliche Meinung \u00fcber den Krieg ist die, dass ich dar\u00fcber entsetzt und angewidert, gleichzeitig aber in keiner Weise von den Taten meiner Regierung \u00fcberrascht bin.<\/p>\n<p><strong>GWR: \u00dcberwachung und Repression scheinen in der Bev\u00f6lkerung, mit dem Verweis auf mehr Sicherheit, auf immer mehr Akzeptanz zu sto\u00dfen. Neue so genannte &#8222;Anti-Terror-Gesetze&#8220; haben auch in der Europ\u00e4ischen Union Hochkonjunktur. Sind in den USA auch linke Gruppen oder Individuen davon betroffen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Ja, das sind sie. In einem breiteren historischen Kontext gesehen ist es unwahrscheinlich, dass die radikale Linke heute mehr \u00fcberwacht wird, als dies in den 1960ern und 70ern der Fall war, aber der Druck ist definitiv gr\u00f6\u00dfer geworden.<\/p>\n<p>Zur Zeit hat das FBI vor allem jene AktivistInnen im Visier, die es als &#8222;\u00d6ko-TerroristInnen&#8220; bezeichnet. Das ist Teil der so genannten &#8222;Green Scare&#8220;-Kampagne. Diesen Gruppen wird momentan sehr viel Aufmerksamkeit von Seiten des Staates zuteil.<\/p>\n<p>Die Inhaftierung von Eric McDavid ((1)) ist ein aktuelles Beispiel daf\u00fcr. Viele Gruppen werden zur Zeit \u00fcberwacht, soweit ich das mit meinem bescheidenen Wissen \u00fcber das Innenleben unserer Regierung beurteilen kann. Niemand wei\u00df, was die Zukunft bringen wird.<\/p>\n<p><strong>GWR: Anarchistische Websites wie <em>raisethefist.com<\/em> oder <em>flag.blackened.net<\/em> sind ja auch in gro\u00dfe Schwierigkeiten geraten.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Ich habe Sherman Austin mehrmals getroffen. Er wurde inhaftiert, weil er <em>raisethefist.com<\/em> betreute. Die Arbeit, die er mit <em>Los Angeles Copwatch<\/em> ((2)) macht, ist sehr inspirierend. Obwohl es alarmierend ist, wie skrupellos ihn der Staat eingesperrt hat, muss gesagt werden, dass es momentan nicht danach aussieht, als ob in irgendeiner Form Massenverhaftungen von AnarchistInnen oder von Mitgliedern anderer linksradikaler Gruppierungen geplant sind.<\/p>\n<p>Die Paranoia, dass dies geschehen k\u00f6nnte, ist nat\u00fcrlich immer pr\u00e4sent.<\/p>\n<p><strong>GWR: Welche Rolle spielen Intellektuelle wie Murray Bookchin, Noam Chomsky, Howard Zinn oder der bei vielen, beispielsweise bei Graswurzelrevolution\u00e4rInnen, u.a. aufgrund seiner fehlenden Reflexion der Gewaltproblematik umstrittene John Zerzan?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Die Ansichten all dieser Personen werden im Allgemeinen als wichtig und n\u00fctzlich betrachtet, mit Ausnahme von Zerzan, der eine umstrittene Figur bleibt. Die meisten Aktiven des linksradikalen Spektrums haben brauchbare Kenntnisse \u00fcber Chomskys Arbeiten, und <em>A People&#8217;s History of the United States <\/em>((3)), das bekannteste Werk von Howard Zinn, wird an zahlreichen Colleges \u00fcberall in den Vereinigten Staaten gelehrt. Dadurch ist dieses Werk vielen Menschen sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb der radikalen Linken bekannt.<\/p>\n<p>Bookchin spielt eine wesentlich geringere Rolle, weil so viele seiner Arbeiten sich mit anarchistischer Theorie befassen. Das ist zwar f\u00fcr einige recht interessant, aber nicht so ansprechend oder unmittelbar zug\u00e4nglich wie Chomskys oder Zinns Arbeiten. John Zerzan spielt auch eine Rolle, obwohl ich behaupten w\u00fcrde, dass es keine sehr positive ist. Zerzan ist Primitivist. Er ist eine Hauptfigur unter denjenigen AnarchistInnen, die sich als besonders radikal\u00f6kologisch oder als PrimitivistInnen sehen. Ich pers\u00f6nlich glaube nicht, dass man Primitivismus als einen Teil des Anarchismus betrachten sollte, vor allem deshalb nicht, weil der Zusammenbruch der Zivilisation sehr wahrscheinlich zur Folge h\u00e4tte, dass viele Menschen weltweit in extremem Elend leben m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Typisch f\u00fcr den Primitivismus ist auch eine perverse Anbetung der Natur: Die Natur wird abstrakt als L\u00f6serin aller Probleme betrachtet &#8211; die Interessen der Menschen m\u00fcssen dagegen zur\u00fcckstehen.<\/p>\n<p>Ich bin Veganer, aber ich glaube, dass Erw\u00e4gungen im Sinne des Menschen Vorrang haben sollten. Hand in Hand mit der \u00fcbersteigerten Liebe zur Natur geht die starke Tendenz, indigene Gesellschaften romantisch zu verkl\u00e4ren &#8211; oft entgegen den historischen Fakten.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie werden die Schriften und Aktivit\u00e4ten von AnarchistInnen, die um 1900 in den USA aktiv waren, wie Emma Goldman, Alexander Berkman oder Voltairine de Cleyre &#8211; um nur einige wenige zu nennen &#8211; bewertet?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Emma Goldman ist wahrscheinlich die bekannteste und meistgelesene Person jener Zeit. Es ist schwer, eine amerikanische Anarchistin oder einen Anarchisten zu finden, der oder die keine Kenntnisse \u00fcber ihr Leben oder ihr Werk hat.<\/p>\n<p>Der Einfluss dieser DenkerInnen ist schwer abzusch\u00e4tzen, aber meine Erfahrungen sind dahingehend, dass keines ihrer Werke gro\u00dfen Einfluss auf die allt\u00e4glichen Entscheidungen in den Kollektiven und im t\u00e4glichen Leben der Menschen hat, auch wenn <em>The ABC of Communist Anarchism<\/em> ((4)) von Alexander Berkman immer noch gern herumgereicht wird.<\/p>\n<p>Die meisten derartigen Werke sind eher Einf\u00fchrungen f\u00fcr diejenigen, die sich zum ersten Mal mit anarchistischem Gedankengut befassen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das anarchistische Kollektiv <em>CrimethInc.<\/em> vertritt die Ansicht, dass man den Spanischen B\u00fcrgerkrieg und die &#8222;b\u00e4rtigen M\u00e4nner&#8220; getrost vergessen k\u00f6nne, wenn man sich f\u00fcr Anarchismus interessiere (vgl. GWR 312). Ist das eine weitverbreitete Ansicht unter AnarchistInnen in den USA oder beschr\u00e4nkt sie sich auf das <em>CrimethInc.<\/em>-Umfeld?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Ich denke, sie beschr\u00e4nkt sich haupts\u00e4chlich auf die <em>CrimethInc.<\/em>-Szene. Es gibt nat\u00fcrlich immer gewisse \u00dcberschneidungen, aber was beunruhigend ist, ist die Gr\u00f6\u00dfe dieser Bewegung. Ich habe ein paar Arbeiten von <em>CrimethInc.<\/em> gelesen, und auch wenn ich nicht glaube, dass man den AutorInnen die Schuld daran geben kann, st\u00f6rt es mich doch, dass so viele AktivistInnen, die von diesen Arbeiten inspiriert wurden und durch sie zum Anarchismus gekommen sind, glauben, dass es reine Zeitverschwendung sei, eine gro\u00dfe Basisbewegung aufzubauen, und statt dessen lieber ihren anarchistischen, auf die USA beschr\u00e4nkten Lebensstil pflegen.<\/p>\n<p>Von dem, was ich bislang gesagt habe, kannst du dir vorstellen, dass ich die Idee einer Revolution, die darauf basiert, aus der ArbeiterInnenklasse auszuscheiden, um ein\/e &#8222;ex-worker&#8220; zu werden, f\u00fcr ziemlich l\u00e4cherlich halte.<\/p>\n<p>In Bezug auf den Spanischen B\u00fcrgerkrieg und die &#8222;b\u00e4rtigen M\u00e4nner&#8220; denke ich, dass es stets wichtig ist, eine kritische Perspektive beizubehalten. Das ist zwar ein langweiliges und klischeehaftes Statement, aber nichtsdestotrotz angebracht.<\/p>\n<p>Diese kritische Perspektive sollte in Bezug auf die Werke von Personen, von denen wir wissen, dass sie sexistisch waren wie Proudhon oder antisemitisch wie Bakunin, angewandt und nicht ignoriert werden.<\/p>\n<p>Unsere Br\u00fcder und Schwestern zu vergessen, die auf den Schlachtfeldern Spaniens k\u00e4mpften und starben, um den Faschismus zu stoppen, und die versuchten, die Hoffnungen und Tr\u00e4ume, die wir alle teilen, zu verwirklichen, ist eine Beleidigung ihres Andenkens, ganz gleich, wie unvollkommen ihr Kampf gewesen ist.<\/p>\n<p><strong>GWR: Kannst du kurz die verschiedenen anarchistischen\/linksradikalen Str\u00f6mungen nennen, die in den Vereinigten Staaten aktiv sind?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Das ist gar nicht so einfach. Die Gruppen, die mir spontan einfallen, sind die <em>North Eastern Federation of Anarcho-Communists<\/em> (NEFAC), die <em>Industrial Workers of the World<\/em> (IWW), <em>CrimethInc.<\/em>, <em>Food not Bombs<\/em>, <em>Copwatch<\/em>, <em>Common Ground Health Clinic<\/em> und die verschiedenen <em>Anarchist Black Cross<\/em>-Gruppen. Es sollte noch erw\u00e4hnt werden, dass nicht alle der hier aufgef\u00fchrten Gruppen explizit anarchistisch sind, <em>Food not Bombs<\/em> oder <em>Copwatch<\/em> z.B., aber viele anarchistische Mitglieder haben und sich horizontal und direktdemokratisch organisieren.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie sieht es mit anarchistischen Publikationen aus? Gibt es viele Buchverlage oder Zeitschriften?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Es gibt einige Zines und Buchverlage. Woran es mangelt, sind Zeitungen. Wie wunderbar w\u00e4re es, wenn die Bewegung eine Tageszeitung h\u00e4tte, die im ganzen Land gelesen w\u00fcrde!<\/p>\n<p>Der bekannteste Buchverlag ist <em>AK Press<\/em>, ein Kollektiv, das wahrscheinlich viele, die das hier lesen, kennen. <em>AK Press <\/em>ist ein bemerkenswertes Beispiel von Anarchismus in Aktion und publiziert laufend eine gro\u00dfe Bandbreite an B\u00fcchern, um unsere intellektuellen Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie bist du pers\u00f6nlich mit anarchistischem Gedankengut in Ber\u00fchrung gekommen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Jean Black:<\/em><\/strong> Das ist eine etwas langweilige Geschichte. Ich sa\u00df zu Hause und sah mir die Anti-WTO-Proteste in Seattle 1999 im Fernsehen an. Ich war sprachlos wegen der Gruppen von AktivistInnen, welche die Medien als AnarchistInnen bezeichneten und die <em>Starbucks<\/em> L\u00e4den und <em>Nike Town<\/em> angriffen.<\/p>\n<p>Irgendetwas schien mir da nicht zu stimmen, weil diese AnarchistInnen offensichtlich ganz spezielle Ziele ausw\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Ich hatte mich dazu verleiten lassen zu glauben, dass die AnarchistInnen die nihilistische und wahllose Zerst\u00f6rung von allem propagierten.<\/p>\n<p>Mit diesen Bildern im Fernsehen konfrontiert, ging ich ins Internet und fand das Buch <em>Anarchism<\/em> von Daniel Gu\u00e9rin.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass zumindest in einigen Teilen Europas &#8211; ich denke dabei an Frankreich, weil ich dort eine Weile gelebt habe -, eine andere Wahrnehmung vorherrscht. Zwar wird auch dort der Anarchismus als politische Idee gro\u00dfenteils nicht akzeptiert. Aber wenn man sagt, dass man Anarchist ist, haben die meisten Leute eher Bilder einer linken, sozialistischen Bewegung vor Augen als das eines wild gewordenen, nihilistischen Bombenwerfers.<\/p>\n<p>Der Grund, weshalb ich buchst\u00e4blich gar nichts \u00fcber Anarchismus wusste, war, dass in den Vereinigten Staaten die politische Idee des Anarchismus m\u00f6glicherweise die verzerrteste und verleumdetste von allen politischen Ideen ist.<\/p>\n<p>Die Geschichtsb\u00fccher an US-amerikanischen Schulen erw\u00e4hnen beispielsweise die Hinrichtungen von Sacco und Vanzetti, aber niemals wird dazu gesagt, dass sie Anarchisten waren!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Es ist eher Wissen vorhanden, wenn es um die Geschichte des Anarchismus in den USA und deren ProtagonistInnen geht. Mich w\u00fcrde deshalb besonders die gegenw\u00e4rtige Situation interessieren. 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