{"id":8822,"date":"2008-06-01T00:00:34","date_gmt":"2008-05-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8822"},"modified":"2022-07-26T14:24:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:14","slug":"reclaim-your-city","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/reclaim-your-city\/","title":{"rendered":"Reclaim your City!"},"content":{"rendered":"<p>Wie fast \u00fcberall, hatte es dieses Wochenende auch in \u00d6sterreich in sich. Die beiden Aktionstage im Zeichen von Freir\u00e4umen und Besetzungen waren vollbepackt mit kreativen Aktionen, Demonstrationen, Hausbesetzungen und vielem mehr. Es gab Aktionen in Wien, Linz, Graz, Innsbruck und Salzburg.<\/p>\n<h3>Tag 1: Besetzungen, Demos, Wagenplatz<\/h3>\n<p>Begonnen hatten die sog. Squatting Days in Wien mit einer Demo, die ganz im Zeichen der prek\u00e4ren Situation der Wiener Wagenburg stand, die sich in der Vergangenheit immer wieder mit heftiger Repression konfrontiert sah. ((2)) Die laute Demonstration durch die Innenstadt endete, nach einem Zwischenstopp vor der argentinischen Botschaft f\u00fcr eine Solidarit\u00e4tskundgebung mit den BesetzerInnen der argentinischen Fabrik Mafissa, mit der tempor\u00e4ren Besetzung eines leerstehendes Grundst\u00fcckes an der Arsenalstra\u00dfe. Mit der Polizei wurde eine \u00dcbereinkunft getroffen, dass man am darauffolgenden Tag um 13 Uhr wieder abziehen werde, da der Anwalt des Eigent\u00fcmers des Grundst\u00fccks &#8211; die <em>Telekom Austria<\/em> &#8211; angek\u00fcndigt hatte, das Areal r\u00e4umen lassen zu wollen. Trotz der Zusage der Polizei, keine Kontrollen durchzuf\u00fchren, wurde dies vermehrt gemacht.<\/p>\n<p>Unterdessen wurde nach einer Demonstration die seit Jahren leerstehende Talstation der Hungerburgbahn in Innsbruck von AktivistInnen besetzt, am darauffolgenden Tag jedoch wieder verlassen. Um ca. 23 Uhr wurde in Graz, trotz gro\u00dfer Anstrengungen der Polizei, die beinahe jedes Haus in der Stadt, das schon einmal besetzt wurde, bewachte, die Annenstra\u00dfe 3 besetzt und das <em>Projekt A-Z<\/em> ins Leben gerufen. Am 18. April wurde das Haus von der Polizei ger\u00e4umt. AktivistInnen versperrten den Eingang mit einer Sitzblockade, welche aber bald aufgel\u00f6st wurde, und die \u00fcber das Dach ins Haus eingedrungene Polizei schaffte die sich im Haus befindlichen AktivistInnen ins Freie.<\/p>\n<p>Ebenfalls am 11. April besetzten AktivistInnen in Linz das Haus in der Kaisergasse 17 und gaben dem Projekt den Namen <em>Luise<\/em>, &#8222;in Anlehnung an Louise Michel, einer franz\u00f6sischen Autorin, Feministin, Anarchistin &amp; Antimilitaristin, die vor allem in Frankreich wirkte und sich an der Pariser Commune beteiligte.&#8220; ((3))<\/p>\n<h3>Tag 2: &#8222;Bimparty&#8220; und Besetzung der Spitalgasse 11 in Wien<\/h3>\n<p>Der Samstag begann mit einer Kundgebung in Salzburg vor dem Festspielhaus f\u00fcr mehr Freir\u00e4ume. Die besetzten H\u00e4user in Linz und Graz blieben auch weiterhin besetzt, und die AktivistInnen ver\u00f6ffentlichten bereits Kulturprogramme f\u00fcr die kommenden Tage. In Wien wurde zu einer &#8222;Bimparty&#8220; ((4)) aufgerufen. \u00dcber 100 AktivistInnen fuhren mit Stra\u00dfen- und U-Bahnen quer durch Wien, hatten eine Menge Spa\u00df dabei und hielten die Polizei und die <em>Wiener Linien<\/em> einige Stunden lang zum Narren.<\/p>\n<p>Um 20 Uhr wurde schlie\u00dflich die Spitalgasse 11 in Wien\/Alsergrund besetzt, ein f\u00fcnfst\u00f6ckiges, seit Jahren leerstehendes Haus direkt gegen\u00fcber vom Campus der Universit\u00e4t Wien, wo es vor Jahren durch die <em>Gruppe Freiraum<\/em> ((5)) bereits mehrere Versuche gab, den sich dort befindlichen &#8222;Narrenturm&#8220; zu besetzen. Rund 200 AktivistInnen versammelten sich in dem Haus, machten Workshops und Plena, organisierten eine Vok\u00fc und einen Kinoraum, entspannten sich am Dach und genossen die wunderbare Aussicht \u00fcber Wien, bemalten die langweilig wei\u00dfen W\u00e4nde und feierten bis in die fr\u00fchen Morgenstunden. Auch die Clowns Armee war st\u00e4ndig anwesend und sorgte bei den PolizistInnen immer wieder f\u00fcr geh\u00f6rige Verwirrung.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wurde in zahlreichen Plena diskutiert, wie mit dem Haus weiterverfahren werde sollte, wobei schnell klar wurde, dass es die meisten AktivistInnen durchaus ernst meinten, das Haus behalten zu wollen. Es gab im Laufe des Tages immer wieder Verhandlungen mit der Polizei und mit VertreterInnen der Stadt Wien, es war aber bis 18 Uhr, als die Polizei mit einem Gro\u00dfaufgebot anr\u00fcckte, nicht klar, wann und ob ger\u00e4umt werden w\u00fcrde. Neben eben erw\u00e4hntem Gro\u00dfaufgebot von Riotcops, Hundestaffeln und WEGA-Beamten ((6)) wurden auch vier Ambulanzen, zwei Notarztw\u00e4gen, vier L\u00f6schz\u00fcge der Feuerwehr und sogar ein Polizeihubschrauber &#8211; alles vermutlich deshalb, um die AktivistInnen einzusch\u00fcchtern und um f\u00fcr die anstehende Fu\u00dfball-Europameisterschaft zu \u00fcben &#8211; in die mittlerweile gro\u00dfr\u00e4umig abgesperrte Spitalgasse beordert und ein Kessel um das Haus gezogen.<\/p>\n<p>Zu der Zeit waren rund 150 AktivistInnen im und um das Geb\u00e4ude, von denen sich knapp 50 entschlossen, in dem Haus zu verbleiben, um es zu verbarrikadieren. 20 weitere fassten den Entschluss, sich zu einer Blockade vor der Eingangst\u00fcr zu formieren. Die Polizei f\u00fchrte zuerst alle im Kessel verbliebenen AktivistInnen ab, um danach die Blockade vor dem Haupteingang unter Einsatz \u00e4u\u00dferster Gewalt aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>AktivistInnen wurden am Boden dahingezerrt, bedroht und w\u00fcst beschimpft, es gab blutige Nasen, Bluterg\u00fcsse und kaputte Kleidung. W\u00e4hrend der R\u00e4umung der Blockade vor dem Haus wurden die PolizistInnen von BesetzerInnen aus den Fenstern mit Tomaten beworfen und mit Wasser \u00fcbergossen. Nachdem die AktivistInnen weggeschafft wurden, verschaffte sich die Polizei Zugang in das Haus selbst und ging drinnen wiederum brutal gegen die AktivistInnen vor.<\/p>\n<p>Es dauerte bis Mitternacht, bis alle AktivistInnen aus dem Haus geschafft, alle Transparente weggerissen und die T\u00fcr wieder verschlossen wurde.<\/p>\n<p>Insgesamt wurden von 126 AktivistInnen die Personalien aufgenommen. Eine Person wurde festgenommen, kam aber, auch dank einer spontanen Soli-Demo vor der Polizeiwache, wieder frei. ((7))<\/p>\n<h3>Desinformation in Medien und Kommunikationsguerilla<\/h3>\n<p>In vielen b\u00fcrgerlichen Medien wurde das Schreckgespenst der gewaltbereiten &#8222;Autonomen&#8220;, &#8222;Punks&#8220; und &#8222;Linksextremisten&#8220; wieder aufgew\u00e4rmt, wobei die BesetzerInnen in Wien weder von Autonomen noch von Punks dominiert wurden. Ferner wurde gegen die Polizei in keiner Phase Gewalt angewendet. In ersten Berichten hie\u00df es, es seien Blumen, Wasserbecher und Tomaten auf die PolizistInnen geworfen worden, einen Tag sp\u00e4ter wurde in manchen Zeitungen aus den Blumen ganze Blument\u00f6pfe, aus den Wasserbechern Bierflaschen und die angeblich geworfenen Fliesen wurden \u00fcberhaupt frei erfunden.<\/p>\n<p>Die gewaltfreien Blockaden wurden zu einer &#8222;Stra\u00dfenschlacht am Alsergrund&#8220; hochstilisiert und daneben Fotos von PolizistInnen einer Anti-Terror-Einheit, bewaffnet mit Maschinengewehren, abgebildet, die sich zu keiner Phase in der Gegend befanden.<\/p>\n<p>Aufgrund der letztklassigen, aber nichtsdestotrotz gerade deshalb manchmal witzigen Berichterstattung \u00fcber die Besetzung in Wien von boulevardesken (gratis) Zeitungen wurde von AktivistInnen mittels einer kreativen Kommunikationsguerillaaktion zum journalistischen Gegenschlag ausgeholt.<\/p>\n<p>Es wurden rund 20.000 St\u00fcck einer &#8222;Extrabeilage&#8220; f\u00fcr die gratis U-Bahn-Zeitung <em>Heute<\/em> gedruckt, um diese in den fr\u00fchen Morgenstunden \u00fcberall in Wien diesen Zeitungen beizulegen. Die falschen Beilagen sahen dem Original zum Verwechseln \u00e4hnlich, nur bei genauem Hinsehen merkte man, dass diese Beilage nicht <em>Heute,<\/em> sondern <em>Heule<\/em> hie\u00df. Hier wurde neben dem Communique der HausbesetzerInnen und einigen Richtigstellungen auch allerlei Satirisches abgedruckt, das die Art der Berichterstattung dieser Zeitung auf den Arm nahm. In Anlehnung an die &#8222;deutschen Berufsdemonstranten&#8220;, die bei jeder gr\u00f6\u00dferen Demonstration in \u00d6sterreich von diesen Zeitungen immer wieder herbeiphantasiert werden (und was mittlerweile in der Szene schon zu einem echten Running Gag geworden ist), entstand z.B. die Schlagzeile &#8222;Schockierend: Deutsche Berufspolizisten w\u00fcten in Wien!&#8220; ((8))<\/p>\n<h3>Ausz\u00fcge aus dem Communique der HausbesetzerInnen<\/h3>\n<p>Andere, qualitativ hochwertigere Medien zitierten jedoch teilweise sogar das Communique vom Plenum der Hausbesetzung in der Spitalgasse: &#8222;Die Raumsituation in Wien spricht unertr\u00e4gliche B\u00e4nde. \u00dcberteuerte Mieten machen das Leben f\u00fcr die meisten Menschen zu einem t\u00e4glichen Kampf, gleichzeitig stehen unz\u00e4hlige H\u00e4user in Wien leer. Es ist das bekannte Spiel im Kapitalismus um die Steigerung des Marktwerts.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass der Raum zur Ware wird, sondern die selben Ma\u00dfst\u00e4be der Verwertung gelten f\u00fcr den Mensch als solches. Wenn man dabei nicht mitspielen will, steht mensch als Unangepasste am Rande des \u00f6ffentlichen Lebens.<\/p>\n<p>Viele, die nicht als zugeh\u00f6rig zum nationalen &#8218;Wir&#8216; betrachtet werden, werden von vornherein von der Raumnahme ausgeschlossen oder gar abgeschoben. [&#8230;] Hiermit ist der Versuch gestartet, das Neue im Jetzt und Hier zu verwirklichen, welches wir betitelt haben mit Autonomie, Solidarit\u00e4t, Freiheit, Anarchie und anderen sch\u00f6nen Begriffen. Dies sind jedoch nichts als W\u00f6rter.<\/p>\n<p>Wir wollen das Neue erleben, erfahren; zeigen, dass es noch ein anderes Dasein geben kann! Diese Bewegung hat zur Besetzung gef\u00fchrt und fordert nicht nur alle dazu auf, den atopischen [!] Raum zu verteidigen, sondern gemeinsam diesen neuen Raum zu gestalten und zu erweitern. Es ist an der Zeit.&#8220; ((9))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie fast \u00fcberall, hatte es dieses Wochenende auch in \u00d6sterreich in sich. Die beiden Aktionstage im Zeichen von Freir\u00e4umen und Besetzungen waren vollbepackt mit kreativen Aktionen, Demonstrationen, Hausbesetzungen und vielem mehr. Es gab Aktionen in Wien, Linz, Graz, Innsbruck und Salzburg. Tag 1: Besetzungen, Demos, Wagenplatz Begonnen hatten die sog. 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