{"id":8794,"date":"2008-05-01T00:00:07","date_gmt":"2008-04-30T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8794"},"modified":"2022-07-26T14:14:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:48","slug":"warum-flogen-die-tomaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/warum-flogen-die-tomaten\/","title":{"rendered":"Warum flogen die Tomaten?"},"content":{"rendered":"<p>Geradezu peinlich sind die Fremd- und Selbstbeschimpfungen mancher                 Beteiligter, die das Engagement von &#8222;damals&#8220; f\u00fcr die &#8222;Zerr\u00fcttung&#8220;                 alles M\u00f6glichen verantwortlich machen oder gar mit den Verbrechen                 derer gleichsetzen, gegen die es sich richtete. Das gilt auch                 f\u00fcr die im Zusammenhang mit den Studentenbewegungen entstandenen                 Neuen Frauenbewegungen. <\/p>\n<p>Allerdings war die Entstehung der &#8222;Neuen Frauenbewegungen&#8220; bereits                 in der Kritik der studentischen Bewegungen begr\u00fcndet. Denn die                 Probleme, die Frauen &#8211; die schlie\u00dflich f\u00fchrend beteiligt waren                 &#8211; aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Arbeits- und Aufgabenverteilung                 hatten, spielten bei den &#8222;Helden der Bewegung&#8220; praktisch keine                 Rolle. <\/p>\n<p>Die so genannten 68er setzten damit eine Tradition fort, die                 sich auch bei den \u00e4lteren Frauenbewegungen gezeigt hatte. In der                 Arbeiterbewegung war die &#8222;Frauenfrage&#8220; stets ein Nebenwiderspruch                 neben dem Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Dies \u00e4nderte                 sich erst gegen Ende der 1960er Jahre.<\/p>\n<h3>Der Beginn der Neuen Frauenbewegungen<\/h3>\n<p>In der Literatur werden die Neuen Frauenbewegungen mit einer                 gewissen Berechtigung als Folge der Studentenbewegung behandelt,                 schlie\u00dflich waren die beteiligten Frauen Teil der StudentInnenbewegung.<\/p>\n<p>Ohne die Dynamik der &#8222;Neuen Linken&#8220;, insbesondere des Sozialistischen                 <i>Deutschen Studentenbundes<\/i> (SDS), w\u00e4re die Entwicklung des                 Feminismus der 1970er Jahre nicht denkbar gewesen. Sicher haben                 die Frauenbewegungen auch wichtige Impulse aus der amerikanischen                 und franz\u00f6sischen Frauenbewegung empfangen, denn auch dort entwickelte                 sich ein &#8222;feministisches Bewusstsein&#8220;. Der SDS, dessen Mitglieder                 bereits 1961 aus der SPD ausgeschlossen worden waren, bildete                 w\u00e4hrend der 1960er Jahre eine zentrale Gruppierung der entstehenden                 au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO).<\/p>\n<p>Mit der Bildung der Gro\u00dfen Koalition 1966 stand der SDS an der                 Spitze der Protestbewegung, die die Gegen\u00f6ffentlichkeit zur Politik                 der Bundesregierung formierte. Kurz vor seinem Auseinanderbrechen                 im September 1968 hatte der Verband rund 2.500 Mitglieder, darunter                 waren viele Frauen.<\/p>\n<p>Der Beginn der neuen Frauenbewegungen wird oft mit der Rede der                 sp\u00e4teren Filmemacherin Helke Sander gleichgesetzt, die sie am                 13.9.1968 als Delegierte des Westberliner &#8222;Aktionsrates zur Befreiung                 der Frau&#8220; auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt\/Main                 gehalten hat. ((1)) In dieser                 Rede warf sie den m\u00e4nnlichen SDS-Mitgliedern vor, die spezifische                 Ausbeutung der Frauen im privaten Bereich zu tabuisieren. Sie                 bezeichnete den SDS als &#8222;ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher                 Verh\u00e4ltnisse&#8220;, als eine Organisation, die bestimmte Bereiche des                 Lebens vom gesellschaftlichen abtrenne und tabuisiere, indem sie                 ihnen das Etikett &#8222;Privatleben&#8220; gebe. <\/p>\n<p>Da die m\u00e4nnlichen Delegierten nicht bereit waren, ihre Thesen                 zu diskutieren, und weder der n\u00e4chste Redner, Hans-J\u00fcrgen Krahl,                 mit einem einzigen Wort auf ihren provokanten Beitrag einging,                 noch der ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlich besetzte SDS-Vorstand sich einmischte,                 bewarf die hochschwangere Berliner Studentin Sigrid R\u00fcger Hans-J\u00fcrgen                 Krahl mit Tomaten, von denen auch die am SDS-Vorstandstisch Sitzenden                 etwas abbekamen. <\/p>\n<p>Die heftig umstrittene, bis heute anhaltende Diskussion um den                 Frankfurter Tomatenwurf l\u00e4sst sich als Anzeichen f\u00fcr die au\u00dferordentliche                 Bedeutung lesen, die diesem Gr\u00fcndungsereignis der Neuen Frauenbewegungen                 sp\u00e4ter beigemessen wurde. <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich l\u00f6sten weniger die Tomaten den Tumult aus, als vielmehr                 die Tatsache, dass diese Form des Protests nicht gegen das so                 genannte Establishment gerichtet war, sondern gegen den Kopf eines                 bewunderten Theoretikers der Bewegung. <\/p>\n<p>Die Rede Helke Sanders und der durchaus nicht von allen &#8211; auch                 nicht von allen SDS-Frauen &#8211; gebilligte Tomatenwurf f\u00fchrten noch                 am gleichen Tag zur Gr\u00fcndung von &#8222;Weiberr\u00e4ten&#8220; durch Frauen der                 verschiedenen SDS-Landesverb\u00e4nde. Sie verfassten Resolutionen,                 die am n\u00e4chsten Vormittag verlesen wurden. Diesen Aktionen folgte                 die Gr\u00fcndung von Frauengruppen in vielen deutschen Universit\u00e4tsst\u00e4dten                 und sp\u00e4ter auch in anderen gr\u00f6\u00dferen und kleineren Orten der Bundesrepublik.               <\/p>\n<p>Es waren gerade die engagiertesten Frauen im SDS, die aufgrund                 ihrer pers\u00f6nlichen Erfahrungen den Widerspruch zwischen politischen                 Anspr\u00fcchen und Theorien und praktischem frauendiskriminierenden                 Verhalten der SDS-M\u00e4nner nicht weiter ertragen wollten. Sie kritisierten,                 dass diese sich einerseits als Avantgarde begriffen, gegen Unterdr\u00fcckung                 und Unrecht k\u00e4mpften sowie die Emanzipation der Arbeiterklasse                 forderten, sich aber selbst den weiblichen SDS-Mitgliedern und                 ihren Partnerinnen gegen\u00fcber reichlich autorit\u00e4r verhielten. Gerade                 sie wollten die Tatsache der doppelten Unterdr\u00fcckung der Frauen                 nicht zur Kenntnis nehmen. Die Tomaten waren somit schon lange                 reif.<\/p>\n<p>Am 15. Januar 1968 hatte Helke Sander in einem SDS-Rundschreiben                 bereits \u00fcber erste Ans\u00e4tze zum Aufbau von Selbsthilfeorganisationen                 zur ungel\u00f6sten &#8222;Kinderfrage&#8220; berichtet. Sie hatte verschiedene                 Vorschl\u00e4ge aufgef\u00fchrt, die es den politisch aktiven Frauen erm\u00f6glichen                 sollten, die Frage der Kinderbetreuung zu l\u00f6sen. Die Vorschl\u00e4ge                 entstanden aus der \u00dcberzeugung, dass Frauen ihre Belange selbst                 in die Hand nehmen m\u00fcssten. In diesem Sinn gr\u00fcndeten sieben SDS-Frauen,                 darunter Helke Sander, in Berlin den &#8222;Aktionsrat zur Befreiung                 der Frau&#8220;. Er verstand sich als Teil der StudentInnenbewegung                 und identifizierte sich mit den Zielen des SDS. Freilich ging                 die Thematisierung der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung                 und der gewaltf\u00f6rmigen Geschlechterverh\u00e4ltnisse durch den Aktionsrat                 dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p>Die SDS-Frauen wehrten sich gegen die Ignoranz der SDS-M\u00e4nner,                 die das spezifische Ausbeutungsverh\u00e4ltnis, dem Frauen im Blick                 auf ihre vermeintlich privaten Probleme unterworfen waren, nicht                 zur Kenntnis nahmen. Sie wehrten sich gegen ihre alleinige Zust\u00e4ndigkeit                 f\u00fcr Kindererziehung und Reproduktionsaufgaben, die sie daran hinderte,                 bei der politischen Arbeit eine gleichberechtigte Rolle einzunehmen.                 Sie wollten, dass die Geb\u00e4rf\u00e4higkeit Frauen nicht l\u00e4nger zum gesellschaftlichen                 Nachteil gereicht und Kindererziehung nicht l\u00e4nger Privataufgabe                 der M\u00fctter ist, sondern als gesellschaftliche Frage betrachtet                 wird. &#8222;Das Private ist politisch&#8220; wurde zum Slogan der neuen Bewegungen.               <\/p>\n<p>In Erweiterung des traditionell m\u00e4nnlichen Politikbegriffs sollte                 damit die politische Dimension scheinbar privater Beziehungsstrukturen                 hervorgehoben werden. <\/p>\n<p>Es ging um eine zentrale Kritik der patriarchalen Abh\u00e4ngigkeit                 und Unterdr\u00fcckung und damit um eine grundlegende Ver\u00e4nderung des                 linken Politikverst\u00e4ndnisses. <\/p>\n<p>Die Rolle der Frauen im SDS wurde recht unterschiedlich dargestellt.                 Monika Steffen verwies darauf, dass es in keinem anderen studentischen                 Verband so viele Frauen gab wie im SDS und dass Frauen &#8222;ohne gro\u00dfes                 Getue als gleichberechtigte Mitglieder behandelt&#8220; worden seien.               <\/p>\n<p>Dem Verband bescheinigte sie, dass er sich dem Problem der Minderheitensituation                 der Frauen an den Hochschulen gestellt und sich ihrer gesellschaftlichen                 Ungleichbehandlung angenommen habe, &#8222;indem er ihre Situation theoretisch                 aufarbeitete und in seiner praktischen Studentenpolitik ber\u00fccksichtigte&#8220;.               <\/p>\n<p>Zudem seien Frauen, zu einer Zeit, in der sie in den Gremien                 der Universit\u00e4ten noch so gut wie nicht ber\u00fccksichtigt wurden,                 immer wieder ermuntert worden, im Verband \u00c4mter zu \u00fcbernehmen.               <\/p>\n<p>Die Tatsache, dass die \u201aHelden der Bewegung&#8216; sich nicht mit der                 sozialen Lage der Studentinnen, der Organisation des Zusammenlebens                 und anderem &#8218;Weiberkram&#8216; besch\u00e4ftigen konnten (oder wollten),                 f\u00fchrte Steffen eher auf individuelles &#8218;Schlagzeilenhaschen&#8216; mediengeiler                 Funktionstr\u00e4ger und zum Teil selbsternannter F\u00fchrer sowie auf                 das Verlangen nach Personifizierung durch die Massenmedien zur\u00fcck.                 Dies alles habe schlie\u00dflich zum &#8218;Abheben&#8216; der SDS-M\u00e4nner sowie                 zur Entladung von aufgestautem Zorn der Frauen im SDS gef\u00fchrt.                  ((2)) <\/p>\n<p>Helke Sander wehrte sich drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter dagegen, dass Frauen                 im SDS die &#8222;Kaffeekocherinnen oder Flugblatt-Tipperinnen&#8220; gewesen                 sein sollen. Sie h\u00e4tten politisch arbeiten k\u00f6nnen und im SDS auch                 &#8222;eine intellektuelle Heimat&#8220; bekommen. SDS-Frauen h\u00e4tten ihre                 Positionen in die Verbandspolitik eingebracht, aber sie selbst                 h\u00e4tten bis dahin wie auch die M\u00e4nner des SDS die Geschlechterfrage                 ausgeklammert. Sie bezeichnete den &#8222;aggressiven Akt gegen die                 SDS-M\u00e4nner in Frankfurt&#8220;, als einen Vorgang, durch den sie &#8222;zum                 ersten Mal Zivilcourage in Aktion erlebt&#8220; habe. <\/p>\n<p>Das Anliegen ihrer damaligen Rede sah sie darin, &#8222;den gesch\u00e4tzten                 Genossen unmissverst\u00e4ndlich klarzumachen, dass wir [Frauen] ein                 Potential sind im gemeinsamen Interesse, neue Probleme mitbringen,                 aber auch, daraus resultierend, neue F\u00e4higkeiten&#8220;. ((3))               <\/p>\n<p>F\u00fcr die Mehrheit der SDS-Frauen sei der Tomatenwurf keine Revolte                 der Frauen im SDS gewesen &#8211; im Gegenteil: Die meisten SDS-Frauen                 h\u00e4tten den Auftritt eher peinlich gefunden. <\/p>\n<p>Die Entstehungsgeschichte der neuen Frauenbewegungen ist also                 keinesfalls als eine Opfergeschichte zu sehen. <\/p>\n<p>Die von ihr vorangetriebene Politisierung des Alltags in den                 undogmatischen Fl\u00fcgeln der StudentInnenbewegung, auch das Hinterfragen                 ihrer eigenen Autorit\u00e4ten, beg\u00fcnstigte es, die m\u00e4nnliche Dominanz                 aufzudecken und anzugreifen.<\/p>\n<p>Der Weiberrat appellierte allerdings bereits an einen Verband,                 der seine Forderungen gar nicht mehr umsetzen konnte. Es kam zur                 Verwirklichung eigener frauenspezifischer Projekte und zur Gr\u00fcndung                 selbst\u00e4ndiger Frauengruppen. Der Graben zwischen der antiautorit\u00e4ren                 und der traditionalistischen Fraktion, von der mehrere Mitglieder                 ausgeschlossen wurden, sowie der zwischen den Hochschulgruppen                 aus den Zentren West-Berlin und Frankfurt auf der einen und denen                 aus den kleineren Unist\u00e4dten, wie Heidelberg und T\u00fcbingen, auf                 der anderen Seite, vergr\u00f6\u00dferte sich zusehends.<\/p>\n<p>Am 21.3.1970 wurde der SDS zu Grabe getragen, SDS-Bundesvorstand                 und Bundesverband l\u00f6sten sich auf. Damit endete die Phase der                 antiautorit\u00e4r gepr\u00e4gten Rebellion der StudentInnen und der au\u00dferparlamentarischen                 Opposition. Die Frauenbewegung war jedoch nicht mehr aufzuhalten.<\/p>\n<p>Zwar l\u00f6ste sich der erste Frankfurter Weiberrat bald nach seiner                 Gr\u00fcndung wieder auf; jedoch wurde ein zweiter im Fr\u00fchjahr 1970                 gegr\u00fcndet. Aus dem Berliner \u201aAktionsrat zur Befreiung der Frau&#8216;                 wurde 1970 der \u201aSozialistische Frauenbund Westberlins&#8216;, der sich                 zum Ziel gesetzt hatte, Frauen \u00fcber den Zusammenhang von Kapitalismus                 und Unterdr\u00fcckung aufzukl\u00e4ren, um sie zu bef\u00e4higen, an der Seite                 der M\u00e4nner eine aktive Aufgabe im Klassenkampf zu \u00fcbernehmen.               <\/p>\n<h3>Was bleibt? <\/h3>\n<p>Auch wenn die angestrebte gewaltfreie, lebendige, vielf\u00e4ltige,                 basisdemokratische Gesellschaft von Frauen und M\u00e4nnern, die sich                 als Ebenb\u00fcrtige begegnen und anerkennen, auch f\u00fcr die am besten                 ausgebildete Frauengeneration, die es in der Geschichte je gab,                 nicht erreicht ist. Auch wenn die T\u00f6chter nicht zu rebellieren                 scheinen, kann die Wirkung der Aktivit\u00e4ten der Frauenbewegungen                 der 1970er Jahre auf Erziehungsweisen, Verhaltens- und Umgangsformen                 sowie auf die Gesetzgebung nicht \u00fcbersehen werden. Kinderl\u00e4den                 hatten entscheidenden Einfluss auf die bestehende \u00f6ffentliche                 und private Kinderbetreuung. Wohngemeinschafts- und Kommunebewegungen                 hatten starke gesellschaftliche Ausstrahlungen im Kampf um die                 Ver\u00e4nderung der Geschlechterrollen und f\u00fcr ebenb\u00fcrtige Geschlechterverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Die Frauenbewegungen haben viele eigene Einrichtungen geschaffen,                 die sich im Laufe der Jahre zunehmend professionalisiert haben                 und \u00f6ffentliche Institutionen entscheidend beeinflusst haben.                 Ihre Aktionsformen und ihr Politikstil f\u00f6rderte nicht nur die                 Kompetenzbildung innerhalb der eigenen Reihen, sondern beeinflussten                 die Mitte der 1970er Jahren entstandenen sozialen Bewegungen grundlegend. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geradezu peinlich sind die Fremd- und Selbstbeschimpfungen mancher Beteiligter, die das Engagement von &#8222;damals&#8220; f\u00fcr die &#8222;Zerr\u00fcttung&#8220; alles M\u00f6glichen verantwortlich machen oder gar mit den Verbrechen derer gleichsetzen, gegen die es sich richtete. Das gilt auch f\u00fcr die im Zusammenhang mit den Studentenbewegungen entstandenen Neuen Frauenbewegungen. 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