{"id":8798,"date":"2008-05-01T00:00:59","date_gmt":"2008-04-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8798"},"modified":"2022-07-26T14:24:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:15","slug":"tibet-und-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/05\/tibet-und-wir\/","title":{"rendered":"Tibet und wir"},"content":{"rendered":"<p>Die Ming-Dynastie (1368-1644) bestand aus Han-ChinesInnen &#8211; der                 dominanten Nationalit\u00e4t in China. Sie bauten die Gro\u00dfe Mauer aus                 Angst vor mandschurischen und mongolischen Warlords aus dem Norden.               <\/p>\n<p>Sie anerkannten und respektierten die Unabh\u00e4ngigkeit Tibets (und                 best\u00e4tigten sie explizit in Vertr\u00e4gen).<\/p>\n<p>Dann besetzten die Manchus China und errichteten ihre Qing-Dynastie                 von 1644 bis 1911\/12. Sie besetzten auch Territorien Tibets und                 aller nationalen Minderheiten au\u00dferhalb der Gro\u00dfen Mauer. So wurde                 China um 60 % seiner urspr\u00fcnglichen Fl\u00e4che vergr\u00f6\u00dfert. Aber auch                 dann noch blieb die Verwaltung Tibets autonom und die Regentschaft                 des Dalai Lama unangetastet.<\/p>\n<p>Als die Qing-Dynastie geschw\u00e4cht war, erkl\u00e4rte Tibet 1911\/12                 die Unabh\u00e4ngigkeit und verbannte alle imperialistischen Truppen                 aus dem Land.<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter erkl\u00e4rte die tibetische Bev\u00f6lkerung ihre Unabh\u00e4ngigkeit.                 Von dieser Zeit bis Ende der 1940er Jahre war Tibet unabh\u00e4ngig.                 Es wurde auf internationale Konferenzen geladen, unterzeichnete                 Vertr\u00e4ge und gab P\u00e4sse aus. Tibetische Handelsdelegationen besuchten                 Indien, Britannien, die USA und China. Tibet nahm an den innerasiatischen                 und afro-asiatischen Konferenzen in Delhi 1947 und 1948 teil.<\/p>\n<p>1950 \u00fcberrannte die chinesische Armee Tibet und begann den Prozess                 der Kolonisierung. Sie zwang den 14. (jetzigen) Dalai Lama, Tenzin                 Gyatso, den Vertrag von 1951 zu unterzeichnen, der Tibet zu einem                 Teil Chinas erkl\u00e4rte. Doch auch noch in diesem Vertrag wurde eine                 ausgeweitete Autonomie und die Regentschaft des Dalai Lama in                 innenpolitischen Angelegenheiten respektiert. Seither wurde Tibet                 zur vollst\u00e4ndigen Kolonie degradiert. Der Dalai Lama floh 1959                 nach Indien und die TibeterInnen schufen eine unabh\u00e4ngige Exilregierung.               <\/p>\n<p>Der l\u00e4ngste Kampf um Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Kolonie der                 Welt setzt sich bis heute fort. Es entstand keine kulturelle Ann\u00e4herung                 seit 1950, weder in der Sprache, noch in den Bereichen der Religion,                 dem politischem und dem wirtschaftlichen System. <\/p>\n<p>Die tibetische Sprache ist eine Lautschrift, hat ein dem Sanskrit                 \u00e4hnliches Alphabet und wird von links nach rechts geschrieben.                 Die chinesische Sprache ist keine Lautschrift, hat kein Alphabet,                 sondern Bildzeichen (Piktogramme; ideographische Schrift) und                 wird vertikal, von oben nach unten geschrieben.<\/p>\n<h3>\u00dcber Mythen zu Tibet und China, die in indischen &#8222;progressiven&#8220;                 und &#8222;radikalen&#8220; Kreisen noch immer aufrecht erhalten werden ((1))<\/h3>\n<p><b>1. &#8222;Die chinesische Okkupation Tibets war eine Befreiung f\u00fcr                 unterdr\u00fcckte Sklaven und Leibeigene unter einer theokrati-schen                 Diktatur des Lamaismus.&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Jedes Mal in der Geschichte, wenn ein m\u00e4chtiger Staat eine schw\u00e4chere                 Gemeinschaft \u00fcberf\u00e4llt, wird eine Reihe von Mythen erschaffen,                 die auf Halbwahrheiten basieren und auf weltweite Unwissenheit                 bauen. Als die Briten Indien kolonisierten &#8211; und die USA heutzutage                 den Irak -, so geschah und geschieht das immer im Namen der Befreiung                 des Volkes, das unter einer despotischen und reaktion\u00e4ren Regierung                 leidet.<\/p>\n<p>Sollte es nicht zu unserem Prinzip werden, da erstmal auf die                 Unterdr\u00fcckten selbst zu h\u00f6ren?<\/p>\n<p>Wenn wir den tibetischen Fl\u00fcchtlingen zuh\u00f6ren, von denen die                 meisten in Alt-Tibet ganz normale, arbeitende Menschen waren,                 ergibt sich ein anderes Bild. Auch WissenschaftlerInnen zeichnen                 ein anderes Bild von der pr\u00e4kolonialen, feudalen tibetischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Volksrepublik China behauptet zum Beispiel, dass Leibeigene                 im alten Tibet fast t\u00e4glich k\u00f6rperliche Strafen zu erleiden hatten.                 Nun ist das Ausma\u00df der Repression, die ein Staat gegen seine Bev\u00f6lkerung                 aus\u00fcbt, abzulesen an der Macht und der Gr\u00f6\u00dfe seiner bewaffneten                 Truppen und seiner Gef\u00e4ngnissysteme. Das alte Tibet hatte fast                 keine Armee und keine Kriegstradition. Eine nur aus einer Hundertschaft                 bestehende externe Armee konnte jederzeit Lhasa besetzen. <\/p>\n<p>Alt-Tibet hatte kaum Gef\u00e4ngnisse und keine Tradition der Todesstrafe.                 Im Gegenteil ist richtig, dass das koloniale Tibet ein Vielfaches                 mehr an Gefangenen, Exekutionen und an Milit\u00e4rpr\u00e4senz kennt!<\/p>\n<p>All das will nicht sagen, dass das fr\u00fchere Tibet kein feudales                 System gewesen w\u00e4re. Eine kleine, wohlhabende Klasse und gro\u00dfe                 religi\u00f6se Institutionen lebten von der Arbeit und den Diensten                 der Bauern- und Nomadenbev\u00f6lkerung. Die Regierungsform war paternalistisch                 und autorit\u00e4r, manchmal despotisch und brutal f\u00fcr die Arbeitenden,                 aber manchmal auch wohlt\u00e4tig und mit Autonomie f\u00fcr \u00f6rtliche Gemeinden.<\/p>\n<p>Es ist interessant, hierzu die Position der Kommunistischen Partei                 Chinas aus den 1930er Jahren heranzuziehen, als sie von ihrer                 staatlichen Machteroberung noch weit entfernt war. Historische                 Dokumente beweisen, dass die KP und ihre Volksbefreiungsarmee                 w\u00e4hrend des Langen Marsches, als sie durch von han-chinesischen                 Kuomintang und Warlords besetzte Regionen Tibets marschierten,                 im Jahre 1936 die Kampagne &#8222;Tibetische Autorit\u00e4t&#8220;, organisiert                 von tibetischen NationalistInnen und tibetischen KommunistInnen                 unterst\u00fctzten. <\/p>\n<p>Die Rote Armee respektierte dar\u00fcber hinaus die vom Dalai Lama                 gef\u00fchrte Kashag-Regierung Tibets und drang deshalb nicht ins tibetische                 Kernland ein.<\/p>\n<p>Heute haben die tibetische Regierung im Exil und der Dalai Lama                 Gesetze zur Landreform beschlossen, welche das alte feudale System                 entlegalisieren. Ironischerweise ist das heutige politische System                 Tibets im Exil weitaus demokratischer als dasjenige Chinas &#8211; in                 der Verfassung und in der Praxis.<\/p>\n<p><b>2. &#8222;Ein China unter der Herrschaft einer Kommunistischen Partei                 kann ein anderes Land gar nicht kolonisieren, wie es die westlichen                 Imperialisten tun.&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Wir sind heute weiser. Eine Partei sollte nicht nach ihrer Ideologie                 beurteilt werden &#8211; ob sie sich marxistisch oder demokratisch oder                 wie auch immer nennt. Auch wenn sie einmal irgendwo gegen Unterdr\u00fcckung                 gek\u00e4mpft haben sollte, bedeutet das nicht, dass sie nicht anderswo                 r\u00fccksichtslos unterdr\u00fcckerische Handlungen begehen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p><b>3. &#8222;Wie k\u00f6nnt ihr nur eine Bewegung unterst\u00fctzen, die von                 einem &#8218;religi\u00f6sen Autokraten&#8216;, dem Dalai Lama, gef\u00fchrt wird, und                 die auch noch f\u00fcr die Errichtung des neuen Nationalstaates f\u00fcr                 tibetische Eliten und Machtgruppierungen eintritt?&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Schaut auf die tibetische Graswurzelbewegung. Sie wird nicht                 von einer einzigen Partei organisiert, \u00fcber die der Dalai Lama                 und seine Religion befiehlt. Die gr\u00f6\u00dfte politische Organisation                 der tibetischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung ist der &#8222;Tibetische Jugendkongress&#8220;                 (Tibetan Youth Congress; TYC) mit 25.000 Mitgliedern. Er respektiert                 den Dalai Lama, ist aber in seinen Entscheidungen autonom. So                 hat der Dalai Lama vor kurzem von seiner fr\u00fcheren Forderung nach                 vollst\u00e4ndiger Unabh\u00e4ngigkeit Abstand genommen. Er sprach von einem                 autonomen Tibet innerhalb der Grenzen Chinas. Der TYC jedoch hielt                 an der Forderung nach v\u00f6lliger Unabh\u00e4ngigkeit fest.<\/p>\n<p>Was die Religion anbetrifft, erkl\u00e4rt der TYC: &#8222;Der TYC st\u00fctzt                 sich nicht auf eine spezielle Religion oder religi\u00f6se Sekte.&#8220;               <\/p>\n<p>Des Weiteren gibt es \u00fcber 400 tibetische Solidarit\u00e4tsgruppen,                 die \u00fcber die ganze Welt verteilt sind und ein gro\u00dfes Kr\u00e4ftereservoir                 f\u00fcr den Kampf darstellen. ((2))                 Menschen aller politischen und religi\u00f6sen Glaubensrichtungen &#8211;                 von NationalistInnen bis hin zu InternationalistInnen gegen Militarismus,                 Grenzziehungen und Globalisierungsstrategien der multinationalen                 Konzerne tummeln sich dort. Sie arbeiten in losen, koordinierten,                 horizontal funktionierenden B\u00fcndnissen zusammen. Obwohl viele                 ihrer AktivistInnen den Buddhismus und den Dalai Lama respektieren,                 sind sie unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich: Versucht der Dalai Lama heute, an der traditionellen                 Autorit\u00e4t, die er als Teil des geschichtlichen Erbes \u00fcber die                 TibeterInnen ausge\u00fcbt hat, festzuhalten? Im Gegenteil: Heute bem\u00fcht                 sich er sich darum, die orthodoxen Traditionen der Vergangenheit                 zu transformieren. Fr\u00fcher waren religi\u00f6se und politische Autorit\u00e4t                 in der Person des Dalai Lama vereint.<\/p>\n<p>Heute sind sie getrennt. ((3))<\/p>\n<p>Die tibetische Exilregierung basiert auf einer gew\u00e4hlten K\u00f6rperschaft,                 und das politische System umfasst eine Vielfalt an Parteien und                 eine demokratische Verfassung.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass der Dalai Lama nicht mehr nur eine bestimmte                 Schule des Buddhismus repr\u00e4sentiert. All die verschiedenen Schulen                 des Buddhismus und sogar nicht-buddhistische religi\u00f6se Str\u00f6mungen                 wie die der Bon, die \u00fcber das gesamte Gebiet des tibetischen Himalaya                 verbreitet sind, betrachten die Kolonisierung, die Militarisierung                 und die \u00f6kologische Verw\u00fcstung der Himalaya-Berge als eine Zerst\u00f6rung                 ihres geistigen Inspirationszentrums. Die Befreiung Tibets ist                 f\u00fcr sie und ihre Tradition eine \u00dcberlebensfrage. Darum haben sie                 beschlossen, zusammenzuarbeiten. Sie haben den Dalai Lama als                 ihren Sprecher und Koordinator im Befreiungskampf gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><b>Letztlich besteht die Hauptfrage darin, mit welchem Recht                 der chinesische Staat beansprucht, sein Modell der &#8222;Befreiung&#8220;                 einem unabh\u00e4ngigen Land aufzuzwingen? <\/b><\/p>\n<p>Die TibeterInnen k\u00e4mpfen f\u00fcr ihre nationale Befreiung gegen einen                 despotischen Kolonialismus &#8211; unter extrem repressiven Bedingungen.                 Heute wird ihnen ihr Recht auf ihr Land, ihre Identit\u00e4t als TibeterInnen,                 ihre Kultur und auf ihren Glauben verweigert. Der Dalai Lama und                 der Glaube der Menschen, ihre nationale Identit\u00e4t, waren entscheidende                 Faktoren f\u00fcr ihren Zusammenhalt, die Aufrechterhaltung ihrer Hoffnung                 und den Geist des Widerstandes die letzten 58 Jahre hindurch.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen auch unsere alte atheistische Tradition in Frage stellen,                 jede Str\u00f6mung sozialer Emanzipation entlarven zu wollen, wenn                 sie nur irgendwie mit Religion oder Spiritualit\u00e4t liiert ist wie                 beim Kampf der TibeterInnen. M\u00fcssten wir nicht auch die indischen,                 subalternen Folk- (kabir\/ravi dasi) Widerstandstraditionen der                 Adivasi ((4)) gegen die Repression                 der Brahmanen ((5)) unterst\u00fctzen;                 den buddhistischen Widerstand der Dalits ((6));                 die gandhianischen Str\u00f6mungen; den Widerstand der Indigenas weltweit;                 die Zapatistas, die christliche &#8222;Theologie der Befreiung&#8220;; die                 Landlosenbewegung MST in Brasilien; die Traditionen schwarzer                 Befreiung in den USA; viele Str\u00f6mungen innerhalb der Umwelt-,                 \u00d6kologie und deep-ecology-Bewegung; Anti-Konsum- und Friedensbewegungen;                 den Aktivismus von Bewegungen wie der Qu\u00e4ker oder engagierter                 BuddhistInnen. Es gibt so viele Bewegungen, in denen Religion                 und Spiritualit\u00e4t f\u00fcr positive Ziele nutzbar gemacht werden? <\/p>\n<p>Sollten wir nicht endlich von ihnen lernen? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ming-Dynastie (1368-1644) bestand aus Han-ChinesInnen &#8211; der dominanten Nationalit\u00e4t in China. Sie bauten die Gro\u00dfe Mauer aus Angst vor mandschurischen und mongolischen Warlords aus dem Norden. Sie anerkannten und respektierten die Unabh\u00e4ngigkeit Tibets (und best\u00e4tigten sie explizit in Vertr\u00e4gen). Dann besetzten die Manchus China und errichteten ihre Qing-Dynastie von 1644 bis 1911\/12. 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