{"id":8790,"date":"2008-05-01T00:00:10","date_gmt":"2008-04-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8790"},"modified":"2022-07-26T14:14:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:48","slug":"seelisches-tauwetter-und-magische-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/seelisches-tauwetter-und-magische-bilder\/","title":{"rendered":"Seelisches Tauwetter und magische Bilder"},"content":{"rendered":"<h3>Eingefroren<\/h3>\n<p>Wie lebten wir vor &#8222;68&#8220;, vor der revolution\u00e4ren Explosion? <\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen: Wir waren emotional eingefroren im Kalten Krieg.                 Wir lebten mitten in einer postfaschistischen Gesellschaft, in                 einer ges\u00e4uberten Atmosph\u00e4re der Konterrevolution. Es herrschte                 eine latente Angst vor der R\u00fcckkehr des Krieges. <\/p>\n<p>Innerhalb eines Traumas lebte man in einer Familie, dann in einer                 Stra\u00dfe, in einem Stadtteil, einer Stadt und so weiter. Und die                 Schule, die uns als Kinder als erste Institution nach der Familie                 schluckte, ist mir nur wie eine Kaserne in Erinnerung geblieben.                 S<\/p>\n<p>elbst die wenigen j\u00fcngeren P\u00e4dagogen wurden in der verdorbenen                 Atmosph\u00e4re narkotisiert und stillgestellt. <\/p>\n<p>Es ist die Erfahrung der Schule, die mir den ersten Begriff von                 Klassengesellschaft vermittelte. Noch heute ist sie f\u00fcr mich nur                 ein Ort des Grauens, der Pein, die die Willk\u00fcr der Klassenspaltung,                 die zun\u00e4chst unverstanden blieb, bewirkt. <\/p>\n<p>Dennoch hatte ich eine gl\u00fcckliche Kindheit: Ich war frei, der                 Nachmittag geh\u00f6rte mir. <\/p>\n<p>Meine Oma, die eigentlich nur eine bereits betagte Nachbarin                 war &#8211; von ihr lernte ich den fluchbeladenen Begriff &#8222;Kleinrentnerin&#8220;                 &#8211; k\u00fcmmerte sich um mich, weil meine Eltern, wie die meisten aus                 unserer Stra\u00dfe, beide arbeiten mussten. <\/p>\n<p>Sie gingen fr\u00fch und kamen sp\u00e4t heim. Ich wohnte sogar die ersten                 Lebensjahre bei ihr, in einer engen Dachwohnung. <\/p>\n<p>Zwischen ihrer Wohnung und der meiner Eltern, die ebenfalls nur                 eine Streichholzschachtel war, befand sich ein ger\u00e4umiger Trockenboden.               <\/p>\n<p>Mit der gro\u00dfartigen Dora Meyer sa\u00df ich oft zusammen am Bodenfenster                 und schaute auf die Stra\u00dfe &#8211; wenn wir nicht zusammen auf Besuchstour                 bei ihren vielen Verwandten waren. Etwa in &#8222;Klein-Moskau&#8220;, dem                 Arbeiterviertel hinterm Bahndamm, mitten im Industrieviertel unserer                 Vorstadt. <\/p>\n<p>Die Fabriken wurden nach den Klassenerfahrungen benannt, so hie\u00df                 eine Flaschenfabrik &#8222;Hunger und Durst&#8220;. <\/p>\n<p>Manchmal waren wir auch in einem Schrebergarten, wo es l\u00e4ndlich                 und gesellig zuging. Zusammen sammelten wir Buntmetall und Bucheckern,                 brachten Altpapier und Felle zum Schrott- und Pl\u00fcnnenh\u00f6ker, dessen                 Lagerhaus aus einem Roman von Dickens entsprungen zu sein schien.               <\/p>\n<p>Nebenan wohnte ein weiterer Verwandter meiner Oma, ein Maler                 und Tapezierer, der Emil hie\u00df und dessen Frau mich eines Nachmittags                 mit Bienenstich \u00fcberf\u00fctterte, den ich seitdem nicht mehr sehen                 kann. <\/p>\n<p>Meiner Oma verdanke ich meine kommunistische Seele, denn sie                 war die Einzige, im n\u00e4heren Umkreis meiner Kindheit, die eine                 einfache, aber sch\u00f6ne Ethik lehrte: Sei solidarisch, tu nur, was                 du wirklich meinst, h\u00fcte dich vor der Polizei und teile, was du                 hast, mit denen, die nichts haben. <\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick war sie der erste rebellische Mensch, den ich kennen                 gelernt habe, eine Frau, die f\u00fcr den fl\u00fcssigen Anteil meiner Psyche                 von Bedeutung sein d\u00fcrfte. <\/p>\n<h3>Beginn meines Langen Marsches<\/h3>\n<p>Ich h\u00f6rte im Radio die Nachricht vom Attentat auf Kennedy. Ich                 sah in der &#8222;Wochenschau&#8220;, bevor das Kino mit seinem &#8222;Jugendfilm&#8220;                 am Sonntag begann, die Kubaner, wie sie bewaffnet in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben                 auf die &#8222;Yankies&#8220; warteten. Sie hatten die Krempen ihrer H\u00fctte                 wie im Western hochgeklappt. Anschlie\u00dfend erlebten meine Freunde                 und ich die Verzauberung durch Hollywood. <\/p>\n<p>Diese Sonntagnachmittagsfilme weckten meine Phantasie. Daneben                 waren es die Comic-Hefte, mit der meine Bildung, die nur eine                 des Herzens sein konnte, begann. <\/p>\n<p>Kurz und gut, wie viele unserer Generation, waren wir bestens                 ger\u00fcstet, uns in ein gro\u00dfes Abenteuer zu st\u00fcrzen, denn wir hatten                 nichts au\u00dfer einer Sehnsucht, unsere Kr\u00e4fte zu erproben. Aus der                 Musikbox meiner echten, famili\u00e4ren Oma, die meinen Bruder mit                 aufzog, wurde Katharina Valente gespielt, &#8222;Ich will einen Cowboy                 als Mann&#8220;, und nat\u00fcrlich: &#8222;Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer                 versinkt&#8220; von Rudi Schuricke.<\/p>\n<p>Die Revolution, die Erweckung des Bed\u00fcrfnisses nach Befreiung,                 kam zuerst mit Rudi Dutschke ins Haus. Als Fernsehbild. Er platzte                 in die famili\u00e4re Enge, als wir ihn mit G\u00fcnter Gaus in dem ber\u00fchmten                 Gespr\u00e4ch sahen. Noch heute habe ich Rudis Stimme im Ohr und sp\u00fcre                 die anfeuernde Rhetorik im K\u00f6rper. Er war f\u00fcr mich der Vorbote                 und das Menetekel f\u00fcr die niedergedr\u00fcckte Welt meiner Eltern.                 Mit den Freunden meiner Kindheit zusammen experimentierte ich                 mit jenem primitiven Sprengstoff, dessen Hauptbestandteil das                 Pflanzengift &#8222;Unkrautex&#8220; war, das damals noch jede Gartenhandlung                 verkaufte. <\/p>\n<p>Mit meinem Vater \u00fcbte ich zielgenaues Schie\u00dfen, F\u00e4hrten lesen,                 wie man im Wald zurechtkommt und welche Ausdauer die Jagd erfordert.               <\/p>\n<p>In der Schule hatte ich au\u00dfer in Geografie, Geschichte, 50 Meterlauf                 und Weitsprung keine Erfolge vorzuweisen. Allerdings wurde nicht                 mehr geschlagen, denn wir hatten einen alten Reformp\u00e4dagogen,                 der uns mit Hausarbeitsverbot bestrafte. Das gefiel mir. Eine                 andere Lehrerin erz\u00e4hlte uns von ihrem Engagement in der Gewerkschaft                 gegen die Notstandsgesetze. Sie fuhr einen flotten Karmann Ghia.               <\/p>\n<p>Der Aufruhr war inzwischen \u00fcberall sp\u00fcrbar, wie ich besonders                 aus den Reden meiner Mutter entnahm. Es waren die Frauen, die                 unmittelbar die Aufbruchsstimmung ihrer Kinder erlebten: &#8222;Mit                 nichts sind sie mehr zufrieden&#8220;, ging die Klage, die stets mit                 dem Satz: &#8222;und wir hatten damals nicht einmal einen Putzlappen&#8220;,                 beschlossen wurde. <\/p>\n<p>Die Arbeitslast und Niedergeschlagenheit der Elterngeneration                 war eine entsetzliche Misere. Wir bekamen sie t\u00e4glich vorgef\u00fchrt.                 So nicht, dachten wir, nur das nicht. <\/p>\n<p>Die Konflikte verst\u00e4rkten sich. Aufs\u00e4ssigkeit griff um sich.                 Es hie\u00df nur noch: &#8222;wie Dutschke&#8220;. Die b\u00f6sartige Drohung: &#8222;Unter                 Adolf h\u00e4tte es das nicht gegeben&#8220;, war ein oft zu h\u00f6render Standardsatz.                 Nur von den \u00c4lteren h\u00f6rte man anderes: Streikerfahrungen, Mitempfinden                 durch selbst erlittenes Leid.<\/p>\n<p>Dora Meyer erz\u00e4hlte davon, wie sie nicht nur ihrem Mann, der                 als Maurer im Winter Kohlens\u00e4cke schleppte, das Essen zur Arbeitsstelle                 gebracht hatte, sondern wie sie auch f\u00fcr die Kriegsgefangenen,                 russische Zwangsarbeiter, kochte. &#8222;Iss nie vor jemandem, ohne                 mit ihm zu teilen!&#8220; Wenn die M\u00e4nner bei Familienfeiern stumm blieben,                 eingesponnen in ihre Kriegstraumata und andere Niederlagen, die                 im Schweigen verborgen blieben, so waren die Frauen aggressiver,                 wenn es um die &#8222;Vergangenheit&#8220; ging. Die hie\u00df immer: Elend und                 Krieg. Der Hass auf den Krieg bleibt f\u00fcr mich die erste Ber\u00fchrung                 mit dem Erleben von Geschichte. Ansonsten war die gesellschaftliche                 Wirklichkeit wie in Watte verpackt. Sie war da und zugleich auf                 eigenartige Weise verschwunden.<\/p>\n<p>Als Bote f\u00fcr die f\u00fchrende Buchhandlung unserer Vorstadt brachte                 ich bestellte B\u00fccher und abonnierte Fachzeitschriften zu den Kundinnen                 und Kunden. <\/p>\n<p>Dreimal in der Woche radelte ich durch den Stadtteil. <\/p>\n<p>Das erste Buch, das ich mir zum Kollegenrabatt leistete, war                 ein Gedichtband von Karl Krolow. Aber auch eine Geschichte der                 Geheimb\u00fcnde geh\u00f6rte zu den Werken, die ich erwarb. <\/p>\n<p>Das Kapitel \u00fcber die andalusische &#8222;Schwarze Hand&#8220; darin war meine                 erste Begegnung mit dem Anarchismus. <\/p>\n<p>Eines Tages nahm ich das vom Seniorchef als &#8222;Fehleinkauf&#8220; deklarierte                 &#8222;Klau mich&#8220; mit, das Buch der Kommune 1. <\/p>\n<p>Die Aufs\u00e4ssigkeit in der Schule und gegen die Eltern nahm Formen                 an. Den Treffpunkt und Termin hatte ich dem &#8222;Veranstaltungskalender&#8220;                 unseres Lokalblattes entnommen, das ich nachmittags an die Abonnenten                 austrug. <\/p>\n<p>Ich war aufgeregt und gehemmt, als ich das erste Mal zur \u00f6rtlichen                 AUSS-Gruppe ging. Erwartungsvoll sa\u00df ich in einer Ecke zwischen                 den zwei Dutzend aufgekratzten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern. <\/p>\n<p>Ich hatte vorher einen \u00e4lteren politischen Aktivisten abgepasst,                 der gerade eine Lehre als Fotograf begonnen hatte. <\/p>\n<p>Er war der einzige &#8222;Radikale&#8220;, den ich kannte, in der Schule                 wurde er &#8222;Ho Chi Minh&#8220; gerufen. Ihn fragte ich, ob denn jeder                 beim Aktionszentrum Unabh\u00e4ngiger Sozialistischer Sch\u00fcler mitmachen                 k\u00f6nne. <\/p>\n<p>&#8222;Klar doch, nach den Ferien geht&#8217;s wieder los&#8220;, sagte er und                 eilte weiter. Ich war angekommen. Nicht mehr allein, sondern mitten                 im &#8222;W\u00e4rmestrom der Geschichte&#8220;.<\/p>\n<p>Alle, die auf dem Weg waren, trafen sich bei der APO-Basisgruppe.                 In unserer Vorstadt hie\u00df das Versammlungslokal &#8222;Demokratisches                 Zentrum&#8220;. <\/p>\n<p>Eigentlich war es sogar mit &#8222;II&#8220; nummeriert, denn das erste,                 das sich in einem ehemaligen Schulgeb\u00e4ude befand, war von den                 st\u00e4dtischen Gr\u00f6\u00dfen der SPD mit allerlei Tricks geschlossen worden.                 Unsere Vorstadt war der Wahlkreis von Helmut Schmidt. Diesem Umstand                 verdankt der Stadtteil eine bundesdeutsche Bedeutung, denn in                 Bundestagsprotokollen hie\u00df es stets, wenn er das Wort ergriff:                 &#8222;Helmut Schmidt-Bergedorf&#8220;. Ihm und dem \u00f6rtlichen Gro\u00dfindustriellen,                 die einen politisch-wirtschaftlich einflussreichen &#8222;Gespr\u00e4chskreis&#8220;                 betrieben, zu dem auch der verbrecherische Kissinger anreiste,                 verdanken wir einige Polizeieins\u00e4tze, inklusive Wasserwerfer,                 als Antwort auf den APO-Protest. Die unb\u00e4ndigen Aktivistinnen                 und Aktivisten versch\u00f6nerten den &#8222;Granit-Tiger&#8220;, den der kunstsinnige                 Gro\u00dfindustrielle vor dem Wasserschloss im Stadtpark aufstellen                 lie\u00df, wo die Zusammenk\u00fcnfte stets stattfanden, mit der Parole:                 &#8222;Ich bin der imperiale Tiger, bereit zum Sprung in den Osten&#8220;.               <\/p>\n<p>Das Hauptanliegen des &#8222;Gespr\u00e4chskreises&#8220; war die wirtschaftliche                 Durchdringung des &#8222;Ostens&#8220;. <\/p>\n<p>Das AUSS, die Vollversammlung und Arbeitskreise der APO-Stadtteilgruppe                 waren meine Elementarschule. <\/p>\n<p>Hier lernten wir unsere Interessen zu erkennen, zu verteidigen                 und zu erweitern. Dass unsere W\u00fcnsche wirklich sind und Familie,                 Schule, Fabrik blo\u00dfe Zuchtst\u00e4tten der Ausbeutung.<\/p>\n<p>Dass das revolution\u00e4re Bewusstsein, die Form kollektiven Handelns                 ist: basisdemokratisch, solidarisch und egalit\u00e4r. <\/p>\n<p>Man handelte unmittelbar, im eigenen Namen in einer lokalen Sph\u00e4re                 (wir waren \u00fcberall, in den Schulen, verschiedenen Betrieben und                 sogar in der \u00f6rtlichen Verwaltung); und mit der Zunahme an lokaler                 Bedeutung wuchs auch das internationalistische Selbstverst\u00e4ndnis                 der Einzelnen.<\/p>\n<h3>Vier Sequenzen aus dem jugendlichen Heldenleben<\/h3>\n<p> <b>Der Reformismus scheitert: <\/b>Als sozialistische Sch\u00fcler                 propagierten wir die Idee der &#8222;Klassenkollektive&#8220;. <\/p>\n<p>Diese sollten den Unterricht umw\u00e4lzen. Dass wir f\u00fcr die sofortige                 Abschaffung der Zensuren waren, d\u00fcrfte auch heute noch einleuchten.               <\/p>\n<p>Der Staat schuf dagegen die sogenannte &#8222;Sch\u00fcler-Mitverantwortung&#8220;.                 Dagegen wurde zu Streiks aufgerufen, um die Idee der &#8222;Klassenkollektive&#8220;                 zu popularisieren. An unserer Schule, wir waren nur zwei Aktivisten,                 scheiterten alle Streikbem\u00fchungen. Der Direktor verbot mir nicht                 blo\u00df das Tragen des Vietcong-Ansteckers, sondern nat\u00fcrlich jede                 Agitation in der Schule. Er rief uns am Streiktag zu einer &#8222;Diskussion&#8220;                 in der Aula zusammen und hielt eine zweist\u00fcndige Rede. <\/p>\n<p>Die Umsetzung der &#8222;SMV&#8220; verlangte die Wahl eines Schulsprechers,                 so dass ich, das einzige Mal in meinen Leben, gezwungen war, als                 &#8222;Sozialistischer Kandidat&#8220; aufzutreten.<\/p>\n<p>Mein kriecherischer und opportunistischer Gegenkandidat, er hatte                 bereits meine wenig aussichtsreiche Streikagitation an den Direktor                 verpfiffen, forderte einen Cola-Automaten. Neben den &#8222;Klassenkollektiven&#8220;                 wollte ich dem, f\u00fcr die Lauen, etwas ebenso Handfestes entgegensetzen                 und geriet auf diese Weise auf die schiefe Bahn des Reformismus.                 Als Gegenprogramm verlangte ich eine Raucherecke. <\/p>\n<p>Der Opportunist wurde gew\u00e4hlt und der Cola-Automat blieb ein                 leeres Versprechen.<\/p>\n<p><b>Theologie und Revolution:<\/b> In weihnachtlicher \u00d6de traf                 ich zwei meiner AUSS-Genossen. Niemand sonst war an den Treffpunkten,                 weder bei &#8222;K\u00e4thi&#8220; noch bei &#8222;Metha&#8220;, den zwei Kneipen, wo sich                 APO-Aktivistinnen und Aktivisten sonst immer aufhielten. Nach                 Hause wollten wir nicht. <\/p>\n<p>M\u00fcrrisch machten wir uns auf, eine Veranstaltung in der Kirche,                 die auf Initiative einiger unserer Freunde aus der &#8222;jungen Gemeinde&#8220;                 und des \u00f6rtlichen Befreiungstheologen organisiert war, auf zusuchen.                 Diese &#8222;Predigt&#8220; war eine Sensation, denn immerhin sollte der rituelle                 Weihnachtsgottesdienst zu einer Veranstaltung f\u00fcr die &#8222;Dritte                 Welt&#8220; umgebaut werden. Brot und Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Dagegen hatten wir Radikalen, als wir im Vorfeld davon h\u00f6rten,                 denn auch wir drei &#8222;St\u00f6rer&#8220; verkehrten in diesem Arbeitskreis,                 leidenschaftlich polemisiert. Wir hatten angek\u00fcndigt, nicht mitzumachen,                 was den Initiatoren der Sache ganz gelegen kam. Die Veranstaltung                 hatte gerade begonnen, als wir drei hereinplatzten. Es entstand                 eine kleine Pause. Alle blickten auf uns wie auf ungebetene G\u00e4ste,                 besonders unsere Freunde aus der kritischen Gemeinde. Niemand                 hielt uns f\u00fcr die drei K\u00f6nige aus dem Morgenland. Ich stieg auf                 die Kirchenbank und gei\u00dfelte ohne Umschweife (ganz getrieben von                 der Angst, in meiner Rede stecken zu bleiben), wie verlogen &#8222;Brot                 f\u00fcr die Dritte Welt&#8220; sei. Die Armen br\u00e4uchten kein weihnachtliches                 Mitleid, sie br\u00e4uchten Waffen. Und ich rief der erstaunten und                 etwas entgeisterten Gemeinde zu, dass nur die Revolution den Armen                 in dieser Welt garantiere, dass ihnen das Brot nie ausginge. Sie                 sei unterwegs, heute noch in den T\u00e4lern der Anden, morgen erhebe                 sich ganz Lateinamerika, und uns erreiche diese Welle sp\u00e4testens                 dann auch &#8230; so wie es Che Guevara prophezeit h\u00e4tte. Es fielen                 dann noch die drei Namen, wie eine Anrufung von Zeugen oder eine                 magische Formel, des kolumbianischen Priesters Camillo Torres,                 des Leaders der venezuelanischen Guerilla Douglas Bravo und des                 peruanischen Bauernf\u00fchrers Hugo Blanco.<\/p>\n<p>Der Schluss der Ansprache war die Aufforderung abzustimmen, ob                 \u00fcber diese Frage jetzt und sofort zu diskutieren sei. Mitleidig                 zischte uns eine Frau zu, &#8222;die Abstimmung verliert ihr doch!&#8220;               <\/p>\n<p>So war es dann auch. Wir verschwanden aus der Kirche und gingen                 zu &#8222;K\u00e4thi&#8220;, Bier trinken und Pichelsteiner-Eintopf l\u00f6ffeln. K\u00e4this                 Mann, Werner, lie\u00df auf seinem &#8222;Blaupunkt&#8220; ein klassisches Konzert                 erklingen &#8211; in dieser Kneipe habe ich s\u00e4mtliche Konzert\u00fcbertragungen,                 die der Rundfunk freitags und sonnabends bot, als Hintergrundmusik                 geh\u00f6rt. Wir f\u00fchlten uns unbesiegbar und sicher: Die Revolution                 bringt nicht nur Brot, sondern auch eine neue Demokratie. \u00dcberall                 wird unter Gleichen entschieden. Oben und unten in der Gesellschaft                 h\u00f6ren auf zu existieren. Das Wort geh\u00f6rt allen.<\/p>\n<p>Dass unsere Freundinnen und Freunde in der jungen Gemeinde noch                 wochenlang sauer waren, war eine andere Sache.<\/p>\n<p>Nicht aber, dass die Revolution auf dem Marsch war. <\/p>\n<p><b>Revolution und Pop:<\/b> Nachdem ich aus der Schule geflogen                 war, gelang es meinem Vater, mich im Kaufhaus unserer Vorstadt                 als Dekorateur-Lehrling unterzubringen. Hier versuchte ich mich                 als Revolution\u00e4r im Beruf. Zwei Schaufenster der Ladenfront waren                 dem Porzellan vorbehalten. Regelm\u00e4\u00dfig musste ein Fenster mit der                 Rosenthal-Kollektion dekoriert werden. Mein Chef las derweil <i>Pardon<\/i>                 und <i>Konkret<\/i>, gelegentlich auch die <i>St. Pauli-Nachrichten<\/i>.                 In ein solches Fenster h\u00e4ngte ich ein riesiges Vierfarbplakat                 mit dem Che-Portr\u00e4t, das f\u00fcr eine US-Zeitschrift warb und im st\u00e4ndig                 wachsenden Geschenkartikelbereich des Kaufhauses, neben harmlosen                 Pop-Postern, verkauft wurde. Der Che blickte zwischen Teegeschirr                 und Tafelservice auf die flanierenden Massen. <\/p>\n<p>Es dauerte nicht mehr als 10 Minuten, bis mich der gesch\u00e4ftsf\u00fchrende                 Laufbursche des Chefs anpfiff und verlangte, &#8222;auf der Stelle&#8220;                 das Plakat aus dem Fenster zu nehmen.<\/p>\n<p>Seitdem bin ich skeptisch, wenn ich h\u00f6re, &#8222;&#8217;68&#8220; h\u00e4tte nur der                 popkulturellen Unterhaltungsindustrie zum Durchbruch verholfen.                 Sp\u00e4ter schaffte ich es noch, in einem weniger exponierten Schaufenster                 ein Poster von Jimmy Hendrix unterzubringen, auf dessen R\u00fcckseite                 das erfundene Interview aus der &#8222;883&#8220; abgedruckt war, in dem Jimmy                 davon sprach, die &#8222;Black Panthers&#8220; zu unterst\u00fctzen. Den von unserer                 anarchistischen Propaganda beeinflussten Deko-Lehrlingen bei Karstadt                 an der M\u00f6nckebergstra\u00dfe mitten in Hamburgs City gelang es, sich                 mit einer Vietnam-Demonstration, die an dem Kaufhaus vorbei zog,                 zu solidarisieren. Sie waren am Umdekorieren, steckten den nackten                 Fensterpuppen rote Fahnen in die H\u00e4nde und lie\u00dfen, lachend und                 winkend, die unendlich lange Marschkolonne vorbeiziehen. <\/p>\n<\/p>\n<p> <b>Der Zauber:<\/b> Die ersten Demos, die ich miterlebte, haben                 ihren Zauber in der Erinnerung nicht verloren. Das Gef\u00fchl, nicht                 allein zu sein, war pr\u00e4gend. Alle Fremdheit und Distanz zwischen                 den Einzelnen war verschwunden und das Vertrauen in die Gemeinsamkeit                 ohne Grenzen.<\/p>\n<p>Bevor ich zur\u00fcck in meine Vorstadt fuhr, stand ich in der Vorhalle                 der S-Bahnstation zwischen den anderen. Dicht gedr\u00e4ngt h\u00f6rte ich                 den Neuigkeiten \u00fcber den Stand der Bewegung zu, was sich zwischen                 Hamburg und Feuerland, Wladiwostock und Pinneberg ereignet hatte.                 Einmal h\u00f6rte ich, wie einer, der vorher besonders standhaft gegen\u00fcber                 den Polizisten war, als die uns wieder einmal auseinander kn\u00fcppelten,                 und dem der halbe linke Arm fehlte &#8211; es hie\u00df, er habe im Mai 68                 in Paris eine Polizeigranate zur\u00fcckwerfen wollen &#8211; mit starkem                 franz\u00f6sischen Akzent zu einem Passanten sagte: &#8222;Sei kein K\u00e4lbe,                 sei ein M\u00e4nsch&#8220;. <\/p>\n<h3>R\u00fcckblick nach vorn<\/h3>\n<p>&#8222;&#8217;68&#8220; lie\u00dfen wir eine geschlagene Generation zur\u00fcck. Wir tauten                 auf. Begannen zaghaft, als unvollst\u00e4ndige Individuen, unsere eigene                 Befreiung zu betreiben. Zun\u00e4chst einzelne, dann viele und in k\u00fcrzester                 Zeit waren wir \u00fcberall und sind seitdem unterwegs. Das war ein                 kollektiver Lernprozess, eine lange Welle, die die alte Welt der                 ausbeuterischen \u00d6konomie untersp\u00fclt hat. Und der n\u00e4chste Schlag                 dieser aufst\u00e4ndischen Welle wird dieses lecke Wrack hinwegsp\u00fclen.               <\/p>\n<p>Leider sind einige Mitk\u00e4mpferinnen und Mitk\u00e4mpfer zwischenzeitlich                 abhanden gekommen, aber noch ist die Geschichte, die uns &#8222;&#8217;68&#8220;                 wieder erreichte, nicht beendet. <\/p>\n<p>Wir wollen alles, und wenn nicht heute, dann eben morgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eingefroren Wie lebten wir vor &#8222;68&#8220;, vor der revolution\u00e4ren Explosion? Ich w\u00fcrde sagen: Wir waren emotional eingefroren im Kalten Krieg. Wir lebten mitten in einer postfaschistischen Gesellschaft, in einer ges\u00e4uberten Atmosph\u00e4re der Konterrevolution. Es herrschte eine latente Angst vor der R\u00fcckkehr des Krieges. Innerhalb eines Traumas lebte man in einer Familie, dann in einer Stra\u00dfe, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/seelisches-tauwetter-und-magische-bilder\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Seelisches Tauwetter und magische Bilder - graswurzelrevolution","description":"Eingefroren Wie lebten wir vor \"68\", vor der revolution\u00e4ren Explosion? Ich w\u00fcrde sagen: Wir waren emotional eingefroren im Kalten Krieg. 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