{"id":8745,"date":"2008-05-01T00:00:40","date_gmt":"2008-04-30T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8745"},"modified":"2022-07-26T14:24:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:15","slug":"tibet-zwischen-emanzipation-und-ressentiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/tibet-zwischen-emanzipation-und-ressentiment\/","title":{"rendered":"Tibet: Zwischen Emanzipation und Ressentiment"},"content":{"rendered":"<p>Ein Team von JournalistInnen der franz\u00f6sischen Tageszeitung &#8222;Le Monde&#8220; hat ZeugInnenaussagen von TibeterInnen und bis zum Beginn der chinesischen Repression anwesenden TouristInnen und JournalistInnen gesammelt und in einer minuti\u00f6sen Dokumentation am 4. April (S.18-19) noch einmal die gesamte Entwicklung des Aufstands dargestellt.<\/p>\n<p>Auf dieser Quelle basiert folgender Bericht.<\/p>\n<h3>Ablauf der Revolte in Lhasa<\/h3>\n<p>Alles begann am Montag, dem 10. M\u00e4rz 2008, dem 49. Jahrestag des letzten tibetischen Aufstands in Lhasa (1959), als der damals 23-j\u00e4hrige Dalai Lama nach Dharamsala in Indien floh.<\/p>\n<p>An diesem 10. M\u00e4rz 2008 verlassen morgens um 6 Uhr 200 bis 400 buddhistische M\u00f6nche die Pagode von Drepung, 8 km westlich von Lhasa.<\/p>\n<p>Als sie in die Stadt marschieren, fordern sie lediglich die Freilassung der Gefangenen vom Oktober 2007, die fatalerweise gefeiert hatten, dass der Dalai Lama damals aus den H\u00e4nden Bushs die goldene Medaille des US-amerikanischen Kongresses verliehen bekam.<\/p>\n<p>Einige M\u00f6nche hatten am n\u00e4chsten Tag begonnen, die Au\u00dfenmauern ihrer Pagode mit der Farbe wei\u00df zu streichen, daf\u00fcr waren sie von der chinesischen Polizei verhaftet worden.<\/p>\n<p>Als die Drepunger M\u00f6nche am 10. M\u00e4rz marschieren, sto\u00dfen sie ein im Weg stehendes Polizeigitter um. Am Macadam-Platz stehen sie einem Spalier beschilderter Polizisten gegen\u00fcber und &#8211; setzen sich auf den Boden. Das Sit-In dauert einige Stunden, dann zerstreuen sich die M\u00f6nche.<\/p>\n<p>Die Polizei greift nicht ein, hat offensichtlich die Order, sich zur\u00fcckzuhalten. Abends versammeln sich die M\u00f6nche erneut, diesmal mitten im Zentrum, auf dem Platz Barkhor. StudentInnen kommen dazu. Sie bilden einen Kreis und halten sich an den H\u00e4nden. Massen an Polizisten in Uniform und Zivil sind da, sechs oder sieben Demonstranten werden festgenommen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, Dienstag, 11. M\u00e4rz, demonstrieren die M\u00f6nche von Drepung erneut, diesmal f\u00fcr die am Vorabend Festgenommenen. Nun kommen M\u00f6nche von der Sera-Pagode hinzu, die 4 km n\u00f6rdlich von der Altstadt liegt. Letztere schwenken erstmals tibetische Fahnen. Kurz vor Mittag kommt es zum Eingreifen der chinesischen Polizei und paramilit\u00e4rischer Einsatzkr\u00e4ften. Tr\u00e4nengasgranaten werden geworfen, die M\u00f6nche werden mit Kn\u00fcppeln geschlagen.<\/p>\n<p>Am Mittwoch, 12. M\u00e4rz, erhitzt ein Ger\u00fccht von Suizidversuchen zweier M\u00f6nche in Drepung die Gem\u00fcter. Sie sollen sich das Handgelenk abgetrennt haben. Andere M\u00f6nche in Sera beginnen einen Hungerstreik. Nach Angaben eines Zeugen von der BBC werden diese M\u00f6nche von der Polizei innerhalb der Pagode zusammengeschlagen.<\/p>\n<p>Ein europ\u00e4ischer Tourist, auf Urlaub in Lhasa, berichtet, dass von diesem Moment an die tibetischen Altstadtviertel von der Polizei abgeriegelt werden. Alle 10 bis 15 Meter werden auf der Stra\u00dfe um die Pagode Jokhang, das Heiligtum tibetischer Pilger im Herzen von Alt-Lhasa, Tische, St\u00fchle und eine Reihe Polizisten stationiert.<\/p>\n<p>Die M\u00f6nche von Jokhang verschanzen sich in der ersten Etage der Pagode.<\/p>\n<p>Am Donnerstag, 13. M\u00e4rz, \u00f6ffnet einer der M\u00f6nche ein Fenster zu einer noch Zugang zur Pagode habenden Touristentraube hin und schreit: &#8222;Not so good here!&#8220;<\/p>\n<p>Am Freitag, 14. M\u00e4rz, setzen sich nun die M\u00f6nche von der Pagode Ramoche in Aktion.<\/p>\n<p>Nach einem Gebet verlassen sie die Pagode, werden aber sofort von der Polizei aufgehalten. Die M\u00f6nche setzen sich daraufhin auf den Boden. Um 14 Uhr sehen TouristInnen viele Milit\u00e4rlastwagen in die tibetischen Stadtviertel fahren.<\/p>\n<p>&#8222;Die M\u00f6nche haben sich nicht vom Ort bewegt&#8220;, erkl\u00e4rt ihnen ein Touristenf\u00fchrer, &#8222;die Polizei hat sie angegriffen und die Leute haben darauf einen Milit\u00e4rlastwagen in Brand gesetzt.&#8220; Erstmals haben sich nun also tibetische Schaulustige oder ZuschauerInnen der Ereignisse eingemischt.<\/p>\n<p>Steine trommeln auf die Schilder der paramilit\u00e4rischen Polizei, die sich zur\u00fcckzieht.<\/p>\n<p>Die nun pl\u00f6tzlich w\u00fctende Menge geht auf die Pekinger Stra\u00dfe, die Hauptarterie Lhasas, und verteilt sich weiter in der Altstadt. Die Wut der TibeterInnen, von einzelnen M\u00f6nchen wie aus der Zivilbev\u00f6lkerung, entl\u00e4dt sich gegen alle Anzeichen der chinesischen Kolonisation, Polizeifahrzeuge, B\u00fcros der Presseagentur Neues China, Geb\u00e4ude der chinesischen Sicherheitskr\u00e4fte, das Einkaufszentrum Baiyi.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird die Eingangst\u00fcr einer Moschee muslimischer Hui-ChinesInnen in Brand gesetzt, den Weg der Menge kreuzende Han-ChinesInnen werden geschlagen, alle nicht-tibetischen Verkaufsst\u00e4nde und kleine Gesch\u00e4fte werden in Brand gesteckt. Eine Rauchwolke bildet sich \u00fcber Lhasa.<\/p>\n<p>Der lange aufgestaute Hass der TibeterInnen gegen Han-ChinesInnen und muslimische Hui-ChinesInnen schl\u00e4gt in nackte Gewalt um. Der Aufstand bekommt einen offen rassistischen Einschlag.<\/p>\n<p>&#8222;Es war ein Ausbruch ethnischer Gewalt schlimmster Natur&#8220;, erz\u00e4hlt James Miles, der Pekinger Korrespondet f\u00fcr &#8222;The Economist&#8220;, der einzige ausl\u00e4ndische Journalist, der an diesem Tag noch in Lhasa anwesend ist und dem man kaum ein Interesse wird nachsagen k\u00f6nnen, den tibetischen Aufstand grundlos zu kritisieren.<\/p>\n<p>Am folgenden Tag, Samstag, 15. M\u00e4rz, kommt der deutsche &#8222;Zeit&#8220;-Reporter Georg Blume noch in Lhasa an und kann vor Beginn der chinesischen Repressionswelle durch die zerst\u00f6rten und nun verlassenen Altstadtviertel gehen.<\/p>\n<p>Er zeigt sich &#8222;\u00fcberrascht vom Ausma\u00df der Zerst\u00f6rungen und den Spuren einer Gewalt, die einige Tibeter schockiert hat, auch wenn sie anti-chinesisch eingestellt sind&#8220;. Einige tibetische Jugendliche stellen sich ihm in den Weg und rufen: &#8222;Jetzt haben wir den Chinesen mal gezeigt, wozu wir f\u00e4hig sind!&#8220;<\/p>\n<p>Die gewaltsamen Aktionen dauern bis Samstagmittag.<\/p>\n<p>Nach chinesischen Angaben gibt es 22 Tote, davon die meisten &#8222;Unschuldige&#8220;, die durch die Brandstiftungen in ihren H\u00e4usern oder Gesch\u00e4ften verbrannten. Im Umkreis des Dalai Lama wird von 140 Toten gesprochen, davon seien die meisten w\u00e4hrend der chinesischen Repression, die noch folgen sollte, umgekommen.<\/p>\n<p>Allein im Gef\u00e4ngnis Drapchi habe es 26 tote Tibeter gegeben. Doch es gibt aus Lhasa kein Fernsehbild mit Aufnahmen von der blutigen chinesischen Repression, w\u00e4hrend es zahlreiche Bilder gibt, die rassistische Anti-Han- und Anti-Hui-Aktionen der tibetischen Bev\u00f6lkerung dokumentieren.<\/p>\n<p>Diese Tatsache wird zur St\u00e4rke der chinesischen Propaganda.<\/p>\n<p>Freitags und Samstagmorgen haben TouristInnen keinen Zugang mehr zu den abgeriegelten Stadtvierteln. Sie sehen gepanzerte Fahrzeuge und Truppentransporter die Ausfallstra\u00dfen hinunterfahren. Und sie h\u00f6ren Sch\u00fcsse und Maschinengewehrfeuer. Tibetische BewohnerInnen bezeugen, dass sie seit Freitag Menschen mit eigenen Augen haben sterben sehen. &#8222;Die Polizei hat mit scharfer Munition mitten in die Menge geschossen&#8220;, erz\u00e4hlt ein tibetischer Augenzeuge sp\u00e4ter &#8222;Radio Freies Asien&#8220;.<\/p>\n<h3>Der Aufstand in den chinesischen Provinzen. Erste Schlussfolgerungen<\/h3>\n<p>In der abgeriegelten Altstadt hat die Repression erst ab Samstagmittag in vollem Ausma\u00df eingesetzt, als niemand mehr Aufnahmen machen konnte und TouristInnen wie auch westliche JournalistInnen keinen Zugang mehr hatten. Bekannt ist, dass es massenhaft Hausdurchsuchungen und Polizeirazzien gegeben hat, aber niemand kennt die genauen Umst\u00e4nde oder die Zahl der Opfer.<\/p>\n<p>Ein anderes Faktum des Ablaufs ist erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig: Obwohl bereits eingetroffen, haben die massiven chinesischen Truppen und Sicherheitskr\u00e4fte ab Freitag noch einmal 24 Stunden gewartet, bis sie alle Mittel einsetzten.<\/p>\n<p>Sie lie\u00dfen die Aufst\u00e4ndischen pl\u00fcndern, brandschatzen und zerst\u00f6ren, wie sie wollten.<\/p>\n<p>Hatten die Truppen Anweisung, ein Blutbad in Bildern zu vermeiden, eine Art tibetisches &#8222;Tienanmen&#8220; (nach der gewaltlosen Revolte 1989 in Peking), das f\u00fcr die Veranstaltung der Olympischen Spiele h\u00e4tte fatal sein k\u00f6nnen? Oder war es reiner Macchiavellismus des Staates &#8211; um den Preis unschuldiger chinesischer Opfer -, um dann eine Repression ohne st\u00f6rende Bilder durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Danach hat sich der Aufstand in der Folgewoche auf Gebiete der tibetischen Bev\u00f6lkerung in den chinesischen Provinzen Quinghai, Gansu, Szechuan und Yunnan ausgeweitet.<\/p>\n<p>Am 16. M\u00e4rz, kam es dabei zu Ausschreitungen, die in kleinerem Ausma\u00df denen in Lhasa glichen, aber keine chinesischen Opfer kosteten.<\/p>\n<p>Den M\u00f6nchen einer Pagode in Kirti gelang es, die Leichen von 15 durch Sch\u00fcsse ermordeten Tibetern zu bergen. Die Fotos von 8 dieser Leichen gelangten an die \u00d6ffentlichkeit und stellen bis heute die einzigen Fotodokumente der chinesischen Repression dar. Doch viele Aufst\u00e4nde in den chinesischen Provinzen blieben auf tibetischer Seite weitgehend gewaltlos und waren von Forderungen nach einer R\u00fcckkehr des Dalai Lama nach China begleitet.<\/p>\n<p>Aus Szechuan stammt die Zeugenaussage eines einheimischen Tibeters \u00fcber den \u00f6rtlichen Aufstand am 24. M\u00e4rz:<\/p>\n<p>&#8222;Es waren die Nonnen, die am 24. M\u00e4rz gegen 16 Uhr als erste auf die Stra\u00dfe gingen. Ihre Pagode, Ngyoe-go, liegt ungef\u00e4hr 10 Kilometer von der Distrikthauptstadt entfernt. Sie forderten die R\u00fcckkehr des Dalai Lama. Die bewaffnete Polizei hat sie aufgehalten und gezwungen, auf Lastwagen zu steigen, die sie zur Pagode zur\u00fcck brachten. Nun kamen die M\u00f6nche der nahegelegenen Pagode Chokri zu Hilfe und gingen in die Stadt, gefolgt von zahlreichen DorfbewohnerInnen.<\/p>\n<p>Die Polizei wollte ihnen den Zugang zu \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden verbieten. Die Leute sangen Lieder, forderten Freiheit f\u00fcr Tibet und die R\u00fcckkehr des Dalai Lama. Kleine Kieselsteine wurden auf die Polizisten geworfen. Nachher sagten die Chinesen, dass ein Polizist von einem Stein get\u00f6tet worden sei, aber niemand hat so etwas gesehen. Die Polizei hat nun geschossen. Ein junger M\u00f6nch ist gestorben. (&#8230;) Am selben Abend sind die Polizeikr\u00e4fte in die Nonnenpagode gegangen, haben die Nonnen dazu gezwungen, vor ihnen hinzuknien und haben sie alle festgenommen, bis auf die in hohem Alter.&#8220;<\/p>\n<p>Aus diesem Ablauf lassen sich m.E. folgende erste Schl\u00fcsse \u00fcber den Charakter der tibetischen Revolte ziehen: Der Aufstand begann als gewaltlose Revolte buddhistischer M\u00f6nche mit konkreten Forderungen und richtete sich direkt gegen die chinesischen Unterdr\u00fcckungsbeh\u00f6rden.<\/p>\n<p>Unmittelbar nachdem der Aufstand in Gewalt umschlug, ver\u00e4nderte sich der zuerst emanzipatorische, legitime Charakter der Revolte in ressentimentgeladene, rassistische Gewalt besonders von Seiten der jugendlichen tibetischen Zivilbev\u00f6lkerung, die nun gegen\u00fcber den M\u00f6nchen die Initiative \u00fcbernahm und den Ablauf bestimmte.<\/p>\n<p>Trotz der Kritik an den Gewaltaktionen auf eigener Seite durch den Dalai Lama im Exil bleibt er als geistige und charismatische F\u00fchrungsperson innerhalb Tibets popul\u00e4r, was die Forderungen nach seiner R\u00fcckkehr bei den tibetischen Aufst\u00e4nden in den chinesischen Provinzen bezeugen.<\/p>\n<p>Die Distanzierungen des sich ebenfalls im indischen Exil befindlichen &#8222;Tibetischen Jugendkongresses&#8220; von der gewaltlosen Strategie des Dalai Lama und die Forderung des Jugendkongresses nach absoluter Unabh\u00e4ngigkeit Tibets (im Gegensatz zu kulturellen Autonomieforderungen des Dalai Lama) halte ich einerseits f\u00fcr verst\u00e4ndlich, weil aus Sicht der jugendlichen Generation 50 Jahre gewaltloser Kampf f\u00fcr Tibet keinerlei Erfolge gebracht hat.<\/p>\n<p>Andererseits nimmt deren gewaltbef\u00fcrwortende und -idealisierende Sicht aus dem indischen Exil die mit zunehmender Militanz schnell eingeleitete rassistische, ressentimentgeladene Kehrtwende nicht wahr, die beim Aufstand in Lhasa entstanden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Team von JournalistInnen der franz\u00f6sischen Tageszeitung &#8222;Le Monde&#8220; hat ZeugInnenaussagen von TibeterInnen und bis zum Beginn der chinesischen Repression anwesenden TouristInnen und JournalistInnen gesammelt und in einer minuti\u00f6sen Dokumentation am 4. 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