{"id":8787,"date":"2008-05-01T00:00:04","date_gmt":"2008-04-30T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8787"},"modified":"2022-07-26T14:14:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:48","slug":"mein-ganz-personliches-anarchistisches-68","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/mein-ganz-personliches-anarchistisches-68\/","title":{"rendered":"Mein ganz pers\u00f6nliches, anarchistisches 68"},"content":{"rendered":"<p>Es war eine beschissene Zeit, ich hatte nur Probleme, in der                 Schule, mit den Eltern, mit der Polizei, mit der ganzen verlogenen,                 aggressiven, damals so genannten &#8222;Schweigenden Mehrheit&#8220;, die                 mich anrempelte, mir Pr\u00fcgel androhte, die Polizei auf mich hetzte.                 Trotzdem stand mir die Welt offen, wie ich es seitdem selten erlebt                 habe. <\/p>\n<p>Alles war m\u00f6glich, eigentlich war es so schlimm, dass es nur                 noch besser werden konnte.<\/p>\n<p>Und das war gro\u00dfartig!<\/p>\n<p>Der h\u00f6chst pers\u00f6nliche &#8222;Mai&#8220; fing nicht erst im Mai an, er hatte                 eine Vorgeschichte von mehreren Monaten. Ich hatte zum ersten                 Mal vor Gericht gestanden, Versto\u00df gegen das Arzneimittelgesetz,                 war von zwei Schulen geflogen und hatte mit dem b\u00fcrgerlichen Leben                 abgeschlossen, wenn ich denn je eins besessen hatte. <\/p>\n<p>In der Zeitung stand jede Menge \u00fcber revoltierende Studenten,                 doch das war nur halb so spannend wie die neuen Songs von Bob                 Dylan oder ein paar neue Gitarren-Akkorde, die ich mir am Gammler-                 oder Hippie-Treff in Dortmund abgeschaut hatte.<\/p>\n<p>Gegen die Phrasen von der &#8222;revolution\u00e4ren Arbeiterklasse&#8220; aus                 dem Mund von Kindern reicher Eltern war ich ziemlich immun, schlie\u00dflich                 war ich selbst ein Spross dieser Klasse und kannte au\u00dferhalb der                 Schule nur Malocher oder Malocherkinder. Ich kannte Kohlenhalden                 und Kokereien und fand sie nicht so romantisch wie meine sp\u00e4teren,                 studentischen Freunde.<\/p>\n<p>Vieles aus den Monaten vor dem Mai 68 verliert sich bei mir allerdings                 im Dunkel von Hauseing\u00e4ngen, Parkb\u00e4nken, Industriebrachen und                 anderen zugigen Orten, an denen wir unbemerkt alles, was sich                 als Droge eignete, ausprobierten. Ich muss gestehen, mein Ged\u00e4chtnis                 hat in dieser Zeit gelitten, und mir fehlen die Erinnerungen an                 fast ein halbes Jahr.<\/p>\n<p>Doch der Mai begann glorreich. W\u00e4hrend irgendwo Studenten und                 Gewerkschafter den &#8222;Kampftag der Arbeiterklasse&#8220; feierten, versammelten                 sich die Gammler und Hippies in einem sch\u00f6nen Park, um das Leben                 zu feiern. Und noch etwas mehr. Zum ersten Mal hatten es richtig                 gute LSD-Trips \u00fcber die Grenze von Amsterdam ins Ruhrgebiet geschafft!               <\/p>\n<p>Die Sonne schien von morgens bis abends. Gl\u00fccklicherweise passte                 eine Freundin den ganzen Tag auf mich auf. W\u00e4hrend ich durch die                 Wolken schwamm, mit B\u00e4umen tanzte und was wei\u00df ich f\u00fcr verr\u00fcckte                 Dinge tat, hielt sie meine Hand und sorgte daf\u00fcr, dass ich nicht                 auf Nimmerwiedersehen davon flog. Vielen Dank daf\u00fcr, an dieser                 Stelle!<\/p>\n<h3>Doch das war nur der Auftakt zu Gr\u00f6\u00dferem! <\/h3>\n<p>Wir, drei Jungs und zwei M\u00e4dchen, hatten abgeschlossen mit dem                 tr\u00e4gen, langweiligen Leben in einer Provinzstadt. Wir waren in                 Amsterdam, in Kopenhagen und Berlin gewesen und wollten jetzt                 endg\u00fcltig zum Puls der Zeit.<\/p>\n<p>Wir trafen uns an einem Morgen, statt zur Schule zu gehen, auf                 einer abgelegenen Wiese und verbrannten in einem sch\u00f6nen Ritual                 s\u00e4mtliche Schulhefte und -b\u00fccher. Am n\u00e4chsten Tag wollten wir                 uns gemeinsam in die gro\u00dfe weite Welt davonmachen. Leider wurde                 nichts daraus, genau an diesem Morgen flog ich aus der dritten                 Schule mit dem Hinweis, es g\u00e4be keine andere Schule mehr, die                 mich in Zukunft aufn\u00e4hme.<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter waren wir dann doch in Amsterdam, ein Grinsen                 im Gesicht und Interpol auf den Fersen.<\/p>\n<p>Wir wurden von linken Studenten aufgenommen, die uns L\u00f6cher in                 den Bauch fragten, wie denn die Unruhen in Deutschland abliefen.                 Die Revolte war mit den Amsterdamer Provos l\u00e4ngst bis ins Hippie-Paradies                 vorgedrungen. Wenig sp\u00e4ter erwischte die Polizei erst die beiden                 Jungen, dann die beiden M\u00e4dchen, steckte alle in den Knast und                 schob die vier kurz darauf nach Deutschland ab.<\/p>\n<p>Ich legte eine falsche F\u00e4hrte und verschwand nach England.<\/p>\n<p>Die ersten Wochen in der Illegalit\u00e4t hatten mir gut getan. Ich                 war vorsichtig und offen gleichzeitig. Beschwatzte die englischen                 Z\u00f6llner, die sich wunderten, einen 16-J\u00e4hrigen allein auf gro\u00dfer                 Fahrt vorzufinden. Dazu ohne Gep\u00e4ck. Ich hatte gerade mal 20 Mark                 in der Tasche, ich hatte in den Ferien auf dem Bau gearbeitet,                 und meinen Pass. In London konnte ich dann f\u00fcr mein letztes Geld                 im An- und Verkauf eine schlechte Gitarre kaufen und in den U-Bahn-Stationen                 als Busker mein Geld verdienen. Ich wohnte manchmal in Abbruchh\u00e4usern,                 im Obdachlosenasyl, manchmal bei Au-pair-M\u00e4dchen, schlie\u00dflich                 in einer Hippie-Kommune. Ich ging ins Middle-Earth, sah die angesagten                 Beat-Bands und spielte mir selbst die Finger wund. <\/p>\n<p>Es war eine unglaubliche Szene auf der Stra\u00dfe zu dieser Zeit.                 Aus heutiger Sicht w\u00fcrde ich sagen, es war die gesellschaftliche                 Elite, die sich in allseits akzeptierter Verachtung b\u00fcrgerlicher                 Werte aufmachte, sich der Gesellschaft zu verweigern und die Welt                 zu erneuern. <\/p>\n<p>Kam ich in eine neue Stadt, brauchte ich nur zu warten, bis ich                 jemanden traf, der \u00e4hnlich lange Haare oder \u00e4hnliche Klamotten                 trug &#8211; schon hatte ich Freunde, was zu essen und einen Schlafplatz.               <\/p>\n<p>Die Halblegalit\u00e4t und die Ablehnung der miefigen Gesellschaft                 vereinte uns. Es war eine friedliche und doch explosive Mischung                 von Kids, die jeder f\u00fcr sich eine eigene Vision einer anderen                 Welt in sich trugen. Es gab viele Gemeinsamkeiten und genauso                 viel, was uns trennte. In der Schule hatte ich mich strikt geweigert,                 irgendwelche Literatur zu lesen, jetzt schleppte ich B\u00fccher von                 Bakunin, Khalil Gibran und Georg B\u00fcchner mit mir herum, las Schiller                 und E.T.A. Hoffmann.<\/p>\n<p>Irgendwann unterhielt ich mich nachts auf der Stra\u00dfe mit Marianne                 Faithful, sah einen w\u00fctenden Mick Jagger auf der anderen Stra\u00dfenseite.                 Dann erfuhr ich, dass die Polizei mich in London gesehen hatte.                 Marie wollte gerade zur\u00fcck nach Frankreich und nahm mich mit.<\/p>\n<p>Diesmal beschwatzte sie die Z\u00f6llner, und wenige Tage sp\u00e4ter war                 ich Teil der internationalen Hippie-Gemeinschaft in Cannes. <\/p>\n<p>Schlechte Nachrichten und Ger\u00fcchte kamen aus Spanien. Die faschistische                 Guardia Civil machte sich einen Spa\u00df daraus, Hippies einzufangen,                 in den Knast zu stecken, ihnen eine Glatze zu schneiden, um sie                 dann \u00fcber die Grenze nach Frankreich abzuschieben. <\/p>\n<p>Aber auch die warmen N\u00e4chte an den Str\u00e4nden der Cote d&#8217;Azur wurden                 ungem\u00fctlich.<\/p>\n<p>Zu viele reiche Leute f\u00fchlten sich mit uns abgerissenen Figuren                 in der N\u00e4he nicht wohl. Ich machte mich auf den Weg nach Paris,                 laut Aussage aller, die da gewesen waren, der derzeitige Mittelpunkt                 der gesamten lebenden Welt.<\/p>\n<p>Ich stellte mich auf den Boulevard St. Michel, schnappte meine                 Gitarre und begann, Geld zu verdienen. Schnell hatte ich Freunde                 und Freundinnen gefunden. Es war eine aufr\u00fchrerische Aufbruchsstimmung.               <\/p>\n<p>Ein paar Schritte neben mir rezitierte ein Franzose alte Revolutionsreden,                 ein St\u00fcck weiter gab es Stra\u00dfenmaler, mehr Musiker&#8230; es war das                 richtige Leben. <\/p>\n<p>Irgendwann sah ich einen offenen Wagen mit Fahnen schwenkenden                 Rechtsradikalen \u00fcber den Boulevard brausen. Pl\u00f6tzlich flog ein                 Molotow-Cocktail auf das Auto, Sekunden sp\u00e4ter gab es nur noch                 das brennende Wrack, und die Stra\u00dfen waren leer. <\/p>\n<p>Befreundete Studenten nahmen mich mit zu einem besetzten Teil                 der Uni. Vermummte mit Helm patrouillierten mit Kn\u00fcppeln vor dem                 Geb\u00e4ude. <\/p>\n<p>Innen gab es eine Sammlung von erbeuteten Polizeihelmen zu bestaunen.                 Ich bekam den Schl\u00fcssel zu einem wunderbaren Raum, der mich an                 ein &#8222;Klassenzimmer&#8220; erinnerte, mit Tischen, B\u00e4nken und Wasseranschluss.                 Ich hatte schon etliche N\u00e4chte in Parks, Telefonzellen, unter                 Br\u00fccken und auf Parkb\u00e4nken verbracht. Das war jetzt das Paradies.                 Wir feierten Partys und lie\u00dfen es uns gut gehen. <\/p>\n<p>Eines Nachts wurde das Haus ger\u00e4umt, ich hatte gl\u00fccklicherweise                 bei Freunden \u00fcbernachtet. Alles wurde anders. <\/p>\n<p>Die Polizei wollte das ganze Gesindel endlich loswerden und die                 Stadt wieder unter Kontrolle bekommen. <\/p>\n<p>Ein paar N\u00e4chte sp\u00e4ter weckte mich ein Polizeikn\u00fcppel unsanft,                 als ich unter einer Br\u00fccke schlief. Alle, die sie erwischten,                 wurden einkassiert und auf die n\u00e4chste Wache gebracht. Dort angekommen,                 mussten wir durch ein Spalier von ziemlich schlecht gelaunten                 Uniformierten laufen, die gerade, wie sie Lust hatten, mit dem                 Kn\u00fcppel oder der Faust zuschlugen. <\/p>\n<p>Es wurde eine ziemlich blutige Angelegenheit, bei der meine Nickelbrille                 (ich war so stolz auf die Brille, weil John Lennon eine \u00e4hnliche                 trug) zu Bruch ging und meine Gesichtsz\u00fcge f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage                 ruiniert wurden. Dann hie\u00df es warten. Als die n\u00e4chsten Uniformierten                 mich abholten, schauten sie mich schon etwas respektvoller an.                 Mein Franz\u00f6sisch war schlecht bis gar nicht vorhanden, aber dennoch                 begriff ich warum. <\/p>\n<p>Sie hatten rausbekommen, dass Interpol hinter mir her war. <\/p>\n<p>Ab zur n\u00e4chsten Polizeiwache. Dort hatten sie erst mal keine                 Zeit f\u00fcr mich. Zeitgleich wurde ein Araber auf die Wache geschleppt.                 Rassismus kannte ich bis dahin eigentlich nur aus den \u00fcblen Spr\u00fcchen,                 die mit den Worten: &#8222;Beim Adolf w\u00e4re das quak quak quak&#8230;&#8220; begannen,                 oder aus Holland, wo ich \u00f6fter mal von \u00e4lteren Leuten als Schei\u00dfdeutscher                 beschimpft wurde. Das hier hatte eine andere Qualit\u00e4t. <\/p>\n<p>Als die Uniformierten mit dem Mann fertig waren, konnte ihm nur                 noch die Intensivstation helfen. Obwohl ein dreckiger Hippie und                 Deutscher dazu, war ich in den Augen dieser rassistischen Polizisten                 doch noch etwas mehr Mensch als ein franz\u00f6sisch sprechender Araber.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Station &#8211; Knast und eine miese Zelle, die ich mir mit                 einem professionellen Autodieb teilte. Tage sp\u00e4ter kam ein Dolmetscher,                 der mir erz\u00e4hlte, ich w\u00e4re eine Treppe heruntergefallen und h\u00e4tte                 mir dabei meine Verletzungen zugezogen.<\/p>\n<p>Dann wurde ich abgeschoben und stand in Deutschland unter Polizeiaufsicht.               <\/p>\n<p>In der Schule hatte ich immer geh\u00f6rt, ich w\u00fcrde f\u00fcrs Leben lernen                 &#8211; jetzt hatte ich in wenigen Monaten so viel begriffen und gelernt,                 wie alle Lehrer, vom alten Nazi bis zum Sch\u00f6ngeist, mir in all                 den Jahren nicht hatten beibringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>68 war f\u00fcr mich ein Jahr der totalen Gegens\u00e4tze. Die sch\u00f6nste                 und wildeste Zeit meines jungen Lebens und die totale Depression,                 die dann folgte. <\/p>\n<p>In den darauf folgenden Monaten hat mich nur eins am Leben gehalten.                 In jeder freien Sekunde hatte ich meine Gitarre in der Hand und                 spielte, bis mir die Finger bluteten. Daf\u00fcr bin ich der Gitarre                 noch heute dankbar. <\/p>\n<p>Das, was viele Nachgeborene mit 68 verbinden, hat f\u00fcr mich erst                 sp\u00e4ter stattgefunden. Die StudentInnen waren 68 f\u00fcr Ideen und                 die Dritte Welt auf die Stra\u00dfe gegangen. Viele sind sp\u00e4ter bei                 ihrem Marsch durch die Institutionen ins Eigenheim nach und nach                 handzahm geworden. <\/p>\n<p>Dieser Weg stand meinen FreundInnen und mir nicht offen. Wer                 von uns die ersten Jahre \u00fcberlebt hat, konnte den neuen Parteien                 und Dogmen und den sp\u00e4teren Karrieren nicht \u00fcber den Weg trauen.<\/p>\n<p>Anfang der Siebzigerjahre waren wir f\u00fcr uns selbst auf der Stra\u00dfe,                 haben H\u00e4user besetzt, AKWs verhindert, uns an vielen Orten der                 Republik blutige K\u00f6pfe geholt, gesellschaftliche Freir\u00e4ume geschaffen,                 neue Lebensformen ausprobiert und damit eine zumindest kleine                 Kulturrevolution angezettelt, die dieses Land ein f\u00fcr allemal                 ver\u00e4ndert hat. Nicht so sehr, wie wir es wollten, aber immerhin!               <\/p>\n<p>Die absolute Lebensfeindlichkeit und Verklemmtheit der F\u00fcnfziger-                 und Sechzigerjahre k\u00f6nnen sich die Jugendlichen heute nicht in                 ihren b\u00f6sesten Albtr\u00e4umen vorstellen. Trotzdem w\u00fcrde ich ihnen                 mehr von unserem damaligen rebellischen Selbstbewusstsein w\u00fcnschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine beschissene Zeit, ich hatte nur Probleme, in der Schule, mit den Eltern, mit der Polizei, mit der ganzen verlogenen, aggressiven, damals so genannten &#8222;Schweigenden Mehrheit&#8220;, die mich anrempelte, mir Pr\u00fcgel androhte, die Polizei auf mich hetzte. Trotzdem stand mir die Welt offen, wie ich es seitdem selten erlebt habe. 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