{"id":8816,"date":"2008-06-01T00:00:32","date_gmt":"2008-05-31T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8816"},"modified":"2022-07-26T14:24:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:15","slug":"chinas-system-der-zynischen-herrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/chinas-system-der-zynischen-herrschaft\/","title":{"rendered":"Chinas System der zynischen Herrschaft"},"content":{"rendered":"<p>Zu Anfang der prokapitalistischen Wende priesen viele frustrierte                 Ex-MaoistInnen oder ihre langj\u00e4hrigen SympathisantInnen den neuen                 Kurs fast euphorisch als Orientierung &#8222;an den Bed\u00fcrfnissen der                 Bev\u00f6lkerung&#8220; und politische Abkehr vom Stalinismus Maos. ((1))<\/p>\n<p>Dann brachte Tienanmen 1989, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen                 Friedens in Peking ((2)), den                 Wunsch nach Bruch mit den diktatorischen Strukturen der politischen                 Herrschaft deutlich zum Ausdruck. Vom Kaiserreich \u00fcber die von                 Warlords dominierte Republik (1911-1949) bis zum Maoismus wurden                 die diktatorischen Strukturen der Herrschaft nie wirklich unterbrochen.<\/p>\n<h3>Wie ist Chinas politisches System heute zu analysieren? <\/h3>\n<p>Wer sich von der Mao-\u00c4ra nicht immer noch oder wieder neu blenden                 l\u00e4sst und die Geschichtsf\u00e4lschungen und Verbrechen Maos in ihrer                 gesamten Dimension mit einbezieht ((3)),                 muss hier Kontinuit\u00e4t und Wandel in den Formen der Autorit\u00e4t gleichzeitig                 benennen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte vorschlagen, Chinas Staat als System der zynischen                 Herrschaft, bestimmt durch Geschichtsf\u00e4lschung, Korruption und                 pers\u00f6nliche Bereicherung, zu beschreiben &#8211; ein Zynismus der Herrschaft,                 der sich erst j\u00fcngst wieder in den sich \u00fcberschlagenden Denunziationen                 der aufst\u00e4ndischen TibeterInnen von chinesischer Regierungsseite                 offenbarte.<\/p>\n<p>Ich st\u00fctze mich dabei ma\u00dfgeblich auf die j\u00fcngsten umfassenden                 Analysen der chinesischen Journalistin und Dissidentin Qinglian                 He, &#8222;China in der Modernisierungsfalle&#8220;, deren Publikationen heute                 in China verboten sind und die seit 2001 im US-amerikanischen                 Exil lebt. ((4))<\/p>\n<p>Sie schreibt: &#8222;China ist ein Staat mit einer kommunistischen                 Einparteien-Diktatur, in dem Partei und Regierung eine einheitliche                 Interessengemeinschaft bilden. Zur Aufrechterhaltung der inneren                 Ordnung hat die KP immer nur zu ein und demselben Mittel gegriffen,                 n\u00e4mlich &#8218;alle instabilen Faktoren im Keim ersticken&#8216;. Unerm\u00fcdlich                 ist die KP bestrebt, faktisch keine organisierte Kraft als Konkurrenz                 f\u00fcr die KP-Herrschaft \u00fcber China hochkommen zu lassen, die sie                 wom\u00f6glich abzul\u00f6sen verm\u00f6chte, denn der Untergang der KP w\u00fcrde                 ihrer Meinung nach zwangsl\u00e4ufig zum Zusammenbruch Chinas f\u00fchren.&#8220;                 (S. 32f.)<\/p>\n<h3>Geschichtsf\u00e4lschung: Systematische L\u00fcge als Instrument f\u00fcr Machterhalt<\/h3>\n<p>Da sich personale Herrschafts- und F\u00fchrungskonflikte ausschlie\u00dflich                 innerhalb der kommunistischen Partei abspielen, waren Instrumentalisierungen,                 Seilschaften, perfide politische Tricks und Taktiken sowie pers\u00f6nliche                 Denunziationen von Anfang an zentrale Mechanismen der innerparteilichen                 Machteroberung und dann des Machterhalts. Im sowjetischen Stalinismus                 f\u00fchrte dies schnell zur Ausbildung des Personenkults einerseits,                 von systematischer Geschichtsf\u00e4lschung andererseits. Die \u00f6ffentliche                 L\u00fcge war Mittel zur Popularisierung Stalins. Genauso bei Mao.                 Realit\u00e4t und Mythos etwa schon beim Langen Marsch 1934\/35 klaffen                 meilenweit auseinander. Viele Begebenheiten sind frei erfunden,                 z.B. die legend\u00e4re \u00dcberquerung der Br\u00fccke \u00fcber den Fluss Dadu,                 mitten in der Schlacht, was als wichtigster milit\u00e4rischer Erfolg                 des Langen Marsches \u00fcberhaupt in die Geschichtsb\u00fccher einging.                 Erz\u00e4hlt hat das Mao dem ergebenen und naiven britischen Journalisten                 Edgar Snow, der 1936\/37 die erste Mao-Biographie schrieb, die                 Mao weltweit bekannt machte. Mao-Kritikerin Jung Chang hat noch                 lebende ZeitzeugInnen, die an der Br\u00fccke leben, interviewt: &#8222;Das                 alles ist frei erfunden. Es gab keine Schlacht an der Dadu-Br\u00fccke.                 Wahrscheinlich entstand die Legende aufgrund des spektakul\u00e4ren                 Schauplatzes: Eine Kettenbr\u00fccke \u00fcber einem rei\u00dfenden Fluss lieferte                 einen hervorragenden Hintergrund f\u00fcr Heldentaten. Als die Roten                 am 29. Mai (1935; d.A.) die Br\u00fccke erreichten, befanden sich dort                 keine Nationalistischen Truppen. Die Kommunisten behaupten, die                 Br\u00fccke sei von einem Nationalistischen Regiment unter einem gewissen                 Li Quan-shan verteidigt worden, aber Telegramme, die an das Regiment                 gingen oder von ihm versandt wurden, zeigen, dass es sich weit                 weg in einem Ort namens Hualinping befand.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Das ist nur ein nachgewiesenes Beispiel unter vielen. Stalin                 hat westlichen BesucherInnen \u00e0 la Edgar Snow die heute bekannten                 potemkinschen D\u00f6rfer aufgetischt, Modelld\u00f6rfer, die nichts mit                 der Realit\u00e4t auf dem sowjetischen Land zu tun hatten. Die Mythen                 des Maoismus sind keine potemkinschen D\u00f6rfer, sie sind potemkinsche                 Gro\u00dfst\u00e4dte!<\/p>\n<p>Aus der Instrumentalisierung der Geschichtsf\u00e4lschung f\u00fcr Zwecke                 des internen Machtkampfs und des Machterhalts hat sich in China                 ein System der F\u00e4lschungen ausgebildet. So ist es geradezu ulkig,                 wenn noch die gewendeten Helmut Forster-Latsch und Jochen Noth                 Mitte der 1980er Jahre in ihrem Pro-Deng-Buch einen riesigen Statistik-Anhang                 pr\u00e4sentieren, der vertrauensvoll aus den &#8222;Statistischen Jahrb\u00fcchern                 der Volksrepublik China zusammengestellt&#8220; ((6))                 wurde.<\/p>\n<p>Quinglian He r\u00e4umt mit dieser Zahlengl\u00e4ubigkeit auf: Die Regierung                 &#8222;ist die Urheberin und Verbreiterin falscher Informationen. Was                 sie an gef\u00e4lschten statistischen Daten und Nachrichten &#8218;zur Aufrechterhaltung                 des Ansehens von Partei und Regierung&#8216; herausgibt, ist einzigartig                 auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>(&#8230;) Die meisten Regierungsmitglieder haben zwei Gesichter.                 Geschickt bahnen sie sich ihren Weg als Beamte und wechseln jederzeit                 m\u00fchelos von einer Rolle in die andere: Gewohnheitsm\u00e4\u00dfig spulen                 sie im Beamtenjargon alle m\u00f6glichen L\u00fcgen ab, an die sie selbst                 nicht glauben.&#8220; (S. 35) Und: &#8222;In den Schulen wird die ideologische                 Erziehung versch\u00e4rft, in den F\u00e4chern Sprache, Geschichte und Politik                 werden Kindern und Jugendlichen alle m\u00f6glichen L\u00fcgen eingetrichtert.&#8220;                 (S. 37) <\/p>\n<p>Ein Kapitel widmet die Autorin der Tatsache, dass die Finanzberichte                 vieler chinesischer Unternehmen von den Buchhaltungsb\u00fcros manipuliert                 und gef\u00e4lscht werden. Die Menschen in China wissen, was sie davon                 halten sollen: &#8222;(&#8230;) in ganz China gibt es niemanden, der den                 statistischen Zahlen vertraut.&#8220; (S. 290)<\/p>\n<p>Die Folgen zeigen sich in allen gesellschaftlichen Bereichen,                 von der Wirtschaft (nur 60 % aller Vertr\u00e4ge werden eingehalten)                 bis hin zur Bev\u00f6lkerungspolitik. So ist der Ein-Kind-Haushalt                 in China reine Statistik und damit reine Illusion. Auf dem Lande                 gibt es kaum Ein-Kind-Familien. Fast alle Familien in den chinesischen                 D\u00f6rfern haben drei, vier Kinder oder mehr, die \u00f6rtlichen Parteikader                 eingeschlossen. Die Vergabe von Geburtserlaubnisscheinen an Familienklans                 oder gegen Bezahlung ist Teil der Korruption. Die Kinder \u00fcber                 Eins werden einfach nicht registriert. So gibt es heute viel mehr                 ChinesInnen als statistisch erfasst sind. Sie haben keine Papiere,                 sie existieren nicht in der Statistik, aber in Wirklichkeit &#8211;                 die Situation w\u00e4re ein guter Romanstoff f\u00fcr B. Traven gewesen.<\/p>\n<h3>Korruption: Mittel zur allgemeinen Bereicherung<\/h3>\n<p>Verbunden mit einer Kultur der F\u00e4lschung ist die Tendenz zur                 Korruption. &#8222;1995 listete die Uni G\u00f6ttingen in einem Evaluationsbericht                 41 L\u00e4nder nach dem Grad der Korruption auf. China nahm den 40.                 Platz ein, das Schlusslicht bildete Indonesien; das hei\u00dft, China                 nimmt hinsichtlich der Verbreitung von Korruption den zweiten                 Platz ein.&#8220; (S. 159) <\/p>\n<p>In China haben sich alte und moderne Formen der Korruption gegenseitig                 verst\u00e4rkt. Gebrochen wurde nie mit ihnen. Bereits f\u00fcr alle Kaiser-Dynastien                 galt, dass es Korruption gab, &#8222;jeweils gegen Ende einer jeden                 Dynastie nahm sie noch erheblich zu. (&#8230;) Die &#8218;Korruptionskultur&#8216;                 unter der sp\u00e4teren Guomindang-Herrschaft ist wohl jedem bekannt.                 (&#8230;) Die gegenw\u00e4rtigen Korruptionsph\u00e4nomene sind nichts anderes                 als eine Fortsetzung der alten chinesischen Korruptionskultur.&#8220;                 (S. 159f.) &#8222;Seit ihrem Machtantritt predigt die KP Chinas die                 &#8218;Theorie der Nachfolger&#8216;, die ihrer Kernaussage nach den Kindern                 und Angeh\u00f6rigen der politischen F\u00fchrungsschicht von Geburt an                 das Privileg einr\u00e4umen, das Machtmonopol der V\u00e4tergeneration erben                 zu k\u00f6nnen. (&#8230;) In der politischen Oberschicht Chinas hat es                 noch nie jemanden gegeben, der diese Art der Vererbung von Macht                 wirklich bek\u00e4mpft h\u00e4tte; schon immer hat man dabei geholfen, den                 Kindern und Verwandten von Kollegen die T\u00fcren zum Erfolg weit                 zu \u00f6ffnen. Da die Macht der Oberschicht wie gehabt vererbt werden                 kann, wollen die Kader mittlerer und unterer Ebenen nat\u00fcrlich                 nicht zur\u00fcckstehen und ahmen dies in gro\u00dfem Stil nach. (&#8230;) Dieser                 Vererbungsmechanismus von Macht (&#8230;) ist in Wirklichkeit die                 unausrottbare systemimmanente Wurzel der Korruption im heutigen                 China. (&#8230;) Jede Regierung, die mittels politischer Unterdr\u00fcckung                 die Gesellschaft zu stabilisieren sucht, muss den Beamten ausreichende                 Vorteile bieten, um sich deren Loyalit\u00e4t zu sichern.&#8220; (S. 468f.)                 Gelegentliche Anti-Korruptions-Kampagnen der Regierung bek\u00e4mpfen                 nicht die Korruption, &#8222;sie dienen lediglich zur Durchf\u00fchrung interner                 S\u00e4uberungen&#8220;. (S. 36)<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind deshalb die politisch M\u00e4chtigen die gesellschaftliche                 Gruppe, die seit den pro-kapitalistischen Reformen Deng Xiaopings                 &#8222;als erste reich wurde; der Verlierer hingegen ist die gro\u00dfe Masse                 der Bev\u00f6lkerung. Die f\u00fcnf Prozent der chinesischen Bev\u00f6lkerung,                 die den &#8218;Machtadel&#8216; darstellen, m\u00e4chtige und einflussreiche Funktion\u00e4re,                 sind durch die Auspl\u00fcnderung von 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung, der                 Unterschicht, zu ihrem gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Reichtum gekommen.&#8220;                 (S. 31)<\/p>\n<p>Die Deng-Reformen begannen nach 1978 mit zwei wirtschaftlichen                 Einschnitten: Die maoistischen Volkskommunen wurden aufgel\u00f6st                 und die gro\u00dfen Staatbetriebe nicht etwa dezentralisiert, sondern                 sofort in Aktienfirmen umgewandelt. Unter dem Vorwand der Teilhabe                 wurde den ArbeiterInnen so ihr Kapital aus der Tasche gezogen.                 Als Rente abgetragen haben das Aktienkapital, oft auf Kosten der                 Betriebe, im Laufe der Zeit dann lokale Parteikader im Verbund                 mit oft aus Klanfamilien stammenden neuen Unternehmern.<\/p>\n<p>Kritische ForscherInnen bezeichnen den Prozess als &#8222;Vermarktung                 der Macht&#8220;. <\/p>\n<p>Auf dem Land wurde der kollektivierte Boden zun\u00e4chst den Kleinbauernfamilien                 zur Nutzung \u00fcbergeben, wodurch Bauern\/B\u00e4uerinnen an Land kamen                 &#8211; ein Hauptgrund daf\u00fcr, dass 1989 Tienanmen eine st\u00e4dtische Bewegung                 blieb und somit scheiterte: &#8222;Die Unzufriedenheit der chinesischen                 Unterschichten setzte bereits nach 1992 ein. Die Ereignisse des                 4. Juni 1989 hatten sich nicht zu landesweiten Unruhen ausgedehnt.                 Der Schl\u00fcssel daf\u00fcr lag in der Tatsache, dass die Arbeiter damals                 noch zu den Reformgewinnern z\u00e4hlten und die Bauern noch die Vorteile                 des famili\u00e4ren Verantwortungssystems genossen.&#8220; (S. 472)<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich seit Anfang der 1990er Jahre durch die so genannte                 &#8222;Einhegungsbewegung&#8220;. In einem gro\u00dfangelegten Industrialisierungsplan                 wurden &#8222;Entwicklungszonen&#8220; eingerichtet. Dabei kam es zu Abrissen                 alter H\u00e4user in St\u00e4dten und zur Beschlagnahme von Land. Grundlage                 war die Tatsache, dass die Kleinbauern zwar ein Nutzungsrecht                 f\u00fcr ihren Boden hatten, aber kein Eigentumsrecht. Das war schon                 1978 beim Staat geblieben, und so konnte bei Bedarf relativ schnell                 Boden f\u00fcr neue Industriebetriebe oder Immobilien enteignet werden.               <\/p>\n<p>&#8222;Seit dem Jahr 2000 f\u00fchrte die &#8218;Einhegungsbewegung&#8216; in den St\u00e4dten                 durch den Abriss zahlreicher H\u00e4user und die Umsiedlung ihrer Bewohner                 zur Enteignung eines Teils der Stadtbev\u00f6lkerung, auf dem Land                 degenerierte sie zur Okkupation von Ackerland der Bauern, die                 nur \u00e4u\u00dferst geringe Entsch\u00e4digungen erhielten. Sehr heftige Proteste                 waren die Folge, denn die Existenz der Betroffenen war bedroht                 oder wurde vernichtet.&#8220; (S. 77)<\/p>\n<p>Seither gibt es in China jedes Jahr Tausende lokale und regionale                 Bauernaufst\u00e4nde, die isoliert stattfinden, brutal unterdr\u00fcckt                 werden und nicht ann\u00e4hernd soviel weltweite Aufmerksamkeit hervorrufen                 wie der tibetische Aufstand.<\/p>\n<p>So &#8222;haben insgesamt mehr als 60 Millionen Bauern ihren Boden                 verloren, von dem ihre Existenz abhing. Ebenso gibt es viele Stadtbewohner,                 die durch den Abriss ihrer H\u00e4user und Wohnungen (\u00e4hnlich wie die                 Beseitigung illegaler Geb\u00e4ude in Simbabwe) gezwungen sind, als                 Obdachlose umherzuziehen. Es kam dadurch zu einer Reihe von Widerstandsaktionen,                 bei denen sich Leute aus Protest selbst verbrannten. Grad und                 Ausma\u00df der Menschenrechtsverletzungen sind in China viel schlimmer                 als in Simbabwe.&#8220; (S. 502)<\/p>\n<p>Im Zuge der staatlichen Einhegung, dieser gro\u00dfangelegten Enteignungspolitik                 von lokalen Kadern im B\u00fcndnis mit Immobilienhaien, sind deshalb                 viele Bauern und B\u00e4uerinnen (die Landbev\u00f6lkerung Chinas macht                 ca. 70 % der Gesamtbev\u00f6lkerung aus) in die St\u00e4dte gezogen und                 stellen seither ein Heer von sogenannten WanderarbeiterInnen dar.                 Doch es gibt einen eklatanten Bildungsunterschied zwischen Stadt                 und Land. Die auf dem Land aufgewachsenen WanderarbeiterInnen                 hatten weder ausreichend Zugang noch die n\u00f6tige Qualit\u00e4t einer                 Bildung f\u00fcr die sich modernisierende chinesische Stadt. Ungelernte                 oder angelernte Arbeit wurde dort rar.<\/p>\n<p>High-Tech-Studieng\u00e4nge und sich st\u00e4ndig erh\u00f6hende Ausbildungsgeb\u00fchren                 im Rahmen einer propagierten &#8222;Industrialisierung der Bildung&#8220;                 lie\u00dfen die WanderarbeiterInnen zu ModernisierungsverliererInnen                 werden. Sie wurden so genannte &#8222;Drei-ohne&#8220;-Bauern: &#8222;ohne Land,                 das sie bestellen k\u00f6nnen, ohne Besch\u00e4ftigung, die sie aus\u00fcben                 k\u00f6nnen, und ohne Ort, an den sie gehen k\u00f6nnen. (&#8230;) Diese &#8218;Drei-ohne&#8216;-Bauern,                 die ihr Land verloren haben, bilden das Epizentrum f\u00fcr gro\u00dfe Ersch\u00fctterungen                 in China.&#8220; (S. 378) Jedes Jahr kommen rund 90 Millionen WanderarbeiterInnen                 neu hinzu. (S. 487)<\/p>\n<p>Verarmt, ohne Bildung, ohne Arbeit und ohne \u00dcberlebensperspektive                 wandten sich viele WanderarbeiterInnen in mittleren und gr\u00f6\u00dferen                 St\u00e4dten Chinas dann schnell der organisierten Kriminalit\u00e4t zu,                 was zu Mafia-Strukturen, einer Familienklan-Mentalit\u00e4t und einem                 enormen Anstieg der Kriminalit\u00e4t in den St\u00e4dten beitrug. <\/p>\n<p>Die sich dabei herausbildenden Mafia-Chefs bestechen wiederum                 lokale Beamte und arbeiten zu beider Wohl zusammen. Gelegentlich                 setzt sich auch ein Mafia-Boss die &#8222;rote M\u00fctze&#8220; auf und l\u00e4sst                 sich als Gemeindevorsteher oder lokaler Parteikader w\u00e4hlen. Andersherum                 tendieren die durch Korruption verursachten mafi\u00f6sen Tendenzen                 in der Regierung in dieselbe Richtung: &#8222;Bei den Abriss- und Umsiedlungsf\u00e4llen                 und den Protestaktionen der Bauern, die in den letzten Jahren                 \u00fcberall geh\u00e4uft auftreten, erhielten die das Volksverm\u00f6gen pl\u00fcndernden                 wirtschaftlichen Eliten mal offene, mal versteckte R\u00fcckendeckung                 von Seiten der lokalen Regierungen.<\/p>\n<p>Bei genauerer Analyse erkennt man, dass das Handeln der lokalen                 Regierungen sich immer mehr dem Agieren der Mafia-Organisationen                 ann\u00e4hert. <\/p>\n<p>Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Gewalt der Mafia-Organisationen                 illegal und die der lokalen Regierungen legal ist. Diese &#8218;legale                 Mafia&#8216; l\u00e4sst im Vergleich zur illegalen Mafia ihre Gewalt \u00fcberall                 w\u00fcten und den Menschen bleibt kein Ausweg.&#8220; (S. 491)<\/p>\n<p>Es ist kurios, dass sich bei den Entrechteten und Marginalisierten                 in dieser Lage, in der sie mit korrupten und zynischen lokalen                 Kadern und deren willk\u00fcrlicher Gewalt konfrontiert sind, eine                 Art Muschik-Mentalit\u00e4t, die wir aus dem russischen Zarismus kennen,                 einstellt: Viele Menschen &#8222;f\u00fchren die Gr\u00fcnde f\u00fcr die zahlreichen                 gravierenden Probleme in China einfach darauf zur\u00fcck, dass die                 &#8218;Schriften&#8216; der Zentrale gut seien, sie w\u00fcrden nur durch &#8218;perfide                 M\u00f6nche&#8216; der unteren Ebene verzerrt. So etwa der Fall der vielen                 Bauern des Kreises Shangcai in der Provinz Henan, die sich durch                 Blutspenden mit Aids infiziert hatten. Obwohl sie die lokalen                 Regierungsbeamten als &#8218;Geister und Monster des B\u00f6sen&#8216; betrachteten,                 die mit allen erdenklichen Mitteln unterdr\u00fcckt werden m\u00fcssten,                 hegten sie aber weiterhin die Hoffnung, dass ihr einziger gerechter                 Richter &#8211; die gerechten und aufrichtigen Funktion\u00e4re der Zentralregierung                 &#8211; ihnen beistehen w\u00fcrde. Die Aids-Patienten sagten: &#8218;Im Grunde                 ist die Politik der Zentrale gut, nur die Ausf\u00fchrung unten an                 der Basis ist schlecht&#8216;.&#8220; (S. 492) <\/p>\n<p>F\u00fcr Quinglian He ist &#8222;diese Illusion vom &#8218;modernen heiligen Herrscher                 und tugendhaften Beamten&#8216; die moderne Version der in der traditionellen                 b\u00e4uerlichen Kultur verbreiteten und tief im Volk verankerten Ansicht                 &#8218;bestechliche Beamte bek\u00e4mpfen, aber nicht den Kaiser&#8216;. Das Ergebnis                 der langen ideologischen Erziehung durch die KP China war nicht                 die Umgestaltung dieser Kultur, sondern in der \u00c4ra Mao Zedong                 wurde diese Vorstellung durch die &#8218;Schaffung von G\u00f6ttern&#8216; sogar                 noch auf die Spitze getrieben, nur dass sich die &#8218;heiligen Herrscher&#8216;                 von den Kaisern der feudalen Zeit in f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten                 wie Mao Zedong und Deng Xiaoping verwandelt hatten.&#8220; (S. 493)<\/p>\n<h3>Transformation zur zynischen Herrschaft<\/h3>\n<p>Seit Deng Xiaoping gibt es keine \u00fcber die pers\u00f6nliche Bereicherung                 hinausgehenden ideologischen Ziele mehr: &#8222;Deng Xiaoping wollte                 die von Mao etablierte autokratische Macht niemals aufgeben. Er                 hatte von Natur aus kein Interesse an Theorie (&#8230;). Gest\u00fctzt                 auf seine eigene politische Autorit\u00e4t beschr\u00e4nkte er sich auf                 zwei \u00e4u\u00dferst kurzsichtige Methoden: Erstens griff er die Lehre                 &#8218;Die Praxis ist das einzige Kriterium der Wahrheit&#8216; auf und legte                 ein philosophisches M\u00e4ntelchen darum. Zweitens erlie\u00df er das Denkverbot,                 man d\u00fcrfe &#8218;keine Dispute&#8216; veranstalten.&#8220; Einziger Ma\u00dfstab waren                 nunmehr Effizienz und Reichtum: &#8222;Lasst einige zuerst reich werden;                 das f\u00f6rdert den gemeinsamen Wohlstand des gesamten Volkes.&#8220; (S.                 467) &#8222;Seine &#8218;Null-Disput-Direktive&#8216; f\u00fchrte zu einer Diskrepanz                 zwischen &#8218;dem, was man sagt, und dem, was man tut&#8216;, wodurch die                 gesellschaftliche Atmosph\u00e4re vergiftet wurde.&#8220; (S. 464) <\/p>\n<p>F\u00e4lschung und Korruption wurden nun systematische Mittel der                 Bereicherung von Beamten, die wegsahen, keine Qualit\u00e4tskontrollen                 im Warenmarkt mehr machten oder gleich bei F\u00e4lschungen mitmachten.               <\/p>\n<p>So kam der wegen hoher unmittelbarer Profite lukrative Markt                 gef\u00e4lschter und nachgemachter Waren Chinas zustande: Lebensmittelf\u00e4lschungen,                 F\u00e4lschungen von Arzneimitteln, illegale Aus\u00fcbung medizinischer                 Behandlungen, illegales Sammeln und Vertreiben von Blut und Blutplasma                 (in Henan gibt es ganze &#8222;Aids-D\u00f6rfer&#8220;). <\/p>\n<p>So ist es kein Zufall, dass SARS, die Vogelgrippe, in China entstanden                 ist. Die \u00f6kologischen Folgen sind verheerend: &#8222;38 Prozent der                 Oberfl\u00e4che Chinas sind bereits von Desertifikation betroffen,                 was die sowieso schon knappe Anbaufl\u00e4che pro Kopf noch verringert.                 Der bedenkenlose, r\u00e4uberische Abbau von Mineralien hat ein widerspr\u00fcchliches                 Ph\u00e4nomen zur Folge: Die Nutzungsrate ist auf ein Minimum gefallen,                 der Ressourcenverbrauch hingegen ist extrem hoch (&#8230;), die gef\u00f6rderten                 Rohstoffe werden jedoch nur zu einem Drittel zu Fertigprodukten                 verarbeitet.&#8220; (S. 34)<\/p>\n<p>So entstand ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit,                 des politischen und \u00f6konomischen Zynismus: &#8222;Die Beziehungen zwischen                 den oberen und unteren Beamtenr\u00e4ngen waren ausschlie\u00dflich von                 den jeweiligen Interessen bestimmt, profitgieriges politisches                 Spekulationsverhalten wurde zum einzigen Ma\u00dfstab f\u00fcr die Beamten.                 (&#8230;) Solange die eigenen Interessen gewahrt bleiben, k\u00fcmmert                 es keinen, wenn andere vor den eigenen Augen unterdr\u00fcckt werden                 und ihre Rechte verlieren, manche weiden sich sogar am Ungl\u00fcck                 der anderen.&#8220; (S. 471f.)<\/p>\n<p>International besteht gegenw\u00e4rtig ein stillschweigendes \u00dcbereinkommen                 aller westlich-kapitalistischen Regierungen zur Zusammenarbeit                 mit Chinas zynischen Herrschenden und ein stark abnehmendes Interesse                 an Kritik, weil riesige Investitionssummen westlicher Konzerne                 nach China geflossen sind. Auch das ist zynische Herrschaft. Auf                 der UN-Menschenrechtskonferenz in Genf 2003 haben die USA keinen                 Antrag zur Kritik der Menschenrechte in China eingebracht. Dies                 gilt als Einschnitt und als Symbol des au\u00dfenpolitischen Umschwungs                 der USA.<\/p>\n<p>&#8222;Obwohl es in den westlichen Gesellschaften nach wie vor viele                 Organisationen und Pers\u00f6nlichkeiten mit gro\u00dfem Interesse am Zustand                 der Menschenrechte und an der politischen Freiheit in China gibt,                 sind sie gegen\u00fcber der Wirtschaftswelt und der Regierungspolitik                 in ihren L\u00e4ndern machtlos.&#8220; (S. 504) <\/p>\n<p>So werden wohl auch zu Tibet noch ein paar Krokodilstr\u00e4nen geweint                 werden &#8211; und dann wird zur Tagesordnung \u00fcbergegangen. Brot und                 Spiele? <\/p>\n<p>Diesmal nur Spiele &#8211; die olympischen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Anfang der prokapitalistischen Wende priesen viele frustrierte Ex-MaoistInnen oder ihre langj\u00e4hrigen SympathisantInnen den neuen Kurs fast euphorisch als Orientierung &#8222;an den Bed\u00fcrfnissen der Bev\u00f6lkerung&#8220; und politische Abkehr vom Stalinismus Maos. 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