{"id":8626,"date":"2008-03-01T00:00:56","date_gmt":"2008-02-29T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8626"},"modified":"2022-07-26T14:24:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:15","slug":"deutschland-fuhrt-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/03\/deutschland-fuhrt-krieg\/","title":{"rendered":"Deutschland f\u00fchrt Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Im Sommer 2008 soll eine &#8222;Schnelle Eingreiftruppe&#8220; der Bundeswehr                 die dort bereits stationierten ISAF-Verb\u00e4nde verst\u00e4rken und die                 in Nordafghanistan operierende &#8222;Quick Reaction Force&#8220; (QRF) von                 den Norwegern \u00fcbernehmen. <\/p>\n<p>Die Zahl der BundeswehrsoldatInnen in Afghanistan soll nach Angaben                 des Nachrichtenmagazins von derzeit 3.500 auf bis zu 4.500 erh\u00f6ht                 werden.<\/p>\n<p>Die Provinz Badghis, die bisher zur Westregion unter italienischem                 Kommando geh\u00f6rt, soll dem &#8222;deutschen Sektor&#8220; im Norden zugeschlagen                 werden.<\/p>\n<p>Wie der <i>Spiegel<\/i> berichtet, wird zudem erwogen, die Verl\u00e4ngerung                 des Mandates f\u00fcr die &#8222;ISAF-Stabilisierungstruppen&#8220; vom Herbst                 auf den Juni vorzuziehen. Das bisher auf ein Jahr befristete Mandat                 solle auf 15 oder 18 Monate ausgedehnt werden. Dahinter stehe                 die Absicht, den Kriegseinsatz in Afghanistan aus dem bevorstehenden                 Bundestagswahlkampf herauszuhalten. <\/p>\n<p>Unions-Bundestagsfraktionschef Kauder nannte in der <i>Welt am                 Sonntag<\/i> eine m\u00f6gliche Frist bis ins Fr\u00fchjahr 2010 f\u00fcr die                 Dauer des Mandats. <\/p>\n<p>Laut <i>Spiegel<\/i> will Bundeskanzlerin Merkel die Ma\u00dfnahmen                 bei dem f\u00fcr April geplanten NATO-Gipfeltreffen in Bukarest verk\u00fcnden.               <\/p>\n<p>So sollen Forderungen der US-Regierung nach einem Kampfeinsatz                 der Bundeswehr im S\u00fcden Afghanistans abgewehrt werden.<\/p>\n<h3>Immer mehr, immer mehr, immer mehr&#8230;<\/h3>\n<p>&#8222;Nach der Entscheidung zum Einsatz von Bundeswehrtornados im                 umk\u00e4mpften S\u00fcden Anfang 2007 und der Beteiligung an umfangreichen                 Kampfhandlungen in Nordafghanistan unter deutschem Oberkommando                 im Herbst letzten Jahres, ist dies nun der dritte \u201aMeilenstein&#8216;,                 mit dem sich Deutschland innerhalb nur eines Jahres immer tiefer                 in die Kriegsf\u00fchrung am Hindukusch verstrickt&#8220; ((2)),                 stellt J\u00fcrgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung                 (IMI) fest. <\/p>\n<p>Mit der geplanten \u00dcbernahme der Quick Reaction Force und der                 wahrscheinlichen Aufstockung der Truppen steigt die Wahrscheinlichkeit,                 dass die BundeswehrsoldatInnen zunehmend direkt an der Aufstandsbek\u00e4mpfung                 beteiligt sind. <\/p>\n<h3>Die &#8222;armutsgetriebenen &#8218;Graswurzelgruppen'&#8220; und der &#8222;Operationsschwerpunkt                 Aufstandsbek\u00e4mpfung&#8220;<\/h3>\n<p>Im November 2007 kam die kanadische Denkfabrik Senlis Council                 zu dem Ergebnis, dass die Widerstandsgruppen weiter auf dem Vormarsch                 seien und die &#8222;Sicherheitslage mittlerweile die Dimension einer                 echten Krise angenommen hat&#8220;. ((3))               <\/p>\n<p>Zwar betonen die Autoren der Senlis-Studie, dass der gro\u00dfe Zulauf                 f\u00fcr die Widerstandsgruppen ma\u00dfgeblich damit zusammenh\u00e4ngt, dass                 die &#8222;internationalen Entwicklungs- und Wiederaufbaubem\u00fchungen                 unterfinanziert und ohne signifikante Auswirkungen auf die lokalen                 Lebensbedingungen waren&#8220;. <\/p>\n<p>Festgestellt wird dort aber auch, dass sich der Gro\u00dfteil des                 Widerstands aus &#8222;armutsgetriebenen &#8218;Graswurzelgruppen'&#8220; (sic!)                 und nicht aus islamistischen Fundamentalisten zusammensetzt. <\/p>\n<p>Dennoch, so J\u00fcrgen Wagner, pl\u00e4diere der Think Tank f\u00fcr eine massive                 Eskalation der westlichen Kriegsf\u00fchrung, indem er fordere, die                 ISAF-Truppenst\u00e4rke auf insgesamt 80.000 SoldatInnen zu erh\u00f6hen                 und gleichzeitig nationale Vorbehalte, die teils die Teilnahme                 an umfangreichen Kampfhandlungen einschr\u00e4nken bzw. verbieten,                 abzuschaffen. &#8222;Gem\u00e4\u00df eines Umlageschl\u00fcssels w\u00fcrde dies f\u00fcr Deutschland                 eine Verdopplung des gegenw\u00e4rtigen Kontingents erfordern.&#8220;<\/p>\n<p>Die NATO hat im Jahr 2007 ihre Gesamtst\u00e4rke von 31.000 auf 42.000                 SoldatInnen erh\u00f6ht und bewegt sich damit in Richtung der Vorschl\u00e4ge                 des Senlis Council. Zudem k\u00e4mpfen noch SoldatInnen im Rahmen der                 US-gef\u00fchrten &#8222;Operation Enduring Freedom&#8220; (OEF).<\/p>\n<p>Laut Senlis h\u00e4tten vor allem die &#8222;Lerneffekte&#8220; aus dem Guerillakrieg                 im Irak zur Effektivierung des Widerstands beigetragen, indem                 dort &#8222;erfolgreich&#8220; erprobte Kampfma\u00dfnahmen \u00fcbernommen wurden.               <\/p>\n<p>&#8222;Doch nicht nur den Widerstandsgruppen dient der extrem blutige                 Krieg im Irak als Vorbild. Ausgerechnet eine Analyse eines regierungsnahen                 Think Tanks, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), pl\u00e4diert                 daf\u00fcr, die Bundeswehr m\u00fcsse das von den USA im Irak angewandte                 Aufstandsbek\u00e4mpfungskonzept f\u00fcr Afghanistan \u00fcbernehmen&#8220;, analysiert                 J\u00fcrgen Wagner.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsse sich, folgt man den Autoren der Studie, Timo Noetzel                 und Benjamin Schreer, an der US-Strategie im Irak orientieren,                 die sich auszeichne durch die &#8222;Durchf\u00fchrung gezielter Operationen                 und eine wesentlich breitere Truppenpr\u00e4senz in der Fl\u00e4che.&#8220; <\/p>\n<p>Der Vergleich mit Afghanistan biete sich an, denn: &#8222;Wie im Irak                 bestehen auch dort klassische Herausforderungen durch Aufst\u00e4ndische,                 die m\u00f6glichst wirksam bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen. [Deshalb ist] die                 milit\u00e4rische Pr\u00e4senz der Koalitionstruppen in der Fl\u00e4che und die                 Durchf\u00fchrung gezielter offensiver Operationen gegen radikale Aufst\u00e4ndische                 notwendig.&#8220; <\/p>\n<p>F\u00fcr Deutschland und die NATO gehe es darum, den &#8222;Operationsschwerpunkt                 Aufstandsbek\u00e4mpfung&#8220; in den Mittelpunkt der Planung zu r\u00fccken.                 Von der ohnehin prim\u00e4r auf dem Papier existierenden Entwicklungshilfemission                 ist nicht mehr viel \u00fcbrig geblieben.<\/p>\n<p>Die SWP-Autoren beklagen, die Situation w\u00fcrde dadurch &#8222;erschwert,                 dass ISAF im Norden nur sehr beschr\u00e4nkt \u00fcber einsetzbare Kr\u00e4fte                 zur Durchf\u00fchrung offensiver Operationen oder zur Reaktion auf                 Angriffe verf\u00fcgt&#8220;. Dies gelte auch und besonders f\u00fcr Deutschland,                 das schlie\u00dflich das Oberkommando in Nordafghanistan innehabe.                 Doch genau in diesem Bereich sehen die SWP-Strategen Licht am                 Ende des Tunnels: Durch die deutsche \u00dcbernahme der QRF &#8222;verf\u00fcgten                 die deutschen Kommandeure k\u00fcnftig \u00fcber F\u00e4higkeiten, die ihnen                 eigenst\u00e4ndige und mit den afghanischen Sicherheitskr\u00e4ften integrierte                 offensive Operationen erm\u00f6glichen&#8220;. ((4))               <\/p>\n<h3>&#8222;Allzeit bereit &#8211; Schnelle Eingreiftruppe Quick Reaction Force&#8220;                  ((5)) <\/h3>\n<p>Unter diesem Motto wirbt die Bundeswehr auf ihrer Homepage f\u00fcr                 die aus 250 ElitesoldatInnen bestehende Schnelle Eingreiftruppe.<\/p>\n<p>&#8222;Ger\u00e4t eines der Regionalen Wiederaufbauteams (Provincial Reconstruction                 Teams &#8211; PRT) milit\u00e4risch unter Druck, wird es von einer schnellen                 Eingreiftruppe, der Quick Reaction Force (QRF) unterst\u00fctzt. Jeder                 Regionalkommandeur (Regional Commander) der ISAF in Afghanistan                 kann auf eine solche robuste Reserveeinheit zur\u00fcckgreifen. Wenn                 die empfindliche Sicherheitslage aber in Gefahr ger\u00e4t, greifen                 die ISAF-Kr\u00e4fte auch mit ihren milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten ein.                 (&#8230;) Seit dem 8. Januar ist der deutsche Brigadegeneral Dieter                 Dammjacob Regionalkommandeur der ISAF-Truppe im Norden mit Hauptquartier                 in Mazar i Sharif.<\/p>\n<p>Er kann auf die QRF als seine Reserve zur\u00fcckgreifen und sie in                 ganz Nordafghanistan einsetzen.&#8220; Das Spektrum der Einsatzoptionen                 ist laut www.bundeswehr.de breit gef\u00e4chert. Die QRF k\u00f6nne in Gefechtssituationen                 z.B. &#8222;feindliche Gefechtsfahrzeuge bek\u00e4mpfen und M\u00f6rserfeuer oder                 Luftnahunterst\u00fctzung zum Einsatz bringen. (&#8230;) Au\u00dferdem ist sie                 in der Lage, gewaltbereite Menschenmengen mit nichtletalen Mitteln                 unter Kontrolle zu bringen. &#8220; ((6))               <\/p>\n<p>Die &#8222;Verst\u00e4rkung eigener Kr\u00e4fte in eskalierenden Lagen&#8220; geh\u00f6re                 ebenso &#8222;zum ge\u00fcbten und beherrschten Einsatzspektrum wie der Einsatz                 gegen militante Kr\u00e4fte im Einsatzgebiet, die die Sicherheitslage                 gef\u00e4hrden&#8220;. ((7))<\/p>\n<p>Der Sprecher von Kriegsminister Jung, Thomas Raabe, beschrieb                 das Ziel der QRF mit den Worten &#8222;crowd and riot control&#8220;, also                 Aufstandsbek\u00e4mpfung. ((8))<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Wagner beschreibt die QRF als eine Art &#8222;Feuerwehrtruppe&#8220;,                 die dann ausr\u00fcckt, wenn sich die milit\u00e4rische Lage zuzuspitzen                 droht, was mittlerweile auch in Nordafghanistan immer h\u00e4ufiger                 der Fall sei.<\/p>\n<p>&#8222;Es steht zu bef\u00fcrchten, dass die NATO-L\u00e4nder (&#8230;) dem in dem                 SWP-Papier vorgezeichneten Weg folgen werden&#8220;, so der IMI-Autor.               <\/p>\n<p>F\u00fcr die SWP-Denkfabrik sei es ein &#8222;zwingend erforderlicher Schritt                 [&#8230;] die Aufstandsbek\u00e4mpfung als neue Einsatzrealit\u00e4t zu akzeptieren&#8220;.                  ((9))<\/p>\n<p>Mittlerweile h\u00e4ufen sich die Forderungen insbesondere im <i>NATO-Review<\/i>,                 der Zeitung des Milit\u00e4rb\u00fcndnisses, &#8222;Stabilisierungsmissionen&#8220;                 und somit die Aufstandsbek\u00e4mpfung im Zuge solcher Besatzungsregime                 zu ihrer Kernaufgabe zu machen.<\/p>\n<p>Hiermit werde die NATO endg\u00fcltig zur globalen Aufstands- und                 Besatzungstruppe, folgert Wagner. <\/p>\n<p>&#8222;Dass ein derartiger Richtungswandel vollkommen unkritisiert,                 ohne jegliche \u00f6ffentliche Debatte und mit Hinblick auf das so                 genannte Tornado-Urteil auch noch mit Plazet des Bundesverfassungsgerichts                 vonstatten gehen kann, das Mitte 2007 lapidar feststellte, es                 fehle an \u201aAnhaltspunkten f\u00fcr eine strukturelle Entfernung der                 NATO von ihrer friedenswahrenden Ausrichtung&#8216;, ist nichts weniger                 als ein Skandal gr\u00f6\u00dften Ausma\u00dfes.&#8220; <\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>&#8222;Deutschland wird am Hindukusch verteidigt&#8220;, so hatte es 2001                 der damalige Kriegsminister Struck formuliert. George Orwell l\u00e4sst                 gr\u00fc\u00dfen: Krieg ist Frieden und Kolonialkrieg hei\u00dft jetzt &#8222;Verteidigung&#8220;.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das deutsche Milit\u00e4r Teil einer neokolonialen                 Besatzungsmacht unter F\u00fchrung von George W. Bush. ((10))<\/p>\n<p>Und diese Besatzungsmacht f\u00fchrt einen brutalen Krieg, der sich                 nicht nur gegen die Aufst\u00e4ndischen richtet. W\u00e4hrend die NATO ihr                 kriegerisches Potential erh\u00f6hen will und Milliarden in den Kriegseinsatz                 steckt, hungert die afghanische Bev\u00f6lkerung. Zigtausende AfghanInnen                 sind auf der Flucht vor Krieg und Hunger.<\/p>\n<p>Da wirkt es dann wie Hohn, wenn die Bundeswehr propagandistisch                 auf ihrer Homepage verk\u00fcndet, dass sie in eine der gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingssiedlung                 in der Blue Box gefahren ist, &#8222;um weitere 300 afghanische Familien                 mit dem N\u00f6tigsten f\u00fcr die n\u00e4chsten vier Wochen zu versorgen&#8220;.                  ((11)) <\/p>\n<p>Deutschland f\u00fchrt Krieg in Afghanistan und ist mitverantwortlich                 f\u00fcr die katastrophale Situation der hungernden und unter menschenunw\u00fcrdigen                 Bedingungen lebenden Zivilbev\u00f6lkerung. ((12))               <\/p>\n<p>Nach Angaben des US-Nachrichtenmagazins <i>TIME<\/i> planen die                 USA f\u00fcr 2009 eine Erh\u00f6hung ihrer Milit\u00e4rausgaben auf 650 Milliarden                 Dollar. Das ist der h\u00f6chste Kriegsetat seit dem Zweiten Weltkrieg.                  ((13)) Auch die anderen NATO-Partner                 r\u00fcsten weiter auf. Ganz vorne &#8222;mitspielen&#8220; im grausamen Gesch\u00e4ft                 des Krieges will auch die Bundesregierung. Schlie\u00dflich ist Deutschland                 nach den USA und Russland mittlerweile der drittgr\u00f6\u00dfte Waffendealer                 der Welt. Krieg zahlt sich aus. <\/p>\n<p>Wer auch immer die Wahlen in den USA gewinnen wird, dass sich                 der oder diejenige gegen die m\u00e4chtige Milit\u00e4rlobby stellen wird,                 ist auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn sich nicht eine weltweite globale Bewegung dagegen organisiert,                 dann werden die Kriege in Afghanistan und im Irak weitergehen,                 ob unter F\u00fchrung von McCain, Clinton oder Obama.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen immer wieder betonen, dass jeder Krieg ein Verbrechen                 gegen die Humanit\u00e4t ist. Die Menschen in Afghanistan brauchen                 keine Besatzungstruppen. Krieg und Terror haben dieses Land ruiniert.<\/p>\n<p>Menschenrechtsorganisationen best\u00e4tigen immer wieder, dass Hilfe                 dort am besten geleistet werden kann, wo kein Milit\u00e4r vorhanden                 ist. Mit einem Bruchteil des in den Krieg investierten Geldes                 k\u00f6nnten der Hunger und die soziale Misere in Afghanistan und in                 allen anderen arm gemachten L\u00e4ndern der Erde beseitigt werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 2008 soll eine &#8222;Schnelle Eingreiftruppe&#8220; der Bundeswehr die dort bereits stationierten ISAF-Verb\u00e4nde verst\u00e4rken und die in Nordafghanistan operierende &#8222;Quick Reaction Force&#8220; (QRF) von den Norwegern \u00fcbernehmen. Die Zahl der BundeswehrsoldatInnen in Afghanistan soll nach Angaben des Nachrichtenmagazins von derzeit 3.500 auf bis zu 4.500 erh\u00f6ht werden. 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