{"id":8751,"date":"2008-05-01T00:00:56","date_gmt":"2008-04-30T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8751"},"modified":"2022-07-26T14:14:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:47","slug":"exzellente-demontage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/exzellente-demontage\/","title":{"rendered":"Exzellente Demontage"},"content":{"rendered":"<p>Auch der Jargon ist zeitgem\u00e4\u00df. Universit\u00e4ten r\u00fchmen die &#8222;Event-Kultur&#8220; ihrer Standorte und Seminare, &#8222;Leuchtt\u00fcrme der Forschung&#8220; schie\u00dfen wie Pilze aus dem Boden, und die erste Runde im Kampf um die Zuteilung der sogenannten Exzellenzf\u00f6rderung, von der weiter unten die Rede sein wird, l\u00e4utete der damalige Pr\u00e4sident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, mit dem Slogan ein:<em> &#8222;<\/em>Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversit\u00e4ten&#8220;. Man m\u00f6chte meinen, es gebe keinen Ort, an den J\u00fcrgen Klinsmann und Dieter Bohlen nicht gelangen k\u00f6nnen. Bildung: eine Mischung aus Rummelplatz, Werbeb\u00f6rse und Casting-Show?<\/p>\n<h3>Kopflos zur Kopfnote<\/h3>\n<p>Von Epikur stammt der ebenso treffende wie zeitlos g\u00fcltige Satz: &#8222;Bei den meisten Menschen ist die Ruhe nichts als Erstarrung, und die Aktivit\u00e4t nichts als Raserei.&#8220; Besser kann man die deutsche Bildungspolitik kaum beschreiben. Aber was sich im Schatten der bonbonbunten Werbetafeln abspielt, ist l\u00e4ngst nicht mehr &#8222;nur&#8220; das unkontrollierte Zucken einer Kultusb\u00fcrokratie, die nach dem &#8222;Pisa-Schock&#8220; eilends Aktivit\u00e4t nachweisen mu\u00dfte. Was sich abspielt, ist der wohl unsozialste bildungspolitische Kahlschlag der Nachkriegszeit.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Ver\u00e4nderungen, schreibt der M\u00fcnchner Sozialpsychologe Heiner Keupp, seien Teil einer Mobilisierungsstrategie mit dem Ziel, die deutschen Bildungseinrichtungen, allen voran die Universit\u00e4ten, &#8222;ihrer kritisch-reflexiven Restbest\u00e4nde [&#8230;] zu berauben und sie in das Getriebe des globalen Kapitalismus als unmittelbar nutzbare Ressource widerstandslos einzupassen&#8220;.<\/p>\n<p>Dabei gleichen Schulen und Universit\u00e4ten, was ihre Lehrt\u00e4tigkeit angeht, mehr und mehr Werkshallen.<\/p>\n<p>In ihnen wird das k\u00fcnftige Humankapital &#8211; je fr\u00fcher, desto besser &#8211; vorsortiert, geordnet und vor allem: etikettiert.<\/p>\n<p>Wie sonst soll man die Aussage der nordrhein-westf\u00e4lischen Ministerin f\u00fcr Schule und Weiterbildung, Barbara Sommer, verstehen, die die Wiedereinf\u00fchrung von &#8222;Kopfnoten&#8220; damit rechtfertigte, die Wirtschaft habe ein Recht darauf zu erfahren, wen sie einstellen werde?<\/p>\n<p>Kopfnoten, ein Relikt aus Gro\u00dfmutters Zeiten, erg\u00e4nzen seit dem Schuljahr 2007\/08 an allen weiterf\u00fchrenden Schulen in NRW die herk\u00f6mmliche Benotung der schulischen Leistung (vgl. GWR 327). &#8222;Zensiert&#8220; werden &#8222;Charakter&#8220;, &#8222;Teamf\u00e4higkeit&#8220;, &#8222;soziales Verhalten&#8220; &#8230; eine Schulnote als Arbeitszeugnis. Wie man das fair und neutral machen soll, wei\u00df niemand; am wenigsten die Schulkollegien. Aber gemacht wird es trotzdem.<\/p>\n<p>Das dreiz\u00fcgige Schulsystem in Deutschland war selbstverst\u00e4ndlich immer schon ein Ort der sozialen Auslese. Nun aber kann der Lebensweg eines Sch\u00fclers, der &#8222;sich nicht benehmen kann&#8220;, der vielleicht wenig konforme Ansichten pflegt oder neue Wege beschreiten m\u00f6chte, schon ab der vierten Klasse (!) verbaut werden. Und wer im Abschlusszeugnis nur ein &#8222;befriedigend&#8220; nach Hause tr\u00e4gt, sollte sich auf dem Arbeitsmarkt nicht allzu gro\u00dfe Chancen ausrechnen.<\/p>\n<h3>Bachelor und Master<\/h3>\n<p>Die Bachelor- und Masterstudieng\u00e4nge setzen diesen Trend fort: Nur etwa 30 Prozent der Bachelor-AbsolventInnen werden &#8211; finanziell oder ihrem Leistungsniveau entsprechend &#8211; die Chance bekommen, anschlie\u00dfend noch einen Master zu erwerben.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen kommen als eilausgebildete Ressource auf den Arbeitsmarkt und werden dort, wenn sie \u00fcberhaupt Arbeit finden, bei gleicher T\u00e4tigkeit schlechter bezahlt werden. Die Berufsaussichten von Real- und Hauptsch\u00fclerInnen sinken praktisch auf den Nullpunkt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren allein im Wintersemester 2006\/07 die Zahl der Studienanf\u00e4ngerInnen um fast 20 Prozent sinken lassen. Auch auf dem Ausbildungsmarkt wird es demnach eng f\u00fcr Menschen ohne Abitur und Hochschulabschluss.<\/p>\n<p>Wenn Politik und Wirtschaft medienwirksam h\u00e4nderingend um junge, kreative, vern\u00fcnftig (aus)gebildete Fachleute flehen, sind Bachelor-Studierende ganz sicher nicht gemeint: In sechs Semestern m\u00fcssen sie ein Studium absolvieren, das ihnen keine M\u00f6glichkeiten mehr l\u00e4\u00dft, eigenen Interessen zu folgen.<\/p>\n<p>Das Studium ist mittlerweile so verschult, wie es sich kein kaiserlich-deutscher Oberlehrer h\u00e4tte ausmalen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Modulhandb\u00fccher, neoliberale Studienordnungen des 21. Jahrhunderts, haben den Umfang mittlerer Telefonb\u00fccher, und die Universit\u00e4ten m\u00fcssen eigens Fachkr\u00e4fte einstellen, damit irgendjemand die \u00dcbersicht beh\u00e4lt. Ein Wirrwarr aus Pr\u00fcfungsordnungen, Leistungsanerkennungen, Teilnahmeberechtigungen, <em>Creditpoints<\/em> und hundert widersinnigen, h\u00e4ufig widerspr\u00fcchlichen Vorschriften \u00fcberfordert Lehrende und Studierende gleicherma\u00dfen. Erh\u00f6ht haben sich seit Einf\u00fchrung der Bachelor- und Masterstudieng\u00e4nge der b\u00fcrokratische Aufwand, der Konformit\u00e4tsdruck auf die Studierenden, die soziale Selektion und die Verwirrung. Sonst nichts.<\/p>\n<p>Zum Trost wird ein Schauspiel gl\u00fccklicher Marktorientierung aufgef\u00fchrt, das Forschung und Lehre voneinander trennt:<\/p>\n<p>Die Schulen spielen weiter ihre Rolle bei der sozialen Vorauswahl. Universit\u00e4ten aber sollen k\u00fcnftig als Markenprodukte in einer globalisierten Shopping-Mall des Geistes gl\u00e4nzen. Vermittlung von Wissen ist h\u00e4sslich. Forschung ist <em>in<\/em>.<\/p>\n<h3>Die Exzellenz-Initiative<\/h3>\n<p>Ein besonders sprechendes Beispiel ist die sogenannte Exzellenz-Initiative, die 2007 in die dritte Runde ging. Seither d\u00fcrfen sich sechs weitere Universit\u00e4ten \u00fcber eine Finanzspritze von 35 Millionen Euro freuen, gestaffelt auf f\u00fcnf Jahre. Dies ist die h\u00f6chste Forschungsf\u00f6rderung, die die Bundesrepublik zu vergeben hat &#8211; aus Steuergeldern, versteht sich. Pr\u00e4miert werden gro\u00dfe, interdisziplin\u00e4re Forschungsprojekte, geleitet von etablierten Fachleuten, die versprechen, gesellschaftsrelevante Ergebnisse zu bringen. Graduiertenschulen, in denen Doktorarbeiten geschrieben und gef\u00f6rdert werden, sowie eine dringliche Einladung zu internationaler Vernetzung runden das Programm ab.<\/p>\n<p>Auch sonst h\u00f6ren sich einige der Neuerungen, die die Exzellenz-Initiative &#8211; als j\u00fcngstes und liebstes Kind der DFG &#8211; bringen soll, verlockend an. So soll ein Ende gemacht werden mit dem kauzigen Hochschullehrer, der seit Jahrzehnten in immergleichen Vorlesungen sein immergleiches Garn abspuhlt. Kontakt zu \u00d6ffentlichkeit und Medien geh\u00f6rt zu den Voraussetzungen f\u00fcr eine Exzellenzf\u00f6rderung.<\/p>\n<p>Nur: Pr\u00e4miert werden &#8222;exzellente&#8220; Forschungs<em>vorhaben.<\/em><\/p>\n<p>Es sind gerade nicht die &#8222;Spitzenuniversit\u00e4ten&#8220; &#8211; was auch immer das hei\u00dfen mag -, die in ihrer Arbeit best\u00e4tigt und gef\u00f6rdert werden. Der sch\u00f6nste <em>Antrag<\/em> bekommt die Palme.<\/p>\n<p>Nicht existierende wissenschaftliche Gro\u00dfprojekte werden mit Geld \u00fcbersch\u00fcttet.<\/p>\n<p>Gleichzeitig haben es kleinere, h\u00e4ufig weit solidere Forschungsunternehmungen immer schwerer, an Gelder zu kommen. Die Exzellenz-Initiative ist so etwas wie die Stefan-Effenberg-Autobiographie der Wissenschaften: Sie markiert den Ausbruch des neoliberalen &#8222;Vorschu\u00df-Syndroms&#8220;<em> <\/em>in der akademischen Forschungsf\u00f6rderung.<\/p>\n<p>Landauf, landab versuchen nun Universit\u00e4ten, sich mit immer phantastischeren Antr\u00e4gen und Skizzen f\u00fcr neue Exzellenzcluster &#8211; auf deutsch wohl am besten mit &#8222;Glanzklumpen&#8220; zu \u00fcbersetzen &#8211; gegenseitig auszustechen. Ganz freiwillig machen sie das nicht: Eine rigide K\u00fcrzungspolitik, die die Lehre an manchen Hochschulen praktisch hat zusammenbrechen lassen, hat die alte humboldtsche Festung der <em>Universitas<\/em> sturmreif geschossen.<\/p>\n<p>Nun best\u00e4tigt die Vergabe der Exzellenz-F\u00f6rderung an einige wenige Auserw\u00e4hlte den finanziellen Kahlschlag nachtr\u00e4glich und l\u00e4dt zu weiteren K\u00fcrzungen ein &#8211; mit willkommener Hilfe der Universit\u00e4ten selbst. Die anderen, so die beabsichtigte Aussage, h\u00e4tten sich eben &#8222;mehr anstrengen m\u00fcssen&#8220;.<\/p>\n<h3>Die gl\u00fccklosen Gewinner<\/h3>\n<p>Aber auch die Siegerinnen im Kampf um die exzellente Finanzspritze werden ihres Sieges meist nicht froh. Denn tats\u00e4chlich hat ein Exzellenzcluster nach dem Willen der DFG eine aus dem normalen Universit\u00e4tsalltag herausgel\u00f6ste Einrichtung zu sein.<\/p>\n<p>Den erfolgreichen Unis w\u00e4chst im schlimmsten Fall ein Januskopf: hier die alte Universit\u00e4tsverwaltung, mit eher grauen Verpflichtungen f\u00fcr Lehre und Forschung, dort der Cluster, mit keiner anderen Aufgabe, als sich im Lichte seiner Exzellenz zu sonnen und zu zeigen. Wer <em>hip<\/em> sein will, spricht eher mit den &#8222;Cluster-Leuten&#8220; als mit den BeamtInnen des Rektorats. Denn es versteht sich, da\u00df in Zeiten aggressiver Durchkapitalisierung s\u00e4mtlicher Lebensbereiche &#8222;gesellschaftsrelevante Ergebnisse&#8220; nichts anderes bedeutet als: Ergebnisse, die sich gut verkaufen.<\/p>\n<p>Die Ausrichtung der Hochschulforschung auf unmittelbare Verwertbarkeit ihrer Ergebnisse, ganz gleich, ob es sich um Natur- oder Geisteswissenschaften handelt, wird vor allem von den Hochschulr\u00e4ten vorangetrieben, die die Hochschulpolitik seit einigen Jahren ma\u00dfgeblich steuern. Dort sitzen aber nicht l\u00e4nger Professoren im Gremium, sondern Vertreter aus Medien und Wirtschaft.<\/p>\n<p>Zwar profitieren auch die Universit\u00e4ten von der Vergabe einer Exzellenzf\u00f6rderung: Es k\u00f6nnen neue, themenbezogene Lehrst\u00fchle eingerichtet werden. Neue Materialien werden angeschafft. Die Bibliotheken wachsen. Eine Vermittlung der (erst noch zu leistenden) Spitzenforschung durch die Lehre aber ist nach den Statuten der DFG gar nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Der Cluster <em>entzieht<\/em> den Studierenden ihre Professorinnen und Professoren, die sich semesterweise in die Forschung verabschieden.<\/p>\n<p>Manche der letztgenannten sind dar\u00fcber auch gar nicht traurig&#8230;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend so manchem das &#8222;Pisa-Geheule&#8220; noch in den Ohren klingt, verringert das Konzept der Clusterforschung die Qualit\u00e4t der universit\u00e4ren Lehre weiter. Woher hervorragender wissenschaftlicher Nachwuchs kommen soll, wenn man Studierenden nicht fr\u00fch genug Gelegenheit bietet, mit wissenschaftlicher Forschung &#8211; auch und gerade mit Forschung auf hohem Niveau &#8211; in Ber\u00fchrung zu kommen, mag bei der DFG niemand erkl\u00e4ren. Es kann wohl auch niemand.<\/p>\n<h3>Eins, zwei, drei&#8230; Eliteuniversit\u00e4t<\/h3>\n<p>Vollends absurd wird das Spektakel, wenn man die Kriterien betrachtet, die die DFG f\u00fcr die Vergabe des Status einer &#8222;Elite-Universit\u00e4t&#8220; festgelegt hat. Es ist in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik ohnehin etwas Neues, da\u00df Bildungspolitiker \u00f6ffentlich von &#8222;neuen Eliten&#8220; schw\u00e4rmen, ohne rot zu werden.<\/p>\n<p>Da\u00df ein einigerma\u00dfen freier und gleichberechtigter Zugang zur Bildung Voraussetzung f\u00fcr das Funktionieren eines einigerma\u00dfen freien und gleichberechtigten demokratischen Staatswesens sein sollte, hat man augenscheinlich vergessen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Frankreich ein streng auf Auslese und Elitenbildung ausgerichtetes Bildungssystem in Tr\u00fcmmern liegt, pr\u00e4sentiert die DFG unter rauschendem Applaus der Medien ihre &#8222;Elite-Universit\u00e4ten&#8220;. Kaum jemand wei\u00df, da\u00df die Anforderungen ebenso schlicht wie aberwitzig sind: Hat eine Universit\u00e4t einen Exzellenzcluster und zwei Graduiertenschulen vorzuweisen, ist sie automatisch &#8222;Elite&#8220;. Das Lehrangebot, die F\u00e4chervielfalt, das Zahlenverh\u00e4ltnis von Studierenden zu Lehrenden, der wissenschaftliche Rang der Professorinnen und Professoren&#8230; all das spielt keine Rolle. Elite ist, wer mitspielt und sich gut vermarkten l\u00e4\u00dft; Elite ist ein Etikett; ein Werbeslogan, um eine zur reinen Kapitalressource verdinglichte Forschung auf dem Markt unterzubringen.<\/p>\n<p>Daneben sind sowohl Exzellenzcluster als auch &#8222;Elite-Universit\u00e4ten&#8220; geschickte Schachz\u00fcge der DFG, um ihre Macht zu mehren.<\/p>\n<p>Diese Organisation, tief verstrickt in die Machenschaften der Politik und kaum demokratischer Kontrolle unterworfen, wird zur wichtigsten Abwicklungshelferin des alten Traumes von gesellschaftlicher Bildung. Die neoliberale Offensive hat im Bildungsbereich die gleichen Folgen wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft auch: eine fortschreitende Entdemokratisierung und Entsolidarisierung, eine Versch\u00e4rfung der Klassengegens\u00e4tze bis hin zum offenen Kapitalfeudalismus &#8211; &#8222;Nur wer Geld hat, darf sich bilden!&#8220; -, und einen geistigen Substanzverlust, der kritisches Nachdenken schon fast wie etwas Vorzeitliches erscheinen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Die katastrophalen Folgen dieser Entwicklung werden in wenigen Jahren deutlicher denn je zu erkennen sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch der Jargon ist zeitgem\u00e4\u00df. 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