{"id":8605,"date":"2008-02-01T00:00:50","date_gmt":"2008-01-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8605"},"modified":"2022-07-26T14:24:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:16","slug":"indigener-subalterner-oder-postmoderner-gandhi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/02\/indigener-subalterner-oder-postmoderner-gandhi\/","title":{"rendered":"Indigener, subalterner oder postmoderner Gandhi?"},"content":{"rendered":"<p>Den Begriff &#8222;Anarchie&#8220; benutzte Gandhi in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen                 und in zeitlich verschiedendem Kontext auf dreifache Weise: <\/p>\n<p>Erstens in einem positiven, anarchistischen Sinne als ferne,                 aber entscheidende Zielvorstellung sozialer und freier Gesellschaftsordnung.                 Wenn das Mittel, die gewaltfreie Aktion, f\u00fcr Gandhi gro\u00dfe Bedeutung                 hatte, war das damit angestrebte Ziel von nicht minder gro\u00dfer                 Bedeutung: &#8222;Politische Macht kann meiner Ansicht nach nicht unser                 letztes Ziel sein. (&#8230;) Wenn das nationale Leben so perfekt wird,                 dass es sich selbst reguliert, ist keine Repr\u00e4sentation mehr notwendig.                 Es gibt dann den Zustand der erleuchteten Anarchie. In diesem                 Zustand regiert sich jedes Individuum selbst.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Interessant ist hierbei, dass &#8222;enlightened anarchy&#8220; durchaus                 in zweifachem Sinne \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnte, als &#8222;erleuchtete&#8220;,                 aber auch als &#8222;aufgekl\u00e4rte&#8220; Anarchie. <\/p>\n<p>Zweitens verwendete er den Begriff in negativem Sinne als denunziatorische                 Beschreibung der katastrophalen Lage, in welche der britische                 Kolonialismus Indien am Vorabend der &#8222;Quit-India&#8220;-Kampagne 1942                 gebracht habe. Es drohte ein japanischer milit\u00e4rischer Angriff                 von Burma aus, doch Gandhi konnte die indischen Massen nicht zu                 gewaltfreier Verteidigung gegen Japan mobilisieren, weil Gro\u00dfbritannien                 keine Gegenleistung erbringen oder irgendwelche Zusagen f\u00fcr die                 indische Unabh\u00e4ngigkeit nach dem Krieg machen wollte. Diesen Zustand                 bezeichnete Gandhi als &#8222;verordnete Anarchie&#8220;, das hei\u00dft als institutionell                 organisiertes und gesetzeskonformes Chaos.<\/p>\n<p>Dem zog er im selben Zusammenhang drittens die ebenfalls negativ                 verstandene &#8222;reale Anarchie&#8220; vor: das unorganisierte, gesetzlose                 Chaos, zu dem eine gewaltfreie Revolte f\u00fchren konnte, die das                 Ausufern in Gewalt riskierte. Damit war Gandhi 1942 konfrontiert.                 Anders als zuvor hatte er den Massenwiderstand nicht nach einzelnen                 gewaltt\u00e4tigen Vorf\u00e4llen abgebrochen.<\/p>\n<p>Ashis Nandy kn\u00fcpft in seiner libert\u00e4ren Gandhi-Interpretation                 \u00fcberraschend eher an diese dritte Variante an, wendet sie positiv                 und betont den individualistischen, unstrukturierten und nicht-organisierten                 Charakter von Gandhis Anarchie-Vorstellung. Im Rahmen eines Essays                 \u00fcber Gandhis Kulturkritik am Westen, <i>From Outside the Imperium<\/i>,                 der an sein Buch <i>The Intimate Enemy<\/i> ankn\u00fcpft, spricht Ashis                 Nandy von Gandhis &#8222;anarchischem Individualismus, der das pers\u00f6nliche                 Seelenheil, den in die Einsamkeit f\u00fchrenden Widerstand und die                 moralische Macht des individuellen <i>satyagrahi<\/i> betonte&#8220;                  ((2)), und stellt dem den Typus                 des &#8222;possessiven Individualismus&#8220; als Ideal der sp\u00e4tkapitalistischen                 modernen Massen- und Konsumgesellschaft gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>In <i>The Intimate Enemy<\/i> beschreibt Nandy u.a. die organisierte                 Gewalt, die er als kennzeichnend f\u00fcr den Kolonialismus und die                 moderne Gesellschaft ansieht. Gegen Versuche patriarchaler und                 militaristischer Anti-KolonialistInnen, die koloniale Gewalt durch                 die organisatorische Zwangsvereinheitlichung des Hinduismus zu                 einer Art monotheistischen Gegen-Christentums zu bek\u00e4mpfen, habe                 Gandhi den hybriden, verwirrenden, &#8222;anarchischen&#8220; Charakter des                 Hinduismus gewahrt und dabei zugleich Dominanz und Hierarchie                 der obersten Kasten, der Priester- und der Kriegerkaste, unterminiert.                 Gandhi, so Nandy, habe die &#8222;\u00dcberorganisierung der modernen Welt&#8220;                 aus Sicht und mit Hilfe der &#8222;unter-sozialisierten Aspekte des                 menschlichen sozialen Bewusstseins&#8220; kritisiert. Das d\u00fcrfe nicht                 \u00fcbersehen, wer Gandhi nur als effizienten politischen Organisator                 wahrnehme. Gandhi sei es gelungen, &#8222;die \u201aUnorganisierbaren'&#8220;,                 die breite Masse der auf dem Land lebenden und von der Tradition                 des volkst\u00fcmlichen Hinduismus beeinflussten indischen Bev\u00f6lkerung,                 f\u00fcr seine Themen zu mobilisieren. ((3))<\/p>\n<p>An dieser \u00fcberraschenden Betonung des Hybriden, Schillernden,                 Spontanen und Unorganisierten an Gandhis Strategie ist bereits                 ablesbar, dass sich sowohl Gandhis Schriften wie auch seine praktischen                 Aktionen und Experimente gegen schematische Interpretationen und                 wissenschaftlich-objektive Reduktionen sperren. Ashis Nandy:<\/p>\n<p>&#8222;Gandhi war nicht <i>ein<\/i> einzelner Kritiker des modernen                 Westens; er repr\u00e4sentierte eine ganze Klasse von KritikerInnen                 der modernen Zivilisation. Und wie viele andere aus dieser Klasse                 kann er in mehr als einer Richtung interpretiert oder neu interpretiert                 werden. Einen abschlie\u00dfenden Gandhi aus seinem Leben und Werk                 herzuleiten, w\u00e4re zugleich anti-gandhianisch und selbstzerst\u00f6rerisch.&#8220;                  ((4))<\/p>\n<h3>Der indigene Gandhi<\/h3>\n<p>Die neuen sozialen und \u00f6kologischen Bewegungen Indiens entstanden                 in den 1980er Jahren aus der gegen die industrielle Abholzung                 des Himalaya gerichteten <i>Chipko<\/i>-Bewegung, der basisorientierten                 Gesundheits-Bewegung nach dem Chemieunfall von Bhopal 1984, der                 Tausende von Opfern gekostet hatte, und aus den Bewegungen gegen                 gro\u00df angelegte Staudammprojekte &#8211; am bekanntesten wurde die Bewegung                 zum Schutz der AnwohnerInnen entlang des Flusses Narmada. Jetzt                 wandten verschiedene Basisbewegungen selbstverst\u00e4ndlich gewaltfreie                 Widerstandsformen an, weil sie in der indischen Tradition verwurzelt                 und f\u00fcr ihren Kampf n\u00fctzlich waren, aber nicht mehr im organisatorischen                 Rahmen der gandhianischen Nachfolge-Organisationen, wenngleich                 auch einzelne AktivistInnen aus dieser Tradition stammten und                 die sozialen Bewegungen initiierten oder unterst\u00fctzten (Vandana                 Shiva, Medha Patkar, Sunderlal Bahuguna, Uma Gadekar u.a.). Die                 Gandhi-Rezeption wurde dadurch differenzierter und vielf\u00e4ltiger.               <\/p>\n<p>Gleichzeitig wandten sich indische Intellektuelle erstmals mit                 einer Welle von Publikationen Gandhi zu, der als politischer Denker                 und sogar als Theoretiker ernst genommen wurde. Es entstanden                 Verbindungen zu den sozialen Bewegungen wie das 1980 von Rajni                 Kothari gegr\u00fcndete <i>Lokayan<\/i>-Netzwerk (&#8222;Dialog unter der                 Bev\u00f6lkerung&#8220;), das AktivistInnen und Intellektuelle in einen Austausch                 bringen wollte. <\/p>\n<p>In diese Aufbruchstimmung sind Claude Alvarez und Ashis Nandy                 einzuordnen, deren basisorientierte, radikale Gandhi-Interpretation                 gegen die westlich-kapitalistische Industriezivilisation gerichtet                 war. <\/p>\n<p>Sie forderten gleichzeitig eine kritische Wiederaneignung indigener                 Traditionen, aber nicht etwa als Separatismus oder Nationalismus,                 sondern sie suchten nach Wegen, sich mit dem &#8222;anderen Westen&#8220;,                 der westlichen \u00f6kologischen, feministischen, Anti-Atom- und Friedensbewegung                 zu solidarisieren. Inhaltlich ergaben sich Gemeinsamkeiten mit                 einem minorit\u00e4ren, radikalen Teil dieser sozialen Bewegungen,                 der die dominanten und institutionalisierten L\u00f6sungen ablehnte                 und die Kritik der Wachstumsgesellschaft oder des milit\u00e4risch-industriellen                 Komplexes vorantrieb. Im Bereich der &#8222;Entwicklungszusammenarbeit&#8220;                 wurde der Begriff &#8222;Entwicklung&#8220; abgelehnt und in der Projektarbeit                 die Finanzierung durch westliche Geldgeber-Organisationen zur\u00fcckgewiesen.                 Der franz\u00f6sische Gandhi-Forscher Claude Markovits nennt diese                 Str\u00f6mung von bewegungsorientierten Intellektuellen &#8222;Indigenists&#8220;                 &#8211; weil sie auf eine Aufwertung unterdr\u00fcckter eigenst\u00e4ndiger, zum                 gro\u00dfen Teil auf dem <i>volkst\u00fcmlichen Hinduismus<\/i> basierender                 Traditionen orientierten.<\/p>\n<p>Ashis Nandy seinerseits beschreibt Gandhis Konzept als &#8222;kritischen                 Traditionalismus&#8220;, aber nicht um die Tradition mit moderner Ideologie,                 denen des kolonialistischen Westens, zu \u00fcberwinden, sondern um                 alternativen, lange verdr\u00e4ngten indischen Traditionen zu kultureller                 Hegemonie zu verhelfen. <\/p>\n<h3>Der subalterne Gandhi<\/h3>\n<p>Nahezu zeitgleich entstand in den 1980er Jahren im marxistischen                 Lager Indiens eine kreative Neubewertung Gandhis, die mit alten                 Schablonen seiner Rezeption als Agent einer subjektiv nicht beabsichtigten,                 aber objektiv, historisch nun einmal durchgesetzten bourgeois-kapitalistischen                 Gesellschaft brach. <\/p>\n<p>Insbesondere genauere Regionalstudien zu einzelnen Bewegungen                 oder Ereignissen der indischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung f\u00fchrten                 zu der Ansicht, dass nicht etwa Gandhi, sondern Nehru es gewesen                 sei, der den bourgeoisen Charakter des unabh\u00e4ngigen Indien letztlich                 festgezurrt habe. <\/p>\n<p>Diese Regionalstudien sind von Ranajit Guha (geb. 1922) in einer                 Publikationsreihe mit dem Titel &#8222;Subaltern Studies&#8220; ver\u00f6ffentlicht                 worden, nach der sich auch diese Interpretationsrichtung nennt.<\/p>\n<p>Partha Chatterjee hat in seinem diese Gandhi-Interpretation pr\u00e4genden                 Buch <i>Nationalist Thought and the Colonial World<\/i> ((5))                 auf die radikale Kritik der Industriezivilisation in Gandhis <i>Hind                 Swaraj<\/i> aus dem Jahre 1909 hingewiesen, nachdem bisherige marxistische                 Analysen, wenn sie denn in Ausnahmen wohlwollend waren, eher eine                 Evolution in Gandhis Denken herausarbeiteten, die ihm eine progressive,                 &#8222;zunehmend&#8220; sozialistische Einstellung zugestehen, je \u00e4lter und                 &#8222;reifer&#8220; sein Denken geworden sei &#8211; durchaus in dem Sinne einer                 halb-evolution\u00e4ren, halb-wissenschaftlichen Entwicklungsphilosophie.                 Gandhis Experimente mit der Wahrheit h\u00e4tten mit der Zeit zu immer                 besseren, sozialistischen Ergebnissen gef\u00fchrt. Diese positive                 Einsch\u00e4tzung beruht jedoch auf einem institutionellen Sozialismusverst\u00e4ndnis                 und auf vereinzelten Aussagen Gandhis kurz vor der Unabh\u00e4ngigkeit,                 in denen er etwa die Verstaatlichung von Schl\u00fcsselindustrien nicht                 ausschloss, w\u00e4hrend die durchg\u00e4ngig bei Gandhi vorhandene Vision                 selbstverwalteter D\u00f6rfer mit Gemeineigentum an Land im indischen                 Marxismus nicht in gleichem Sinne als sozialistisch anerkannt                 wurde. <\/p>\n<p>Die <i>Subaltern Studies <\/i>weisen hingegen auf diesen radikalen,                 allerdings gerade staatsfernen, institutionen- und fortschrittsfeindlichen                 Zug in Gandhis Denken hin, der erstmals in der marxistischen Tradition                 ernst genommen wurde.<\/p>\n<p>Ashis Nandys <i>Intimate Enemy<\/i> und Partha Chatterjees <i>Nationalist                 Thought and the Colonial World<\/i> k\u00f6nnen beide als fr\u00fche, aus                 Indien kommende Meilensteine der entstehenden, inzwischen weltweit                 bedeutsam gewordenen <i>Post-Colonial Studies<\/i> betrachtet werden.                  ((6))<\/p>\n<p>Trotz teilweise \u00e4hnlicher Sichtweisen gibt es wesentliche Unterschiede                 in den Gandhi-Interpretationen von Nandy bzw. den &#8222;Indigenists&#8220;                 sowie Chatterjee bzw. den &#8222;Subaltern Studies&#8220;, die sich nicht                 nur am Gebrauch marxistischer Begrifflichkeiten festmachen lassen.                 Insbesondere sp\u00fcrt Nandy in <i>The Intimate Enemy <\/i>den androgynen                 Impulsen und indigenen Resonanzen f\u00fcr das Gewaltlosigkeits-Konzept                 von Gandhi nach und kommt zu einer anti-kolonialen sozialpsychologischen                 Begr\u00fcndung des gewaltlosen Widerstands, die als hoch bedeutsam                 f\u00fcr die \u00dcberwindung des <i>Intimfeindes<\/i>, n\u00e4mlich des kolonisierten                 Bewusstseins auch in post-kolonialen Gesellschaften angesehen                 wird. Chatterjee, Guha usw. sehen dagegen gerade in Gandhis Gewaltlosigkeit                 &#8211; hierin traditionell marxistisch argumentierend &#8211; ein Hemmnis                 f\u00fcr die Weiterentwicklung eines anti- oder post-kolonialen Bewusstseins                 der Befreiung. Das r\u00fchrt von ihrem Untersuchungsansatz her, nach                 welchem die subalternen Massen in der indischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung                 zwar den Aufrufen Gandhis gefolgt seien, sie aber mit eigenen                 Inhalten gef\u00fcllt h\u00e4tten und dabei oft gewaltsam vorgegangen seien,                 auch wenn Gandhi zur gewaltfreien Aktion aufgerufen h\u00e4tte. Dieser                 Interpretation liegt die alte marxistische Vorstellung zugrunde,                 dass gewaltfreie Aktion per se eine bourgeoise Ideologie oder                 eine Ideologie kleinb\u00fcrgerlicher Mittelklassen sei, die den subalternen,                 b\u00e4uerlich-proletarischen, aber zu eigener Entscheidung f\u00e4higen                 Massen sozusagen gegen ihre Natur aufgedr\u00e4ngt w\u00fcrde &#8211; in diesem                 Fall als Ideologie Gandhis.<\/p>\n<p>Im Buch Ashis Nandys wird dagegen Gandhis Gewaltfreiheit als                 eine eigenst\u00e4ndige, in den b\u00e4uerlichen und vor allem androgynen                 Traditionen Indiens und der hybrid-toleranten Str\u00f6mung des l\u00e4ndlichen                 Hinduismus als M\u00f6glichkeit vorhandene, nicht-moderne Widerstandsform                 beschrieben, die dann wie selbstverst\u00e4ndlich von den subalternen                 Massen verstanden und angewandt wurde.<\/p>\n<h3>Der postmoderne Gandhi<\/h3>\n<p>Als j\u00fcngste Str\u00f6mung der Gandhi-Rezeption sind in den neunziger                 Jahren und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine ganze                 F\u00fclle von Publikationen erschienen ((7)),                 die Nandys Essays \u00fcber Gandhi als Ausgangspunkt einer <i>post-modernen                 <\/i>Gandhi-Interpretation benennen, dessen indigene Basis jedoch                 weniger in den Mittelpunkt stellen oder sogar kontr\u00e4r dazu vermeintlich                 indische Inspirationsquellen Gandhis auf Europa zur\u00fcckf\u00fchren.                 Den zugleich originellsten wie problematischsten Ansatz dieser                 Str\u00f6mung ver\u00f6ffentlichte im Jahr 2000 der US-Amerikaner Joseph                 S. Alter unter dem Titel <i>Gandhi&#8217;s Body<\/i>. ((8))                 Alter &#8222;dekonstruiert&#8220; dabei unter Zuhilfenahme von Nietzsche und                 Foucault, was andere Gandhi-Interpreten umgangen hatten: Gandhis                 Obsession f\u00fcr &#8222;Experimente mit der Wahrheit&#8220; im Bereich der Sexualit\u00e4t,                 der Gesundheitspflege, des Fastens, der Di\u00e4t und des <i>yoga<\/i>,                 die sowohl in Gandhis <i>Autobiographie<\/i> (1944) als auch in                 weiteren Schriften wie vor allem dem 1927 ver\u00f6ffentlichten <i>Self-Restraint                 vs. Self-Indulgence <\/i>(Selbstbeherrschung oder Genusssucht)                 und dem 1942 im Gef\u00e4ngnis geschriebenen <i>Keys to Health <\/i>(Schl\u00fcssel                 zur Gesundheit) \u00fcber weite Strecken dominieren. <\/p>\n<p>Alter meint, dass Gandhi den Kern seines Denkens nicht aus der                 indischen Tradition, sondern aus der europ\u00e4ischen Naturheilkunde                 des 19. Jahrhunderts gewonnen h\u00e4tte, die er w\u00e4hrend seiner Studienzeit                 in England und dann bis zu seinem sexuellen Enthaltsamkeits-Gel\u00fcbde                 (<i>brahmacharya<\/i>) 1906 in S\u00fcdafrika rezipiert habe. <\/p>\n<p>Besonders beeinflusst worden sei er dabei durch die &#8222;London Vegetarian                 Society&#8220; und das Buch von Henry Salt (1851-1939), <i>A Plea for                 Vegetarianism<\/i>, von 1886; durch Adolf Justs (1859-1936) Heilkuren                 mittels Erdumschl\u00e4gen; durch Sebastian Kneipps (1821-1897) Wasserkuren                 und Sitzb\u00e4der; und durch den franz\u00f6sischen moralischen Nationalisten                 Paul Bureau (1865-1923). Sie alle vertraten eine in ihrem Milieu                 um die Jahrhundertwende verbreitete Sexualmoral der Enthaltsamkeit                 auf physiologisch-wissenschaftlicher Grundlage: Samenerguss sei                 zugleich Energieabfluss, habe nerv\u00f6se physiologische Folgen und                 st\u00f6re die Konzentration auf soziale oder moralische Handlungen;                 die Frau k\u00f6nne noch eher als der Mann durch ihren Menstruationszyklus                 Energien zur\u00fcckgewinnen.<\/p>\n<p>Alter betont bei dieser Rezeption die Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit                 Gandhis, die sich auch in seinem experimentellen Herangehen an                 die Naturheilkunde und an Di\u00e4ten widerspiegele. Erst durch \u00dcbersetzungen                 europ\u00e4ischer B\u00fccher sei die Naturheilkunde als <i>ayurveda<\/i>                 in Indien verbreitet worden, gleiches gelte auch f\u00fcr <i>yoga<\/i>-\u00dcbungen.                 In Indien sei es in den zwanziger Jahren dann lediglich zur Verbindung                 von <i>yoga<\/i> und Naturheilkunde gekommen.<\/p>\n<p>Gandhi habe die Naturheilkunde der westlichen Medizin und der                 Hom\u00f6opathie vorgezogen, weil sie ohne \u00e4u\u00dfere ExpertInnen, ohne                 \u00c4rztInnen auskomme und es dem Individuum dadurch erm\u00f6gliche, seinen                 K\u00f6rper selbst zu kurieren und ein f\u00fcr das \u00dcberleben in Indien                 notwendiges, gesundes, minimales, aber ausreichendes Essensregime                 zu entwickeln, auch wenn das alles gro\u00dfe individuelle Selbstdisziplin                 erfordere. Au\u00dferdem setze die Naturheilkunde st\u00e4rker auf Pr\u00e4vention                 und vermeide so Krankheiten, f\u00fcr deren Heilung sich das Individuum                 auf \u00c4rztInnen als Reparaturinstanz verlasse, ohne selbst f\u00fcr die                 k\u00f6rperliche Gesundheit Sorge zu tragen. <\/p>\n<p>Gandhi entwarf so eine \u00f6ffentliche Gesundheitspolitik f\u00fcr das                 unabh\u00e4ngige Indien, in der alle Individuen sich in diesem Sinne                 selbst beherrschen.<\/p>\n<p>Mit der Betonung auf k\u00f6rperliche Selbstdisziplin stellte sich                 f\u00fcr ihn aber auch die Frage nach k\u00f6rperlicher Ert\u00fcchtigung und                 ob sportliche \u00dcbungen z.B. in seinen kommunit\u00e4ren Gemeinschaften,                 den <i>ashrams<\/i>, eingef\u00fchrt werden sollten.<\/p>\n<p>Gandhi war zuweilen sogar an \u00dcbungen des k\u00f6rperlichen Drills                 interessiert und hat aus diesem Grund eine Anleitung zu milit\u00e4rischem                 Drill \u00fcbersetzt. <\/p>\n<p>Er blieb aber ambivalent, lehnte dies f\u00fcr seine <i>ashrams<\/i>                 letztlich ab und riet sogar seinem Mitstreiter Prithvi Singh,                 der eigens eine <i>Ahimsak Vyayam Sangh (Nonviolent Excercise                 Association) <\/i>gegr\u00fcndet hatte, um &#8222;starke und energische K\u00f6rper                 f\u00fcr Gewaltfreiheit&#8220; zu trainieren, sich auf <i>yoga<\/i> zu beschr\u00e4nken,                 was dann auch in den <i>ashrams <\/i>so praktiziert wurde. Hier                 wird der Ansatz Alters als eine Art Gegentendenz zu Ashis Nandy                 sichtbar, denn w\u00e4hrend k\u00f6rperlicher Drill &#8211; sogar auf Massenbasis                 &#8211; und Gandhi f\u00fcr Alter eng beieinander liegen, bildet der paramilit\u00e4rische                 k\u00f6rperliche Drill der <i>khaki-<\/i>Shorts der hindu-nationalistischen                 <i>Rashtriya Swayamsevak Sangh (Nationale Freiwilligen-Organisation,                 RSS)<\/i>, woraus der Gandhi-M\u00f6rder Nathuram Godse hervorging und                 die heute eine Vorfeldorganisation der fundamentalistischen BJP                 ist, f\u00fcr Nandy den Kern des von ihm als post-kolonial kritisierten                 <i>kshatriya<\/i>-Militarismus (Militarismus der Krieger-Kaste),                 dem er den androgynen Anti-Kolonialismus Gandhis als davon weit                 entfernte Alternative gegen\u00fcberstellt. W\u00e4hrend Gandhis Gewaltfreiheit                 f\u00fcr Nandy also zentral bleibt, ist Gewaltfreiheit f\u00fcr Alter nur                 eine von vielen Folgen von Gandhis Anschauungen \u00fcber den K\u00f6rper                 &#8211; und kann leicht zweitrangig werden.<\/p>\n<p>Eine mehr systematische Theorie zur post-modernen Gandhi-Interpretation                 haben die US-amerikanischen, in Chicago lehrenden Gandhi-ForscherInnen                 Lloyd I. Rudolph und Susanne Hoeber Rudolph in mehreren Essays                 in dem Buch <i>Postmodern Gandhi and Other Essays <\/i>((9))                 entworfen. Der darin enthaltene Aufsatz <i>Postmodern Gandhi<\/i>                 von Lloyd I. Rudolph ist f\u00fcr diese j\u00fcngste Gandhi-Interpretation                 programmatisch.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wird Gandhis <i>Hind Swaraj<\/i> von 1909 zur quasi klassischen                 Schrift der post-modernen Theorie \u00fcberhaupt gek\u00fcrt: <\/p>\n<p>&#8222;Als er 1909 <i>Hind Swaraj<\/i> schrieb, half er, die postmoderne                 Epoche dadurch zu begr\u00fcnden, dass er die \u201amoderne Zivilisation&#8216;                 kritisierte und zur\u00fcckwies und eine zivilisierte Alternative dazu                 artikulierte.&#8220; ((10)) <\/p>\n<p>Dann betont Rudolph, dass Gandhis Verst\u00e4ndnis von Wahrheit, <i>satya<\/i>,                 elementarer Bestandteil der Aktionsform <i>satyagraha<\/i>, als                 die Umkehrung von &#8222;Gott ist die Wahrheit&#8220; in &#8222;die Wahrheit ist                 Gott&#8220; eine subjektive, relative und keine objektiv wissenschaftlich                 feststellbare, absolute Wahrheit meint. <\/p>\n<p>Das Individuum kann sich durch subjektive Suche nach der Wahrheit                 der absoluten Wahrheit ann\u00e4hern, aber sie nie ganz erkennen. Die                 Einsicht in die absolute Wahrheit bleibt dem Sterblichen entzogen.<\/p>\n<p>Gandhi habe die absolute Wahrheit mit einem Diamanten verglichen,                 der nie von allen Seiten betrachtet werden k\u00f6nne, aber dessen                 sichtbare Facetten relative Wahrheiten offenbarten. Diese relative                 Wahrheitskonzeption Gandhis wird dann mit dem f\u00fcr die post-moderne                 Theorie typischen Relativismus verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Der Unterschied der post-modernen Gandhi-Interpretation der Rudolphs                 zur Interpretation von Nandy in <i>The Intimate Enemy<\/i> liegt                 darin, dass Nandy lieber von un-modernem und nicht-kolonisiertem                 Bewusstsein oder &#8211; in seinem Vorwort &#8211; von &#8222;Unschuld&#8220; spricht.                 Damit meint er die meist nach hinduistischen Alltagstraditionen                 lebende l\u00e4ndliche Mehrheitsbev\u00f6lkerung Indiens, die gar nicht                 erst durch moderne Bewusstseinsstrukturen hindurchgehen musste                 (wie die kolonial sozialisierte st\u00e4dtische Oberschicht) und deshalb                 von modernen Ideologien wie S\u00e4kularismus und Nationalismus nur                 oberfl\u00e4chlich oder gar nicht beeinflusst war (deshalb &#8222;un-modern&#8220;                 oder &#8222;nicht-modern&#8220; statt &#8222;post-modern&#8220;), auf die sich Gandhi                 in seinen anti-kolonialen Aktionen aber als Massenbasis gest\u00fctzt                 hat und deren Traditionen religi\u00f6ser Toleranz &#8211; die bis zur Anerkennung                 von AtheistInnen als ernsthafte Wahrheits- und damit GottsucherInnen                 reichte &#8211; er zu mobilisieren vermochte.<\/p>\n<p>Als Abschluss dieser Interpretationsgeschichte sei noch auf die                 aus der post-modernen Gandhi-Interpretation hervorgegangene, vergleichende                 <i>cross-cultural-<\/i>Literatur hingewiesen, in der mittels Einfl\u00fcsse                 aus anderen Kulturen Probleme und Krisen althergebrachter Kulturen                 neu betrachtet und sogar weiterentwickelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutschsprachige Gandhi-Interpretation hat unl\u00e4ngst der                 Staatsrechtler Dieter Conrad in einer leider unabgeschlossen gebliebenen                 Untersuchung die westliche Staatskonzeption mit dem staatskritischen                 Politikverst\u00e4ndnis Gandhis konfrontiert und ist zu f\u00fcr einen Staatsrechtler                 erstaunlichen Einsichten gekommen, n\u00e4mlich &#8222;dass die Diskussion                 \u00fcber <i>Satyagraha<\/i> nicht als \u00fcber eine Besonderheit der indischen                 Dekolonisierungsgeschichte zu f\u00fchren ist, sondern unter dem Aspekt                 einer quasi naturrechtlichen Infragestellung des Staates.&#8220; ((11))               <\/p>\n<p>Die Staats- und Gewaltkritik Gandhis soll der Relativierung des                 &#8222;Staats okzidentalen Typs&#8220; und seines monopolisierten Gewaltrechts                 dienen: &#8222;Mit der prinzipiellen Anzweiflung von Gewaltform und                 Unilateralit\u00e4t von Herrschaft (durch Gandhi; d.A.) (&#8230;) ist ein                 systembedrohendes Element eingef\u00fchrt und der Staat insgesamt zur                 Diskussion gestellt.&#8220; ((12))                 Angesichts aktueller Weltprobleme wie r\u00e4umlich &#8222;\u00fcbergreifende                 \u00f6kologische Aufgaben&#8220;, angesichts &#8222;weltweiter Mobilit\u00e4t und Kommunikation,                 d.h. eines faktisch weltb\u00fcrgerlichen Solidarit\u00e4tsbewusstseins&#8220;                 sei, so Conrad, mit Gandhi zu fragen, ob &#8222;die rechtliche Totalauslieferung                 des Individuums an die jeweilige Territorialjurisdiktion noch                 ertr\u00e4glich erscheint.&#8220; ((13))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Begriff &#8222;Anarchie&#8220; benutzte Gandhi in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen und in zeitlich verschiedendem Kontext auf dreifache Weise: Erstens in einem positiven, anarchistischen Sinne als ferne, aber entscheidende Zielvorstellung sozialer und freier Gesellschaftsordnung. 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