{"id":8690,"date":"2008-04-01T00:00:06","date_gmt":"2008-03-31T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8690"},"modified":"2022-07-26T13:56:45","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:45","slug":"in-unheilvoller-tradition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/04\/in-unheilvoller-tradition\/","title":{"rendered":"In unheilvoller Tradition"},"content":{"rendered":"<p>Wurde dem Thema im Jahr 2006 noch ein eigenes Kapitel gewidmet, l\u00e4sst sich &#8222;Rechtsextremismus&#8220; im aktuellen Bericht nur noch als Unterkapitel von &#8222;F\u00fchrung und Ausbildung&#8220; wieder finden. Dabei ist die Zahl rechtsextremer Vorkommnisse in der Bundeswehr nicht signifikant zur\u00fcckgegangen. Im Jahr 2007 gab es 129 Meldungen \u00fcber &#8222;Besondere Vorkommnisse&#8220; im Zusammenhang mit einem rechtsextremistischen oder fremdenfeindlichen Hintergrund &#8211; 18 Meldungen weniger als im Vorjahr. Damit weicht die Zahl der Vorkommnisse nur minimal vom Durchschnitt der letzten Jahre (von 2002-2006 kam es durchschnittlich zu 135 Vorf\u00e4llen) ab. Jedoch stieg der Anteil der beschuldigten mit h\u00f6heren R\u00e4ngen &#8211; der der Offiziere &#8211; im Vergleich zum Vorjahr um 7 %, auf insgesamt 22 %. Die Delikte sind dieselben wie in der Vergangenheit: &#8222;Sieg-Heil&#8220;-Rufe, Hakenkreuzschmierereien, die Ausf\u00fchrung des Hitlergru\u00dfes und das H\u00f6ren rassistischer und rechtsextremer Musik haben die Bundeswehr seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1955 begleitet &#8211; nicht umsonst lief die Aufstellung neuer deutscher Streitkr\u00e4fte zun\u00e4chst unter dem Namen &#8222;Neue Wehrmacht&#8220;.<strong> <\/strong>((1))<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnder der &#8222;Neuen Wehrmacht&#8220; waren bei der Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands und auch danach ranghohe Milit\u00e4rs &#8211; beinahe alle trugen das &#8222;Ehrenzeichen&#8220; der Wehrmacht: das &#8222;Eiserne Kreuz&#8220;.<\/p>\n<p>So wundert es nicht, dass die sp\u00e4ter in &#8222;Bundeswehr&#8220; umbenannte Armee seit jeher eine enge Verbundenheit zu den Streitkr\u00e4ften im Nationalsozialismus hatte und sich noch heute oft positiv auf sie bezieht. Die Frage, ob die Wehrmacht f\u00fcr die Bundeswehr vorbildgebend oder traditionsstiftend sein k\u00f6nne, beantworten offizielle Stellen seit Jahrzehnten mit einem <em>&#8222;Nein, aber\u2026&#8220;<\/em>. ((2))<\/p>\n<p>In den &#8222;Richtlinien zum Traditionsverst\u00e4ndnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr&#8220; hei\u00dft es dazu als Grundsatz: <em>&#8222;In den Nationalsozialismus waren Streitkr\u00e4fte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos mi\u00dfbraucht.&#8220;<\/em> Die Bundeswehr sieht sich nicht in der Tradition des antifaschistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus &#8211; nicht einmal die Attent\u00e4ter vom 20. Juli 1944 werden in den Grunds\u00e4tzen als Vorbilder genannt. Letztere werden von einigen Milit\u00e4rs gar kritisch be\u00e4ugt, da sie sich gegen die milit\u00e4rische Hierarchie gewandt haben und gegen ihren &#8222;F\u00fchrer&#8220; meutern wollten.<\/p>\n<h3>Warum bezieht sich die Bundeswehr auf eine Wehrmachts-Tradition?<\/h3>\n<p>Bis zum Kosovo-Krieg 1999 hatte die Armee fast keine echte Einsatzerfahrung. Offiziere und andere ranghohe deutsche Milit\u00e4rs zierten sich mit h\u00f6chsten Rangabzeichen, ohne je in einen hei\u00dfen Krieg verwickelt gewesen zu sein. Die Bundeswehr war bis in die 1990er Jahre eine Kasernen-Armee. Eine eigene Tradition aufzubauen, war nicht m\u00f6glich &#8211; also erinnerte man sich an Wehrmachts-Zeiten zur\u00fcck und nahm die &#8222;tapferen Wehrmachtssoldaten&#8220; als Vorbilder. Dies dauert &#8211; trotz neuerer Kriege unter deutscher Beteiligung &#8211; bis heute an und zeigt sich z.B. an der Namensgebung von Kasernen: Gegenw\u00e4rtig gibt es 28 Kasernen, die nach Wehrmachtsangeh\u00f6rigen benannt sind. Nur zehn davon geh\u00f6rten zum Widerstand. Seit 1956 wurden ganze drei Kasernen umbenannt, da die Namensgeber &#8222;problematisch&#8220; waren. Das waren die General-Dietl-Kaserne in F\u00fcssen, die General-Oberst-K\u00fcbler-Kaserne in Mittenwald (beide 1995) sowie die M\u00f6lders-Kaserne in Visselh\u00f6vede (2005). ((3)) In der Luftwaffe traf der Entzug des Namenszusatzes &#8222;M\u00f6lders&#8220; beim Jagdgeschwader 74 &#8211; aufgrund eines bereits 1998 im Bundestag angenommenen Antrags, demzufolge Einrichtungen der Bundeswehr nicht nach Angeh\u00f6rigen der &#8222;Legion Condor&#8220; zu benennen sind &#8211; auf Unverst\u00e4ndnis und Ablehnung. Die Wehrmachts-Legion operierte zun\u00e4chst verdeckt als Unterst\u00fctzungseinheit der Nationalsozialisten f\u00fcr den rechtsextremen Putschgeneral Franco im Spanischen B\u00fcrgerkrieg.<\/p>\n<p>Der Einsatz diente nicht nur der Waffenerprobung, sondern auch dem Pilotentraining.<\/p>\n<p>Werner M\u00f6lders wird in der Bundeswehr &#8211; wie auch andere Piloten der Wehrmachts-Luftwaffe &#8211; wegen des fliegerischen K\u00f6nnens geehrt &#8211; die politische Dimension ausgeblendet. ((4))<\/p>\n<p>So war mit der Benennung der M\u00f6lders-Kaserne 1973, wie bereits zuvor beim Jagdgeschwader 51 der Wehrmacht, das Recht verbunden, ein \u00c4rmelband mit dem &#8222;Ehrennamen M\u00f6lders&#8220; an der Uniform zu tragen.<\/p>\n<p>Was auf der milit\u00e4rischen Dienstkleidung auch nicht fehlen darf, sind Rangabzeichen und Medaillen.<\/p>\n<p>Die Bundeswehr schreibt dazu auf ihrer Homepage: <em>&#8222;Je mehr Bandstege von Einsatzmedaillen die Bandschnalle am Dienstanzug umfasst, desto h\u00f6her das Renommee der Inhaber, vor allem in internationalen St\u00e4ben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Daher wurden 1980 Ehrenmedaillen und 1996 Einsatzmedaillen bei den deutschen SoldatInnen wiedereingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>53 Jahre nach Gr\u00fcndung der Bundeswehr \u00fcberlegen die Milit\u00e4rs auch, Tapferkeitsauszeichnungen wiedereinzuf\u00fchren. Der Pr\u00e4sident des Reservistenverbandes, Ernst-Reinhard Beck (CDU), schlug Anfang M\u00e4rz 2008 vor, f\u00fcr den Orden die Form des &#8222;Eisernen Kreuzes&#8220; zu verwenden.<\/p>\n<p>Er begr\u00fcndete dies damit, dass das Symbol schon heute \u00fcberall von der Bundeswehr getragen w\u00fcrde und mittlerweile bei Auslandseins\u00e4tzen der Armee ein <em>&#8222;Zeichen der Hilfe und Solidarit\u00e4t&#8220;<\/em> sei &#8211; dennoch sei er sich der Vergangenheit des Symbols bewusst. ((5)) Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) &#8211; der sich, wo er sich schon in der Tradition der Wehrmacht sieht und seine Truppe in Afghanistan im Angriffskriegseinsatz ist, konsequenterweise besser Kriegsminister nennen sollte &#8211; ist ebenfalls f\u00fcr die Einf\u00fchrung neuer Tapferkeitsmedaillen &#8211; ein neues Eisernes Kreuz lehnt er allerdings ab. Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler billigte eine neue Auszeichnung f\u00fcr &#8222;au\u00dfergew\u00f6hnlich tapfere Taten&#8220; ebenfalls.<\/p>\n<p>Ein Grund, sich die Symbole der Bundeswehr genauer anzuschauen: Bundeswehr und Wehrmachts-Logo sind beinahe identisch &#8211; beide zeichnen ein &#8222;Eisernes Kreuz&#8220;.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung zur Wiedereinf\u00fchrung der &#8222;Tapferkeitsmedaille&#8220; durch den Pr\u00e4sidenten des Reservistenverbandes scheint also konsequent &#8211; auch wenn seine Behauptung l\u00e4cherlich ist, dass das &#8222;Eiserne Kreuz&#8220; mittlerweile ein <em>&#8222;Zeichen der Hilfe und Solidarit\u00e4t&#8220;<\/em> ist.<\/p>\n<p>Dies ist nicht das einzige Symbol in der Bundeswehr mit einer faschistischen Tradition.<\/p>\n<p>Die so genannte Odalrune ist der letzte Buchstabe des \u00e4lteren Runen-Alphabets und wurde sowohl von der 7. Waffen-SS-Freiwilligen-Gebirgsdivision &#8222;Prinz Eugen&#8220;, als auch von Mitgliedern des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS getragen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem war die Odalrune das Symbol der 1994 verbotenen neofaschistischen &#8222;Wiking-Jugend&#8220; und des 1961 verbotenen &#8222;Bund nationaler Studenten&#8220;. Das Symbol wird noch heute auf der Schulterklappe der Bundeswehr-Hauptfeldwebel als Dienstgradabzeichen getragen. ((6))<\/p>\n<h3>Die Bundeswehr schreckt nicht davor zur\u00fcck, faschistische Symbole aus Zeiten des Nationalsozialismus zu verwenden!<\/h3>\n<p>Beispielsweise prangt \u00fcber dem Eingang des Lufttransportkommandos der Bundeswehr im westf\u00e4lischen M\u00fcnster ein Reichsadler. Lediglich das Hakenkreuz unter dem Adler wurde weggemei\u00dfelt (vgl. GWR 325). Das Transportkommando steht in direkter Nachfolge des unter der Leitung von Ernst Sagebiel 1935 errichteten Lufttransportkommandos der Wehrmacht und scheint stolz auf seine NS-Vergangenheit zu sein.<\/p>\n<p>Dies sind offiziell von der Bundeswehr verwendete Symbole &#8211; die SoldatInnen zieren sich und ihre Fahrzeuge aber auch selbst &#8222;inoffiziell&#8220; mit faschistischen Symbolen. So malten in Afghanistan stationierte Soldaten der Kommando-Spezialkr\u00e4fte (KSK) &#8211; eine Eliteeinheit der Bundeswehr &#8211; eine Palme auf die T\u00fcr ihres Jeeps vom Typ &#8222;Wolf&#8220;. In der Mitte der Palme prangte das Eiserne Kreuz. Das Symbol entspricht dem des Afrika-Korps des nationalsozialistischen Generalfeldmarschalls Rommel w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs &#8211; das Hakenkreuz wurde nur durch das Symbol der Bundeswehr ersetzt. ((7))<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Soldaten des KSK wissen genau, wo ihre Wurzeln liegen. Die Eins\u00e4tze der \u201aBrandenburger&#8216; gelten der Truppe geradezu als legend\u00e4r.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die &#8222;Brandenburger&#8220; waren eine Sabotage- und Diversionseinheit der Wehrmacht, die hinter den feindlichen Linien mordete. Das Zitat stammt vom ehemaligen KSK-Kommandeur Reinhard G\u00fcnzel. Dieser ist f\u00fcr seine extrem rechte Haltung bekannt. In dem 2006 von G\u00fcnzel, dem GSG-9-Gr\u00fcnder Ulrich Wegener und dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Wilhelm Walther verfassten Buch &#8222;Geheime Krieger&#8220; stellt der ehemalige KSK-Chef die Einheit und seine Soldaten in die Tradition der Wehrmachts-Spezialdivision. Schon 1995 entgleiste er verbal: <em>&#8222;Ich erwarte von meiner Truppe Disziplin wie bei den Spartanern, den R\u00f6mern oder bei der Waffen-SS.&#8220;<\/em> &#8211; G\u00fcnzel macht kein Geheimnis um seine Begeisterung f\u00fcr die Wehrmacht und die SS. 2003 wurde der bei seiner Truppe beliebte Brigadegeneral unehrenhaft entlassen. Kurz zuvor hatte G\u00fcnzel in einem auf Bundeswehr-Briefpapier verfassten Schreiben dem (ehemaligen) CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann beigepflichtet und seine Sympathie bekundet. Hohmann war wegen einer antisemitischen Rede zum Tag der deutschen Einheit im Jahr 2003 in die Kritik geraten (vgl. GWR 288).<\/p>\n<p>Die Bundeswehr sieht sich selbst in der Tradition der Wehrmacht &#8211; die Verbrechen von Hitlers Armee werden verharmlost. Heutige deutsche Milit\u00e4rs sprechen gerne vom Missbrauch der Wehrmacht durch die Nationalsozialisten &#8211; wollen die Armee von der damaligen Politik trennen. Dies ist nicht m\u00f6glich. Jeder Wehrmachtssoldat wurde ab dem 2. August 1934 &#8211; kurz nach dem Tod Paul von Hindenburgs &#8211; vereidigt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Ich schw\u00f6re bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem F\u00fchrer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit f\u00fcr diesen Eid mein Leben einzusetzen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Wehrmacht bestand zum gr\u00f6\u00dften Teil aus \u00fcberzeugten Nazis. Sie war bestens in die NS-Gesellschaft integriert. Dies zu leugnen, wie es viele Bundeswehr-F\u00fchrungskr\u00e4fte heute tun, ist Geschichtsrevisionismus. Die Tradition, in der sich die Truppe &#8211; und mehr noch ihre F\u00fchrungskr\u00e4fte &#8211; sehen, erkl\u00e4rt auch, dass die eindeutige Abgrenzung der Bundeswehr zu rechtsextremem Gedankengut zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst. Eine geschichtliche Aufarbeitung, zu der die Armee immerhin mehr als 50 Jahren Zeit hatte, fand nur unzureichend statt.<\/p>\n<p>Die 129 bekannt gewordenen rechtsextremen Vorf\u00e4lle in der Bundeswehr im Jahr 2007 sind beunruhigend. Sie sind im Zusammenhang zu sehen mit der rechtsextremem Tradition, in der sich die Truppe sieht. Diese Tradition ist nicht revidierbar.<\/p>\n<p>Solange es eine Armee in diesem Land gibt, wird sie sich immer in die Tradition ihrer (faschistischen) Vorg\u00e4nger stellen. Was sie schon immer verband: &#8222;Blut und Ehre f\u00fcr das deutsche Vaterland!&#8220;<\/p>\n<p>Dagegen hilft nur eins: Bundeswehr abschaffen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wurde dem Thema im Jahr 2006 noch ein eigenes Kapitel gewidmet, l\u00e4sst sich &#8222;Rechtsextremismus&#8220; im aktuellen Bericht nur noch als Unterkapitel von &#8222;F\u00fchrung und Ausbildung&#8220; wieder finden. 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