{"id":8693,"date":"2008-04-01T00:00:56","date_gmt":"2008-03-31T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8693"},"modified":"2022-07-26T13:05:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:58","slug":"die-kampagnen-des-zivilen-ungehorsams-vernetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/04\/die-kampagnen-des-zivilen-ungehorsams-vernetzen\/","title":{"rendered":"Die Kampagnen des Zivilen Ungehorsams vernetzen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Rebecca, Max und Holger Isabelle, Ihr geh\u00f6rt zu den Gr\u00fcnderinnen des Netzwerk ZUGABe. K\u00f6nnt Ihr Euch vorstellen und beschreiben, wie Ihr zum Netzwerk gekommen seid?<\/strong><\/p>\n<p><em>Holger Isabelle:<\/em> Ich bin seit den Blockaden von Mutlangen Vollzeit in der gewaltfreien Bewegung aktiv und habe mich mehr und mehr auf juristische Belange rund um Aktionen Zivilen Ungehorsams spezialisiert &#8211; jahrelang vor allem bei <em>X-tausendmal quer<\/em>, inzwischen st\u00e4rker bei <em>Gendreck weg<\/em>, weil da derzeit einfach mehr Prozesse anfallen und die ganze politische Frage mehr auf der Kippe steht.<\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Mich haben vor allem die Erfahrungen von Block G8 in Heiligendamm davon \u00fcberzeugt, dass der Aktionsansatz des gewaltfreien und massenhaften Zivilen Ungehorsams eine gro\u00dfe Wirkung entfalten kann. Ich war sehr beeindruckt davon, mit welchem Knowhow einige Leute aus der gewaltfreien Bewegung zum Beispiel in den Bereichen Aktions-Logistik oder Moderation die Aktion vorangebracht haben. Da ich auch im globalisierungskritischen Jugendnetzwerk <em>Noya<\/em> aktiv bin und dort seit <em>Block G8<\/em> das Interesse an Aktionen Zivilen Ungehorsams gro\u00df ist, ist die Mitarbeit bei <em>ZUGABe<\/em> eine gute Erg\u00e4nzung.<\/p>\n<p><em>Rebecca: <\/em>Meine Vergangenheit liegt eher in eigenst\u00e4ndigen und \u00fcberschaubaren gewaltfreien Aktionsgruppen, die gut vorbereitet und wirksam eingreifen k\u00f6nnen. Erst nach und nach habe ich Gro\u00dfaktionen f\u00fcr mich entdeckt.<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich sowohl bei <em>X-tausendmal quer<\/em> als auch bei <em>Block G8<\/em> aktiv mitorganisiert, weil es mir wichtig ist, dass auch f\u00fcr Unorganisierte die M\u00f6glichkeit geschaffen wird, sich deutlich in Opposition zu begeben und dabei nicht in die Eskalationsfalle zu rutschen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wenn Ihr schon in verschiedenen Kampagnen mitarbeitet, wozu braucht es dann noch das Netzwerk ZUGABe? K\u00f6nnen die Kampagnen nicht eigenst\u00e4ndig arbeiten?<\/strong><\/p>\n<p><em>Max:<\/em> In den letzten Jahren ist die Zahl der Kampagnen Zivilen Ungehorsams und der entsprechenden Massenaktionen deutlich angestiegen. Und diese Entwicklung wird sich, so wie es aussieht, auch 2008 fortsetzen. Da hat es manch eine Kampagne oder Aktionsgruppe in der &#8222;hei\u00dfen Phase&#8220; schwer, alle Aufgaben einer \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktion mit ihrem Stamm Aktiver zu leisten. Einige haben sich deshalb l\u00e4ngst vernetzt und k\u00f6nnen z.B. auf eine Erweiterung ihres Presse- oder Logistik-Teams aus anderen Gruppen setzen, wenn sie dort um Hilfe bitten. Diese informelle &#8222;Nachbarschaftshilfe&#8220; auszubauen ist ein Anliegen unseres neuen Netzwerkes.<\/p>\n<p><em>Holger Isabelle:<\/em> Wir beginnen das Projekt auch angesichts paralleler Entwicklungen, die f\u00f6rmlich nach netzwerkartiger Zusammenarbeit rufen: Immer mehr Aktivistinnen des gewaltfreien Widerstands werden \u00fcber ihr angestammtes Thema und ihre feste Gruppe hinaus aktiv und beteiligen sich an Gewaltfreien Aktionen zu anderen Themen und von anderen Gruppen. Zwischen den Aktionen werden der Austausch und die Zusammenarbeit auf informeller Ebene intensiver.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die sich gezielt anl\u00e4sslich bestimmter Aktionen einbringen und sich dann wieder Privat- und Berufsleben widmen. Da sie meist keiner Kampagne oder Gruppe fest angeh\u00f6ren, k\u00f6nnten sie \u00fcber das Netzwerk erfahren, wo ihr K\u00f6nnen gebraucht wird &#8211; und bringen ihre Kompetenzen vielleicht \u00f6fter ein.<\/p>\n<p><em>Rebecca: <\/em>Wir wollen den informell vorhandenen Strukturen Substanz verleihen. Das Netzwerk wird hoffentlich einen Raum schaffen, in dem solidarisch, kritisch diskutiert und reflektiert werden kann &#8211; \u00fcber die Grenzen der einzelnen Kampagnen hinaus. Unsere Idee ist es, die vorhandenen Kompetenzen an Wissen, F\u00e4higkeiten und Erfahrungen zu b\u00fcndeln, um all das bei Bedarf konzentriert anzuwenden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Birgt ein solcher \u00dcberbau nicht auch Gefahren der Zentralisierung und Hierarchie?<\/strong><\/p>\n<p><em>Rebecca: <\/em>Ich verstehe ZUGABe nicht als \u00dcberbau, sondern als einen Platz, an dem sich die Aktiven gegenseitig unterst\u00fctzen und st\u00e4rken k\u00f6nnen. F\u00fcr die einzelnen Aktionen haben weiter die den Hut auf, die in der entsprechenden Kampagne kontinuierlich arbeiten. Sie entscheiden, welche Unterst\u00fctzung sie haben wollen und wie diese ablaufen soll. Wenn also z.B. die <em>Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen<\/em> f\u00fcr ihre gro\u00dfe Aktion im August in B\u00fcchel gerne einige Leute von X-tausendmal quer oder Gendreck weg dabei h\u00e4tte, dann bestimmt die <em>GAAA<\/em> den Aktionsrahmen und bindet die Externen mit ihrem Wissen entsprechend ein.<\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Das Sch\u00f6ne ist ja, dass die Strukturen offen und durchl\u00e4ssig f\u00fcr Neue sind. Ich habe es bei <em>Block G8<\/em> selbst erlebt, wie die erfahrenen OrganisatorInnen von <em>X-tausendmal quer<\/em> mich und andere mit in die gemeinsame Arbeit einbezogen haben. Wenn es da Hierarchien gibt, dann am Ehesten in der praktischen Umsetzung, was mit gro\u00dfen Erfahrungsunterschieden zusammenh\u00e4ngt. Daf\u00fcr sind diese Hierarchien aber erstaunlich flach und integrativ. Das gef\u00e4llt mir.<\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>Trotzdem m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich aufpassen, wie sich das Netzwerk entwickelt. Gerade jetzt am Anfang haben wir als diejenigen, die die Initiative ergriffen haben, schon einige Vorgaben gemacht. Und es gibt einige, die sich st\u00e4rker mit der Idee identifizieren als andere. Manche der angesprochenen Gruppen und Kampagnen beobachten erstmal wohlwollend, wie sich die Sache entwickelt. Aber das ist ja auch legitim.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie ist das Netzwerk konkret entstanden?<\/strong><\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>Die Diskussion dar\u00fcber l\u00e4uft schon einige Jahre. Ein wichtiger Schritt war die Tagung <em>ZUGABe<\/em> Anfang 2006 in der G\u00f6hrde, an der 100 Aktive aus ganz unterschiedlichen Bereichen der gewaltfreien Bewegung teilgenommen haben. Dort wurde auch zum ersten Mal \u00fcber eine Beteiligung an dem spektren\u00fcbergreifenden Projekt Block G8 nachgedacht. Heiligendamm hat dann gezeigt, was die gewaltfreien AktivistInnen aus den verschiedenen Kampagnen inzwischen drauf haben, wie spezialisiert und effektiv die verschiedenen Arbeitsbereiche sind, in denen wir uns organisieren.<\/p>\n<p><em>Rebecca:<\/em> Block G8 hatte beides: Einerseits war ein entscheidender Erfolgsfaktor gerade das breite B\u00fcndnis auch mit post-autonomen Gruppen, die bereit waren, sich auf einen bestimmten Aktionsrahmen einzulassen. Andererseits h\u00e4tte vieles ohne die Erfahrung der Gewaltfreien nicht funktioniert.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns war es ein Aha-Erlebnis. Wir haben gemerkt, was wir leisten k\u00f6nnen, wenn wir gemeinsam agieren. Nach <em>Block G8<\/em> ist der Zivile Ungehorsam, die F\u00fcnf-Finger-Taktik, Aktionstrainings und Bezugsgruppen pl\u00f6tzlich in aller Munde.<\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>Der eigentliche Ansto\u00df f\u00fcr das Netzwerk kam dann von <em>X-tausendmal quer<\/em>. Wobei dieser Schritt eigentlich als notwendiges Nachvollziehen einer bereits eingetretenen Entwicklung angesehen wurde. Die allermeisten Leute aus der offenen Koordinationsgruppe von X-tausendmal quer sind schon l\u00e4ngst nicht mehr nur gegen Castor-Transporte aktiv, sondern hatten z.B. 2003 die resist-Blockaden an der Frankfurter US-Airbase gegen den Irak-Krieg mitorganisiert, sind in der <em>Freien Heide<\/em> dabei oder bei <em>Gendreck weg<\/em>.<\/p>\n<p><em>Max:<\/em> Im September 2007 trafen wir uns in Arnshain als VertreterInnen verschiedener Kampagnen und Aktionsgruppen und erarbeiteten das Konzept f\u00fcr das Netzwerk. Dort bildete sich der Kreis der Netzwerk-PflegerInnen, um das Netzwerk weiter aufzubauen und zu koordinieren. Derzeit sind wir in dieser Gruppe zu zw\u00f6lft. Ein erstes gro\u00dfes Treffen, das f\u00fcr November 2007 in Hitzacker geplant war, musste leider wegen geringer Beteiligung abgesagt werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir Zweifel, ob wir auf dem richtigen Weg sind.<\/p>\n<p><em>Rebecca: <\/em>Aber inzwischen hat das Treffen stattgefunden.<\/p>\n<p>Mitte Februar kamen in Gro\u00dfgoltern bei Hannover 35 Leute aus unterschiedlichen Gruppen zusammen und obwohl oder gerade weil die Gr\u00fcnde, warum die Einzelnen zu diesem Wochenende gefahren sind, sehr verschieden waren, war es ein spannendes und produktives Zusammenkommen. Wir haben die Arbeitsbereiche auf den Weg gebracht und verabredet, welche Aktionen wir in diesem Jahr schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit den Strukturen des Netzwerks unterst\u00fctzen wollen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was hat es mit diesen Arbeitsbereichen auf sich?<\/strong><\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Die Idee kommt so ein bisschen aus der Ecke von <em>X-tausendmal quer<\/em>. Da wird seit vielen Jahren so gearbeitet, dass Leute sich in Arbeitsbereichen zusammentun, die bei einer Aktion bestimmte Aufgaben \u00fcbernehmen, wie z.B. Aktive mit Erfahrung in der Arbeit mit den Medien, die als Arbeitsbereich Presse auftreten k\u00f6nnen, wobei Unerfahrene immer mit einsteigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>Diese Arbeitsbereiche sind innerhalb des vorher festgelegten Rahmens relativ autonom, aber ordnen sich in die Aktionskultur der jeweiligen Kampagne ein. Deutlich wird dies gerade beim Presseteam: Das stellt nie die Pressesprecherin bei einer Aktion. Daf\u00fcr ist die jeweilige Kampagne zust\u00e4ndig, weil da auch das Fachwissen sitzt. Der Arbeitsbereich sorgt f\u00fcr die Infrastruktur, wei\u00df, wie man formal gute Presseerkl\u00e4rungen schreibt &#8230;<\/p>\n<p><em>Rebecca:<\/em> Im Netzwerk vereinen die Arbeitsbereiche Leute aus den unterschiedlichen Kampagnen, die sich z.B. um Juristisches bei Aktionen k\u00fcmmern. Es gibt eine Reihe von &#8211; ja man kann schon sagen Spezialistinnen, die gar nicht bei einer der Kampagnen angesiedelt sind, sondern sich in erster Linie ihrem Arbeitsbereich zugeh\u00f6rig f\u00fchlen und dann, wenn sie angefragt werden und Zeit haben, z.B. bei der Moderation des Sprecherinnenrats bei einer Aktion mitmachen, den Polizeikontakt unterst\u00fctzen oder sich um den Transport von Aktionsmaterial k\u00fcmmern.<\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Entscheidend f\u00fcr den langfristigen Erfolg des Netzwerks ist es meiner Meinung nach, dass es uns gelingt, von den reichen Erfahrungen zu profitieren, aber gleichzeitig immer wieder neuen Leute die M\u00f6glichkeit einzur\u00e4umen, Bisheriges auch in Frage zu stellen und Neues auszuprobieren. Diese Mischung macht eine Weiternetwicklung m\u00f6glich, die ich mir w\u00fcnsche. Es darf nichts Statisches werden, mit einem Schablonen-Aktionskonzept zur Wiederverwertung. Da hoffe ich auch, dass die jeweiligen Aktionskulturen der verschiedenen Gruppen und Kampagnen im Netzwerk erhalten bleiben. Voneinander lernen ja, aber dabei die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, in denen z.B. in der Freien Heide oder im Wendland agiert wird, nicht au\u00dfer Acht lassen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wer geh\u00f6rt zum Netzwerk?<\/strong><\/p>\n<p><em>Rebecca:<\/em> Knotenpunkte des Netzes sollen einerseits die einzelnen Kampagnen und Gruppen sein, die sich thematisch spezialisiert haben und die meist bereits viel Erfahrung mit der politischen Arbeit auf ihrem Gebiet haben. Andererseits sollen die Arbeitsbereiche das Netzwerk ausmachen. Unsere Grundidee war es, die Kampagnen, Organisationen, Aktionsgruppen und Arbeitsbereiche, die gewaltfreie Aktionen Zivilen Ungehorsams organisieren, zusammenzubringen, z.B. die Kampagnen <em>Gendreck weg<\/em>, <em>Bomben Nein &#8211; wir gehen rein<\/em>, <em>X-tausendmal quer<\/em>, <em>Gewaltfreie Aktion Atomwaffen abschaffen<\/em>, aber auch Aktionsgruppen wie die <em>Lebenslaute<\/em>, l\u00e4nger bestehende Bezugsgruppen, Trainingskollektive, die <em>Werkstatt f\u00fcr Gewaltfreie Aktion Baden<\/em>, das <em>Archiv Aktiv<\/em>.<\/p>\n<p><em>Max:<\/em> Ja, aber auch die vielen Einzelpersonen, die punktuell bis kontinuierlich an Kampagnen und\/oder Aktionen mitorganisieren. Man kann es vielleicht so beschreiben, dass es erstmal ein Netzwerk von OrganisatorInnen ist, nicht in erster Linie von AktivistInnen, aber es sollte durchl\u00e4ssig sein.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ist das Netzwerk nur eine Struktur zur Unterst\u00fctzung und zum Austausch oder wird es auch selbst aktiv?<\/strong><\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Wir starten in der Regel keine eigenen Kampagnen oder Aktionen als Netzwerk ZUGABe. Es kann sein, dass auf einem Netzwerk-Treffen eine neue Kampagnenidee entsteht, aber die wird dann von den entsprechenden Leuten eigenst\u00e4ndig weitergef\u00fchrt. Was wir aktiv als Netzwerk betreiben, ist einerseits den Rahmen f\u00fcr die Zusammenarbeit aufzubauen und andererseits Werkzeuge f\u00fcr gemeinsame \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Mobilisierung zu entwickeln, als Erg\u00e4nzung zu dem, was die Kampagnen eigenst\u00e4ndig weiter machen. Es wird also einen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfigen Rundbrief geben, eine Webseite, einen Newsletter, und wenn wir es schaffen irgendwann auch eine Infotour zu Zivilem Ungehorsam.<\/p>\n<p><em>Rebecca:<\/em> &#8222;In der Regel&#8220;. Das hast Du sch\u00f6n gesagt. Der Witz ist ja, dass wir diese Regel gleich zum Start brechen. Quasi als Auftakt f\u00fcr das Netzwerk und f\u00fcr das ungehorsame Jahr 2008 leiern wir derzeit zusammen mit \u00f6rtlichen Initiativen und mit Attac am 24. Mai Aktionen am Bauplatz f\u00fcr ein neues Kohlekraftwerk in Mannheim an. Die Inis wollen den Bau aus Klimaschutzgr\u00fcnden verhindern, Attac macht eine Kampagne gegen die Macht der Stromkonzerne und wir als Netzwerk ZUGABe wollen die Idee der direkten gewaltfreien Aktion in die Klimaschutz-Bewegung tragen. Entstanden ist die Idee, als wir im Winter Zweifel hatten, ob \u00fcberhaupt ein gr\u00f6\u00dferes Treffen zustande kommt. Da war unser Eindruck: Vielleicht k\u00f6nnen die M\u00f6glichkeiten des Netzwerks am Besten durch eine solche Aktion verstanden werden. Da vom 21. bis 25. Mai in Heidelberg die Aktionsakademie von Attac stattfindet, ergeben sich spannende Synergieeffekte. Wir haben einige Tage Zeit, den Aktiven die Arbeitsweise vorzustellen, und dann geht es gemeinsam in die Aktion. Das ist auch eine gute Gelegenheit f\u00fcr neue Leute, in die Arbeitsbereiche reinzuschnuppern, selbst wenn sie mit Attac nichts am Hut haben.<\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>Die n\u00e4chsten Schwerpunkte in diesem Jahr werden dann aber von den Kampagnen und nicht vom Netzwerk gesetzt: Die Feldbefreiung von <em>Gendreck weg<\/em> bei W\u00fcrzburg im Juni, im August das Go-In gegen Atomwaffen in B\u00fcchel, organisiert von der <em>GAAA<\/em> und schlie\u00dflich die Castor-Blockade im Wendland, voraussichtlich im November. Hier taucht dann auch der Name <em>X-tausendmal quer<\/em> wieder auf.<\/p>\n<p><em>Max:<\/em> Zwischendrin wird es das gro\u00dfe bundesweite Klima-Aktions-Camp mit Massenaktionen Zivilen Ungehorsams geben. Da werden wir gefragt sein, unser Knowhow einzubringen. Derzeit stockt die Planung etwas, weil es in der Vorbereitungsgruppe Differenzen gibt, an denen wir aber keinen wesentlichen Anteil haben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Insgesamt kommt mir die Geschichte etwas technokratisch vor. Wo bleiben die Inhalte? Gibt es gemeinsame gesellschaftliche Ziele? Oder seid Ihr nur die Aktions-Hausmeisterinnen und -ModeratorInnen, die man buchen kann, wie eine K\u00fcchengruppe?<\/strong><\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Na, nun beleidige mal nicht die Aktionsk\u00fcchen. Die haben politisch oft mehr drauf, als manch andere, die in der ersten Reihe der Polizei gegen\u00fcbertreten.<\/p>\n<p><em>Rebecca:<\/em> Unser gemeinsames Ziel ist es, noch mehr Menschen f\u00fcr Gewaltfreie Aktion und Zivilen Ungehorsam zu gewinnen, weil das kraftvolle Mittel der Einmischung sind. Wir glauben, wir k\u00f6nnen Bewegungen unterst\u00fctzen, die in einem aktuellen Konflikt nach M\u00f6glichkeiten der Konfrontation suchen, die eine Eskalation der Gewalt vermeidet. So gesehen ist unser Herangehen erstmal schon eher funktional.<\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>F\u00fcr viele von uns sind Gewaltfreie Aktionen Zivilen Ungehorsams mehr als nur ein effektives Mittel der politischen Einmischung. Dahinter steht die Vision einer Gesellschaft ohne Hierarchie und Gewalt. Schon auf dem Weg dahin wollen wir unsere Ideale praktizieren. Also sind die Aktionen von gegenseitiger Achtung gekennzeichnet und dem Abbau von Hierarchien. Auch in den Arbeits- und Entscheidungsstrukturen sollen Verschiedenartigkeit und pers\u00f6nliche St\u00e4rken nebeneinander zur Geltung kommen. Aber als Netzwerk sind wir nicht auf einen lupenreinen gewaltfrei-anarchistischen Ansatz festgelegt, auch wenn dem viele nahe stehen. Es arbeiten einerseits auch Leute mit, die eher aus einer b\u00fcrgerlichen staatsbejahenden Tradition des Zivilen Ungehorsams kommen und andererseits welche, denen B\u00fcndnisse mit postautonomen Gruppen wichtig sind, die wiederum einen Ansatz von Ungehorsam pflegen, der den Begriff Gewaltfreiheit am liebsten vermeiden m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>GWR: Also ist ZUGABe keine Neuauflage der <em>F\u00f6rderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA)<\/em>, die in den 80er und 90er Jahren ihre gewaltfrei-ungehorsamen Handlungsans\u00e4tze mit klarer anarchistischer Programmatik verbunden hat?<\/strong><\/p>\n<p><em>Holger Isabelle:<\/em> Nein, eindeutig keine neue F\u00f6GA. Zum einen, weil wir politisch breiter aufgestellt sind, zum anderen, weil wir keine Organisation sein wollen, die eigene Positionen bezieht, sondern ein praxisbezogenes Netzwerk aus Individuen und Gruppen, die jeweils ihre eigene politische Programmatik verfolgen k\u00f6nnen, wenn auch in einem gewissen Rahmen, der aber nicht so klar definiert ist.<\/p>\n<p><em>Rebecca: <\/em>Ich glaube im Netzwerk ist die Reihenfolge klar: An erster Stelle steht eine \u00dcbereinstimmung \u00fcber die Gestaltung von Aktionen, an zweiter Stelle kommt ein breiter Konsens \u00fcber die Forderungen in den Teilbereichsk\u00e4mpfen, in denen wir mitmischen. Erst danach geht es um weitergehende gesellschaftliche Zielvorstellungen, in denen sich viele von uns relativ nahe sind, aber eben auch unterschiedliche Positionen vorkommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>Die Geschichte der Aktionen Zivilen Ungehorsams hat gezeigt, dass es f\u00fcr gewaltfreie Anarchistinnen Sinn macht, teilweise mit staatsb\u00fcrgerlich motivierten Ungehorsamen zusammenzuarbeiten und auch mal mit denjenigen, die nur ein taktisches Verh\u00e4ltnis zur Gewaltfreiheit pflegen.<\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Ich glaube, da haben sich die Zeiten auch ein St\u00fcck gewandelt. Es gibt weniger Aktivistinnen, die davon \u00fcberzeugt sind, dass die eigene gesellschaftliche Utopie die hundertprozentig richtige ist und alle anderen zu 100 % falsch. Gerade das Zusammenspiel unterschiedlicher Erkl\u00e4rungsmuster wird als St\u00e4rke der Bewegungen wahrgenommen, bis zu gewissen Grenzen, die wieder jede f\u00fcr sich anders definiert.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wo seht Ihr das Netzwerk ZUGABe in f\u00fcnf Jahren?<\/strong><\/p>\n<p><em>Holger Isabelle: <\/em>Die Revolution ist vorbei und in der Revolutionsregierung ist ZUGABe nicht vertreten. Im Ernst: Ich glaube, die beteiligten Kampagnen werden schlagkr\u00e4ftiger, nicht nur weil sie organisatorisch nicht mehr alles allein stemmen m\u00fcssen. Durch die vielf\u00e4ltigen Gespr\u00e4che zwischen den Kampagnen und Gruppen im Netzwerk findet eine exzellente praxisbezogene Reflexion auch in den inhaltlichen Fragen statt, denen sich alle gerne stellen, weil niemand Angst haben muss, dass dabei die eigene Identit\u00e4t verloren geht. Das wird sich schon in f\u00fcnf Jahren auf die Kraft und die Effektivit\u00e4t, aber auch auf die Attraktivit\u00e4t auswirken.<\/p>\n<p><em>Rebecca: <\/em>Mein Wunschbild: ZUGABe ist in f\u00fcnf Jahren in einer Situation, in der die einzelnen Kampagnen mehr Kraft in erfolgreiche thematische Arbeit stecken k\u00f6nnen, in der vielleicht manch eine neue Kampagne sich entwickeln konnte, weil ihre Aktiven in den Anf\u00e4ngen bereits auf hilfreiches Knowhow zur\u00fcckgreifen konnten und in der die Arbeitsbereiche eine durchl\u00e4ssige Struktur bieten, die viele Neueinsteiger einbindet.<\/p>\n<p><em>Max: <\/em>Das sehe ich \u00e4hnlich: Durch die Offenheit des Netzwerks werden viele junge Menschen begeistert zu ZUGABe hinzu sto\u00dfen. Das st\u00e4rkt die sozialen Bewegungen insgesamt!<\/p>\n<p><strong>GWR: Herzlichen Dank.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Rebecca, Max und Holger Isabelle, Ihr geh\u00f6rt zu den Gr\u00fcnderinnen des Netzwerk ZUGABe. K\u00f6nnt Ihr Euch vorstellen und beschreiben, wie Ihr zum Netzwerk gekommen seid? Holger Isabelle: Ich bin seit den Blockaden von Mutlangen Vollzeit in der gewaltfreien Bewegung aktiv und habe mich mehr und mehr auf juristische Belange rund um Aktionen Zivilen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/04\/die-kampagnen-des-zivilen-ungehorsams-vernetzen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Kampagnen des Zivilen Ungehorsams vernetzen - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution (GWR): Rebecca, Max und Holger Isabelle, Ihr geh\u00f6rt zu den Gr\u00fcnderinnen des Netzwerk ZUGABe. K\u00f6nnt Ihr Euch vorstellen und beschreiben, wie"},"footnotes":""},"categories":[509,1030],"tags":[],"class_list":["post-8693","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-328-april-2008","category-es-wird-ein-laecheln-sein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8693","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8693"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8693\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8693"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8693"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8693"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}