{"id":8629,"date":"2008-03-01T00:00:44","date_gmt":"2008-02-29T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8629"},"modified":"2022-07-26T14:14:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:48","slug":"aufbruch-in-den-selbstbestimmten-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/03\/aufbruch-in-den-selbstbestimmten-tod\/","title":{"rendered":"Aufbruch in den selbstbestimmten Tod"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6ffentliche Diskurse, Medien und Kinofilme r\u00fccken Einzel-Schicksale in den Mittelpunkt, die emotionalisieren und dadurch gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge gezielt ausblenden.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge, die meines Erachtens im Hintergrund stehen und sich mit den Fragen verbinden: &#8222;Wann beginnt menschliches Leben? Wer ist schon oder noch vollwertiger Mensch?&#8220; Diese wissenschaftlich anmutenden Fragen der biomedizinischen und medizintechnologischen Debatte f\u00fchren aber ganz nebenbei Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Selbstwertanalyse ein, die den auf Behandlungsabbruch basierenden Patientenverf\u00fcgungen immanent ist.<\/p>\n<h3>Blick zur\u00fcck im Zorn &#8230;<\/h3>\n<p>Ein R\u00fcckblick in die Vergangenheit zeigt: die Fragen sind gar nicht neu und durchaus nicht erst aufgrund gegenw\u00e4rtiger medizintechnischer und biomedizinischer M\u00f6glichkeiten entstanden.<\/p>\n<p>Wer als Mensch gilt und wer nicht, besch\u00e4ftigte schon Generationen vor uns. Es ist von jeher eine Frage der gesellschaftlichen Zugeh\u00f6rigkeit und bzw. oder der Stellung und des Wertes einer Person innerhalb seines gesellschaftlichen Systems. Die Frage ist somit abh\u00e4ngig von den gesellschaftlichen Bedingungen. Wechselnde Gesellschaftsformen f\u00fchren zu unterschiedlichen Antworten. Je nach Zeitalter wird z.B. Sklaven oder auch Frauen das vollwertige Menschsein abgesprochen.<\/p>\n<p>Hinter der Frage, wer als vollwertiger Mensch gelte, verbirgt sich die Frage, wessen Menschenrechte eingeschr\u00e4nkt oder aufgehoben werden sollen.<strong><em><\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong>Meist ist es die politische Entscheidung der jeweils M\u00e4chtigen, die je nach Epoche religi\u00f6s, juristisch oder medizinisch legitimiert wird.<\/p>\n<p>Die medizinische Legitimation hat gegenw\u00e4rtig Konjunktur.<\/p>\n<p>Aufstieg und Einflussnahme der Mediziner seit dem 19. Jahrhundert ((1)) haben ganz neue Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4nge mit sich gebracht, ein ganz neues Verst\u00e4ndnis der Menschen von sich selbst und vom Leben.<\/p>\n<p>Davon beeinflusst zeigte sich damals vor allem das B\u00fcrgertum. Es beginnt, sich von seinem K\u00f6rper, von der Gesundheit des Organismus her zu definieren. Diese Aufwertung des K\u00f6rpers f\u00e4llt zusammen mit der Steigerung und Etablierung der b\u00fcrgerlichen Vorherrschaft in der Gesellschaft.<\/p>\n<h3>Vorherrschaft braucht immer Begr\u00fcndung!<\/h3>\n<p>Statt wie die Aristokratie ihre Eigenart in Form des &#8222;Blutes&#8220; zu behaupten, definiert sich das B\u00fcrgertum also von seiner k\u00f6rperlichen Gesundheit her &#8211; gesch\u00fctzt durch selbst gegebene biologische, medizinische und sp\u00e4ter auch eugenische Vorschriften, gest\u00fctzt auf neues Wissen &#8211; auf Wissenschaft.<\/p>\n<p>Der K\u00f6rper, seine St\u00e4rke und Gesundheit, die Langlebigkeit des Menschen, Zeugungskraft und Nachkommenschaft stehen im Zentrum des Interesses und werden zu Ansatzpunkten wissenschaftlicher Untersuchungen. Neue Techniken zur Maximalisierung des Lebens entstehen: von Hygiene- und Ern\u00e4hrungsvorschriften bis hin zur Eugenik.<\/p>\n<p>Gleichzeitig werden die biologischen Prozesse wie Fortpflanzung, Geburt, Sterben, Gesundheit und Lebensdauer aber auch zu Gegenst\u00e4nden eingreifender Ma\u00dfnahmen und regulierender Kontrollen. Eine sorgf\u00e4ltige Verwaltung der K\u00f6rper und rechnerische Planung des Lebens beginnen unter der Pr\u00e4misse der Verantwortung f\u00fcr das Leben und der Regie der Wissenschaftszweige Demographie und Medizin.<\/p>\n<h3>Eine Bio-Politik der Bev\u00f6lkerung etabliert sich<\/h3>\n<p>\u00dcber die Denkfigur der &#8222;Verantwortung f\u00fcr das Leben&#8220; verschafft sich diese Bio-Politik den Zugang zum K\u00f6rper und erh\u00e4lt Macht \u00fcber ihn. ((2))<\/p>\n<p>Mit der wachsenden Bedeutung von Wissenschaftlichkeit verbindet sich ein Deutungswandel: was bisher gest\u00fctzt durch die Kirche in den Kategorien des Moralischen oder D\u00e4monischen gesellschaftlich ge\u00e4chtet wurde (bestimmtes Verhalten von Frauen, Perversion und Behinderung), findet jetzt seine Beherrschung durch neue Technologien: die Medizinierung der Sexualit\u00e4t der Frau, die Psychiatrisierung der so genannten Perversionen und die Programme der Eugenik.<\/p>\n<p>Die theologischen Begr\u00fcndungen f\u00fcr Aussonderung und Stigmatisierung werden sp\u00e4testens seit dem 19. Jahrhundert von therapeutischen abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Die Anpassung menschlichen Lebens an eine vorgegebene Norm ist die Grundlage der Entwicklung der neuen Bio-Politik.<\/p>\n<p>Sie basiert auf Freiwilligkeit, auf der Einsicht der B\u00fcrgerInnen in die wissenschaftlich fundierten Zusammenh\u00e4nge der Maximalisierung des Lebens.<\/p>\n<p>Um das Leben und seine Bedingungen von Gesundheit und Fortpflanzung sichern zu k\u00f6nnen, so argumentiert sie, muss fortlaufend regulierend und korrigierend eingegriffen und alles menschliche Leben in einem Bereich von Wert und Nutzen organisiert werden.<\/p>\n<p>Durch ein System von Qualifizieren, Messen, Absch\u00e4tzen und Abstufen werden die Menschen so auf eine Norm hin ausgerichtet. Diese Norm wiederum orientiert sich an den gesellschaftlichen Bedingungen, in erster Linie an den \u00f6konomischen Notwendigkeiten.<em><\/em><\/p>\n<p>Die Korrektur des Vorfindlichen durch Ausgrenzen oder Vernichten der Leidenden und Kranken, wie sie die Biotechnologie bereits erfolgreich etabliert hat &#8211; in der BRD durch die pr\u00e4natale Euthanasie -, pr\u00e4gt inzwischen das Bewusstsein der &#8222;Gesund und Fit Generation&#8220; des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Langes Leben, Leben au\u00dferhalb der festgelegten Norm und ohne gesellschaftlichen Nutzen erscheint als unzul\u00e4ssige Verschwendung in einer auf Funktionalit\u00e4t basierenden Industriegesellschaft.<\/p>\n<p>Die skizzierte historische Entwicklung macht deutlich, dass die Fragen der Bioethik nicht von neuzeitlicher Medizintechnik evoziert wurden, sondern in der Tradition gesellschaftspolitischer Sicherung von Einfluss und Vorrang stehen. Insbesondere sind sie verkn\u00fcpft mit einem \u00f6konomisch funktionalen Blick auf menschliches Leben.<\/p>\n<p>Somit verlangen die Fragen nicht allein nach Antworten aus ethisch-moralischer, sondern ebenso sehr nach Antworten aus gesellschaftspolitischer Sicht.<\/p>\n<p>Der aktuelle Diskurs zur Legalisierung der Sterbehilfe bzw. zu t\u00f6dlichen Behandlungsgrenzen, wie sie die Patientenverf\u00fcgungen einf\u00fchren, ist daher in seinen gesellschaftlichen Auswirkungen kritisch zu bedenken.<\/p>\n<h3>Autonome Verzicht-Kultur<\/h3>\n<p>Die aktuelle Debatte ist in der \u00d6ffentlichkeit jedoch bereinigt von gesellschafts-politischem Kalk\u00fcl und dort allein bestimmt von einer individualistischen Argumentation, die das individuelle Recht auf einen vermeintlich selbstbestimmten Tod in den Vordergrund stellt.<\/p>\n<p>Dazu beigetragen haben die Inszenierungen einer hochtechnisierten Medizin und medienwirksame Einzelschicksale.<\/p>\n<p>Mit dem Hinweis auf ein grundrechtlich verbrieftes &#8222;Selbstbestimmungsrecht&#8220; fordern PolitikerInnen, Juristen und Patientenverb\u00e4nde inzwischen auch au\u00dferhalb der Sterbephase einen t\u00f6dlichen Behandlungs- und Ern\u00e4hrungsabbruch als &#8222;passive Sterbehilfe&#8220;- nach eigenem Willen oder \u00fcber die Mutma\u00dfung von anderen.<\/p>\n<p>Immer wieder wird betont, dass die aktive Sterbehilfe, die Euthanasie &#8211; anders als in den Niederlanden oder Belgien &#8211; bei uns nicht legalisiert werden soll. Die Entwicklungen in den Nachbarl\u00e4ndern beeinflussen dennoch unsere Debatte. Im \u00fcbrigen wurde die Euthanasie dort auch erst im Nachgang zu Patientenverf\u00fcgungen eingef\u00fchrt. Beides h\u00e4ngt somit eng zusammen.<\/p>\n<p>Patientenverf\u00fcgungen geh\u00f6ren zudem in den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang des vom Europarat 2003 verordneten Nachdenkens \u00fcber Euthanasie und Sterbebegleitung. ((3)) Von dort wird eine einheitliche europ\u00e4ische Regelung am Lebensende angestrebt.<\/p>\n<p>Aufgrund unserer Vergangenheit wird die Euthanasie selbst in der BRD weitgehend tabuisiert. Auch deshalb richtet sich die \u00f6ffentliche Diskussion zun\u00e4chst schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die Patientenverf\u00fcgungen. Sie regeln den sog. Behandlungsabbruch und die Organspende.<\/p>\n<p>Der Behandlungsabbruch ist insofern interessant, da medizinische Basisversorgung sowie lebenserhaltende Ma\u00dfnahmen &#8211; auch unter Einsatz von Technik &#8211; ebenso wie Schmerztherapie das Fundament \u00e4rztlichen Handelns bilden. Lebenserhaltung und Heilen sind der Arztberuf. Bisher.<\/p>\n<p>Wir sehen, dass \u00c4rztInnen in den Nachbarl\u00e4ndern auch das T\u00f6ten in ihr Ethos einbeziehen.<\/p>\n<p>Aber die Mehrheit der \u00c4rztInnen &#8211; so vermute ich &#8211; will die Aufgabe des T\u00f6tens von Menschen nicht \u00fcbernehmen. Sie w\u00fcrde jedoch akzeptieren, wenn ein Mensch bestimmte Behandlungen nicht will &#8211; auch dann, wenn diese Unterlassung zum Tode f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<h3>Freiwilliger Behandlungsverzicht!<\/h3>\n<p>Das ist gar nicht neu, sondern verfassungsrechtlich verbrieft, seit es die BRD gibt. Selbstbestimmung des Patienten geh\u00f6rt zu den Grundrechten in unserem Land und konnte auch bisher schon wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>Wir konnten immer schon \u00e4rztliche Behandlungen abbrechen und das Krankenhaus auf eigenen Wunsch verlassen.<\/p>\n<p>Medizinische Versorgung unterliegt keinem Zwang.<\/p>\n<p>Wenn wir allerdings aufgrund von Krankheit nicht mehr entscheidungsf\u00e4hig sind, dann hat bisher der Arzt die Verantwortung \u00fcbernommen und sich f\u00fcr die Erhaltung unseres Lebens eingesetzt. Oder in den letzten Stunden des Lebens eines Menschen mit dessen Angeh\u00f6rigen beraten, was noch getan werden sollte und was nicht.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte jetzt anders werden.<\/p>\n<p>Die Patientenverf\u00fcgungen bieten einen Rahmen, in dem der Behandlungsverzicht im voraus f\u00fcr bestimmte Situationen festgelegt werden soll.<\/p>\n<p>Vorab-Formulare f\u00fcr den Fall hoffnungsloser Krankheit, schwerer Behinderung, Koma oder Pflegebed\u00fcrftigkeit im Alter sollen &#8222;gutes&#8220; Sterben erm\u00f6glichen und &#8222;unn\u00f6tiges&#8220; Leiden verhindern. Das Gebot der Stunde lautet: Vorsorge treffen f\u00fcr eine zwar unbekannte, aber bedrohlich erscheinende Zukunft.<\/p>\n<p>Damit werden gleichzeitig entsprechende Krankheitsverl\u00e4ufe, Behinderungen, Koma und hohe Pflegebed\u00fcrftigkeit als Lebensphasen minderer Qualit\u00e4t charakterisiert. Dar\u00fcber scheint schon ein gesellschaftlicher Konsens zu bestehen, von dem aus man bei schlechter Prognose und mangelnder Besserungsaussicht dann einen schnellst m\u00f6glichen Tod w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund eines zunehmend \u00f6konomisierten Gesundheitsmarktes, den Rationierungen, der demografischen Entwicklung und dem schon jetzt offensichtlichen Pflegenotstand in der Versorgung alter Menschen kann diese Entwicklung zu denken geben.<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn der \u00f6konomische Druck mehr und mehr das Diktat bei der Behandlung und Pflege von Kranken, Schwerstkranken und alten Menschen \u00fcbernimmt, wenn die fatalen Folgen der Kostend\u00e4mpfung im Gesundheitswesen zunehmend sp\u00fcrbar werden?<\/p>\n<p>Krankenh\u00e4user und Pflegezentren m\u00fcssen wirtschaftlich arbeiten und Behandlungskosten kalkulieren. Aufgrund von Rationierungen und Verg\u00fctungen nach Fallpauschalen werden medizinische Leistungen immer mehr nach Kosten-Nutzen-Kalkulationen angeboten.<\/p>\n<p>Fraglich ist schon jetzt, ob notwendige medizinische und pflegerische Leistungen f\u00fcr schwerstkranke oder pflegebed\u00fcrftige Menschen immer gew\u00e4hrleistet sind.<\/p>\n<p>Anders als in den 70er Jahren, als die Debatte \u00fcber Sterbehilfe vor allem von der Angst vor der so genannten Apparatemedizin getragen wurde, vor einer das Leben qualvoll verl\u00e4ngernden &#8222;\u00dcberbehandlung&#8220;, stellt sich heute vielmehr die Frage, wie kann eine notwendige medizinische und pflegerische Grundversorgung garantiert werden. Teure Hightech-Medizin und institutionelle Unterversorgung sind anscheinend zwei Seiten einer Medaille.<\/p>\n<p>Patienten sind zu &#8222;Kunden&#8220; geworden, deren Eigenverantwortung gefragt ist und denen Selbstbestimmung versprochen wird, wie eben auch durch eine gesetzlich geregelte Patientenverf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Diese ruft uns in die Verantwortung, dem Arzt den Druck der Entscheidung zu nehmen und medizinische Leistungen abzuw\u00e4hlen, die der Gesellschaft ohnehin zu teuer sind.<\/p>\n<h3>Einsicht und freiwilliger Verzicht kennzeichnen die autonomen B\u00fcrgerInnen<\/h3>\n<p>Angesichts der Ma\u00dfnahmen zur Kostend\u00e4mpfung und Leistungsrationierung, angesichts des offensichtlichen Pflegenotstands bleibt der eingeforderten &#8222;Patientenautonomie&#8220; in der Realit\u00e4t nur Begrenzung und Verzicht.<\/p>\n<p>Aber auch unabh\u00e4ngig von dieser sehr einseitig auf Verzicht ausgerichteten Patientenautonomie ist eine Patientenverf\u00fcgung an sich bedenklich.<\/p>\n<p>Es fragt sich n\u00e4mlich, ob solche Verf\u00fcgungen und die viel beschworene Autonomie passende Instrumentarien sind f\u00fcr so sensible Situationen wie schweres Leiden oder letzte Lebensphase.<\/p>\n<p>Eignen sich existentielle Krisensituationen wie diese f\u00fcr autonome Entscheidungen des Individuums &#8211; noch dazu lange im Vorfeld?<\/p>\n<p>Mit zunehmender Schwere der Krankheit steht h\u00e4ufig eher der Wunsch nach f\u00fcrsorglicher Behandlung als nach autonomer Entscheidung im Vordergrund, das betonen SeelsorgerInnen und auch MedizinerInnen.<\/p>\n<p>Der Blick auf die 20-j\u00e4hrige Erfahrung mit Patientenverf\u00fcgungen in den USA st\u00fctzt diese Sicht. Dort wurde versucht, mit einer 100 Millionen Dollar teuren Werbekampagne die Patientenverf\u00fcgungen (Patient-Self-Determination) zu etablieren.<\/p>\n<p>Alle staatlich gef\u00f6rderten Krankenh\u00e4user, Pflegeeinrichtungen und Hospize wurden verpflichtet, ihren Kranken den Nutzen der Patientenverf\u00fcgungen zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ausgef\u00fcllt haben nur 18 % der US-B\u00fcrgerInnen solche Verf\u00fcgungen. Ein kleiner Erfolg angesichts der massiven Propaganda.<\/p>\n<p>Die US-B\u00fcrgerInnen ziehen es vor, sich auf Angeh\u00f6rige oder \u00c4rztInnen zu verlassen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, f\u00fcr sich selbst zu entscheiden.<\/p>\n<p>Als Alternative zu den Patientenverf\u00fcgungen empfehlen die Verfasser einer entsprechenden Studie ((4)) den US-B\u00fcrgerInnen, Vorsorgevollmachten auszuf\u00fcllen &#8211; also Vertraute zu erm\u00e4chtigen, stellvertretend f\u00fcr sie zu entscheiden, wenn sie dies selbst nicht mehr k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein weiser Rat auch angesichts der gesellschaftlichen Konsequenzen der Diskussion um Patientenverf\u00fcgungen und Behandlungsabbruch.<\/p>\n<p>Denn diese setzt Zeichen und entwirft ein neues Verst\u00e4ndnis von lebenswertem Leben. Sodass alle Menschen, die alt, krank oder von Behinderung betroffen sind, unter Begr\u00fcndungszwang geraten. Warum leben sie noch?<\/p>\n<p>Und wie wird sich unsere Gesellschaft ver\u00e4ndern, wenn wir den gesellschaftlichen Umgang mit Sterben durch freiwilligen Behandlungsverzicht regeln, wie ihn die Patientenverf\u00fcgungen vorsehen?<\/p>\n<p>Der Soziologe Norbert Elias weist in seinen B\u00fcchern \u00fcber den Prozess der Zivilisation ((5)) nach, wie menschliche Beziehungen untereinander und gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit miteinander verwoben sind. Sie pr\u00e4gen und bedingen einander.<\/p>\n<p>Ein sehr komplexes System etabliert Lebenswirklichkeit und den Fortgang der Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Gravierende \u00c4nderungen &#8211; wie beim Umgang mit Sterben &#8211; haben langfristig Auswirkungen auf die gesamtgesellschaftliche Struktur und den zwischenmenschlichen Umgang miteinander.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns w\u00e4re es ein weiterer Meilenstein bei der Individualisierung von Problemen. Und w\u00fcrde die bereits begonnene &#8211; und oft bedauerte &#8211; Entsolidarisierung fortschreiben in immer weitere, immer sensiblere Lebensbereiche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d6ffentliche Diskurse, Medien und Kinofilme r\u00fccken Einzel-Schicksale in den Mittelpunkt, die emotionalisieren und dadurch gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge gezielt ausblenden. Gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge, die meines Erachtens im Hintergrund stehen und sich mit den Fragen verbinden: &#8222;Wann beginnt menschliches Leben? 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