{"id":8784,"date":"2008-05-01T00:00:37","date_gmt":"2008-04-30T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8784"},"modified":"2022-07-26T14:14:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:47","slug":"1968-ein-anarchistischer-aufbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/1968-ein-anarchistischer-aufbruch\/","title":{"rendered":"1968 &#8211; ein anarchistischer Aufbruch?"},"content":{"rendered":"<p>In den 60er Jahren beeinflussten die Befreiungs- und Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfe                 in verschiedenen L\u00e4ndern und der Kampf gegen den Kolonialismus                 die Neue Linke und den Neoanarchismus in Westeuropa. In den USA                 und Europa entstanden u.a. die Anti-Vietnamkriegsbewegung, die                 Lehrlings-, Sch\u00fclerInnen- und StudentInnenbewegungen unter Bezugnahme                 auf die &#8222;Frankfurter Schule&#8220; (Adorno, Marcuse, Horkheimer u.a.),                 die Beatniks und den franz\u00f6sischen Existentialismus (Sartre u.a.).                 Vor allem in den USA wurden die &#8222;Blumenkinder&#8220; zur &#8222;Hippie-Bewegung&#8220;.               <\/p>\n<p>Die urspr\u00fcnglich &#8222;unpolitischen&#8220; Hippies wollten aus den gesellschaftlichen                 Zw\u00e4ngen aussteigen. Sie politisierten sich nicht zuletzt unter                 dem Eindruck starker Repressionen.<\/p>\n<p>In der Bundesrepublik war dem vergleichbar die &#8222;Gammler-Bewegung&#8220;.                 Viele Menschen stiegen aus Schule, Lehre, Lohnarbeit, Studium,                 den Zw\u00e4ngen des Elternhauses und der Gesellschaft aus. <\/p>\n<p>&#8222;Sie leben auf der Stra\u00dfe oder sind auf Trebe, Trampen durch                 ferne L\u00e4nder und entwickeln neue Ziele und Tr\u00e4ume des Zusammenlebens.                 Sp\u00e4ter l\u00f6st sich die Bewegung wieder auf und zerf\u00e4llt in Landkommune-Bewegung,                 den Hippietrail nach Indien, Reangepa\u00dftheit nach einer Jugends\u00fcnde                 und Wiederaufnahme des abgebrochenen Studiums. Einige jedoch fangen                 an, sich st\u00e4rker politisch zu engagieren.&#8220; ((1))               <\/p>\n<p>In Frankreich, Italien, Mexiko, England, Japan, in der Tschechoslowakei                 und Jugoslawien, in vielen Industriegesellschaften der Welt bildeten                 sich Protestbewegungen, die der westdeutschen verwandt waren.               <\/p>\n<p>Hier &#8222;verbanden sich Menschen vorwiegend b\u00fcrgerlicher Herkunft                 zu dem Versuch, ein von altb\u00fcrgerlichen Gruppen beherrschtes Regime                 auf au\u00dferparlamentarischem Wege aus den Angeln zu heben&#8220; ((2)),                 stellt Norbert Elias fest. Wie er deuteten viele ZeitzeugInnen                 die Protestwelle 1968 als StudentInnen- und Jugendrevolte. <\/p>\n<p>Sie umgreift jedoch mehr als einen vehement ausgetragenen sozialen                 Generationenkonflikt. 1968 markiert den H\u00f6hepunkt einer sozialen                 Bewegung, die sich selbst als neue linke Bewegung verstand und,                 so die Geschichtsprofessorin Ingrid Gilcher-Holtey, &#8222;die letzte                 soziale Bewegung gewesen ist, die \u00fcber einen sozialistischen Gegenentwurf                 zur bestehenden Gesellschafts-, Wirtschafts- und Herrschaftsordnung                 verf\u00fcgte&#8220;. ((3)) <\/p>\n<h3>Gegen\u00f6ffentlichkeit<\/h3>\n<p>Gro\u00dfe Teile der <i>Au\u00dferparlamentarischen Opposition<\/i> (APO)                 versuchten 1967\/68 eine <i>Gegen\u00f6ffentlichkeit<\/i> herzustellen,                 gegen den von den USA gef\u00fchrten und von der Bundesregierung und                 dem Gro\u00dfteil der Medien in der Bundesrepublik unterst\u00fctzten Vietnamkrieg,                 gegen die Notstandsgesetze der Gro\u00dfen Koalition aus SPD und CDU\/CSU                 und die vom Springerkonzern dominierte Presse, gegen &#8222;verkrustete                 Institutionen&#8220; und deren Tr\u00e4ger, das &#8222;Establishment&#8220;, gegen \u00fcberkommene                 Werte, Normen und Moralvorstellungen, gegen die Gleichg\u00fcltigkeit                 und Selbstzufriedenheit der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Dabei basierte <i>Gegen\u00f6ffentlichkeit <\/i>als &#8222;GEGENbegriff und                 Kampfbegriff&#8220; auf der Annahme, dass b\u00fcrgerliche \u00d6ffentlichkeit                 zerst\u00f6rt sei.<\/p>\n<p>&#8222;Ich denke, da\u00df \u00d6ffentlichkeit nicht existiert, denn zur \u00d6ffentlichkeit                 geh\u00f6ren bewu\u00dfte Individuen mit kritischer Einsicht, die f\u00e4hig                 w\u00e4ren, die Herrschenden zu kritisieren, sie unter Kontrolle zu                 nehmen und wirklich \u00d6ffentlichkeit herzustellen&#8220; ((4)),                 er\u00f6rterte Rudi Dutschke, der sich 1978, in einer im April 2008                 auf 3SAT dokumentierten TV-Diskussion selbst als &#8222;libert\u00e4rer Sozialist&#8220;                 bezeichnete.<\/p>\n<p>Der Versuch, die Gesellschaft zu politisieren und die Arbeit                 an einem gesellschaftlichen <i>Gegenentwurf<\/i> \u00f6ffentlich zu                 machen, verbreiterte die APO und f\u00fchrte zu Formen einer <i>populistischen                 \u00d6ffentlichkeit<\/i> mit dem Ziel der Erneuerung. <\/p>\n<p>Die Bewegung definierte sich in Bezug auf die zur Disposition                 stehende Gesamtgesellschaft: Formen der <i>Gegenmanipulation<\/i>                 machten anschaulich, wie sehr sie die Funktionsweisen der b\u00fcrgerlichen                 Organe mit umgekehrten Vorzeichen bzw. neuen Themen spiegelten.<\/p>\n<p>Realisiert wurde eine zunehmende Pluralit\u00e4t an Teil\u00f6ffentlichkeiten,                 die zur kommerzialisierten Information und Kommentierung durch                 die b\u00fcrgerlichen Medien weitere und andere Informationen und Einsch\u00e4tzungen                 stellten. ((5)) <\/p>\n<p>Aus den USA wurden Darstellungsformen wie <i>love-in<\/i>, <i>teach                 in<\/i> und <i>go-in<\/i> importiert; die Aktionen der Spa\u00dfguerilla                 bzw. der anarchoiden <i>Kommune 1<\/i> wirkten paradigmatisch und                 erregten bundesweit die Gem\u00fcter.<\/p>\n<p>Das Puddingattentat der Kommune I auf den US-Vizepr\u00e4sidenten                 Hubert Humphrey wurde am 5. April 1967 von der Berliner Polizei                 vereitelt und von den Springer-Medien zum Mordanschlag hochstilisiert.               <\/p>\n<h3>Radikalisierung und Renaissance des Anarchismus<\/h3>\n<p>Nachdem der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 von dem Polizisten                 Karl-Heinz Kurras auf der Demo gegen den Besuch des iranischen                 Diktators Schah Reza Pahlewi in Berlin erschossen wurde, kam es                 zu einer Radikalisierung der AktivistInnen im <i>Sozialistischen                 Deutschen Studentenbund<\/i> (SDS). <\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter fand auch anarchistische Literatur eine bis dahin                 nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene Verbreitung. Zun\u00e4chst als Raubdrucke                 und bald darauf in hoher Auflage von gro\u00dfen Verlagen (Rowohlt,                 Ullstein, Suhrkamp u.a.) wurden klassische Schriften des Anarchismus                 von verstorbenen AnarchistInnen wie Bakunin, Tolstoi, Kropotkin,                 Goldman und Proudhon publiziert. Es kam zu einer Renaissance des                 Anarchismus, zu einer neuen anarchistisch gepr\u00e4gten Bewegung.                 Diese neolibert\u00e4re Szene setzte sich vor allem aus StudentInnen,                 Sch\u00fclerInnen und Lehrlingen zusammen. Sie stand in keiner Kontinuit\u00e4t                 zu den alten, oft proletarischen AnarchistInnen, die den in der                 Regel aus b\u00fcrgerlichen Familien kommenden, jungen, oft langhaarigen                 und unkonventionell gekleideten &#8222;Anarchos&#8220; \u00fcberwiegend skeptisch                 gegen\u00fcberstanden.<\/p>\n<p>&#8222;Neben dem Generationenkonflikt existierten zwischen Alt und                 Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen                 Herkommens aus der antiautiorit\u00e4ren Studentenbewegung f\u00fchlten                 sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus                 (M.) verpflichtet. Ihre durch keinerlei historische Ressentiments                 getr\u00fcbten Vermittlungsversuche von M. und A. mu\u00dften auf die alten                 Anarchisten schockierend wirken. Diese hatten den historischen                 Gegensatz beider Str\u00f6mungen &#8211; nicht zuletzt aufgrund ihrer z.                 T. pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit dem &#8218;real existierenden Sozialismus&#8216;                 in der DDR &#8211; zutiefst verinnerlicht&#8220;, erkl\u00e4rt Rolf Raasch im &#8222;Lexikon                 der Anarchie&#8220;.<\/p>\n<h3>Anarchistische Presse<\/h3>\n<p>Die neolibert\u00e4re Bewegung machte ab Februar 1968 publizistisch                 auf sich aufmerksam und gr\u00fcndete bis heute mehr als 600 verschiedene                 Periodika. ((6)) Vor allem in                 Berlin entstanden 1968 neoanarchistische, undogmatisch antiautorit\u00e4re                 Zeitschriften. Sie waren stilbildend und paradigmatisch f\u00fcr die                 nachfolgenden anarchistischen &#8222;Untergrundbl\u00e4tter&#8220;.<\/p>\n<p>Durch eine dadaistisch inspirierte, durch Collagen, Fotos und                 Cartoons angereicherte Aufmachung, &#8222;Scene-Slang&#8220;, neu geschaffene                 W\u00f6rter und eine anglizistisch beeinflusste Sprache unterschieden                 sie sich deutlich sowohl von der von 1965 bis 1966 erschienenen                 <b>Direkte Aktion &#8211; Zeitung f\u00fcr Gewaltfreiheit und Anarchismus<\/b>                 (eine Vorl\u00e4uferin der <b>Graswurzelrevolution<\/b>) als auch von                 <b>neues beginnen<\/b> (1969 &#8211; 1971 in Hamburg) und <b>Zeitgeist<\/b>                 (1971-78), den seri\u00f6s wirkenden, sauber gesetzten und sp\u00e4rlich                 layouteten Zeitschriften der &#8222;Alt-AnarchistInnen&#8220;. <\/p>\n<h3>Linkeck <\/h3>\n<p>Als &#8222;erste antiautorit\u00e4re Zeitung&#8220; ((7))                 bezeichnete sich <b>Linkeck<\/b>, das Sprachrohr der 1967 gegr\u00fcndeten                 Kommune gleichen Namens. Mit Auflagen bis 8.000 St\u00fcck, antiklerikalen,                 staats- und SDS-feindlichen Collagen, Fotos, Cartoons sowie Texten                 u.a. von Bakunin und der Kommune <i>Linkeck<\/i> erschien das schrille                 Berliner Blatt ab Mai 1968 neunmal. Bundesweit bekannt wurde es                 u.a. aufgrund von <b>Bild<\/b>-Hetzartikeln gegen das &#8222;linke Terrorblatt&#8220;.<\/p>\n<p>Vier <b>Linkeck<\/b>-Redakteure wurden wegen &#8222;Beleidigung&#8220; und                 &#8222;Verbreitung unz\u00fcchtiger Schriften&#8220; verurteilt. Wegen Arbeits\u00fcberlastung,                 juristischer Probleme und interner Konflikte zerbrach 1969 die                 Kommune, und ihr Blatt wurde eingestellt.<\/p>\n<p>Als &#8222;Ableger&#8220; von <b>Linkeck<\/b> erschien bis 1969 <b>Charly                 Kaputt<\/b>. Hervorgegangen aus <b>Linkeck<\/b> ist 1970 der heute                 noch von Karin und Bernd Kramer geleitete, anarchistische Karin                 Kramer Verlag. <\/p>\n<h3>agit 883<\/h3>\n<p>\u00c4hnlich aufgemacht kam ab Februar 1968 alle 10 bis 14 Tage die                 <b>agit 883<\/b> mit Auflagen bis 7.000 St\u00fcck heraus.<\/p>\n<p>Dieser von Peter Paul Zahl u.a. Neolibert\u00e4ren gegr\u00fcndete Informationsdienst                 der Berliner Linken fungierte als &#8222;Flugschrift f\u00fcr Agitation und                 soziale Praxis&#8220; (Untertitel) und besch\u00e4ftigte sich mit aktuellen                 Ereignissen: Am 16. M\u00e4rz 1968 wurden 500 BewohnerInnen des Dorfes                 My Lai (S\u00fcdvietnam) von einer Einheit der US-Armee get\u00f6tet. Nach                 diesem Massaker legten u.a. Andreas Baader, Thorwald Proll und                 Gudrun Ensslin am 3. April 1968 zwei Brands\u00e4tze in ein Frankfurter                 Kaufhaus, um &#8222;gegen die Gleichg\u00fcltigkeit der Gesellschaft gegen\u00fcber                 den Morden in Vietnam zu protestieren&#8220;.<\/p>\n<p>Kurz darauf wurden sie verhaftet und zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis                 verurteilt. <\/p>\n<p>Nach dem Attentat eines <b>Bild<\/b>-Lesers auf Rudi Dutschke                 kam es im April 1968 zu den bis dahin gr\u00f6\u00dften und militantesten                 Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und DemonstrantInnen,                 die versuchten, die Auslieferung der <b>Bild<\/b>-Zeitung zu verhindern.<\/p>\n<p>Nach der Befreiung von Andreas Baader durch eine Gruppe um u.a.                 Ulrike Meinhof entstanden Guerillagruppen, die sich u.a. am &#8222;Konzept                 Stadtguerilla&#8220; der Tupamaros aus Uruguay orientierten. An der                 Praxis der bewaffneten Gruppen (der 1970 gegr\u00fcndeten <i>Roten                 Armee Fraktion<\/i>, sp\u00e4ter auch der 1972 gegr\u00fcndeten <i>Bewegung                 2. Juni<\/i>, der 1973 gegr\u00fcndeten <i>Revolution\u00e4ren Zellen<\/i>                 und der 1977 erstmals als eigenst\u00e4ndige militante Frauengruppe                 in Erscheinung tretenden <i>Roten Zora<\/i>) entz\u00fcndeten sich Diskussionen                 in vielen linksradikalen Gruppen und Zeitschriften. <\/p>\n<p>Die Geschehnisse der Jahre 1968 bis 1972 pr\u00e4gten die <b>agit                 883<\/b>. Im Mai 1970 erschien dort die erste \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rung                 der RAF unter der \u00dcberschrift &#8222;Die Rote Armee aufbauen&#8220;. Zu diesem                 Zeitpunkt war die <b>agit 883<\/b> ein weitgehend unzensiertes                 Diskussionsorgan vor allem militanter linksradikaler Gruppen wie<i>                 Tupamaros West-Berlin<\/i>, <i>Umherschweifende Haschrebellen<\/i>,                 <i>Schwarze Ratten<\/i> und <i>Schwarze Front<\/i>, die teilweise                 aus dem subproletarischen Milieu kamen. Sie bezogen sich eher                 auf anarchistische und linkskommunistische TheoretikerInnen. Den                 avantgardistischen Anspruch und &#8222;autorit\u00e4ren Dogmatismus&#8220; der                 &#8222;Leninisten mit Knarre&#8220; (agit 883 \u00fcber die RAF) lehnten sie ab.                 Mit der RAF teilten sie aber das internationalistische Grundverst\u00e4ndnis                 und sahen &#8222;den strategischen Einsatz von Gewalt als notwendiges                 Kampfmittel gegen den Staat und den US-Imperialismus&#8220; an. ((8))               <\/p>\n<p>Das <b>agit 883<\/b>-Redaktionskollektiv musste im Rahmen der                 Fahndung nach Baader, Meinhof u.a. zeitweise jeden zweiten Tag                 Besuche von Staatschutzbeamten \u00fcber sich ergehen lassen und wies                 im Juli 1970 darauf hin, f\u00fcnfmal beschlagnahmt oder verboten worden                 zu sein: <\/p>\n<p>&#8222;Warum wird die 883 beschlagnahmt? Warum soll die 883 verboten                 werden? Weil die Konterrevolution begriffen hat, da\u00df die 883 nicht                 nur von Studenten gelesen wird. (\u2026) Je besser die 883 wird, je                 mehr, das was auf dem Papier steht, Tat wird, umso mehr werden                 sie versuchen, uns zu illegalisieren.&#8220; ((9))               <\/p>\n<p>Nach 88 Nummern und mehreren redaktionsinternen Konflikten stellte                 <b>agit 883<\/b> am 16. Februar 1972 ihr Erscheinen ein. Das aus                 bis zu vierzig Aktiven bestehende Kollektiv hatte sich bereits                 1971 bez\u00fcglich der Beurteilung der <i>RAF<\/i> gespalten. 1995                 beschrieb Ronald Fritzsch, Ex-<b>FIZZ<\/b>-Redakteur und Mitbegr\u00fcnder                 der <i>Bewegung 2. Juni<\/i>, die Auseinandersetzungen:<\/p>\n<p>&#8222;Es gab mit der 883 den Konflikt, da die Militanten dort auf                 einen Schlag weg waren, weil illegal, da\u00df dort der reformistische                 Fl\u00fcgel dominierte. Daraufhin sind die restlichen Radikalen rausgegangen.&#8220;<\/p>\n<h3>FIZZ<\/h3>\n<p>Ehemalige <b>agit 883<\/b>-Redakteure, u.a. Knofo und Peter Paul                 Zahl, verlie\u00dfen nach diesem Richtungsstreit das Kollektiv ((10))                 und gr\u00fcndeten 1971 in Berlin die militante Untergrundzeitschrift                 <b>FIZZ<\/b>. Knofo \u00e4u\u00dferte sich r\u00fcckblickend:<i><\/i><\/p>\n<p>&#8222;Wieso FIZZ? Ganz einfach: das Ger\u00e4usch, wenn Du eine Lunte anz\u00fcndest.                 Westberlin 50 Pfg., Westgermanien 60 Pfg., Ostgermanien 2 Jahre                 Bautzen. (\u2026) Warum FIZZ? Auch ganz einfach: Die gute alte agit                 883 (\u2026) hatte abgewirtschaftet. Nat\u00fcrlich ganz anarchistisch und                 solidarisch, aber gegen das letzte Gespenst gerichtet, (\u2026) den                 bewaffneten Kampf, den Widerstand, die Guerilla.&#8220; ((11))               <\/p>\n<p>Die <b>FIZZ<\/b> solidarisierte sich &#8211; im Gegensatz zur zeitgleich                 herausgekommenen <b>agit 883<\/b> &#8211; mit der <i>RAF<\/i>,<i> <\/i>propagierte                 den Aufbau einer Stadtguerilla und ver\u00f6ffentlichte anarchistische                 Texte, Poster u.a. von Michail Bakunin, Ulrike Meinhof und Andreas                 Baader, &#8222;Strassenwerkertips vom Zentralrat der (laut B.Z.) \u201asteinewerfenden,                 z\u00fcndelnden und pl\u00fcndernden Anarcho-Syndikalisten'&#8220;, Bauanleitungen                 f\u00fcr Molotowcocktails, antiklerikale Comics u.v.a. <b>FIZZ<\/b>                 erschien ein Jahr lang, neun der zehn herausgekommenen Ausgaben                 wurden beschlagnahmt und verboten.<\/p>\n<p>&#8222;Wer das Wesen des Imperialismus begriffen hat, kommt an der                 Pflicht zum Handeln nicht vorbei. Die Ersten, die aus dieser Erkenntnis                 die praktische Konsequenz zogen, waren hierzulande die GenossInnen                 der RAF (\u2026). Und da das Verh\u00e4ltnis zwischen Anarchisten und Kommunisten                 nie ganz spannungsfrei war, lie\u00df das libert\u00e4re Pendant zur RAF                 nicht lange auf sich warten: aus dem Blues entstand die Bewegung                 2. Juni. Die meisten von denen, die bis dahin die <b>FIZZ<\/b>                 getragen hatten, trugen fortan die Knarre&#8220;, so Knofo. <\/p>\n<p> <b>FIZZ<\/b>-Nachfolger waren der <b>Berliner Anz\u00fcnder<\/b> (1972),                 <b>Hundert Blumen<\/b> (1972-73) und <b>Bambule<\/b> (1972-74).<\/p>\n<h3>&#8222;Der Traum ist aus, aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit                 wird&#8220; (Ton Steine Scherben)<\/h3>\n<p>Der gro\u00dfe Zulauf zur APO 1967\/68 und die Massendemos hatten hohe                 Erwartungen geweckt und unter den Beteiligten eine Euphorie erzeugt.                 Die Geschehnisse hatten langandauernde Konsequenzen f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis                 der \u00e4lteren zu den j\u00fcngeren Generationen, vor allem an den Unis.                 Bereits Ende der 60er Jahre zeichnete sich aber das Scheitern                 der APO ab in Bezug auf die gro\u00dfen Hoffnungen.<\/p>\n<p>&#8222;Der Traum von der Verwirklichung ihrer Ideale, von der Emanzipation                 der Unterdr\u00fcckten in der Republik, besonders auch der j\u00fcngeren                 Generationen, die an diesem Kampf teilnahmen, schien sich der                 Erf\u00fcllung zu n\u00e4hern. Und dann, unversehens, brach dieser Traum                 zusammen. Der Euphorie folgte die Depression und die Verh\u00e4rtung                 des Kampfes&#8220;, reflektiert Norbert Elias in den &#8222;Studien \u00fcber die                 Deutschen&#8220;.<\/p>\n<p>Bedingt durch die Aufl\u00f6sung des SDS und die Spaltung der APO                 in Antiautorit\u00e4re, Traditionalisten und die Neue Frauenbewegung                 entstanden in den fr\u00fchen 70er Jahren diverse K-Gruppen und Parteiinitiativen.<\/p>\n<p>&#8222;Die K-Gruppen fungierten als organisatorische und ideologische                 Zentren der marxistisch-leninistischen Bewegung (\u201aML-Bewegung&#8216;),                 einer Massenbewegung, die in den 70er Jahren bis zu 100.000 AktivistInnen                 umfa\u00dfte und innerhalb der Neuen Linken hegemonial war.&#8220; ((12))               <\/p>\n<p>Kommunistische Zeitungen wie <b>Roter Morgen<\/b>, <b>Rote Fahne<\/b>,                 <b>Kommunistische Volkszeitung<\/b> und <b>Arbeiterkampf<\/b> forderten                 die &#8222;Liquidation der antiautorit\u00e4ren Phase&#8220; und erreichten Auflagen                 bis zu 50.000 St\u00fcck, weit mehr als die libert\u00e4r orientierten Medien.<\/p>\n<h3>MAD<\/h3>\n<p>Im September 1971 ver\u00f6ffentlichte die Hamburger <i>F\u00f6deration                 Neue Linke<\/i> (FNL) die erste Ausgabe der <b>MAD<\/b> als &#8222;Materialien,                 Analysen, Dokumente&#8220; (Untertitel). Nach Aufl\u00f6sung der sich selbst                 als &#8222;F\u00f6deration autonomer, anarchistischer Stadtteil- und Basisgruppen&#8220;                  ((13)) verstehenden FNL erschien                 <b>MAD<\/b> als &#8222;Anarchistische Hefte&#8220; (Untertitel). Ver\u00f6ffentlicht                 wurden hier u.a. anarchistische Agitationsschriften, Texte der                 SituationistInnen und Beitr\u00e4ge \u00fcber Strategien und Taktiken des                 Betriebskampfes. <\/p>\n<p>&#8222;Es war wichtig darzustellen, da\u00df Poesie und Revolution zusammengeh\u00f6ren                 und (\u2026) die Urspr\u00fcnge des neueren Anarchismus, den Dadaismus und                 den Surrealismus, mit einzubeziehen. (\u2026) In den 70er Jahren fand                 (\u2026) ein Angriff des Staates auf den Verlag statt. Die Flugschrift                 Ratgeb, die zur Sabotage im Betrieb aufrief, wurde beschlagnahmt.                 Zensurverf\u00fcgungen nach \u00a7 88a (\u2026) angedroht und durchgesetzt.&#8220;                  ((14)) <\/p>\n<p>Die Redakteure Lutz Schulenburg (siehe sein Artikel in dieser                 GWR), Pierre Gallissaires und M. K. Markunin ver\u00f6ffentlichten                 parallel die <b>MAD-Falttexte<\/b> zum &#8222;Pariser Mai&#8220;, &#8222;Knast&#8220; u.a.                 sowie das <b>MAD Zirkular<\/b>, ein Mitteilungsblatt des <i>MAD-Verlags<\/i>.                 Nachdem die &#8222;Satirezeitschrift&#8220; <b>MAD<\/b> gerichtlich gegen das                 anarchistische Projekt gleichen Namens vorgegangen war, wurde                 nach Erscheinen von Heft Nr. 4\/5 die anarchistische <b>MAD<\/b>                 1973 eingestellt und erschien fortan als <b>Revolte<\/b>, bis Nr.                 6\/1973 untertitelt als &#8222;Anarchistische Zeitschrift. Vormals MAD-Anarchistische                 Hefte&#8220;. Von 1977 bis 1982 erschien die von Hanna Mittelst\u00e4dt und                 Lutz Schulenburg gemachte <b>Revolte<\/b> in ihrer <i>Edition Nautilus<\/i>.                 Seit 1981 erscheint dort <b>DIE AKTION,<\/b> als libert\u00e4re &#8222;Zeitschrift                 f\u00fcr Politik, Literatur, Kunst&#8220;. <\/p>\n<h3>Graswurzelrevolution<\/h3>\n<p>Im Sommer 1972 erschien die Nullnummer der <b>Graswurzelrevolution<\/b>                 (GWR). Wolfgang Hertle hatte sie gemeinsam mit anderen gewaltfrei-libert\u00e4ren                 SozialistInnen gegr\u00fcndet. <\/p>\n<p>In Konzept und Ausrichtung wurden sie inspiriert u.a. durch die                 in den 60er Jahren im frankophonen Sprachraum verbreitete gewaltfrei-anarchistische                 <b>Anarchisme et Nonviolence<\/b> (Lausanne), durch die seit 1936                 in London erscheinende <b>Peace News<\/b> und durch die 1965\/66                 in Hannover erschienene <b>Direkte Aktion<\/b>. Das erste GWR-Redaktionskollektiv                 orientierte sich an Bewegungen in anderen L\u00e4ndern, z.B. in Gro\u00dfbritannien                 und den USA. Gandhis Instrumentarium hatte im Kampf gegen die                 Atombombe und f\u00fcr die B\u00fcrgerInnenrechte eine Weiterentwicklung                 erfahren, &#8222;the grasroots movement&#8220; war bereits st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt.               <\/p>\n<p>Von Anfang an bem\u00fchte sich die <b>GWR<\/b>, Theorie und Praxis                 der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln.                 Dabei wurde und wird versucht, neben der Kritik an den bestehenden                 Verh\u00e4ltnissen, sich &#8222;heute zumindest schon in Ans\u00e4tzen so zu organisieren,                 wie sp\u00e4ter die Gesellschaft insgesamt sein soll&#8220;. ((15))               <\/p>\n<p>Ein erkl\u00e4rtes Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen Gewaltfreiheit                 und freiheitlichem Sozialismus aufzuzeigen und dazu beizutragen,                 &#8222;dass die pazifistische Bewegung libert\u00e4r sozialistisch und die                 linkssozialistische Bewegung in ihren Kampfformen gewaltfrei&#8220;                 werde.<\/p>\n<p>Seit der <b>GWR<\/b> Nr. 53\/1981 erscheint das anfangs alle zwei                 bis drei Monate herausgebrachte Periodikum monatlich mit einer                 Sommerpause im Juli\/August und seit 1989 mit einer achtseitigen                 Beilage &#8222;Libert\u00e4re Buchseiten&#8220; im Oktober. Produziert wurde es                 von wechselnden Redaktionen in Augsburg (1972-73), Berlin (1974-76),                 G\u00f6ttingen (1976-78), Hamburg (1978-88), Heidelberg (1988-92),                 Wustrow (1992-95), Oldenburg (1995-99) und M\u00fcnster (seit Anfang                 1999). Dabei pr\u00e4gten die wechselnden Redaktionskollektive jeweils                 einen eigenen Stil. Die 2008 im 37. Jahrgang und monatlich mit                 Auflagen zwischen 3.500 und 5.000 erscheinende <b>GWR<\/b> ist                 die langlebigste und auflagenst\u00e4rkste anarchistische Zeitung im                 deutschsprachigen Raum. <\/p>\n<h3>Libert\u00e4re Stattzeitungen<\/h3>\n<p>Die 70er Jahre waren gepr\u00e4gt durch einen Gr\u00fcndungsboom alternativer                 Projekte und oft libert\u00e4r ausgerichteter Stadt- und Stattzeitschriften.                 Die alternativen Bl\u00e4tter, Buchl\u00e4den, Cafes, Kneipen, Druckkollektive                 u.a. begriffen sich anfangs als notwendige Unterst\u00fctzung im politischen                 Tageskampf. Sie waren mit einer &#8222;sozialutopischen Sto\u00dfrichtung&#8220;                 verkn\u00fcpft und sollten praktische Beispiele f\u00fcr eine Vorwegnahme                 (libert\u00e4r-)sozialistischer Strukturen im Kapitalismus sein. <\/p>\n<p>In der Praxis ging es darum, eine gelebte Alternative zu den                 herrschenden kapitalistischen Verkehrsformen darzustellen, was                 zugleich einen propagandistischen Effekt zeitigen sollte. <\/p>\n<p>Der Beginn der Alternativbewegung ist nicht zu trennen von den                 autonomistischen Impulsen des Widerstands und der Ablehnung der                 kapitalistischen Lohnarbeit, die im Alltag sichtbar demonstriert                 werden sollte. ((16)) <\/p>\n<p>Das zweiw\u00f6chentlich herausgekommene <b>Blatt<\/b> erschien von                 1973 bis 1985 mit Auflagen bis zu 24.000 St\u00fcck als &#8222;Stadtzeitung                 f\u00fcr M\u00fcnchen&#8220;. Es wurde u.a. aufgrund h\u00e4ufiger Beschlagnahmeaktionen,                 negativer Artikel in der <b>Bild<\/b>-Zeitung ((17)),                 positiver Berichte z.B. in der Satirezeitung <b>pardon<\/b>, sowie                 der Comics des Blatt-Cartoonisten Gerhard Seyfried bundesweit                 bekannt (siehe Interview in GWR 322). Jede Nummer wurde durch                 eine &#8222;halb\u00f6ffentliche&#8220; Redaktionskonferenz vom <b>Blatt<\/b>-Kollektiv,                 den freien MitarbeiterInnen und ArtikelschreiberInnen vorbereitet.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt kein Statut, kein Programm und keine starre Linie. Probleme                 werden ad hoc gekl\u00e4rt oder auch nicht. Kriterien zur Artikelauswahl?                 Da gibt es schon einige Punkte, an die wir uns aber nicht dogmatisch                 klammern; zum Beispiel: Initiativen zu unterst\u00fctzen, die nicht                 von Parteien und Geldgebern getragen werden, sondern in Selbstorganisation                 entstehen; andere Ans\u00e4tze als die bestehenden aufzuzeigen und                 \u00fcber alternative Lebensformen aus allen Bereichen zu berichten;                 Meinungen von gesellschaftlichen Randgruppen m\u00f6glichst authentisch                 in Form von Selbstdarstellungen und Dokumenten wiederzugeben,                 ohne sie nach eigener Fasson aufzumotzen oder einzuf\u00e4rben; Stellung                 zu beziehen zu Themen, die von Massenmedien f\u00fcr nicht so wichtig                 erachtet, unterdr\u00fcckt oder verzerrt wiedergegeben werden. Wir                 wollen zeigen, da\u00df es ohne Druck und Ma\u00dfnahmen von oben m\u00f6glich                 ist, sich zu organisieren.&#8220; ((18))               <\/p>\n<p>Elf Jahre erschien das <b>Blatt<\/b> und zahlte seinen MitarbeiterInnen                 einen kollektiven Einheitslohn, bis es 1984 aufgrund der hohen                 Schulden und eines drastischen R\u00fcckgangs der AnzeigenkundInnen                 und AbonnentInnen eingestellt wurde. <\/p>\n<p>Das <b>Blatt<\/b> hatte eine Vorreiterfunktion, in vielen St\u00e4dten                 entstanden ab 1973 \u00e4hnliche Stadtbl\u00e4tter, die sich in Stil und                 Aufmachung am M\u00fcnchner Vorbild orientierten und als Sprachrohre                 der in den 70er und fr\u00fchen 80er Jahren wachsenden Alternativszene                 fungierten. <\/p>\n<p>Die Gruppen aus den neuen sozialen Bewegungen nutzten die Stadtzeitschriften                 zur Diskussion. Die alternativen Stadtbl\u00e4tter wurden zudem wegen                 ihres Kleinanzeigenteils mit WG-Zimmervermittlung und alternativem                 Kleingewerbe gelesen. <\/p>\n<p>Vor dem Deutschen Herbst 1977 war die au\u00dferparlamentarische Linke                 in der Bundesrepublik relativ stark. In den Unist\u00e4dten entstanden                 aus den antiautorit\u00e4ren Resten der StudentInnenbewegung die Spontis.                 Sie hatten antiinstitutionelle, basisdemokratische, anarchistische                 und autonomistische Vorstellungen und beteiligten sich an Hausbesetzungen,                 Fahrpreisk\u00e4mpfen und Stadtteilarbeit.<\/p>\n<p>Eines der bekanntesten Spontibl\u00e4tter war der 1976 von Daniel                 Cohn-Bendit gegr\u00fcndete <b>Pflasterstrand<\/b>. Er wandelte sich                 im Laufe der Jahre von einer alternativen, spontaneistisch-militanten                 &#8222;Stadtzeitung f\u00fcr Frankfurt&#8220; (Untertitel) zum kommerziellen &#8222;Zeitgeistmagazin&#8220;                 und Sprachrohr der gr\u00fcnen &#8222;Realos&#8220;. <\/p>\n<p>Der wegen seiner Beteiligung an den Auseinandersetzungen im Pariser                 Mai 1968 aus Frankreich ausgewiesene deutsch-franz\u00f6sische Agitator                 Cohn-Bendit hatte 1968 die Errichtung einer Gesellschaft propagiert,                 &#8222;die weder Regierung noch Armee, noch Religion kennt; die die                 Gesetzgebung durch das Volk, die \u00dcberf\u00fchrung des Bodens in Kollektiveigentum,                 die Abschaffung der individuellen Vererbbarkeit von Kapital und                 Produktionsmitteln, die Abschaffung der Ehe als politischer, religi\u00f6ser                 und juristischer Institution beschlie\u00dft; eine Gesellschaft schlie\u00dflich,                 die die stehenden Heere abschafft und, indem sie alle Grenzen                 niederrei\u00dft und die Idee des Vaterlandes aus der Welt schafft,                 die Arbeiter der ganzen Welt in echter Solidarit\u00e4t miteinander                 verbindet&#8220;. ((19)) <\/p>\n<p>Das Hochglanzmagazin des heutigen Kriegsbef\u00fcrworters musste 1985                 aus finanziellen Gr\u00fcnden eingestellt werden. <\/p>\n<p>Andere Zeitschriften blieben ihren Anspr\u00fcchen treu, z.B. die                 1976 gegr\u00fcndete, heute nur noch unregelm\u00e4\u00dfig als Untergrundblatt                 der autonomen Szene erscheinende <b>radikal<\/b> und die <b>direkte                 aktion<\/b>, das 1977 gegr\u00fcndete und heute noch zweimonatlich erscheinende,                 Sprachrohr des Anarchosyndikalismus in Deutschland. <\/p>\n<p>In den 70er und fr\u00fchen 80er Jahren gab es nur wenige explizit                 anarchistische Gruppen. ((20))<\/p>\n<p>Ohne dass diese bewusst als &#8222;anarchistisch&#8220; wahrgenommen wurden,                 pr\u00e4gten libert\u00e4re Ideen aber die Strukturen, die Praxis und die                 Theorieans\u00e4tze der neuen sozialen Bewegungen und der Alternativkultur.                 Der Einfluss des Neoanarchismus auf die Gesellschaft wirkte und                 wirkt bis heute in kultureller Hinsicht, z. B. durch anarchistische                 Cartoons und Comics, durch anarchistische Romane wie &#8222;Planet des                 Ungehorsams&#8220; ((21)) und &#8222;Planet                 der Habenichtse&#8220; ((22)), Kabarettgruppen                 wie <i>Die<\/i> <i>3 Tornados<\/i> und Musikbands wie <i>Ton Steine                 Scherben<\/i> und <i>Cochise <\/i>(siehe Artikel von Pit Budde in                 dieser GWR). <\/p>\n<p>Der Einfluss anarchistischer Ideen auf die Partei <i>Die Gr\u00fcnen                 <\/i>war gro\u00df, so konstatierte 1985 das Innenministerium. ((23))               <\/p>\n<p>&#8222;Den von Anarchisten propagierten F\u00f6deralismus setzten (..) die                 &#8218;Gr\u00fcnen&#8216; innerparteilich durch das basisdemokratische Konzept                 in die Tat um. Die laut Bartsch f\u00fcr Anarchisten signifikante Funktion\u00e4rsfeindlichkeit                 repr\u00e4sentiert heute der sogenannte &#8218;fundamentalistische&#8216; Fl\u00fcgel                 innerhalb der &#8218;Gr\u00fcnen'&#8220;, so Holger Jenrich 1988.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte der heute verschwundene &#8222;fundamentalistische                 Fl\u00fcgel&#8220; der Partei Anfang der 80er dazu beigetragen, dass anarchistische                 Postulate in das Grundwertearsenal der <i>Gr\u00fcnen<\/i> eingingen                 und sich Begriffe aus der anarchistisch-r\u00e4tekommunistischen Ideentradition                 wie &#8222;F\u00f6deralit\u00e4t&#8220;, &#8222;imperatives Mandat&#8220; und &#8222;Rotationsprinzip&#8220;                 etablierten.<\/p>\n<p>Der autonomistische Gedanke ist in vielen sozialen Bewegungen                 verwurzelt. Die von AnarchistInnen stets erhobene Forderung nach                 Selbstverwaltung hat sich in vielen Bereichen des Lebens durchgesetzt                 &#8211; &#8222;Handwerkskollektive, autonome Jugendzentren, freie Schulen,                 nicht-subventionierte K\u00fcnstlergruppen oder das Berliner Presseprojekt                 die taz basieren auf diesem Prinzip&#8220;, so Rolf Raasch.<\/p>\n<p>Umgekehrt wurde auch der hiesige Anarchismus von der Alternativbewegung                 und von Jugendbewegungen wie der Ende der 70er auch in der Bundesrepublik                 angewachsenen Punk-Szene beeinflusst. Die Punks brachten einen                 neuen Stil z.T. libert\u00e4rer <i>Fanzines<\/i> hervor. <\/p>\n<p>Die \u00fcberwiegend libert\u00e4r beeinflusste HausbesetzerInnenbewegung                 fand Anfang der 80er in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung Akzeptanz.                 So beschrieb der Popmusiker Marius M\u00fcller-Westernhagen im November                 1981 seine bei einer Fahrt durch Kreuzberg gewonnenen Eindr\u00fccke                 folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&#8222;Da verwirklichen sich Sachen, die man sich selbst nie getraut                 hat. Ich finde, man sollte so leben, man sollte dauernd Schwellen                 \u00fcberschreiten. Man l\u00e4\u00dft sich viel zu viel verbieten. Du, sie gehen                 in H\u00e4user und besetzen die und nehmen sich das, was ihnen vollkommen                 zu Unrecht verweigert wird.&#8220; ((24)) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 60er Jahren beeinflussten die Befreiungs- und Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfe in verschiedenen L\u00e4ndern und der Kampf gegen den Kolonialismus die Neue Linke und den Neoanarchismus in Westeuropa. In den USA und Europa entstanden u.a. die Anti-Vietnamkriegsbewegung, die Lehrlings-, Sch\u00fclerInnen- und StudentInnenbewegungen unter Bezugnahme auf die &#8222;Frankfurter Schule&#8220; (Adorno, Marcuse, Horkheimer u.a.), die Beatniks und den franz\u00f6sischen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/1968-ein-anarchistischer-aufbruch\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"1968 - ein anarchistischer Aufbruch? - graswurzelrevolution","description":"In den 60er Jahren beeinflussten die Befreiungs- und Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfe in verschiedenen L\u00e4ndern und der Kampf gegen den Kolonialismus die Neue Linke und den"},"footnotes":""},"categories":[511,1042],"tags":[],"class_list":["post-8784","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-329-mai-2008","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8784","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8784"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8784\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8784"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8784"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8784"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}