{"id":8700,"date":"2008-04-01T00:00:44","date_gmt":"2008-03-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8700"},"modified":"2022-07-26T14:14:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:48","slug":"die-frage-welche-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/04\/die-frage-welche-vernunft\/","title":{"rendered":"Die Frage &#8222;Welche Vernunft?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Michael Schmidt-Salomon hat diese religionskritische Fabel f\u00fcr Kinder verfasst, und Helge Nyncke hat sie, voll auf der H\u00f6he der Kunst der Buchillustration, liebevoll bebildert.<\/p>\n<p>Seit dem Oktober 2007 ist dieses Bilderbuch aus dem Alibri-Verlag auf dem Markt, und im Januar 2008 stellte das Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend einen Antrag bei der zust\u00e4ndigen Bundespr\u00fcfstelle, das kleine Ferkel auf den Index jugendgef\u00e4hrdender Schriften zu setzen.<\/p>\n<p>Zensur ist immer \u00e4rgerlich; aber zweifellos gibt es B\u00fccher, die man h\u00f6chst ungern in einem Kinderzimmer sehen w\u00fcrde. Das &#8222;kleine Ferkel&#8220; geh\u00f6rt nicht dazu.<\/p>\n<p>Der eigentliche Skandal des Zensurversuchs aus dem Hause von der Leyen liegt nun darin, dass diese Ministerialen auch nach ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben <em>foul<\/em> spielten. Sie wollten das Ferkel gerne unter die Ladentische verbannen lassen, weil es <em>religionskritisch<\/em> ist; aber sie behaupteten, das Buch sei <em>antisemitisch<\/em>, weil der Rabbi darin noch schlechter wegkomme als Bischof und Mufti. Dieser Vorwurf ist absurd, und deswegen ein Hasardeur-Spiel: Wer alles, was ihm nicht passt, mit der Nazi-Vergleichs-Keule pr\u00fcgelt, relativiert und verharmlost am Ende die nationalsozialistischen Verbrechen gegen die Menschheit.<\/p>\n<p>Dies ist eine \u00dcbung, die leider bei Linken ebenso verbreitet ist wie bei Rechten; aber man sollte es selbst einem Bundesministerium nicht durchgehen lassen, sich in diese tr\u00fcbe Tradition einzuschreiben.<\/p>\n<p>Die &#8222;Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien&#8220; hat denn auch in ihrer Entscheidung am 6. M\u00e4rz den Antrag des Ministeriums zur\u00fcckgewiesen; aber der Skandal des regierungsamtlichen Zensurversuchs bleibt bestehen.<\/p>\n<p>So weit ist dieser Konflikt klar und einfach einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Aber nur weil man im Bundesfamilienministerium Amok gegen ein Buch l\u00e4uft, sollte dieses Buch ja nicht gegen Kritik immun sein. Also: Ich glaube, das kleine Ferkel und der kleine Igel machen sich die Sache am Ende dann doch etwas zu einfach. Nicht weil die drei gescholtenen Religionen fehlerhaft dargestellt sind &#8211; der &#8222;Mufti&#8220; sieht eher aus wie ein Sikh; in der katholischen Kirche knien die schemenhaft dargestellten Gl\u00e4ubigen direkt im Altarbereich, der doch sakrosankt ist; und der Rabbi behauptet irrigerweise, dass nur Juden seinen &#8222;Tempel&#8220; betreten d\u00fcrften. Das alles sei der k\u00fcnstlerischen Freiheit zugestanden.<\/p>\n<p>Die Problematik einer bestimmten Form von Theologie, die in der Tat in allen drei monotheistischen Schriftreligionen zu finden ist, wird ja richtig benannt und zurecht der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben. Es ist das pf\u00e4ffische Gesch\u00e4ft mit der Angst.<\/p>\n<p>Ist damit der Zusammenhang von Angst und Religion aber schon ersch\u00f6pft? Was h\u00e4tte Schmidt-Salomon dagegen, wenn ein Kind, das in unserer Welt Grund genug hat, \u00e4ngstlich zu sein, in seinem irrationalen Glauben an einen Schutzengel eine St\u00fctze findet? Wieso fiel es den Nazi-Schergen in den Konzentrationslagern schwerer, die Pers\u00f6nlichkeit von religi\u00f6sen Juden, von Zeugen Jehovas oder von &#8222;gl\u00e4ubigen&#8220; KommunistInnen zu brechen, als die von Insassen, deren Weltbild nur von Relativit\u00e4t und Vernunft gepr\u00e4gt war?<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, dass bei mir s\u00e4mtliche Alarmglocken l\u00e4uten, wenn &#8222;Vernunft&#8220; gegen &#8222;Religion&#8220; in Stellung gebracht wird, wie dies bei Schmidt-Salomon geschieht, oder bei der Giordano-Bruno-Stiftung, die unser Ferkel-Buch gesponsort hat.<\/p>\n<p>Als das Kinderbuch im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde, verlieh dieselbe Stiftung gerade ihren &#8222;Deschner-Preis&#8220; an den britischen Biologen Richard Dawkins, dessen Buch &#8222;Der Gotteswahn&#8220; zur Zeit Leitmedium des atheistischen Denkens ist.<\/p>\n<p>Was Dawkins an die Stelle des irrationalen Glaubens zu setzen gedenkt, hat er in seinem ersten Bestseller klargemacht: &#8222;Das egoistische Gen&#8220;. Dawkins steht f\u00fcr den heute grassierenden biologischen Determinismus, der letzten Endes menschliche Handlungsfreiheit effektiver negiert als jede Theologie von der Erbs\u00fcnde.<\/p>\n<p>Besonders hat es Dawkins auf den Gott des Alten Testaments abgesehen, der ihm als &#8222;rachs\u00fcchtiger, blutr\u00fcnstiger Ethnischer S\u00e4uberer&#8220; begegnet.<\/p>\n<p>Dawkins zeigt damit, dass er 2000 bis 3000 Jahre alte Texte \u00e4hnlich albern liest wie jeder religi\u00f6se Fundamentalist. Das trifft aber auch auf den Autor unseres Ferkel-Buches zu.<\/p>\n<p>In einem Interview mit dem &#8222;Focus&#8220; erkl\u00e4rte Schmidt-Salomon im Jahre 2005 zum Beispiel die Idee des &#8222;J\u00fcngsten Gerichts&#8220; so: &#8222;Jesus sagt, die Guten kommen in den Himmel, und die B\u00f6sen werden in den Ofen geworfen, die Engel selektieren an der himmlischen Rampe.&#8220; Schmidt-Salomon vergleicht damit biblische Religion ganz bewusst mit der Shoah; aber er scheint zu vergessen, dass die nationalsozialistischen V\u00f6lkerm\u00f6rder nicht nach religi\u00f6sen, sondern nach rassistischen, also <em>biologistischen<\/em> Kriterien selektierten, durchdrungen von einer pervertierten Form der Ideen Charles Darwins. Dies ist ja gerade der m\u00e4chtigste Beweis f\u00fcr die Ambivalenz jener Wissenschaft, die Schmidt-Salomon jetzt gegen &#8222;die&#8220; Religion in Stellung bringen will.<\/p>\n<p>So einfach ist das alles nicht! Ich habe, als ich die Ideen des Anarchismus kennen lernte, die &#8222;Gottespest&#8220; von John Most schmunzelnd gelesen. Aber ich habe mehr von dem religi\u00f6s motivierten Anarchismus eines Martin Buber gelernt, und zwar sowohl \u00fcber Gott, als auch \u00fcber die Menschen.<\/p>\n<p>Mir fehlt die Lust daran, die religi\u00f6sen Libert\u00e4ren als Spinner \u00fcber Bord zu werfen, Leo Tolstoi, &#8222;Mahatma&#8220; Gandhi, Rio Reiser &#8230; F\u00fcr mich ist nicht die Frage wichtig, ob ein &#8222;Gott&#8220; au\u00dferhalb der Vorstellung der Menschen existiert; aber es macht einen Unterschied, <em>was f\u00fcr ein<\/em> Gott <em>in<\/em> den K\u00f6pfen der Menschen spukt.<\/p>\n<p>Und das &#8222;Alte Testament&#8220; enth\u00e4lt nun einige der wichtigsten Grundtexte der Herrschaftsablehnung. Die &#8222;Jotham-Fabel&#8220; z.B., im Buch der Richter, Kapitel 9, Vers 8-15, w\u00fcrde ich gerne einmal in einer Illustration von Helge Nyncke als Kinderbuch sehen!<\/p>\n<p>Gewiss: Die meisten Pfaffen wissen von der Jotham-Fabel ebenso wenig wie das kleine Ferkel. Aber sind die Kirchen v\u00f6llig unbeleckt von der egalit\u00e4ren Ethik ihrer heiligen Schriften?<\/p>\n<p>Wenn ich mir unsere politische Diskurslandschaft so anschaue, dann zweifle ich, ob ich es begr\u00fc\u00dfen sollte, wenn z.B. einige der letzten globalisierungskritischen Stimmen, wie sie sich in kirchlichen Basisstr\u00f6mungen oder im schulischen Religionsunterricht noch artikulieren, verschw\u00e4nden, vielleicht gar zugunsten der nackten, gen-egoistischen &#8222;Vernunft&#8220;.<\/p>\n<p>Der Autor Schmidt-Salomon indes setzt am Ende des netten Ferkel-Buchs vorsichtshalber noch einen atheistischen Pflock: Nach der &#8211; agnostischen &#8211; Ferkel-Moral &#8222;Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht!&#8220; liefert er noch ein P.S., worin er rundheraus dekretiert: &#8222;Der Gottesglaube auf dem Globus \/ Ist fauler Zauber, Hokuspokus.&#8220;<\/p>\n<p>Das reicht mir nicht! Der Gottesglaube &#8211; das ist auch der &#8222;Seufzer der bedr\u00e4ngten Kreatur&#8220;, wie Karl Marx das in einem der treffendsten Texte formulierte, die in deutscher Sprache \u00fcber die Religion verfasst wurden; er ist das &#8222;Opium des Volkes&#8220;, das dieses zwar benebelt, aber zugleich im Rausch auch eine zeitweise Linderung verschaffen kann. Soll ich mich da f\u00fcr einen rationalistischen <em>War on Drugs<\/em> begeistern?<\/p>\n<p>Das Buch vom kleinen Ferkel, das als Kinderbuch durchaus empfehlenswert ist, enth\u00fcllt im Zank der Erwachsenen ganz andere Wahrheiten.<\/p>\n<p>In einem der Diskussionsforen, die das Internet hierzu zu bieten hat, schreibt ein Beitr\u00e4ger ganz unironisch: &#8222;Wenn heutzutage jemand ein Buch wie die Bibel neu herausgeben w\u00fcrde, dann w\u00fcrde das Buch sofort zu Recht beschlagnahmt werden, wegen Volksverhetzung, Aufruf zum Mord, Sodomie, Inzest und Unterst\u00fctzung terroristischer Aktivit\u00e4ten. Das[s] so etwas \u00fcberhaupt noch in Schulen existent sein darf, ist meiner Meinung nach ein Unding.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist vielleicht kein Zufall, wenn der pauschale Groll gegen alles Religi\u00f6se zuweilen in Forderungen nach der Zensur von B\u00fcchern m\u00fcndet. &#8211; Wo bitte geht&#8217;s zur Freiheit?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Schmidt-Salomon hat diese religionskritische Fabel f\u00fcr Kinder verfasst, und Helge Nyncke hat sie, voll auf der H\u00f6he der Kunst der Buchillustration, liebevoll bebildert. 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