{"id":8719,"date":"2008-04-01T00:00:05","date_gmt":"2008-03-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8719"},"modified":"2022-07-26T14:14:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:48","slug":"digitale-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/04\/digitale-freiheit\/","title":{"rendered":"Digitale Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Freies Wissen&#8220;, das in der Wikipedia kollaborativ gesammelt                 wird, hat seinen theoretischen Vorg\u00e4nger oder &#8222;\u00e4lteren Bruder&#8220;                 im Ph\u00e4nomen der &#8222;Freien Software&#8220;, deren bekanntestes Aush\u00e4ngeschild                 ein Betriebssystem ist, das die meisten Menschen unter dem Namen                 &#8222;Linux&#8220; kennen. <\/p>\n<p>Das Konzept der &#8222;Freien Software&#8220; geht auf den US-amerikanischen                 Programmierer Richard M. Stallman zur\u00fcck, der seit zwanzig Jahren                 nicht m\u00fcde wird zu betonen, dass es ihm, wenn er das Wort &#8222;frei&#8220;                 benutzt, nicht um &#8222;Freibier&#8220; sondern um &#8222;Freiheit&#8220; gehe. Freie                 Software ist nicht einfach kostenlos zu haben, sondern sie respektiert                 die Freiheit der Benutzerin. <\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Freiheiten ist diejenige, sich gegenseitig                 zu helfen. Grund genug also, diesem Konzept und dessen Urspr\u00fcngen                 einmal auf den Grund zu gehen und zu fragen, ob und wenn ja wieviel                 die Freiheitsbegriffe Freier Software und des Anarchismus miteinander                 zu tun haben und wo sie voneinander abweichen.<\/p>\n<h3>Begegnung mit Sankt iGNUtius<\/h3>\n<p>Richard Stallman ist eine lebende Legende. Der 1953 geborene                 Programmierer mit langen Haaren, stattlichem Bierbauch und Vollbart                 kann zu Recht von sich sagen, er habe die Welt ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Das, was es ohne ihn nicht g\u00e4be, nennt sich &#8222;Freie Software&#8220;,                 und diese ist heute in der Welt der Datenverarbeitung und des                 Internets derartig verbreitet, dass in etwa zwei Dritteln aller                 Webserver ein freies Programm namens &#8222;Apache&#8220; f\u00fcr das Ausliefern                 der Seiten sorgt, dass die allermeisten Mail- und Newsserver ebenso                 auf freien Programmen basieren, wie fast jeder DSL-Router, der                 in Wohnzimmern und B\u00fcros seine Dienste tut. <\/p>\n<p>Und immer mehr BenutzerInnen verlassen sich in ihrer allt\u00e4glichen                 Arbeit auf Programme wie Mozilla Firefox, OpenOffice.org oder                 Thunderbird, statt die Produkte des Quasi-Monopolisten Microsoft                 zu verwenden.<\/p>\n<p>Freie Software ist in den letzten Jahren ein Thema von globaler                 Bedeutung geworden: Entwicklungsl\u00e4nder erkennen es als m\u00f6glichen                 Ausweg aus der Abh\u00e4ngigkeit von m\u00e4chtigen Monopolisten wie Microsoft.                 Freie Software und Freies Wissen werden somit zunehmend als L\u00f6sung                 f\u00fcr das Problem des &#8222;digital divide&#8220; propagiert, also des Umstands,                 dass der gr\u00f6\u00dfte Teil der Weltbev\u00f6lkerung bis heute keinen Zugang                 zu moderner Informationstechnologie hat.<\/p>\n<p>Fester Bestandteil der Auftritte von Richard &#8222;RMS&#8220; Stallman ist                 es, dass er sich zum Ende in &#8222;Saint Ignucius&#8220; verwandelt: den                 Propheten der Freien Software mit einem Heiligenschein aus einer                 alten Computerfestplatte auf dem Kopf. Eine Rolle, die der \u00fcberzeugte                 Atheist mit einer geh\u00f6rigen Portion Selbstironie spielt. <a href=\"#u1\">(1)                 <\/a><\/p>\n<p>Stallman sagt, dass es ein neuer Drucker an seinem damaligen                 Arbeitsplatz im Massachusetts Institute of Technology (MIT) war,                 der am Beginn der Geschichte stand: 1980 wurde dort ein Laserdrucker                 vom Typ Xerox 9700 aufgestellt. Um sich und seinen KollegInnen                 \u00fcberfl\u00fcssige Wege zum Standort des Druckers auf einer anderen                 Etage zu ersparen, wollte der damals 27-J\u00e4hrige den Treiber des                 Druckers so ver\u00e4ndern, dass er wie sein Vorg\u00e4nger den Besitzer                 des aktuellen Druckauftrags benachrichtigt, wenn das Dokument                 gedruckt ist, und alle angemeldeten BenutzerInnen bei Papierstaus                 alarmiert. <\/p>\n<p>Doch die Herstellerfirma weigerte sich, ihm den menschenlesbaren                 Quelltext ((2)) zur Verf\u00fcgung                 zu stellen. <\/p>\n<p>Dies beschreibt Stallman als den Moment, an dem er sich entschied,                 dass es die ethische Pflicht jedes Programmentwicklers sei, den                 Quelltext der \u00d6ffentlichkeit zur Verf\u00fcgung zu stellen und somit                 jeder Benutzerin die M\u00f6glichkeit zu geben, es den eigenen Bed\u00fcrfnissen                 anzupassen. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst im Alleingang gr\u00fcndete er das GNU-Projekt, mit dem er                 sich das Ziel setzte, einen vollst\u00e4ndig freien Ersatz f\u00fcr das                 professionelle Betriebssystem Unix zu schaffen, das damals auf                 vielen Servern des MIT lief. So k\u00fcndigte er 1984 seinen sicheren                 Job am Institut, um sich ganz seinem, wie es damals scheinen musste,                 unrealistischen Plan zu widmen.<\/p>\n<p>GNU ist, wie damals unter Hackern ((3))                 \u00fcblich, eine sich selbst enthaltende Abk\u00fcrzung und bedeutet &#8222;GNU                 is Not Unix&#8220;.<\/p>\n<p>Damit verweist er auf die \u00c4hnlichkeit zu dem System, das er sich                 zum Vorbild nahm. Ein Jahr sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte er sein GNU-Manifest                  ((4)), mit dem er ProgrammierInnen                 in aller Welt zur Mitarbeit an seinem Projekt aufrief. Dadurch,                 dass das Gesamtprojekt in viele kleine Einzelaufgaben zerlegt                 wurde, entstand so innerhalb weniger Jahre ein fast vollst\u00e4ndiger                 Ersatz f\u00fcr eines der modernsten Serverbetriebssysteme. <\/p>\n<p>Jedes der Hunderte Kommandos wurde eines nach dem anderen nachprogrammiert,                 oft verbessert und mit zus\u00e4tzlichen Funktionen versehen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Bestandteil wurde jedoch nicht fertig, der sogenannte                 Kernel. Der Kernel ist diejenige Komponente eines Betriebssystems,                 die als erste in den Arbeitsspeicher des Rechners geladen und                 vom Prozessor ausgef\u00fchrt wird. <\/p>\n<p>Sie kontrolliert die Hardware und stellt den anderen Systembestandteilen                 Ressourcen zur Verf\u00fcgung, wie etwa Arbeitsspeicher und Rechenzeit.                 Zwar hatte Stallman einen Entwurf f\u00fcr einen Kernel, genannt &#8222;GNU                 Hurd&#8220;, erdacht und den Programmierer Michael Bushnell angeheuert,                 um ihn zu schreiben, doch das Konzept, das Unix nicht nur ersetzen,                 sondern wesentlich erweitern und verbessern sollte, erwies sich                 als zu ambitioniert. <\/p>\n<p>Daher kam es gerade recht, als sich 1991 ein junger finnischer                 Student namens Linus Torvalds aus reinem Eigeninteresse unabh\u00e4ngig                 vom GNU-Projekt an die Entwicklung eines eigenen Kernels machte.               <\/p>\n<p>Dieser folgte der traditionellen Unix-Architektur und war so                 in relativ kurzer Zeit einsatzf\u00e4hig. Da Torvalds an Feedback und                 Mithilfe anderer ProgramiererInnen interessiert war, stellte er                 den Quelltext seines Kernels, den er nach seinem eigenen Vornamen                 &#8222;Linux&#8220; nannte, \u00fcber das Internet zur Verf\u00fcgung und gab ihn unter                 der von Richard Stallman verfassten GNU General Public License                 (GPL) frei.<\/p>\n<p>Kombiniert mit diesem Kernel war GNU auf einmal das geworden,                 was Stallman ein knappes Jahrzehnt zuvor angek\u00fcndigt hatte: ein                 vollwertiger Ersatz f\u00fcr das professionelle Serverbetriebssystem                 Unix und zudem auf vergleichsweise g\u00fcnstiger PC-Hardware f\u00fcr jeden                 technisch verst\u00e4ndigen Menschen zu Hause einsetzbar. <\/p>\n<p>Doch die Verbreitung dieser Kombination von Linux-Kernel und                 GNU-Umgebung geschah nicht unter dem Namen &#8222;GNU&#8220;, sondern es setzte                 sich die Bezeichnung &#8222;Linux&#8220; durch, obwohl &#8222;Linux&#8220; nur ein kleiner,                 wenn auch zentraler Teil des Betriebssystems war. <\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise war der klangvollere Name ausschlaggebend. F\u00fcr                 die \u00f6ffentliche Wahrnehmung hatte diese wahrscheinlich zuf\u00e4llige                 Entwicklung weitreichende Folgen: Hatte Stallman mit seinem GNU-Projekt                 eine umfassende Ethik und Philosophie verbunden, so ging es Torvalds                 ausschlie\u00dflich um Spa\u00df und praktischen Nutzwert. (Nicht zuf\u00e4llig                 tr\u00e4gt seine Autobiographie den Titel &#8222;Just for fun&#8220;.)<\/p>\n<p>Im Zuge der Popularisierung von &#8222;Linux&#8220; sah Stallman die von                 ihm entworfene Ethik der &#8222;Vier Freiheiten&#8220; unter die R\u00e4der geraten.                 Um dem entgegenzuwirken, kreierte er den Namen &#8222;GNU\/Linux&#8220;. Diese                 Bezeichnung hat sich in einem Teil der Szene etabliert. <\/p>\n<p>Eine der bekanntesten und \u00e4ltesten Linux-Distributionen tr\u00e4gt                 die Bezeichnung &#8222;Debian GNU\/Linux&#8220;. ((5))               <\/p>\n<h3>Vier Freiheiten<\/h3>\n<p>Aus seinen Erfahrungen am MIT hatte Stallman das Konzept der                 &#8222;Vier Freiheiten&#8220; entwickelt, die allen SoftwarenutzerInnen zust\u00fcnden:<\/p>\n<ul>\n<li><b>Freiheit Null: <\/b>die Freiheit, ein Programm ohne Einschr\u00e4nkungen                   zu verwenden; <\/li>\n<li><b>Freiheit Eins: <\/b>das Recht, den Quelltext des Programms                   zu studieren und den eigenen Bed\u00fcrfnissen entsprechend anzupassen;                 <\/li>\n<li><b>Freiheit Zwei: <\/b>das Recht, das Programm ohne Einschr\u00e4nkungen                   weiterzugeben; und <\/li>\n<li><b>Freiheit Drei: <\/b>die Freiheit, auch ver\u00e4nderte Versionen                   des Programms weiterzugeben; <\/li>\n<\/ul>\n<p>Nur mit diesen Vier Freiheiten w\u00fcrden die BenutzerInnen selbst                 volle Kontrolle \u00fcber ihren Computer aus\u00fcben und sich der Gesellschaft                 gegen\u00fcber ethisch verhalten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Selbst Freiheit Null wird von nicht-freier, also <i>propriet\u00e4rer<\/i>                 Software oft nicht gew\u00e4hrleistet, etwa wenn verlangt wird, ein                 Programm nur zu nicht-kommerziellen, privaten Zwecken einzusetzen,                 oder wenn Programme mit eingebautem &#8222;Digital Rights Management&#8220;                 wie das Betriebssystem MS Windows Vista nach Microsofts Vorgaben                 dar\u00fcber entscheiden, welche Musik eine Benutzerin h\u00f6ren und welche                 Videos sie betrachten darf.<\/p>\n<p>Freiheit Eins, also die M\u00f6glichkeit, den Quelltext eines Programms                 zu studieren und ggf. zu ver\u00e4ndern, ist die Voraussetzung f\u00fcr                 individuelle Freiheit. Im Normalfall nicht-freier, also <i>propriet\u00e4rer<\/i>                 Software ist der\/die NutzerIn gezwungen, dem Hersteller zu glauben,                 dass die Software wirklich das tut, was er behauptet. In ein Programm                 absichtlich oder unabsichtlich eingebaute Schadfunktionen, die                 etwa zu Datenverlust f\u00fchren oder Angriffe von au\u00dfen erm\u00f6glichen,                 bleiben der Nutzerin verborgen. Leider verf\u00fcgen zahlreiche weitverbreitete                 propriet\u00e4re Programme und Betriebssysteme \u00fcber Hintert\u00fcren, die                 ohne Wissen des Nutzers Informationen an den Programmhersteller                 weitergeben.<\/p>\n<p>Solche Hintert\u00fcren werden nat\u00fcrlich stets geheimgehalten und                 nur durch Nachforschungen unabh\u00e4ngiger Programmierer entdeckt.<\/p>\n<p>Die Nutzerin ist ohne Freiheit Eins weiterhin der M\u00f6glichkeit                 beraubt, selbst beobachtete Programmfehler zu korrigieren oder                 fehlende Funktionalit\u00e4ten hinzuzuf\u00fcgen. Damit besteht ein Herrschaftsverh\u00e4ltnis                 zum Hersteller der Software, der allein entscheiden kann, ob er                 den Bitten der NutzerInnen folgt oder nicht. Freiheit Eins hebt                 dieses Herrschaftsverh\u00e4ltnis effektiv auf.<\/p>\n<p>Freiheit Zwei meint das Recht, die Software weiterzuverteilen.                 Solange es illegal ist, ein Programm an einen Freund weiterzugeben,                 obwohl dieser es ben\u00f6tigt, stehen die NutzerInnen vor einem ethischen                 Dilemma: Entweder sie betr\u00fcgen den Verk\u00e4ufer und brechen damit                 einen Vertrag oder sie unterlassen es, einem Freund zu helfen.               <\/p>\n<p>Stallman sieht in der unterlassenen Hilfe an den Freund eindeutig                 das gr\u00f6\u00dfere \u00dcbel. Teilen, so seine Botschaft, ist keine &#8222;Piraterie&#8220;,                 sondern ethisches Verhalten. Teilen mit dem bewaffneten \u00dcberfall                 auf ein Schiff gleichzusetzen, ist seiner Ansicht nach &#8222;Blackwhiting&#8220;                 &#8211; eine Verdrehung der Wirklichkeit nach dem Muster &#8222;Krieg ist                 Frieden&#8220;.<\/p>\n<p>Mit Hilfe freier Software ist es m\u00f6glich, diesem Dilemma zu entgehen,                 denn diese darf ohne Einschr\u00e4nkungen in beliebiger Menge an beliebig                 viele Menschen weitergegeben werden.<\/p>\n<p>Freiheit Drei ist das Recht, das Programm zu verbessern und die                 Verbesserungen zu ver\u00f6ffentlichen. So k\u00f6nnen verschiedene NutzerInnen,                 statt isoliert f\u00fcr sich zu arbeiten, einander helfen und von den                 Verbesserungen der anderen profitieren. F\u00fcr den \u00fcbergro\u00dfen Teil                 der Menschheit, der nicht des Programmierens m\u00e4chtig ist, ist                 Freiheit Drei von zentraler Bedeutung. <\/p>\n<p>Nur so k\u00f6nnen auch nicht-technische NutzerInnen von den Leistungen                 der Gemeinschaft profitieren und sind ihrerseits f\u00fcr Verbesserungen                 nicht mehr auf die Gnade von Herstellern angewiesen.<\/p>\n<h3>Copyleft statt Copyright<\/h3>\n<p>Damit soll das Stallmansche Konzept also einerseits individuelle                 Freiheit sicherstellen, ein Herrschaftsverh\u00e4ltnis zwischen NutzerInnen                 und Herstellern aufheben und kooperatives, solidarisches Handeln                 innerhalb der Gemeinschaft erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Dieses Konzept goss Stallman in eine rechtliche Form, indem er                 die sogenannte GNU General Public License (GPL) verfasste. Diese                 Lizenz gew\u00e4hrt nicht nur den NutzerInnen die genannten Vier Freiheiten,                 sondern sie verpflichtet sie auch, wenn sie die Software ihrerseits                 weitergeben, den Empf\u00e4ngerInnen wieder alle Vier Freiheiten in                 vollem Umfang zuzugestehen. Damit soll verhindert werden, dass                 einmal freigegebene Software jemals wieder privatisiert und der                 \u00d6ffentlichkeit entzogen werden kann. ((6))               <\/p>\n<p>In Abgrenzung zu anderen Lizenzen, deren Zweck es ist, die Rechte                 der NutzerInnen so weit wie m\u00f6glich einzuschr\u00e4nken, wird dieser                 Ansatz auch als &#8222;Copyleft&#8220; bezeichnet.<\/p>\n<p>In den gut zwei Jahrzehnten ihres Bestehens hat sich die GPL                 wiederholt als gerichtsfest erwiesen. Die Liste der Unternehmen,                 die erfolgreich gerichtlich belangt wurden, weil sie Freie Software                 in ihre Produkte einbauten, bei der Weitergabe aber entweder nicht                 auf die GPL verwiesen oder nicht den Quelltext bereitstellten,                 ist lang. ((7)) <\/p>\n<h3>Libert\u00e4r oder liberal? F\u00fcr freie M\u00e4rkte oder freie Menschen?<\/h3>\n<p>In Sachen Software ist Richard Stallman ein Advokat radikaler                 Freiheit. In seinem Freiheits-Purismus gilt er Vielen als dogmatischer                 Linker. Doch wie sieht er sich selbst? <\/p>\n<p>W\u00e4hrend seines Auftritts in der Jenaer Universit\u00e4t kann ich mir                 nicht verkneifen, ihn zu fragen, ob er meint, dass seine Ideen                 von radikaler Freiheit mit einem Gesellschaftssystem namens Kapitalismus                 kompatibel w\u00e4ren, dessen einziger Zweck darin best\u00fcnde, alles,                 was es vorfindet, in Profit zu verwandeln.<\/p>\n<p>Stallman antwortet, das, was ich beschriebe, sei nicht Kapitalismus,                 sondern &#8222;extremer&#8220; Kapitalismus. Diesen lehne er auch ab, aber                 daneben gebe es auch einen humanen Kapitalismus, wie er in den                 USA der 60er Jahre geherrscht habe. Im \u00dcbrigen seien auch viele                 Anh\u00e4nger der Freie-Software-Bewegung \u00fcberzeugte Bef\u00fcrworter des                 Kapitalismus.<\/p>\n<p>Stallmans Antwort entt\u00e4uscht mich. Nicht deshalb, weil sie ernsthafte                 Kapitalismuskritik vermissen l\u00e4sst (das wusste ich auch vorher                 schon), sondern aufgrund ihrer intellektuellen Bl\u00e4sse und Anspruchslosigkeit.                 Wie kann ein Mensch, der ein spezielles soziales Problem als erster                 erkannt und in seiner Hartn\u00e4ckigkeit behoben hat, so naiv daherkommen,                 wenn es um die Analyse der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen                 geht, denen wir alle ausgesetzt sind? <\/p>\n<p>Stefan Meretz nennt in seinem Aufsatz &#8222;Freie Software. Ideen                 f\u00fcr eine andere Gesellschaft&#8220; ((8))                 RMS einen &#8222;B\u00fcrgerrechtsliberalen&#8220; und meint, dass sein B\u00fcrgerrechtsliberalismus                 der Zwillingsbruder des Wirtschaftsliberalismus sei und letztendlich                 keinem anderen Ziel diene, als der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie                 frische Arbeitskraft zuzuf\u00fchren. <\/p>\n<p>Gleichzeitig erkennt er an, dass die GNU General Public License                 es effektiv geschafft hat, Freie Software dauerhaft der kapitalistischen                 Verwertung zu entziehen. Da sie nicht verkauft oder k\u00fcnstlich                 verknappt werden kann, ist freie Software im kapitalistischen                 Sinne &#8222;wertlos&#8220;.<\/p>\n<p>Sie hat zwar einen Gebrauchs-, aber keinen Geldwert. &#8222;Linux&#8220;                 l\u00e4sst sich weder kaufen noch verkaufen. Damit ist an einer f\u00fcr                 die kapitalistische Weltwirtschaft zentralen Stelle ein Raum entstanden,                 in dem die Marktgesetze keine Geltung haben und auf legalem Wege                 auch nicht mehr erlangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nicht einmal der Umstand, dass transnationale Konzerne wie IBM                 Hunderte Millionen Dollar in die Entwicklung freier Software stecken,                 kann diesen Umstand r\u00fcckg\u00e4ngig machen.<\/p>\n<p>Somit bedeutet GNU\/Linux ein St\u00fcck richtiges Leben im falschen.                 Ob &#8222;Sankt Ignucius&#8220; Stallman diese nicht-kapitalistische Natur                 seiner Sch\u00f6pfung wirklich nicht erkennt oder nur aus taktischen                 Gr\u00fcnden ignoriert, wissen wir nicht. Auf die Frage, ob er es denn                 als Beschimpfung annehme, wenn ihn seine Gegner als &#8222;Kommunisten&#8220;                 beschimpfen, bekomme ich eine ausweichende Antwort.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass der Kapitalismus in sich auf Dauer keine &#8222;wertfreien&#8220;                 Zonen dulden will, wie sie die Freie Software darstellt, dennoch                 hat sie bis heute allen Bedrohungen erfolgreich widerstanden.               <\/p>\n<p>Weder Softwarepatente (die in Europa vorerst verhindert worden                 sind) noch Klagen haben ihr den Garaus machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies, obwohl sich viele VertreterInnen der Freie-Software-Bewegung                 einer grundlegenden Kapitalismuskritik enthalten, oder vielleicht                 gerade deshalb?<\/p>\n<p>Liegt das Erfolgsgeheimnis gerade darin, die &#8222;K-Frage&#8220; einfach                 zu ignorieren, aber trotzdem in seinem konkreten Tun in einem                 speziellen Feld politisch zu <i>wirken<\/i>? Wie auch immer die                 Antwort auf diese Frage lautet, der Vorwurf der Inkonsequenz trifft                 nicht nur Stallman, er trifft mindestens ebenso sehr die Mehrheit                 der sich als links oder linksradikal identifizierenden Menschen,                 die ihre Werke, ihre Gedanken und ihr Wissen \u00fcberwiegend noch                 immer propriet\u00e4ren Programmen \u00fcberlassen, deren Tun sie nicht                 kontrollieren k\u00f6nnen und die die digitalen Fesseln, die ihnen                 angelegt sind, \u00fcberhaupt nicht bemerken. <\/p>\n<p>Langsam scheint sich dies zu \u00e4ndern: Immer h\u00e4ufiger sehe ich                 bei Ereignissen wie den Rostocker Anti-G8-Protesten in den \u00f6ffentlichen                 Computerpools die mir vertrauten Arbeitsoberfl\u00e4chen von Ubuntu                 oder Debian GNU\/Linux. <\/p>\n<p>Ich hoffe, dass mir dies in wenigen Jahren gar nicht mehr auffallen                 wird, weil es der Normalfall geworden ist. JedeR kann jederzeit                 die digitalen Ketten abwerfen. <\/p>\n<p>Was in der materiellen Welt einstweilen noch Utopie bleibt &#8211;                 in der Welt der Computer ist es bereits Wirklichkeit geworden:                 Es gibt alles f\u00fcr alle, unbegrenzt und sofort. Du musst nur zugreifen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Freies Wissen&#8220;, das in der Wikipedia kollaborativ gesammelt wird, hat seinen theoretischen Vorg\u00e4nger oder &#8222;\u00e4lteren Bruder&#8220; im Ph\u00e4nomen der &#8222;Freien Software&#8220;, deren bekanntestes Aush\u00e4ngeschild ein Betriebssystem ist, das die meisten Menschen unter dem Namen &#8222;Linux&#8220; kennen. Das Konzept der &#8222;Freien Software&#8220; geht auf den US-amerikanischen Programmierer Richard M. 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