{"id":8813,"date":"2008-06-01T00:00:57","date_gmt":"2008-05-31T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8813"},"modified":"2012-08-08T19:13:18","modified_gmt":"2012-08-08T17:13:18","slug":"kampferische-fruhlings-und-sommergefuhle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/kampferische-fruhlings-und-sommergefuhle\/","title":{"rendered":"K\u00e4mpferische Fr\u00fchlings- und Sommergef\u00fchle"},"content":{"rendered":"<p>Am 31. M\u00e4rz 2008 besetzten Gentechnikgegnerinnen und -gegner                 in den fr\u00fchen Morgenstunden das Versuchsfeld der Justus-Liebig-Universit\u00e4t                 mitten in Gie\u00dfen. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie auf dem geplanten Gengerstefeld noch an ihrem Holz-Turm                 bauten, bereiteten in der N\u00e4he von Stuttgart AktivistInnen die                 n\u00e4chste Aktion vor: Das Genmais-Versuchsfeld der Fachhochschule                 N\u00fcrtingen wurde ab dem ersten April bezeltet. <\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter schlugen GentechnikgegnerInnen ihre Heringe                 in den Boden eines Versuchsfeldes des Gentechnikkonzernes KWS                 in Northeim zwischen Kassel und G\u00f6ttingen, um die Aussaat von                 Gentech-Zuckerr\u00fcben zu verhindern. <\/p>\n<p>Die Aktionsgruppen durften sich \u00fcber ein gro\u00dfes \u00f6ffentliches                 Interesse freuen und lie\u00dfen sich weder von K\u00e4lte und Matsch noch                 von Sturm und Schnee vertreiben. In Northeim brachten die AnwohnerInnen                 und Studierenden der Gesamthochschule Kassel viele Lebensmittelspenden                 vorbei, in Oberboihingen verk\u00fcndete die Leitung der Fachhochschule                 nach einer Woche die Einstellung des umstrittenen Genmais-Versuches,                 auch in Gie\u00dfen kam es nicht zur Aussaat der transgenen Gerste.<\/p>\n<p>In Northeim nahmen clevere Firmenstrategen den Kampf um die Bilder                 auf: Sie organisierten sechs Reisebusse und \u00fcber vierzig PKWs                 und fuhren mit 450 MitarbeiterInnen der KWS (Kleinwanzlebener                 Saatzucht) zum besetzten Feld. Eine Menschenkette aus KonzernmitarbeiterInnen                 halbierte das Feld, so dass der mehrst\u00f6ckige Holzturm der FeldbesetzerInnen                 abgeschnitten war von der Schnell-Aussaat der R\u00fcben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Firma f\u00fcr ihre Aktion die &#8222;Forschungsfreiheit&#8220; ins                 Feld f\u00fchrte, bewerteten viele Northeimer einschlie\u00dflich der lokalen                 Zeitung die FeldbesetzerInnen als moralische Sieger der Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>Am 21. April begannen in der D\u00e4mmerung vier Frauen und zwei M\u00e4nner                 mit einer Feldbefreiung auf dem skandal\u00f6sen Genweizenversuch in                 Gatersleben. Ganz in der N\u00e4he der \u00f6ffentlichen Genbank f\u00fcr Kulturpflanzen                 aus aller Welt wuchs manipulierter Winterweizen der Bl\u00fcte entgegen                 &#8211; und bedrohte damit auch die Best\u00e4nde der Saatgutbibliothek,                 da diese zur Bewahrung der Keimf\u00e4higkeit der Pflanzen regelm\u00e4\u00dfig                 eine Erhaltungszucht betreiben muss. Bis zum Eintreffen der Polizei                 gelang es den Aktiven von Gendreck-weg, zwei Drittel der Versuchsfl\u00e4che                 vom Genweizen zu befreien.<\/p>\n<p>Als Verantwortlicher war der Versuchsleiter der Gie\u00dfener Uni                 auch in Gro\u00df-Gerau gefragt, wo er wegen einer Feldbesetzung die                 dortigen Maisversuche absagen musste. Die Aktiven erlebten gro\u00dfen                 Zuspruch aus der Bev\u00f6lkerung und wurden kurzerhand gebeten, bei                 der Demo zum ersten Mai in der Stadt zu sprechen. Sie feierten                 ihren Sieg mit einer Party auf dem Acker und der Verk\u00fcndung: &#8222;Hessen                 ist gentechnikfrei!&#8220;<\/p>\n<p>Nur kurz befanden sich die BesetzerInnen in Rheinstetten bei                 Karlsruhe auf dem Genmaisversuchsfeld nahe der franz\u00f6sischen Grenze                 und auch in Mecklenburg-Vorpommern waren Aktive nur f\u00fcr einen                 halben Tag auf einem Kartoffelversuchsfeld der Firma BASF.<\/p>\n<p>Im Wendland wandte sich ab Mitte April eine Mahnwache und ab                 dem ersten Mai eine BesetzerInnengruppe gegen ein angemeldetes                 kommerzielles Genmaisfeld mit Monsantos Mon810. Dort kam es am                 20. Mai zur Eskalation, als der Bauer trotz fortbestehender Besetzung                 mit der Aussaat begann. Die Notfall-Telefonkette mobilisierte                 viele Menschen, der Traktor drehte schlie\u00dflich ab und stundenlang                 sammelten \u00fcber hundert GentechnikgegnerInnen die Maisk\u00f6rner einzeln                 von Hand aus dem Feld. Auch in den folgenden Tagen luden sie zur                 &#8222;Aktion Aschenputtel&#8220; ein, um die Feldbefreiung zu vollenden,                 w\u00e4hrend die Besetzung gleichzeitig weiter aufrechterhalten wurde.<\/p>\n<p>K\u00e4mpferische Wochen also.<\/p>\n<p>Mit einer neuen Qualit\u00e4t der Vernetzung zwischen den Gruppen                 und gro\u00dfer \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit. Die Tageszeitung <i>junge                 Welt<\/i> schrieb der Initiative Gendreck-weg den Titel &#8222;Aktivisten                 der Woche&#8220; zu, weil von dort zahlreiche Presseerkl\u00e4rungen verschickt                 worden waren. Tats\u00e4chlich wurden die Aktionen aber von vielen                 unabh\u00e4ngig agierenden Gruppen erdacht und durchgef\u00fchrt. Vor allem                 die l\u00e4ngerfristigen Besetzungen f\u00f6rderten jedoch den Austausch                 untereinander. <\/p>\n<p>Bei der Demonstration am 12. Mai in Bonn zur Er\u00f6ffnung der sogenannten                 Naturschutzkonferenzen der UN sprach eine Feldbefreierin von Gatersleben                 bei der Abschlusskundgebung. Die FeldbesetzerInnen hatten ein                 hohes Holzgestell, einen Tripod, mitten in der Rheinaue errichtet.               <\/p>\n<p>Diese Aktivit\u00e4ten ergaben viele Gelegenheiten zum Gespr\u00e4ch zwischen                 den AktivistInnen zivilen Ungehorsams und den VertreterInnen zahlreicher                 Umweltorganisationen. Vorsichtig kommt man sich n\u00e4her. <\/p>\n<p>Das braucht Zeit, wie auch die bevorstehende Freiwillige Feldbefreiung                 von Gendreck-weg in Bayern zeigt. Im Raum Kitzingen engagieren                 sich zwar viele Menschen gegen die Agrogentechnik, aber bez\u00fcglich                 des Schrittes auf die Felder selbst gibt es gro\u00dfe Vorbehalte.                 Deshalb begleiten Gespr\u00e4che und Vorveranstaltungen die Vorbereitungen                 f\u00fcr das das gentechnikfreie Wochenende vom 26. bis 29. Juni. Mit                 \u00fcber 530 schriftlichen Absichtserkl\u00e4rungen gibt es deutlich mehr                 Zuspruch f\u00fcr die Aktion als in den Vorjahren.<\/p>\n<p>Der erh\u00f6hte Druck durch die Aktionen zivilen Ungehorsams kommt                 zu einem spannenden Zeitpunkt. In Frankreich, in der Schweiz,                 in \u00d6sterreich, Griechenland, Polen und Rum\u00e4nien ist der Anbau                 des Giftmaises von Monsanto 2008 verboten. Der deutsche Minister                 f\u00fcr Landwirtschaft und Verbraucherschutz Horst Seehofer hingegen                 ignoriert seinen gentechnikfreien Wahlkreis und die Mehrheit der                 B\u00fcrgerInnen: Nachdem er im letzten Jahr nach der Aussaat den Mais                 nur f\u00fcr wenige Monate verboten und dann wieder zugelassen hatte,                 t\u00f6nt er jetzt, dass es beschleunigte Genehmigungsverfahren in                 Europa br\u00e4uchte. Er redet damit den Konzernvertretern das Wort,                 die angesichts der &#8211; selbst mit verursachten &#8211; Lebensmittelkrise                 wieder die Chance sehen, ihre teure und gef\u00e4hrliche Saat als Wundermittel                 gegen den Hunger anzupreisen.<\/p>\n<p>Die letzten Wochen stimmen jedoch zuversichtlich. Seehofer, Monsanto,                 BASF, Bayer Crop Science und Co. k\u00f6nnen gestoppt werden, wenn                 sich ihnen viele Menschen entschlossen entgegen stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 31. M\u00e4rz 2008 besetzten Gentechnikgegnerinnen und -gegner in den fr\u00fchen Morgenstunden das Versuchsfeld der Justus-Liebig-Universit\u00e4t mitten in Gie\u00dfen. W\u00e4hrend sie auf dem geplanten Gengerstefeld noch an ihrem Holz-Turm bauten, bereiteten in der N\u00e4he von Stuttgart AktivistInnen die n\u00e4chste Aktion vor: Das Genmais-Versuchsfeld der Fachhochschule N\u00fcrtingen wurde ab dem ersten April bezeltet. 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